Über die astrale Welt und das Devachan
GA 88
11 February 1904, Berlin
9. Die Welt des Geistes oder Devachan III
[ 1 ] In den Vorträgen über die astrale Welt habe ich darzustellen versucht, welchen Weg die menschliche Seele zu durchwandeln hat, nachdem sie die Pforte des Todes durchschritten hat. Dieser Weg durch die Seelenwelt - oder die astrale Welt, wie sie in der theosophischen Literatur genannt wird —, ist verhältnismäßig kurz. Den längsten Teil der Zeit, welche die menschliche Seele braucht, um von einer Verkörperung zur nächsten zu kommen, verbringt sie in der geistigen Welt, in dem, was man in der Theosophie Devachan, das Land der Götter nennt. Ich werde, um einen deutschen Ausdruck zu gebrauchen, mich des Ausdrucks «Geisterland» oder «Geisteswelt» für «Devachan» bedienen. Wir müssen darauf sehen, daß wir allmählich deutsche Ausdrücke einführen. Und wenn wir wissen, daß wir mit dem sogenannten Geisterlande nichts anderes meinen als das, was in der Theosophie «Devachan» ist, so werden wir uns verständigen können.
[ 2 ] In der Welt des Astralen wird sich die Seele zu reinigen haben von dem, was sie ans Irdische kettet, von den Trieben, Leidenschaften und Instinkten, welche notwendig sind zum irdischen Leben, aber unmöglich der menschlichen Seele auf der weiteren Wanderung anhaften können. Nachdem sie sich von alledem befreit hat, durchwandert sie das eigentliche Geistesland. Will man verstehen, was es heißt, durch das Geistesland zu gehen, so muß man sich das einmal klarmachen. Ich habe schon öfters betont, daß die Theosophie keineswegs sich abkehrt von irdischer Wirksamkeit, keineswegs verweist auf irgendein Jenseits, im Gegenteil: sie legt klar, daß die hauptsächliche Aufgabe des Menschen während des Verlaufes seiner Verkörperung hier im Irdischen liegt, daß es Aufgabe des Menschen ist, dieses irdische Dasein zu immer größerer und größerer Vollkommenheit zu bringen. Der Mensch hat das, was er in der höheren Welt erleben kann, als Frucht in die irdische Sphäre hineinzutragen, er hat das, was er in der Zwischenzeit zwischen zwei Verkörperungen beobachtet, anzuwenden in der physischen Verkörperung. Für diese physische Verkörperung ist es die Aufgabe der Erde und des Menschen, so vervollkommnet zu werden, daß das Vervollkommnete hinaufgetragen werden kann in höhere Reiche. Es ist unsere Aufgabe, mitzuarbeiten an der irdischen Vervollkommnung, denn diese Erde soll nach dem kosmischen Erdenplan nicht bleiben, wie sie ist, sondern sie soll eine höhere Welt werden. Und das, was sie befähigen wird, aufgenommen zu werden in eine höhere Welt, das sollen die Menschen in ihr bewirken; deshalb müssen sie von Zeit zu Zeit in das Geistesland zurückkehren. Der Mensch soll auf der Erde wirken, um sie ihrem Ziele zuzuführen, das geistig ist. Dafür muß er sich befähigen, geistig zu wirken. Er muß immer wieder und wieder in diesen Zustand zurückkehren, rein geistig in der Geisteswelt zu leben, um von da aus sich zu beschäftigen mit den Absichten und Zielen für das irdische Leben. Was wir erfahren in der geistigen Welt, das tragen wir hinein in das irdische Leben. Geradeso, wie beim Bau eines Hauses das erste und Wichtigste nicht auf dem Bauplatz geschieht, wo die Ziegel zusammengemauert werden, sondern in der Kammer des Architekten, wo der Bauplan ausgearbeitet wird, und geradeso, wie die Arbeiter nur das, was der Architekt ausgearbeitet hat, in die Wirklichkeit umsetzen, so ist das erste und das Wichtigste das, was wir aus der übersinnlichen Welt holen: die Ziele, die Absichten, die Pläne, um sie innerhalb der Körperwelt anzuwenden.
[ 3 ] Das Wichtigste wird während der irdischen Verkörperung getan. Der Geist zieht sich von Zeit zu Zeit zurück, um die eigentliche Grundlage des irdischen Daseins kennenzulernen. Das ist der Sinn des Aufenthaltes im Devachan oder im Geistesland. Wenn der Mensch beim Tode seinen Körper verläßt, dann macht er zunächst einen Zustand der Bewußtlosigkeit durch; er durchschreitet die astrale Welt und erwacht endlich im Geisteslande. Da hat er dann alles dasjenige auszubilden, worin er sich in der irdischen Welt geübt hat. Wir haben uns vorzustellen — um bei demselben Bilde zu bleiben —, der Mensch arbeitet wie ein Architekt, der den Plan zu einem Haus entwirft. Hat der Architekt einen Plan gemacht, so lernt er bei der materiellen Realisation des Planes auch die Unvollkommenheiten, die Fehler desselben kennen; er ist ein Lernender, und genauso lernt auch der Mensch während seiner Verkörperung. Genauso, wie der Architekt die Erfahrungen und Beobachtungen, die er bei einem ersten Bau gemacht hat, erkennt, benützt und für einen späteren ausnützt, so verwandelt auch der Mensch seine Erfahrungen und Beobachtungen in vollkommenere Erkenntnisse und tritt danach, mit diesen Erkenntnissen bereichert, in die neue Verkörperung ein. Das ist der Sinn.
[ 4 ] Aus einer Art von Bewußtlosigkeit wacht der Mensch [zwischen Tod und neuer Geburt] im Devachan auf. Er hat dann die verschiedenen Stufen zu durchwandern. In jeder dieser Stufen bildet sich eine ganz bestimmte Art von Fähigkeiten aus. Sieben Stufen haben wir kennengelernt. Ich werde dieselben nochmals vor unserem Geiste vorüberziehen lassen und gleichzeitig angeben, was der Geist auf jeder Stufe zu vollbringen hat. Ich habe auseinandergesetzt, daß die unterste Region das Reich der Urbilder ist. Aber das ist bildlich zu verstehen; es ist ein Zustand. Da haben wir innerhalb dieser Welt anzutreffen die Urbilder für alles, was in der sinnlichen Welt uns entgegentritt. Ich habe gesagt, daß wir in der Geisteswelt geradeso innerhalb des Geistigen leben, wie wir innerhalb der Sinneswelt mit den Sinnen leben, und wir fühlen die geistige Welt so, wie wir die Sinneswelt mit den Sinnen fühlen, wie wir diese Sinneswelt hören und sehen und so weiter. Was in dieser irdischen Welt ein Gedanke ist, das ist in der geistigen Welt eine lebendige Wesenheit. Was als Gedanke durch unseren Kopf zieht, ist nur der Schatten einer geistigen Wesenheit. Diese geistige Wesenheit erscheint uns als Gedanke, weil sie durch den Schleier der physischen Körperlichkeit hindurchdringen muß. Der Mensch prägt seine Gedanken und Vorstellungen der Welt ein, und durch sie macht er die Erde vollkommener. In der geistigen Welt sind diese Gedanken Dinge, zwischen denen der Mensch wandelt. Und so, wie wir hier zwischen physischen Dingen wandeln, wie wir an sie stoßen und sie berühren, so wandeln wir im Geisteslande zwischen den Gedanken. Die Urbilder zu der Sinneswelt sind in der untersten Region des Geisteslandes zu finden. Da sind wir in der «Werkstätte», in welcher die sinnlichen Gegenstände «gemacht» werden. Wir sehen da die Urbilder der physischen Pflanzen-, Tier- und Menschenformen. Wir müssen uns Gedanken über das Gesehene machen. Diese Gedanken halten sich wie ein schattenhafter Schemen im Hintergrunde, und der Mensch glaubt nicht an die Realität der Gedanken, weil sie ein so schattenhaftes Dasein haben. Wie die Uhr so geschaffen ist, wie ihr Erfinder sie zuerst im Kopfe getragen hat, so ist jedes Ding geschaffen nach dem Gedanken, und das Gedankenwesen erscheint uns im Geisteslande.
[ 5 ] So also erscheint uns im Geisteslande die ganze sinnliche Welt, die wir hier sehen, in ihren Urbildern. Wir sehen dort alles, wie es gemacht wird, wir sehen, wie die Pflanze, das Tier hervorsprießt aus der tier- und pflanzenschaffenden Kraft. Wir lernen das, was hier ist, von einer anderen Seite zu sehen; wir sehen gleichsam das geistige Negativ gegenüber dem physischen Positiv. Wir treten in die Welt ein, deren Schilderung demjenigen, der kein Gefühl dafür hat, phantastisch erscheinen muß, die aber dem, dessen Sinne geweckt sind für diese Welt, unendlich viel wirklicher ist als die physische Welt. Sie ist die Urbilderwelt, die Welt der Ursachen. Da tritt mit uns eine geistige Wandlung ein, die sich immer mehr und mehr verstärkt, je mehr wir heimisch in dieser Welt werden.
[ 6 ] Die Wanderung durch diese Welt möchte ich Ihnen charakterisieren. Sie ist bedeutungsvoll, weil sie ein Licht wirft in diese Welt, ein Licht von unsagbarer Bedeutung. Unsere eigene Leiblichkeit, der Körper, den wir den unsrigen nennen, erscheint uns als ein Ding unter Dingen; er erscheint uns als der äußeren Wirklichkeit angehörig. Wir sehen, wie er entsteht und vergeht. So erscheint uns das Urbild unseres Leibes als ein Glied innerhalb der äußeren Wirklichkeit; wir fühlen uns ihm gegenüberstehend. Wir sagen nicht mehr zu dem Leibe «Das bin ich», sondern wir wissen, daß er der objektiven Wirklichkeit angehört. Und man lernt einen Satz der höchsten indischen Vedanta-Weisheit kennen, den Satz: Du mußt erkennen, daß du selbst ein Glied des ganzen Großen bist — «Das bist du.»
[ 7 ] Dasjenige, was unseren Leib aufbaut, sehen wir so, als wenn wir auf einen Felsen treten. Es ist etwas völlig Fremdes. Wir lernen aus der Erfahrung den Satz verstehen: «Das bist du». Und wenn wir diesen Satz üben, dann ist das nichts als die Erinnerung daran, was wir früher im Geisteslande erfahren haben. Wir bringen diese Erinnerung ins Bewußtsein herein und erleben einen schwachen Abglanz der Geisteswelt in der Körperwelt. Das entrückt uns aber der Sinnenwelt, das erhebt uns in höhere Sphären. Wir fühlen uns als geistiges Wesen; wir wissen, daß wir ein Glied des Urgeistes sind, gleichsam ein Strahl, der von ihm ausströmt. Das wissen wir aus unmittelbarer Erkenntnis.
[ 8 ] Der zweite Hauptsatz der Vedanta-Weisheit erfüllt sich ebenfalls unmittelbar in der ersten Region des Devachan: «Ich bin Brahman». Mit «Brahman» wird der Urgeist bezeichnet. Wenn der Mensch dahin gekommen ist, sich als ein Glied dieses Urgeistes zu fühlen, dann sagt er: In mir lebt der Urgeist, er selbst ist meine Wesenheit. — «Ich bin der Urgeist» ist eine unmittelbare Erfahrung, welche die Seele schon in der untersten Region des Geisteslandes macht. Das ist der Sinn des Lebens in der ersten Region des Devachan.
[ 9 ] Die zweite Region habe ich geschildert als diejenige, wo die Urbilder des gesamten Lebens auf unserer Erde sind. Wenn wir das Leben in unserer irdischen Welt betrachten, so finden wir dasselbe in einzelne Wesen gebaut, in Pflanzen, in Tiere und in Menschen. Das Leben dieser Pflanzen, Tiere und Menschen ist aber eine große, lebendige Einheit. Es stammt aus dem gemeinsamen Born des Lebens. Das Urbild desjenigen Lebens, das hier auf der Erde in seinem Abglanz lebt, das strömt dort wie ein Ozean durch alle Wesen des Geisterreiches. Der Okkultist weiß, daß dieses strömende Leben eine rosenrote Farbe hat, gleichsam wie ein rosenroter Ozean; als flüssiges Element durchströmt es alle Wesen des Geisteslandes. Dieses strömende, rosenrote, flüssige Leben durchzieht und durchpulst alles Leben des Geisteslandes. Wenn der Mensch die erste Region des Geisteslandes durchschritten hat, dann identifiziert er sich auf der zweiten Stufe mit diesem fließenden Leben. Dann lernt er das fließende Leben als seine Wesenheit kennen.
[ 10 ] Machen wir uns, um dies völlig zu verstehen, nochmals klar, was es für einen Sinn hat, [in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt] in diesen Regionen zu leben. Man lebt besonders lange in der ersten Region des Devachan. In der physischen Welt werden wir in ganz bestimmte, durch die physische Natur des Erdenkreises bestimmte Verhältnisse geboren. Wir werden geboren in einem Lande, in einer Familie, damit wir durch physische Verkettung diesen oder jenen Freund erwerben. Wir knüpfen, durch physische Verhältnisse veranlaßt, an etwas an, was den Inhalt des Alltagslebens ausmacht: das Leben in der Familie, das Leben im Stamm, in der Nation — das ist Karma. Alles, was aus physischen Verhältnissen stammt, das lernen wir in seinen Urbildern in der ersten Region des Geisteslandes kennen und beurteilen. Und die Fähigkeiten, die wir uns erwerben durch Üben im Familienleben, im Freundesleben und so weiter, die erfahren ihre völlige Durchbildung in der ersten Region des Devachan. Sie werden gesteigert und ausgebildet, so daß wir mit diesen gesteigerten und ausgebildeten Fähigkeiten zu einer neuen Verkörperung auf diese Erde zurückkehren können. Daher machen wir die Erfahrung, daß Menschen, die ihre ganze Aufgabe in den Verhältnissen des täglichen Lebens sehen, die nicht über die nächste Umgebung, über ihr Geschäft und so weiter hinauskommen, ein langes Leben in dieser ersten Region des Devachan haben.
[ 11 ] In der zweiten Region des Devachan halten sich diejenigen auf, welche schon eine gewisse Vorbereitung mitbringen. Diese wird geschaffen durch eine höhere Ausbildung innerhalb des irdischen Lebens selbst. Der Mensch lernt erkennen, daß die Dinge des irdischen Lebens vergänglich und nur Äußerungen ewiger Urgründe sind. Er lernt, die Einheit in allem Leben zu erkennen und zur Einheit verehrungsvoll aufzublicken. Wenn der einfache Wilde in den Gegenständen göttliche Eigenschaften sieht und sie als ein Sinnbild des Göttlichen betrachtet, so geht das schon über die alltäglichen Verhältnisse hinaus. In dieser Region lernt der Mensch erkennen das Schaffen und Wirken der Gottheit. Da sehen wir die Bekenner der verschiedenen Religionen ausbilden die devotionellen Gefühle, indem sie sich demütig, verehrend ihren Göttern nähern. Mit einem höheren Grade der Frömmigkeit erreicht der Mensch seine Verkörperung, nachdem er durch diese zweite Region hindurchgegangen ist. Menschen, die einen Sinn für die allem zugrundeliegende Einheit haben, sehen wir lange Zeit verweilen in dieser zweiten Region. Wir sehen sie sich einleben in die Einheit alles Seins, und wir sehen, wie diese Geister, wenn sie zurückkehren auf die Erde, führende religiöse Persönlichkeiten werden. Diese Menschen sehen, daß die Interessen des einzelnen nicht mehr getrennt werden können von den Interessen der Gemeinschaft. Dieser Sinn für das Gemeinschaftsleben wird in der zweiten Region des Devachan ausgebildet.
[ 12 ] Steigen wir auf in die dritte Region. Hier finden wir nicht mehr die Urbilder für das, was in dem irdischen Dasein lebt, sondern wir finden die Urbilder des seelischen Daseins selbst. Hier sind die Urbilder aller Begierden und Instinkte, aller Empfindungen und Gefühle und aller Leidenschaften, von der niedersten Leidenschaft bis hinauf zu dem höchsten Pathos. Für alles das gibt es rein geistige Urbilder, und die sind in der dritten Region des Devachan. Ebenso wie alles Leben in der zweiten Region, bildet in der dritten Region alles Empfinden, Fühlen, alles Leiden und so weiter eine große Einheit. Da sind die Instinkte des einen Wesens nicht getrennt von den Instinkten, die ein anderes Wesen hat. Da ist das «Das bist du» schon durchgeführt. Wir können nicht mehr — wie in den beschränkten Verhältnissen des Sinnendaseins — zwischen meinem Gefühl und deinem Gefühl unterscheiden. Das fremde Weh ist ebenso wie das unsrige. Wir vernehmen das «Seufzen der Kreatur». Wir nehmen wahr jede Lust und Unlust, ob es unsere ist oder ob es fremde ist. Wir sagen zu allem: Das bist du. — Wir fühlen mit allem mit. Ich habe diese Region beschrieben als die Atmosphäre, als den Luftkreis des Geisteslandes. So, wie unsere Erde umhüllt ist vom physischen Luftkreis, so ist der Geistkontinent umhüllt von diesem Luftkreis, von den Sphären des Wehes und des Unglücks, von den Urbildern der menschlichen Leidenschaften, wie von Stürmen und von sich entladenden, donnernden Gewittern. Leben wir in der dritten Region des Devachan, so lernen wir verstehen den Satz eines Inspirierten und erkennen, was es heißt, man vereinigt sich mit dem «Seufzen der Kreaturen, die da harren der Annahme an Kindesstatt». Das bildet in uns eine andere Seite des Empfindens aus, wir lernen das irdische Empfinden von einer anderen Seite kennen, nicht als egoistische Einzelempfindung, sondern so, daß wir den Sinn, das Mitgefühl für alle Wesenheiten ausgebildet haben in dieser dritten Region. Was wir in unserer Verkörperung an Selbstlosigkeit entfalten, an Wohlwollen gegenüber unseren Mitmenschen, das ist die Erinnerung an diese dritte Region des Devachan; das bringen wir mit aus dieser dritten Region. Philanthropen, die Genies der menschlichen Wohltätigkeit, bilden ihre Fähigkeiten dort aus; sie machen ein langes Leben in der dritten Region des Devachan durch.
[ 13 ] Wie verhalten sich diese drei Regionen des Devachan zu unserer irdischen Welt? In der ersten Region finden wir die Urbilder der körperlichen Dinge, in der zweiten die Urbilder des Lebens, in der dritten die Urbilder der seelischen Welt, der Triebe, Instinkte und Leidenschaften. Wir finden das, was wir brauchen, um innerhalb des irdischen Lebens zu wirken, im Geistesland.
[ 14 ] Die vierte Region ist eine Art reines Geistesland, aber nicht im vollen Sinne des Wortes. Wenn wir den Unterschied zwischen der vierten Region und den unteren drei Regionen verstehen wollen, so müssen wir uns klar sein, daß bei allem, was der Mensch an Schöpferkraft mitbringt in die physische Welt, er abhängig ist von dem, was schon auf der Erde vorhanden ist. Wir sind wie ein Töpfer, der seine Gedanken dem Ton einprägt. Indem wir Botschaften aus dem Geisterlande hier verwirklichen wollen, sind wir von dem Tone der irdischen Welt abhängig. Wir müssen uns demjenigen fügen, was schon geschaffen ist. Wir müssen studieren, was als physische Kraft und als physischer Stoff schon in der Welt existiert. Wir müssen uns an dasjenige halten, was unsere Mitgeschöpfe empfinden an Leid, an Lust- und Unlustempfindungen. Wir müssen uns mit dem, was wir mitbringen aus dem Geisteslande, richten nach dem, was wir hier antreffen. Wir schaffen da nur ein Abbild dessen, was im Geisteslande ist.
[ 15 ] In der vierten Region sind die Urbilder für das, was der Mensch als eine Art originale Werke innerhalb der Welt schafft, was er schafft über das Bestehende hinaus. Alles, was Kunst und Wissenschaft hervorgebracht haben, alles, was wir als technische Erfindungen kennen, alles das, was niemals da sein würde ohne den Einfluß des Menschengeistes, das ist als Urbild in der vierten Region des Devachan anzutreffen. Wer an den Kulturfortschritten seiner Zeit teilnimmt, an dem wissenschaftlichen Streben, an dem Ausbau staatlicher Einrichtungen, an der Vervollkommnung dessen, was frei aus dem Geiste geboren wird, was nicht an die Seele gebunden ist: sie alle sind befruchtet von dem, was sie in der vierten Region des Devachan erlebten. Dasjenige, was wir dort erfahren, prägen wir in die sinnliche Wirklichkeit ein und schaffen es dadurch um. Wenn wir uns fragen, ob diese vierte Region unabhängig ist von der irdischen Region, so müssen wir sagen: in gewisser Weise —, denn der Mensch, der aus ihr kommt, bringt etwas mit, was noch nicht da ist. Aber doch ist sie wieder abhängig, denn der Mensch kann immer nur auf einer gewissen Stufe der Vervollkommnung stehen, und er kann nur das ausgestalten, wofür die Menschheit reif ist. Die vierte Region des Devachan hängt mit dem irdischen Dasein so zusammen, daß sie auf der einen Seite frei, auf der anderen Seite aber doch wieder abhängig ist von einem gewissen [Stand des irdischen] Daseins.
[ 16 ] Wenn wir aufsteigen zur fünften Region des Geisteslandes, so sind wir völlig frei von den Fesseln des irdischen Daseins. Dann sind wir nach allen Seiten frei und entwicklungsfähig. Dann haben wir das Element zu unserer Umgebung, in dem unsere eigentliche, wahre, wirkliche Heimat ist. In dieser höheren Region erfahren wir die eigentlichen Absichten, die der Weltengeist mit der irdischen Entwicklung hat. Wir nehmen teil an den Absichten des Weltengeistes. Alle Dinge werden dann sprechend. Wir lernen, was der göttliche Weltengeist für ein Ziel für die Pflanzen, für die Tiere und für die Menschen hat; wir lernen kennen in vollkommener Gestalt dasjenige, wovon das Geschaffene nur ein unvollkommenes Abbild ist. Was wir erleben, sind die Absichten, die Intentionen, die Ziele — die Ziele, die aus dem Ewigen herausströmen, die lernen wir hier kennen. Und wenn wir, davon gestärkt und gekräftigt, zurückkehren in die physische Welt, dann sind wir Sendboten der göttlichen Absichten, dann vollziehen wir dasjenige, was als wahrhaft Geistiges, als unabhängiges Geistiges dieser Welt eingefügt werden soll.
[ 17 ] Nun können Sie sich leicht vorstellen, daß dasjenige, was aus dieser Region geschöpft werden kann, davon abhängen wird, wieviel das Selbst während seiner Verkörperung im physischen Leben schon entwickelt hat. Wenn der Mensch keine Anlage zeigt, sich zu den höheren Absichten aufzuschwingen, wenn er am Alltäglichen haftet und nicht erfassen kann das, was ewig ist, dann wird er nur ein kurzes Aufblitzen haben in der fünften Region des Devachan. Und derjenige, der innerhalb des irdischen Lebens wenig,am Irdischen hängt, der nachsinnt in freiem Denken über das irdische Dasein, wer ohne egoistisches Interesse Werke des Mitleids und der Wohltätigkeit übt, der hat in diesem Dasein sich die Anwartschaft erworben, längere Zeit zu verweilen in den höheren Regionen des Devachan. Das befähigt ihn, in höherem Sinne dasjenige auszubilden, was freie Geistestätigkeit ist. Hier strömt ihm dasjenige zu, was aus dem Ewigen, dem Göttlichen fließt. Hier nimmt das Selbst die Gedankenwelt, unbegrenzt durch die irdische Unvollkommenheit, in sich auf.
[ 18 ] Jede Inkarnation ist nur ein unvollkommenes Abbild dessen, was der Mensch eigentlich ist. Das geistige Selbst ist im Geisteslande, und indem es in den menschlichen Leib, in die menschliche Seele einzieht, kann es nur ein schwaches Abbild dessen verwirklichen, was es im Grunde genommen eigentlich ist. Wenn der Mensch heimkehrt in das eigentliche Selbst, in seine ursprüngliche Eigenheit, wenn er die fünfte Region kennenlernt, da weitet sich der Blick über seine eigenen Inkarnationen, da ist er imstande, seine Vergangenheit und seine Zukunft zu überschauen. Er erlebt ein Aufblitzen des Gedächtnisses über seine vergangenen Inkarnationen und kann sie in Zusammenhang bringen mit dem, was er in der Zukunft vollbringen kann. Er überschaut die Vergangenheit und die Zukunft mit prophetischem Blick. Alles, was er vollbringt, erscheint ihm wie aus dem ewigen Selbst herausfließend. Das ist das, was das Selbst sich erwirbt in der fünften Region des Geisteslandes. Deshalb nennen wir dieses Selbst, insofern es sich in der fünften Region auslebt und sich seiner eigenen Wesenheit bewußt wird, den Ursachenträger der menschlichen Wesenheit, der alle Ergebnisse des vergangenen Lebens in die Zukunft hinüberträgt. Das, was wiedererscheint in den verschiedenen Verkörperungen, das ist der Ursachenkörper, und zwar so lange, bis der Mensch übergeht zu höheren Zuständen, wo höhere Gesetze als die der Wiederverkörperung gelten. Seit dem Anfang des Planetenlebens unterliegen wir dem Gesetz der Wiederverkörperung. Der Kausalkörper ist dasjenige, was das Ergebnis eines früheren Lebens hinüberträgt in die kommenden Leben, was als Früchte genießt dasjenige, was in den vorhergehenden Leben erarbeitet wurde.
[ 19 ] Wenn durch eine Reihe von solchen irdischen Pilgerfahrten das eigentliche geistige Selbst oder der Ursachenträger im physischen Leibe sich verkörpert hat und nun im Geisteslande so lebt, daß er imstande ist, sich im Geisteslande so frei zu bewegen, wie der sinnliche Mensch sich zwischen den sinnlichen Dingen bewegt — denn das ist eine Erfahrung, die wir da machen: uns bewegen zu lernen in einer Weise, die viel initiativer und höher erscheint als innerhalb der sinnlichen Wirklichkeit —, dann rücken wir auf in die sechste Region des Devachan, dann erwerben wir uns die Anwartschaft, gewisse Zeiten zwischen zwei Leben in der sechsten Region zu verbringen. In der sechsten Region lebt das menschliche Selbst bereits seine tiefere Wesenheit des eigenen Innern aus; da lebt es das aus, was wir das Leben im Geistigen, im ewigen Selbst nennen. Da lebt es aus, was unmittelbar aus dem Borne des göttlichen Selbst schöpft. Da lernt der Mensch, so heimisch zu werden im Geisteslande, wie der physische Mensch heimisch ist in der physischen Welt. Die Gesetze der geistigen Welt werden ihm so vertraut, daß er sich als zu ihnen gehörig betrachtet. In dieser sechsten Region lernt der Mensch, daß er in diese physische Welt als ein Sendbote des rein Göttlichen kommt; er nimmt die Absichten für das, was er braucht, um in der physischen Welt zu wirken, nicht mehr aus der physischen Welt selbst; er vollführt die Pläne der göttlichen Weltenordnung selbst: er schafft aus dem Geistigen, er wirkt aus dem Geistigen. Er ist aber deshalb kein Fremdling auf der Erde, und er wirkt auch nicht wie ein Fremdling; er hat sich die freie Unbefangenheit in dieser sechsten Region erworben. Wenn er in der physischen Welt als Sendbote der geistigen Welt erscheint, so ist sein Werk umso fruchtbarer, weil er nicht an den Dingen dieser Welt hängt; und weil er sie vollkommen objektiv beurteilt, so wird er das Richtige tun. Seine Tat wird eine Tat der göttlichen Weltenordnung selbst sein, ein Ausdruck, eine Offenbarung der göttlichen Weltenordnung selbst.
[ 20 ] In dieser sechsten Region des Geisteslandes genießt der Mensch nun auch den Umgang mit jenen erhabenen Wesenheiten, von denen ich das letzte Mal gesprochen habe, welche mitwirken an dem Plane der göttlichen Weltordnung. Ausgebreitet ist ihr Blick über die göttliche Weisheit, offen und unverschleiert. Der Mensch, der sich bis zur sechsten Region entwickelt hat, kann da verstehen, was sie zu ihm sagen über den göttlichen Weltenplan. Kehrt er zurück auf den irdischen Plan, dann ist er befähigt, selbst die Richtung und die Ziele seines Lebens zu bestimmen. Dann handelt er aus sich heraus, er kann bewußt in die Zukunft wirken; dann ist er fähig, hier auf dieser Erde ein Eingeweihter zu werden. Derjenige, welcher befähigt ist, ein Eingeweihter zu werden, der hat sich erst durch die Taten, die nicht durch Egoismus mit dem Irdischen verbunden sind, sondern die er in selbstloser Aufopferung getan hat, die Anwartschaft errungen, um im Zwischenzustand zwischen zwei Verkörperungen in der Gegenwart der Geister zu leben und vertraut zu werden mit den Kräften und Schätzen des Geisteslandes. Kehrt er dann zurück in die Verkörperung, dann ist sein Gedächtnis offen für die früheren Verkörperungen, dann sieht er, daß er da und dort schon gelebt hat, und er bestimmt die Zukunft seiner nächsten Verkörperung — wenn auch nicht in allen Einzelheiten, denn das ist nicht zu bestimmen. Diejenigen, welche in dem Zwischenzustande zwischen ihren Verkörperungen im Geisteslande solches erlebt haben, die sind die Aspiranten für die Einweihung in die Mysterien; es sind die, welche aufgenommen werden in die Geheimschulen und dort die Weisheiten erfahren, welche sie der Welt zu verkündigen haben, damit sie den Weg des Fortschrittes gehe.
[ 21 ] Das sind diejenigen, die aus persönlicher Erfahrung bekräftigen können, daß die Lehren der Theosophie Wahrheiten und Tatsachen sind. Sie sind es aber auch, die die Pflicht haben, so oft und so gut sie es können, das, was sich ihnen als unumstößliche Wahrheiten ergeben hat, den anderen zu verkündigen und in ihnen anzufachen das hohe Gefühl und die Kraft, die den Menschen weiter hinaufleitet auf der Stufenleiter der Erkenntnis. Derjenige, welcher an die Wiederverkörperung zu glauben vermag, der weiß, daß sie etwas Mögliches ist, der hat schon die erste Stufe erreicht. Wer glaubt — wenn auch nur dumpf —, daß die Wiederverkörperung möglich ist, der kann erwarten, daß dieser Gedanke in ihm zur Erkenntnis der Wirklichkeit wird, denn der Glaube, der als lebendige Kraft in der menschlichen Seele wirkt, erzeugt Wunder in der Menschenseele. Wer nicht weiß, wie dasjenige wirkt, das aus geistigen Tiefen herauskommt, der nennt solche Menschen Schwärmer und Träumer, weil er sich nicht bewußt ist, daß sie aus einem viel tieferen Bewußtsein heraus schaffen als er selbst. Aber der Weltengang ist eine fortwährende Verkörperung dessen, was die Träumer und Idealisten gedacht haben.
[ 22 ] Die siebente Stufe kann nur derjenige erreichen, der in diesem Leben ein Eingeweihter gewesen ist, der den Sinn der Mysterien erfaßt hat, der mitwirken kann an dem Bau und an dem Plan der göttlichen Weltenordnung. Er tritt, nachdem er seine Aufgabe in den niederen Regionen verrichtet hat, unmittelbar in die höchste Region ein, woraus der Quell des Daseins kommt, wo alle Lebensimpulse und Daseinsströme fließen. Der Eingeweihte allein hat die Anwartschaft auf die siebente Stufe des Devachan oder Geisteslandes.
[ 23 ] Wir haben gesehen, daß die Aufgabe des Menschen in dieser irdischen Welt liegt, daß wir uns nicht von ihr zurückziehen dürfen. Aber was in dieser Welt liegt, das muß befruchtet werden von den Erfahrungen, die wir im Lande des Geistes machen und die wir als Botschaften erkennen, die wir im irdischen Leben auszuführen haben. Damit wir umso sicherer wirken können, müssen wir das Leben als eine Schule betrachten; wir müssen das Leben uns zu einer Lektion machen. Wir müssen erkennend betrachten, wie gleichsam die Strahlen des höheren Lebens hineinfließen in die irdische Welt. Darüber werden wir das nächste Mal weitersprechen.
