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Über die astrale Welt und das Devachan
GA 88

4 February 1904, Berlin

8. Die Welt des Geistes oder Devachan II

[ 1 ] Wenn, verehrte Anwesende, die Vorstellungen, die die Theosophie zu erwecken sucht von der eigentlichen Geisteswelt, der sogenannten Devachanwelt, für etwas ganz Unwahrscheinliches gehalten werden, so darf demgegenüber erwidert werden, daß es durchaus nichts Neues und durchaus nichts Fremdes ist, wenn der Theosoph auf diese höhere Welt hindeutet, die außerhalb unserer Sinneswelt vorhanden ist. Ich möchte heute, um die Gedanken etwas weiter hineinzuführen in diese Devachanwelt, meine Ausführungen beginnen mit den Worten eines deutschen Denkers, der Ihnen allen wohlbekannt ist, der einen großen Einfluß gehabt hat auf seine Zeit, der es verstanden hat, von höheren Welten nicht etwa nur in träumerischer Weise zu sprechen, sondern der durch die Kraft und das Feuer seines Wortes in die Ereignisse seiner damaligen Gegenwart einzugreifen verstand: von Johann Gottlieb Fichte. Wir wissen alle, welche Kraft er aus der übersinnlichen Welt gesaugt hat, die seinen Mund in zündender Rede überfließen machte, mit der er die Jugend seiner Zeit begeisterte zu der Teilnahme an den damals notwendigen Ereignissen. Wir kennen die «Reden an die deutsche Nation», die eine Tat sind, die nicht einer traumhaften Welt angehört, sondern die der unmittelbaren Wirklichkeit angehört. Johann Gottlieb Fichte hat, als er in Berlin die Einleitungsvorlesungen in die Wissenschaftslehre hielt, diese reifste Frucht seines Forschens und Sinnens, vor seinen Studenten begonnen mit folgendem Satz:

[ 2 ] «Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres Sinnenwerkzeug, durch welches eine neue Welt gegeben wird, die für den gewöhnlichen Menschen gar nicht vorhanden ist. Dies ist nicht zu verstehen als etwa eine Übertreibung, rednerische Phrase, die nur gesagt wird, um viel zu fordern, mit dem stillen Bescheiden, daß weniger gewährt werden möge —, sondern es ist zu verstehen wörtlich, wie es heißt.»

[ 3 ] Diese Anschauung über die übersinnliche Welt leitet Fichte — also in der Zeit, als man noch nicht an irgendeine theosophische Gesellschaft gedacht hat — mit den Worten ein, daß man es zu tun hat mit Kundgebungen eines Sinnenwerkzeuges, das bei dem gewöhnlichen Menschen nicht da ist. Nun führt er weiter aus:

[ 4 ] «Denke man eine Welt von Blindgeborenen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhältnisse bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese und redet ihnen von Farben und den anderen Verhältnissen, die nur durch das Licht für das Sehen vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen von Nichts, ... oder sie wollen aus irgendeinem Grunde eurer Lehre doch einen Verstand geben: so können sie dieselbe nur verstehen von dem, was ihnen durch die Betastung bekannt ist.»

[ 5 ] Ganz neue Zustände würden aber eintreten, wenn ein Blindgeborener durch Operation sehend würde. Der Vergleich ist richtig in bezug auf höheres Schauen. Was bei Fichte nicht zum Ausdruck kommt, ist, daß eigentlich jeder Mensch dieses Werkzeug hat und es nur zu entwickeln braucht. Nur guten Willens bedarf es, um die geistige Welt geoffenbart zu erhalten. Jeder geistig Blinde kann sehend gemacht werden. Das muß betont werden, damit es klar wird, daß die Geisteswelt jedem zugänglich ist, der sie aufsuchen will. Die Mitteilungen, welche darüber gemacht werden, sollen nur hindeuten auf dasjenige, was später gegeben werden soll.

[ 6 ] Die erste Stufe ist, zunächst eine Beschreibung der geistigen Welt zu erhalten. Es ist, wie Theosophen wissen, ein Weg, zunächst durch Beschreibung einen Einblick in diese Welt zu erhalten. Wir haben es nicht zu tun mit einer Welt, die an irgendeinem anderen Ort des Kosmos liegt, sondern mit einer Welt, welche uns überall umgibt, welche überall um uns vorhanden ist. An jedem Punkte unserer Welt ist zugleich diese geistige Welt vorhanden. Es ist kein Wandern in eine andere Welt, wenn wir von der geistigen Welt oder von Devachan sprechen, sondern es ist ein Aufschließen der Organe, ein Erreichen eines anderen Zustandes. Man könnte einwenden, daß ein solcher Zustand beim Menschen etwas Außer ordentliches sei, daß man sich keine Vorstellung davon machen könne und daß nichts Ähnliches aufgewiesen werden könne im Leben des Menschen. Das ist nicht richtig; das übrige Leben fließt ruhig dahin, ohne daß ein so radikaler Umschwung eintritt. Tatsächlich aber findet ein solcher Übergang wie derjenige, welcher den mit den Sinnen wahrnehmenden Menschen zum Seher macht, für jeden Menschen einmal während seines Lebens statt, nur weiß man es nicht. Jeder, der hier sitzt, hat bereits eine ähnliche radikale Revolution seines Bewußtseins einmal durchgemacht während seines Lebens. Wir müssen nur das Leben nicht rechnen vom Erblicken der äußeren Welt an, sondern von dem, ersten Zustande des Keimes im Leibe der Mutter an. Wenn wir den Menschen betrachten vom ersten Zustande im Leibe der Mutter an, dann hat für jeden ein solcher Umschwung stattgefunden. Der Bewußtseinszustand des Menschenkeimes, sein Wahrnehmungsvermögen ist ganz anders als dasjenige des späteren Menschen. Wer das zu beobachten versteht, der weiß, was Wichtiges geschieht mit dem Menschen in den ersten Monaten des Daseins vor seiner Geburt, der weiß, daß sich das Anschauungsvermögen des Menschen schon [mit der Geburt] radikal geändert hat. Der Keim hat ein Wahrnehmungsvermögen, das sich wesentlich unterscheidet von dem Wahrnehmungsvermögen des Menschen, der das Licht der Welt erblickt und ein Wachbewußtsein hat. Der Menschenkeim nimmt nämlich in einer Art wahr, die wir als astrales Wahrnehmungsvermögen bezeichnen. Der Menschenkeim hat also eine astrale Wahrnehmung. Erst später bildet sich das äußere, wache Bewußtsein heraus. Vom astralen Leben zum wachen Bewußtseinsleben entwickelt sich der Mensch. Ein ähnlicher Umschwung, etwas wie eine neue Geburt, ist das Eröffnen des sogenannten devachanischen Sinnes, der dem Seher beschert wird, damit er eine neue Welt wahrnehme. Der Menschenkeim nimmt in der Tat die dunklen Strömungen in der astralen Welt wahr. Er nimmt wahr die in seiner Umwelt waltenden Gefühle. Das können Sie sehen an den Einflüssen der vorhandenen Verhältnisse auf den Embryo im Mutterleib. Dieser Umschwung, diese Umwandlung des astralen Bewußtseins des Keimes zum wachen, sinnlichen Bewußtsein tritt bei jedem Menschen einmal ein.

[ 7 ] Es ist also diejenige Welt, in der wir leben, die uns erschlossen wird in dem neuen Bewußtseinszustande. Was wir wahrnehmen in dieser Welt, ist uns zunächst unverständlich; ganz stufenweise werden wir hingeführt zu dem Wahrnehmen in dieser Devachanoder Geisteswelt. Ebenso wie beim Kinde, wenn in den ersten Lebenstagen die Sinne sich eröffnen, so ist es mit dem Wahrnehmen im Devachan. Es eröffnet sich uns eine Welt, welche sich in — uns zunächst unverständlichen — Farbtönen glitzernd und in Folgen von verschiedensten Töne kundgibt. Zunächst weiß man diese Farben und Töne, die nicht unserer physischen Welt angehören, die sich wesentlich von den Farben und Tönen unserer physischen Welt unterscheiden, nicht zu deuten, bis man ihren Sinn und Zusammenhang kennengelernt hat in dieser geistigen Welt. Derjenige, der, sich selbst überlassen, in diese Welt eintritt, weiß sich dann oft nicht zu helfen. Es kommt manchmal vor, daß der devachanische Sinn bei einem Menschen plötzlich eröffnet wird; ein solcher Mensch treibt dann hilflos in dieser Welt des geistigen Daseins herum. Nur derjenige lernt den Sinn dieser Erscheinungen verstehen, der in diese Welt geführt wird von einem Menschen, der schon früher Seher war und der ihn methodisch einführen kann in diese geistige Welt. Er lernt dann, die Aufeinanderfolge der Töne und die Farben zu gliedern und sie zusammenzusetzen, so wie wir Konsonanten und Vokale zu einem sinnvollen Wort zusammensetzen. Wie Vokale und Konsonanten erscheinen uns die Töne und Farben der geistigen Welt, und wenn wir lernen, was die Vokale und was die Konsonanten bedeuten, erlangen wir die Möglichkeit, buchstabieren und lesen zu lernen. Wir lernen, daß sich eine bestimmte Art von Wesenheiten, welche hier in der geistigen Welt leben, mitteilt durch diese Farben- und Tonsprache. Das ist der Lehrgang, der dem Chela, dem Schüler, geboten wird, der diese höheren Welten zu betreten hat, um dieser höheren Wahrheiten teilhaftig zu werden. Wir lernen dann zu wissen, daß es nicht eine zufällige Kombination, eine zufällige Zusammenstellung der Erscheinung. von Farben, Tönen und Formen ist, sondern das, was uns da erscheint, ist der Ausdruck geistiger Wesenheiten, deren Sprache dies ist. Wenn wir die Buchstaben kennen und lesen gelernt haben, dann eröffnet sich uns eine ganz neue Welt.

[ 8 ] Ich habe angedeutet, daß eine niederere Welt als die Devachanwelt unserer physischen Welt eingegliedert ist, die uns zuerst bekannt wird, das ist die astrale Welt. Sie verschmilzt dem Schüler zuweilen mit der Devachanwelt. In der ersten Zeit kann man nicht genau unterscheiden, was der Astral- und was der Devachanwelt angehört. Erst allmählich lernt man, sie zu unterscheiden. Heute möchte ich an einem Beispiel zeigen, wie man lernen kann, zu unterscheiden zwischen dem, was astral ist, und dem, was der Devachanwelt, der geistigen Welt, angehört, die unsere eigentliche Heimat ist.

[ 9 ] Der Mensch, wie er uns in der physischen Welt entgegentritt, ist nur ein Teil des Menschen. In Wahrheit ist der Mensch für den Sehenden ein Wesen, das noch ganz andere Seiten seines Daseins hat als die, welche dem physischen Auge erscheinen. Ich spreche von dem, was man als menschliche Aura bezeichnet. Die menschliche Aura ist etwas, was wesentlich zu dem ganzen Menschen gehört. Ich habe im achten Heft des «Lucifer» einleitend einen Teil dieser menschlichen Aura beschrieben. Sie ist etwas, was dem Seher ebenso erscheint, wie dem sinnlichen Auge des Menschen die gewöhnliche, physische Gestalt erscheint. Die physische Gestalt ist nur der mittlere Teil des Menschen, welcher sozusagen in einer Nebelwolke von ovaler Form ruht. Diese Nebelwolke, die Aura, gehört zum menschlichen Geistkörper geradeso wie zum physischen Menschen. Sie ist viel größer als der physische Mensch, im Durchschnitt vielleicht doppelt so lang und drei- bis viermal so breit. Was dem Seherauge als Fortsetzung des physischen Leibes erscheint, das sind Lichtbildungen und Farbenbildungen von der verschiedensten Art. Nicht in unbestimmten, mehr oder weniger in Farben gegliederten Wolken erscheint diese Aura des Menschen, dieser Lichtkörper, sondern er erscheint als eine Art Spiegelbild, als ein Abdruck dessen, was im Menschen vorgeht. Leidenschaften, Instinkte, Triebe des Menschen prägen sich in dieser Aura aus; alles, was wir inneres Leben nennen, prägt sich darin aus. Die Physik der Gegenwart müßte es eigentlich am allerbegreiflichsten finden, daß wir davon sprechen, denn was sagt der Physiker? Es gibt schwingende Bewegungen des Äthers; diese schwingende Bewegung verwandelt das, was draußen ist, in Farbe. - Ebenso ist es mit unserer inneren Welt. In uns sind vorhanden Triebe, Instinkte und Leidenschaften, die von jedem Menschen ausgehen, der vor uns steht, und wie das als Farbe vor uns erscheint, so erscheinen uns auch Vorstellung, Empfindung und Gefühl durch das geistige Auge umgesetzt als farbige Aura.

[ 10 ] Wie die physische Welt dem physischen Auge als Farbe erscheint, so erscheint die geistige Welt dem geistigen Auge in einer wunderbaren Farbenpracht, nur auf höherem Gebiete. Dieses zeigt eine ungeheure Beweglichkeit der Farbe. Den Menschen sehen wir umgeben von einem ovalen Lichtkörper, in dem er schwimmt, und der sich nicht ruhend ausnimmt, sondern wie fließend, strömend, der ausstrahlt und in einer gewissen Entfernung vom Menschen sich verliert. Im Devachanraum, der fortwährend in Bewegung erscheint, hat der Mensch in sich eine Grundfarbe. Bleibende Stimmung des Menschen, auch bleibende Charaktereigentümlichkeiten verraten sich in der Aura durch eine bleibende Farbentönung, gebildet von Wolken, welche sie wellenförmig durchströmen. Wir sehen, wie wellenförmige Ströme von unten nach oben die Aura durchziehen, sie wie Blitze durchzucken, wie die Aura blaurote, braunrote und schöne bläuliche Farben durchziehen. Wir sehen die mannigfaltigsten und verschiedensten Farben, die sich ändern nach den verschiedenen Anlässen. Gehen Sie in die Kirche und beobachten Sie die Auren der Andächtigen. Sie werden da ganz andere Farbentöne finden als in einer Versammlung, in welcher politische Leidenschaften oder menschlicher Egoismus sich geltend machen. Die Seelenstimmungen, welche die täglichen Bedürfnisse bringen, werden Sie ausströmen sehen in Gebilden von ziegelroter und karminroter Farbe, manchmal werden Sie eine dunklere Farbennuance haben. Und wenn Sie in eine Kirche gehen und die Andächtigen beobachten, dann werden Sie die blaue, indigofarbene, violette und rosenrote Farbe spielen sehen. Und untersuchen Sie die Aura eines Menschen, der in der Gedankenwelt lebt, kontemplativ über wissenschaftliche Probleme nachdenkt, dann werden Sie innerhalb seiner Aura aufglänzen sehen die Gedankengebilde, die den von keiner Leidenschaft durchzuckten Gedanken in der Aura widerspiegeln.

[ 11 ] Wenn wir lernen, was sich in der Aura zeigt, so lesen wir auf der einen Seite, was an Stimmungen und Temperament im Menschen lebt und was sich in seinem Bewußtsein abspielt; auf der anderen Seite sehen wir alle Vorstellungen, von den alleralltäglichsten bis zu den höchsten, geistigsten, bis zu den Gefühlen der Gottesverehrung und des erhabensten Mitleides sich in der Aura abspiegeln. Anfangs können wir nichts sondieren, aber wir lernen dies allmählich und bemerken, daß in der Aura zwei streng voneinander verschiedene Gebilde sind. Da sind zunächst wolkenartige Gebilde mit unbestimmten Umrissen, die mehr von der Hautperipherie einströmen. Diese wolkenartigen Gebilde lernen wir sondern von den Erscheinungen, die mehr von Herz, Brust, Kopf ausgehen und die einen strahlenden Charakter haben. Diese Ausstrahlungen gehen immer von einem inneren Mittelpunkt aus. Wir lernen also zu unterscheiden die wolkenartigen Gebilde von denen, die einen strahlenden Charakter haben. Das Wolkenartige, das von Braun ins Dunkelorange herüberspielt, das kommt aus der Körperlichkeit, aus der niederen Natur des Menschen, aus den Leidenschaften und Trieben. So unterscheiden wir in der Aura den geistigen Teil von dem niederen, dem astralen Teil. Wir lernen verstehen die häufigsten Farben. Die Aura der heutigen Europäer hat meist grüne Farben, die oft ins Gelbe übergehen. Dieses Grün stellt den eigentlichen Verstandesteil, den Bewußtseinsteil dar; es bringt also die Grundstimmung des Seelenlebens der heutigen Europäer zum Ausdruck. Bei einem Menschen, der in Trance ist, machen Sie die merkwürdige Wahrnehmung, daß alle grünen Töne aus der Aura verschwinden. Wer also die Aura wahrzunehmen versteht, der wird es nicht schwer haben, zu unterscheiden einen Simulanten von einem wirklich in Trance Befindlichen. Ebenso könnte ein Arzt, der in einer Klinik mit Hypnose experimentiert — wir betrachten das als etwas Nicht-Statthaftes, aber es geschieht doch manchmal —, ganz genau unterscheiden, ob ihn die Versuchsperson betrügt oder ob sie wirklich im Zustande der Trance oder der Hypnose ist, wenn er das Verschwinden der grünen Farbe in der Aura beobachten kann. Es verschwinden die Grüntöne in der Aura auch bei einem Menschen, der in Ohnmacht ist, und ebenso verschwinden sie immer in der Aura eines Schlafenden.

[ 12 ] Die Fähigkeit, die astrale Aura zu sehen, ist dasjenige, was sich beim Seher zuerst entwickelt. Verhältnismäßig sehr bald nimmt der Seher diese Kundgebung des Menschen wahr, und er lernt, die astrale Aura von der mentalen Aura zu unterscheiden. Die strahlende Aura ist aus der Devachanwelt; sie ist Geist und gehört zu dem, was über den Tod hinaus mit dem Menschen geht. Es ist das, was aus der wahren geistigen Heimat stammt. Was aus Bräunlichem ins Grünliche, in grünliche Töne herüberspielt, das gehört dem Vergänglichen an; der Mensch streift es ab mit der physischen Hülle oder im Kamaloka, um dann in die eigentliche geistige Welt einzugehen. Das ist eine höhere Art der Wahrnehmung, eine höhere Art von geistigem Sinn, wenn sich uns der Devachan-Sinn erschließt. Die devachanische Welt unterscheidet sich ganz wesentlich von der physischen Welt. Die physische Welt ist unbeweglich und tot, während die devachanische Welt von einer Vielgliedrigkeit und einer Leichtbeweglichkeit ohnegleichen ist. Es ist eine immer und immer in sich bewegliche Welt, die in einer fortwährenden Aktivität ist.

[ 13 ] Nun muß der Schüler, der einer höheren Entwicklung zustrebt, lernen, sich innerhalb dieser Devachanwelt zurechtzufinden. Wenn wir in der physischen Welt wahrnehmen, so bleiben die Dinge, wie sie sind, und unsere Vorstellung richtet sich nach den Dingen. Der Tisch, der Stuhl, sie bleiben ruhig, sie richten sich nicht nach meinen Vorstellungen, sondern meine Vorstellung hat sich nach dem Tisch und dem Stuhl zu richten. So ist es nicht in der geistigen Welt. Im Devachan gibt es so ruhige Dinge nicht; und deshalb liegt eine ungeheure Verantwortung auf dem, der das Devachan bewußt betritt. Wir müssen uns klar darüber sein, daß jeder Gedanke, der unser Gehirn durchzuckt, ein wirklicher, realer Vorgang in der Devachanwelt ist. Der Gedanke in der äußeren, physischen Welt ist nur ein Schattenbild der Wirklichkeit gegenüber dem Gedanken im Devachan. Der wirkliche Gedanke lebt nicht in unserem Gehirn. Er ist nicht ein Schattenbild, ein Reflexbild, das in unserem Bewußtsein auftritt, sondern er ist eine Wesenheit, die im Devachan lebt. In Wahrheit sind unsere Gedanken Wesenheiten, die der geistigen Welt angehören. Fassen Sie einen Gedanken, so bewirken Sie eine Veränderung in der Devachanwelt. Um dies deutlich zu machen, möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, was in der Devachanwelt geschieht, wenn Sie einen Gedanken fassen. Derjenige, welchem der devachanische Sinn erschlossen ist, sieht nicht nur Schattenbilder der Gedanken, sondern er sieht das Wesen derselben als einen wirklichen Gegenstand. Denken Sie sich, Sie hegen irgendeinen Gedanken, einen Gedanken, der sich auf einen anderen Menschen bezieht. Der Gedanke wird für den Seher sichtbar, der Gedanke strahlt aus wie eine Lichtwelle, die von einer Lichtquelle ausgeht; und wie die Flamme das Licht nach allen Seiten ausstrahlt, so strahlt die denkende Wesenheit des Menschen nach allen Seiten aus. Und wie Licht in der physischen Welt sich verbreitet, so verbreiten sich die Gedankenstrahlen in der Devachanwelt, so daß wir in der Tat sehen können, wie von jedem Menschen die Gedanken ausstrahlen. Daher werden Sie auch verstehen, daß der Christus mit einer Strahlenkrone dargestellt wird. Das ist nicht irgend etwas Phantastisches, sondern es entspricht in bezug auf das höhere Schauen einer Wahrnehmung.

[ 14 ] Wenn die Gedanken ausstrahlen, so sind sie zunächst im Raume, und sie verbreiten sich im Raume, so wie das Licht ausstrahlt und sich im Raume verbreitet. Nehmen wir einen bestimmten Gedanken; wenn dieser in der Weise gefaßt wird, daß er nur auf Sie eingestellt ist, daß er nur Sie angeht, dann strahlt er das auch so aus. Bezieht er sich aber auf einen anderen Menschen, dann nimmt er sich im Devachan so aus, wie wenn das Licht auf einen Gegenstand trifft und von ihm zurückgeworfen wird; und wie ein Gegenstand beleuchtet erscheint vom Licht, so erscheint der Betreffende von der Gedankenwelt beleuchtet. Wenn jemand einen Gedanken ausstrahlt, der sich auf einen anderen Menschen bezieht — nehmen wir an, zum Beispiel den Wunsch, daß der andere Mensch gesund werde —, dann können wir diesen Gedanken ausstrahlen sehen, so wie wir das Licht nach allen Seiten sich verbreiten sehen. Aber dieser Gedanke, der sich auf einen bestimmten Menschen bezieht, strömt nicht einfach so durch den Devachanraum, sondern er sucht sich im nächsten Umfeld des Menschen zu realisieren, zu verwirklichen. Dieser Gedanke strömt dann zu dem Menschen hin, auf den er sich bezieht. Das sind Vorgänge, wie Sie sie in der Devachanwelt wahrnehmen können. Sie können wahrnehmen, wie erhabene Gedanken des Menschen aufgefangen werden im Devachanraum und sich zu einer Art Blumengebilde formen, zu schönen geometrischen Figuren, wie sie im Irdischen nicht vorhanden sind. Obgleich es phantastisch erscheint, ist das alles wahre Wirklichkeit für die, welche im Devachan beobachten können. Wer lernt, sich im Devachan zu bewegen, der lernt, in bewußter Weise seine Gedanken auszusenden und sich bewußt zu werden der Ernte, die er haben wird durch diese Gedanken. Er lernt, daß jeder Gedanke im Devachan eine Tatsache ist, und er bemüht sich, mit seinen Gedanken nur günstige Wirkungen hervorzubringen. Der Uneingeweihte sendet seine Gedanken blindlings in das Devachan hinein, während der Eingeweihte lernt, den Gedanken Form zu geben. Das ist es, was sich dem Schüler nach und nach ergibt.

[ 15 ] Ich möchte noch auf etwas besonders aufmerksam machen. Ich habe das letzte Mal davon gesprochen, daß im Devachan gleichsam zwei Abteilungen zu beobachten sind. Zunächst eine untere Abteilung, das Rupa-Devachan, das ist die Welt des devachanischen Kontinents, das devachanische Meer und die devachanische Atmosphäre; diese sind im Grunde genommen durch und durch von Empfindung durchdrungen. Dann beschrieb ich den Akashastoff, den reinen Ätherstoff des Devachan. Das alles sind die niederen Gebiete des Devachan. Dann kommen die drei höheren Gebiete des Arupa-Devachan. In diesen höheren Gebieten halten sich höchste geistige Wesenheiten auf: die Dhyani-Chohans, die Planetengeister, und so weiter. Zu diesen hohen geistigen Wesenheiten gehören auch diejenigen, die wir als Mahatmas, als die geistigen Führer der Menschheit kennen. Diese haben eine so hohe Stufe der Entwicklung erreicht, daß sie die übrige Menschheit belehren und ihr die großen Wahrheiten des Daseins überliefern können. Dem Menschen, welchem der devachanische Sinn erschlossen ist, der imstande ist, im Devachan zu beobachten, dem erschließt sich auch der Verkehr mit diesen vorgeschrittenen Menschenbrüdern. Er lernt die Sprache verstehen, in der diese miteinander verkehren, und er lernt auch, mit ihnen zu sprechen. Ihm obliegt dann, diese so empfangenen Mitteilungen umzusetzen in die alltägliche Sprache. Eine solche in alltägliche Sprache umgesetzte Lehre ist das, was wir als theosophische Wahrheiten verkündigen. Ursprünglich von hochentwickelten Menschenbrüdern ausgehend, herunterströmend aus höchsten geistigen Welten, wurden uns diese von einzelnen geeigneten Persönlichkeiten übermittelt. Nachdem wir aber «lesen« gelernt haben, verstehen wir die urewigen Geheimnisse des Weltendaseins. Um sie umsetzen zu können in die gewöhnliche Sprache des alltäglichen Lebens, müssen wir lernen, aufzuschauen zu diesen hohen Geistern, zu den Meistern, die wir in der Theosophie Mahatmas nennen.

[ 16 ] Es ist von besonderem Interesse zu beobachten, wie sich der Chela zu diesen Meistern in der Devachanwelt verhält. Ich habe bereits beschrieben, wie der Gedanke im Devachan wirkt, wie er ausströmt, um seiner Bestimmung zuzueilen. Das ist nicht oder nicht in gleicher Weise der Fall bei den Gedanken, die der Chela verehrungsvoll zu den Meistern oder Mahatmas hinaufsendet, um sie um Aufschlüsse zu fragen über tiefere Wahrheiten. Derjenige Gedanke, den der Chela zu den geistigen Führern hinaufsendet, macht noch einen ganz besonderen, von den übrigen Gedanken sich unterscheidenden Weg. Es ist so, als ob dieser Gedanke nicht voll hinaufströmte zu dem Ziel, an das er sich wendet. Dieser Gedanke, dieser Ruf um Aufschluß über die höheren Welten, strömt zunächst bis in das Gebiet, das ich als Akashagebiet bezeichnet habe. Dann kehrt der Gedanke wieder zu dem Schüler zurück, aber nicht so, wie er hinaufgestiegen ist, sondern bereichert, durchströmt und durchglüht von dem, was von dem Meister ausgeht. So ist es zu verstehen, wenn immer betont wird, daß der Meister das höhere Selbst des Menschen ist. In gewisser Beziehung sprechen unsere eigenen Gedanken wieder zu uns, wenn wir mit diesen höherentwickelten Menschengeistern in Verkehr treten. Nichts Fremdartiges soll in uns hineingetragen werden; nicht zu Sklaven wollen die Meister uns machen, nicht einmal zu Sklaven im Geiste. Die Meister schicken uns daher nicht ihre, sondern unsere eigenen Gedanken, auf daß wir erkennen, daß es die Substanz ist, die wir selbst ausgeströmt haben. Das sind einzelne Vorgänge, die derjenige erfährt, der in der Lage ist, sich als Verkörperter zwischen Geburt und Tod innerhalb des Devachan zu bewegen, dessen Sinn für das Devachan schon hier in der Körperlichkeit erschlossen ist, der den Geist herausheben kann aus der Schale der Körperlichkeit.

[ 17 ] In der Devachanwelt finden wir auch niederere Wesenheiten in großer Anzahl, die dort als reguläre Bewohner vorhanden sind: das sind die zeitweilig Entkörperten, diejenigen also, welche zwischen zwei Verkörperungen stehen. Zwischen zwei Verkörperungen bringen die Menschen eine lange Zeit im Devachan zu.

[ 18 ] Habe ich Ihnen heute die Erlebnisse geschildert, welche derjenige im Devachan durchmachen kann, der im Körper ist, so möchte ich Ihnen das nächste Mal schildern, was derjenige durchmacht, der entkörpert im Devachan ist, also den Verlauf des Aufenthaltes im Devachan zwischen zwei Leben. Das wird uns das Bild wesentlich ergänzen; und wenn Sie dieses Bild dann dem heutigen hinzufügen, so werden Sie die Möglichkeit haben, diese Welt des Devachan in einer klareren Vorstellung zu erfassen. Sie werden manches verstehen, was Eingeweihte sagen, ohne daß es im gewöhnlichen Tagesgebrauch oder in unserer Literatur als das ausgesprochen wird, was es eigentlich ist. Eingeweihte haben bis ins 19. Jahrhundert hinein immer nur in Andeutungen gesprochen. Die Andeutungen sind immer verständlich gewesen für diejenigen, deren Sinn erschlossen war. Für denjenigen, der die Welt der Ursachen kennt, für den wird das Wort eines Eingeweihten, der gewöhnlich nicht als ein solcher genommen wird - Goethe —, richtig verstehen. Goethe hat selbst gesagt, daß er in den zweiten Teil seines «Faust» manches hineingeheimnißt hat, das nur der Eingeweihte verstehen kann. Und er hat in mystischklarer Sprache darauf hingedeutet, was für ihn das Irdische, das Sinnlich-Wahrnehmbare ist: daß es hindeutet auf eine höhere Welt, deren Ausdruck es ist. Wenn wir das richtig verstehen, dann werden wir wissen, daß Goethe als Eingeweihter höheres Wissen aus übersinnlicher Welt sog, und dann verstehen wir, was er sagen wollte mit den Worten:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan.

[ 19 ] Die theosophische Bewegung will das, was viele für «unbeschreiblich» gehalten haben, nach und nach beschreiben.