Über die astrale Welt und das Devachan
GA 88
20 August 1903, Berlin
14. Die höhere Entwicklung des Menschen
[ 1 ] In den Weisheitsschulen von Plato und Pythagoras war es den Schülern nur nach dem Studium der Mathematik gestattet, zu den höheren Erkenntnisquellen vorzudringen. Nur reiner Selbstlosigkeit erschloß sich die ewige Weisheit, und die Mathematik war die einzige Wissenschaft, die dazu erziehen konnte, weil sie keinem Zweck, keiner selbstischen Befriedigung dient und nur die reinen Verhältnisse, die reine Gesetzmäßigkeit der Grundformen lehrt.
[ 2 ] Des Menschen Entwicklung ist ein Niederwärtssteigen aus der All-Einheit zur Sonderheit und ein stufenweises Aufsteigen in bewußter Freiheit zur Erkenntnis seines Zusammenhanges mit dem Al und Rückkehr ins Allgemeine. Darum ist dem Menschen, vom Mentalen gesehen, der tote Stein ein Vorbild des Höheren. In ihm ist noch der große Zusammenhang bewahrt, in ihm wirkt allein das Kausalgesetz; was ihn in Bewegung setzt, gibt er der Außenwelt ab. Er reicht vom Mentalen ins Physische hinein, denn der reine Gedanke ruht in ihm eingeschlossen. Sein Leben ist nur Form. So ist die Sonne, die als physisches Abbild des Logos im Mentalen zu Hause ist, und das ganze Mineralreich wie ein großes Laboratorium physischer und chemischer Kräfte zu betrachten.
[ 3 ] Mit der Pflanze, die eine Stufe niedriger, im Astralen, ihren Ursprung hat, beginnt das Leben und damit die Absonderung. Sie zieht Nahrung von außen in sich hinein, um sich zu vergrößern, sie will wachsen und sich ausbreiten. Es ist der Anfang des Egoismus. Die Pflanze kann aber eine Stufe höher sich entwikkeln; sie entwickelt sich aus dem Astralen durch das physische Reich hinauf zur Äthersphäre. Das Tier, das in der Äthersphäre entsteht, empfindet bereits, es will nicht nur Nahrung zu seinem Wachstum, es will aus der Außenwelt das an sich reißen und sich zueignen, was ihm Genuß schafft. Es empfindet das Leben als Lust und Leiden; es steigt auf und entwickelt sich bis zum Astralen.
[ 4 ] Und der Mensch als solcher, der im Physischen seinen Ursprung hat und als Naturwesen bis zur Vorstellung der Außenwelt gelangt und sich als Einzelwesen wahrnimmt, steht in seinem Egoismus am tiefsten, doch kann er im Gedanken zur mentalen Sphäre sich emporheben, obgleich er nur im Physischen wahrnehmen kann, denn er lebt mit seinem Gehirn und seinem sichtbaren Körper im Mineralreich. Aber alle Elemente des Alls trägt er in sich, er ist durch alle Reiche hindurchgegangen, und die Kräfte aller ruhen als Prinzipien in ihm; er kann sie bewußt aus sich entwickeln. Was wir sehen, ist der physische Körper, er gehört dem Mineralreich an, aber durch Prana, das Lebensprinzip, lebt er auch in der Äthersphäre der Pflanzenwelt, er hat seinen Ätherkörper; und weiter lebt er auch durch die Empfindung in der Astralwelt, in seinem Astralkörper, und durch vernünftige Vorstellung in der mentalen Welt, durch das Kama-Manas-Prinzip. Der Mensch besitzt in der niederen Welt vier Körper mit den Prinzipien. Aber er hängt auch mit der höheren Welt zusammen, da er dort seinen Ursprung hat. Er kann seinen Mentalkörper ausbilden und von der Vorstellung des Einzelnen und Vielen zur Idee des Typus vordringen, er kann den Kausalkörper entwickeln und zur höheren Welt der Dreiheit Manas-Budhi-Atma emporsteigen. In der Budhi-Sphäre wird er seine Gedanken aus astralem Stoff formen, den Mayavi-rupa-Körper schaffen können, wird leben und wirken aus seiner Kausalseele, selbst Schöpfer sein und wieder eins werden mit der Gesamtheit.
[ 5 ] Diese obere Dreiheit, zu der der Mensch sich emporentwickeln muß, ist aber in Wahrheit tief in ihm verborgen vorhanden, sie liegt seinem Wesen zugrunde, er muß sie nacheinander befreien — «Wie oben, so unten». Die Vielheit, die wir sehen, ist nichts anderes als das Prinzip der Einheit, der Logos, der sich in die Vielheit aufgelöst, zerteilt hat. Nur in der Vielheit kann Disharmonie entstehen, weil die vielen Abgesondertheiten, die alle Teile des Geistes sind, miteinander in Widerstreit geraten können. Schließt diese Vielheit sich wieder zur Gesamtheit zusammen, wird unser Kosmos wieder ein Ganzes, so wird er wieder der Logos, die Harmonie. «Wie oben, so unten!» — Atma, das höchste Prinzip in unserem Kosmos, in unserem Mineralreich, wozu wir die Sterne mit ihren Bahnen und alles Gestirn und alle Kräfte in der Natur rechnen, ist zugleich am tiefsten in die Materie hinabgedrungen, unsere physischen Organe sind wesentlich von Atma belebt und zusammengehalten. Atma als höchstes Prinzip hat sein Gegenbild im physischen Reich.
[ 6 ] Das Budhi-Prinzip ist nur bis in die Äther- und Astralsphäre gedrungen und bildet da die Wesenheit der Pflanzen- und Tierwelt, ihren Äther- und Astralkörper. Als der Mensch, ursprünglich noch in Zusammenhang mit den göttlichen Genien, mit ihnen ein Ganzes bildend, in der Astralsphäre sich zu einem Einzelwesen absonderte und durch die Vorstellung zu einem Ich-Bewußtsein gelangte, da stieg Manas, das dritte Prinzip, in die Astralsphäre hinab: Mit Kama verbunden, eingeschlossen in das Gehirn des Menschen, bildete er seinen Kama-Manas-Körper. Der Mensch hat auf dem niedersteigenden Bogen seiner Entwicklung alle Reiche durchschritten. Wir tragen Atma als mineralischen Kosmos in uns, er ist unser physischer Körper; Budhi als lebendig empfindenden Kosmos in unserem Prana und Kamakörper; und Manas, in seiner Verbindung mit Kama, bildet unseren Kama-Manas-Körper. Er ist das vierte Prinzip in der niederen Welt und bildet zugleich den Übergang zur höheren mentalen Welt. Er ist die Verbindungsbrücke zu derselben. Von allen niederen Hüllen befreit, vereinigt sich Manas wieder mit Budhi in selbstloser Ausstrahlung ins Allgemeine.
[ 7 ] Am tiefsten von allen Wesenheiten steckt der Mensch im Egoismus und im Sonderdasein. Er hat alles in sich hineingezogen und trägt die ganze Dreiheit Atma-Budhi-Manas in sich. Im Mineralreich ist Atma ausgebreitet, es ruht in seiner ganzen Einheit im Gestein, das noch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Kosmos steht. In der Pflanzen- und Tierwelt ist schon der Dualismus vorhanden; Budhi dringt in die Äther- und Astralwelt, und aus Leben und Empfindung baut sich die Pflanzen- und Tierwelt auf. Manas, die Weisheit, schwebt über ihnen und bewirkt die Weisheit, die in der Natur zum Ausdruck kommt, in der wunderbaren Gesetzmäßigkeit des Baues wie aller Vernunfthandlungen der Tiere. Der Mensch aber zieht Manas in sich hinein. Die Weisheit kann nun nicht mehr von außen auf ihn wirken. Mit Kama verbunden, in seinem Mentalkörper eingeschlossen, ist ihm die Weisheit getrübt. Der Mensch ist eine Zusammenziehung von chemischphysikalischen Prozessen zur Einzelform, die sich in dem mineralischen Kosmos abspielen. Der Mensch ist durch seine Gefühle, Wünsche und Leidenschaften in der astralen Welt auch tätig. Unaufhörlich schafft er selbst astrale Wesenheiten in jener Sphäre, die dort wirklich lebendige, materielle Existenz haben, denn die Materie der astralen Welt besteht aus durcheinanderwogenden Empfindungen wie Neid, Haß, Wohlwollen, Zorn und so weiter. Dort führen die von den Empfindungen der Menschen geschaffenen Wesen als Elementarwesen ihre Sonderexistenz, dort befinden sich auch Wesen aus anderen Welten, die zu ihrer Entwicklung der astralen Sphäre bedürfen, und dann die astralen Körper der auf ihr Menschwerden harrenden Seelen. Ferner [befinden sich dort] die Devas, die auch aus anderen Welten kommen und oft die Menschen zu beeinflussen suchen. Dort sind die vier Deva-Rajas, die aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde die physischen Körper nach dem astralen Schema bilden, den die Lipikas, die Herren des Karma, aus dem Mentalstoff der Individualität gebildet haben.
[ 8 ] Die höhere Entwicklung des Menschen hängt von der bewußten Konzentration und Meditation ab, die täglich geübt und nach bestimmten Regeln ausgeführt werden muß. Indem der Mensch täglich, in den Morgenstunden, sei es auch nur fünf Minuten, sich von allen Eindrücken der Außenwelt loslöst und die ganze Konzentration auf einen geoffenbarten Ewigkeitsgedanken richtet, wird er sich nach und nach mit dem Kosmos in Verbindung setzen und seine rhythmische Bewegung mitmachen. Durch diese konsequente tägliche Abschließung von der vorübergehenden Erscheinungswelt, für die kurze Zeit seiner Meditation, steigt der Mensch allmählich zur Arupasphäre hinauf. Indem er einen Satz, der eine ewige allgemeine Wahrheit enthält, durchdenkt, so daß er Leben bekommt, schöpft der Mensch seinen ganzen Inhalt aus und nimmt ihn in sich auf. Die Gedankenkontrolle und täglich streng durchgeführte Meditation darf der eigenen Ausbildung und Erweiterung des Verstandes nicht dienen, sie muß mit dem Bewußtsein geschehen, daß wir dadurch mithelfen und -arbeiten an der Entwicklung unseres Kosmos. All unser unkontrolliertes, «wirkliches» Denken stört unaufhörlich diesen regelmäßigen Gang. Der Mensch, der seine astralen Sinne entwickeln will, muß [auch] seine Empfindungen beherrschen lernen und das Gefühl der Ehrfurcht vor der Weisheit der hochentwickelten Wesen in sich erwecken; und er muß eine devotionelle Hingabe, in richtiger Abschätzung der Distanz zu jener höheren Weisheit, pflegen. Jeden Abend sollte derjenige, der die Meditation übt, eine Rückschau über den verflossenen Tag halten, ohne Reue und Bedauern auf Verfehltes schauen, einzig nur, um daraus zu lernen, um aus seinen Erfahrungen den Nutzen für das Bessermachen zu ziehen. Die Meditation darf kein Zwang sein, sie darf nicht von der Umgebung trennen, nicht das gewohnte Dasein verändern; im Gegenteil, sorglos überlasse sich der Mensch seiner Wesensart. Mehr wird er bei der Sammlung und Überschau am Ende des Tages lernen, als wenn er sich gewaltsam zu einem besseren Menschen hochschrauben wollte.
[ 9 ] Wenn der Mensch zur höheren Entwicklung aufsteigen will, wo der erste Logos in den zweiten einströmt, so muß er ein Chela werden und die Eigenschaften eines Chela in sich ausbilden. Er muß vier Haupteigenschaften stufenweise in sich zur Entwicklung bringen:
[ 10 ] Erstens: Das Unterscheidungsvermögen, die Unterscheidung zwischen Dauerndem und Vergänglichem; das heißt, der Mensch muß lernen, in dem Vorübergehenden, in dem, was er wahrnimmt, die gestaltende Kraft zu erkennen, die bleibend ist. Allen Dingen, die unsere Sinne wahrnehmen, ist eine nach Kristallisation drängende Kraft innewohnend, so wie das Salz, das in warmem Wasser [gelöst ist, beim Abkühlen des Wassers] sich zu Kristallen zusammenschließt. Die Ackererde ist zerriebener Kristall, im Samenkorn steckt die Kraft, Pflanze und Frucht zu werden, und den Wirbelknochen ist die Möglichkeit gegeben, sich zur Schädeldecke auszugestalten. So ist das Lanzettfischchen, das nur aus der Wirbelsäule besteht, ein Abbild im Kleinen der ersten lebendig empfindenden Form, in der der Logos sich manifestierte. Der ungeheure, erste Fisch, der nur aus gallertartiger Masse bestand, ist der Urahn, welcher in seinen Wirbelknochen die Möglichkeit zur Entwicklung der Amphibien, der Fische, der Säugetiere und des Menschen trug. So ist der physische Mensch nur als eine vorübergehende Erscheinung aufzufassen, der seine mineralischen Stoffe täglich wechselt und dessen Sinnesorgane nicht bleiben werden, wie sie heute sind, sondern die sich höheren menschlichen Entwicklungsstadien anpassen werden und die Kraft der Umbildung in sich tragen.
[ 11 ] Die zweite Eigenschaft, die entwickelt werden muß, ist die Schätzung des Dauernden. Die Erkenntnis wird zur Empfindung. Wir lernen, das Dauernde höher zu schätzen als das Vorübergehende, ‘das seinen Wert in unserer Schätzung mehr und mehr verliert. Und so wird der angehende Chela durch die Entwicklung der beiden ersten Eigenschaften von selbst zur dritten geführt, zur Ausbildung gewisser seelischer Fähigkeiten.
[ 12 ] a) Gedankenkontrolle.
[ 13 ] Der Chela darf sich nicht gestatten, die Dinge nur von einem Gesichtspunkt aus anzusehen. Wir fassen einen Gedanken, halten ihn für wahr, während er doch nur von dem einen Aspekt oder Gesichtspunkt aus wahr ist; wir müssen ihn später auch von dem entgegengesetzten Gesichtspunkt aus betrachten und jedem Avers auch zugleich den Revers entgegenhalten. Nur so lernen wir einen Gedanken durch den anderen zu kontrollieren.
[ 14 ] b) Kontrolle der Handlungen.
[ 15 ] Der Mensch lebt und handelt im Materiellen und ist ins Zeitliche gestellt. Er kann bei der Fülle der Erscheinungswelt nur einen kleinen Teil umfassen und ist durch seine Tätigkeit an einen bestimmten Kreis des Vergänglichen gebunden. Die tägliche Meditation dient dem Chela zur Sammlung und Kontrolle seiner Handlungen. Er wird in ihnen nur das Dauernde betrachten und den Wert nur auf das Tun legen, mit dem er helfend der höheren Entwicklung seiner Mitmenschen dienen kann. Er wird die Fülle der Erscheinungswelt wieder auf die höchste Einheit zurückführen.
[ 16 ] c) Toleranz.
[ 17 ] Der Chela wird sich nicht von Gefühlen der Anziehung und des Abgestoßenwerdens beherrschen lassen. Er wird alle - Verbrecher und Heilige - zu verstehen suchen, und obgleich er emotionell erfährt, wird er intellektuell urteilen. Was von dem einen Gesichtspunkt richtig als böse erkannt wird, kann von einem höheren Aspekt als notwendig und folgerichtig beurteilt werden.
[ 18 ] d) Duldsamkeit.
[ 19 ] Glück oder Unglück mit Gleichmut hinnehmen, sie nicht zu bestimmenden Mächten werden lassen, die uns beeinflussen können. Uns nicht durch Freude und Schmerz aus unserer Richtung drängen lassen. Sich von allen äußeren Einflüssen und Einströmungen freihalten und die eigene Richtung behaupten.
[ 20 ] e) Glaube.
[ 21 ] Der Chela soll das freie, offene, unbefangene Herz für das höhere Geistige haben. Auch wo er eine höhere Wahrheit nicht gleich erkennt, soll er den Glauben haben, bis er diese sich durch Erkenntnis zu eigen machen kann. Wenn er nach dem Grundsatz «Alles prüfen und das Beste behalten» verfahren wollte, so würde er sein Urteil als Maßstab anlegen und sich über das höhere Geistige stellen und dem Eindringen desselben sich verschließen.
[ 22 ] f) Gleichgewicht.
[ 23 ] Die letzte seelische Fähigkeit würde als Resultat aller anderen sich als Gleichgewicht, als Richtungssicherheit, Seelenbilanz ergeben. Der Chela gibt sich selbst die Richtung.
[ 24 ] Und so hätte er nun die vierte Eigenschaft in sich zu entwickeln: Den Willen zur Freiheit, zum Ideal. Solange wir noch im Physischen leben, können wir nicht zur vollen Freiheit gelangen, aber wir können den Willen zur Freiheit in uns entwickeln, hinstreben zu dem Ideal. Wir können uns freimachen von den äußeren Umständen und nicht mehr auf die Anstöße von außen reagieren, sondern das Gesetz in uns, das Dauernde, zur Richtschnur unseres Denkens und Handelns machen, nicht in der vorübergehenden Persönlichkeit, sondern in unserer Individualität leben, die dauernd ist, die zur Einheit strebt.
