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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

18 July 1904, Berlin

45. Okkulte Forschung über die Evangelien

[ 1 ] Vor acht Tagen habe ich mir gestattet, die Ergebnisse der theologischen Leben-Jesu-Forschung im Umrisse vorzuführen, und wir haben gesehen, dass diese Leben-Jesu-Forschung, die auf der Untersuchung der geschichtlichen Denkmäler basiert, dass diese Forschung ins Ungewisse ausläuft, dass sie uns bis zu einem Zeitraume führt, der sehr weit abliegt und später ist als die angenommene Lebenszeit des Stifters des Christentums. So hat sich uns gezeigt, dass die historische, physische Forschung auf Grundlage der Wortgelehrsamkeit außerstande ist, etwas auszumachen über den Tatbestand, der sich bei der Gründung des Christentums abgespielt hat.

[ 2 ] Heute möchte ich Ihnen als Ergänzung dazu die Ergebnisse der okkulten Forschung vortragen, auch nur im Umriss, und ich bemerke, dass diese Ergebnisse für denjenigen, der imstande ist, sie zu prüfen, Tatsachen sind, die aber nur mit besonders ausgebildeten Fähigkeiten zu prüfen sind, mit Fähigkeiten, die aber nicht jeder hat, die infolgedessen leicht angezweifelt werden können. Was darüber zu sagen ist, wird nicht erst heute gelehrt. Was ich zu sagen habe, ist in den okkulten Schulen aller Zeiten seit der Begründung des Christentums gelehrt worden und am lebhaftesten in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Die Lehrer haben durchaus, wenn nicht wörtlich, aber doch getreu in dem Sinne gesprochen, in dem wir vom okkulten Standpunkte aus das Zeugnis des JohannesEvangeliums betrachten wollen. Schon der gelehrte Theologe Bunsen hat gesagt, dass mit dem Johannes-Evangelium das Christentum steht und fällt. Und wir haben geschen, dass die Buchstabengelehrsamkeit das Johannes-Evangelium zuerst ausgeschaltet hat und es nicht gelten lassen will.

[ 3 ] Dasjenige, was ich zu sagen habe, ist auch schon in den Schulen der ersten christlichen Jahrhunderte von demselben Gesichtspunkte aus gelehrt worden auf der Grundlage der sogenannten okkulten oder geheimen Methoden. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn diejenigen, welche aus den Schriften die Wahrheit des Christentums beweisen wollen, aus dem, was geblieben ist, wenn sie geschichtlich diese Wahrheit belegen wollen, zu keinem rechten Resultat kommen können, so wie andererseits auch heute noch der Okkultist nicht in der Lage ist, das Wichtigste, was er zu sagen hat, in Schriften niederzulegen. So ist es auch heute noch. Nicht die Evangelisten, noch ihre Nachfolger waren in der Lage, das Wichtigste mitzuteilen. Aber in den okkulten Schulen waren die Methoden erhalten geblieben, wodurch diese Wahrheiten gefunden werden konnten; sie wurden teilweise fortgesetzt, fortgepflanzt. Diese Wahrheiten sind teilweise den Schülern der okkulten Schulen ‹gezeigt› worden. Ich sage ‹gezeigt› worden, nicht ‹gelehrt›. Wer über solche Wahrheiten sprechen will, muss sie als Tatsache gesehen haben.

[ 4 ] Schon in den Schulen des Origines in Asien wurden drei Stufen des Aufstieges zu den okkulten Erkenntnissen anerkannt. Diese wurden bezeichnet durch die drei Worte: Reinigung, Erleuchtung und Einweihung. Wer die erste Stufe der Schülerschaft, die Stufe der Reinigung erlangt hatte, der konnte einsehen, wie sich die geschichtlichen Ereignisse abspielten. Er hatte die sogenannte historische Erklärung des Christentums. Wer weiter war, wer die Stufe der Erleuchtung erreicht hatte, der konnte einsehen, was Origines die Weisheitserklärungen nannte, der konnte einsehen jene Erklärungen, welche auf der Verbreitung moralischer Wahrheit beruht. Und wer die Stufe der Einweihung erreicht hatte, der konnte die sogenannte typische Grundlage des Christentums erreichen.

[ 5 ] Wenn wir das einmal erkannt haben, können wir das alles auch in den Schriften finden. Wer die Stufe der Reinigung erstiegen hat, wer nicht mehr imstande ist, von seinem Standpunkte, von seiner persönlichen Meinung zu reden, wer ganz zurücktreten lässt, was er will, was seine persönliche Meinung ist, lediglich sich zum Mundstück dessen macht, welcher zu ihm spricht in der astralischen Welt, der ist imstande, den geschichtlichen Verlauf auch ohne äußere historische Denkmäler zu sehen. Das ist das sogenannte Sehen in der astralen Welt, jenes Sehen, das ein ganz anderes ist, als das Sehen mit physischen Augen. In dieser astralischen Welt sind uns die Bilder aller Vorgänge im Spiegelbild erhalten, nicht in der Wirklichkeit. Diese Bilder der astralen Welt der Vergangenheit unterscheiden sich wesenhaft von den Bildern der physischen Welt. Sie haben Leben und handeln selbst, sie sind beweglich, sodass man auf diese Weise in der astralen Welt die Geschichte im tätigen Handeln vor sich abspielen sieht. Wer die Stufe der Reinigung erreicht hat, sieht gleichsam nur die Spiegelbilder der wahren inneren Vorgänge. Erst derjenige, der die zweite Stufe, die Stufe der Erleuchtung erstiegen hat, sieht weiter. Er sieht die Gedanken der Menschen, von denen sie beseelt waren, nachdem er sie im Bilde gesehen hatte. Und steigt jemand bis zur Stufe der Einweihung, dann sieht er eine noch viel höhere Welt, dann erkennt er die Intentionen, die Absichten, die in der Geschichte durch die Inkarnation der großen Individualitäten selbst herrschen.

[ 6 ] Das sind die drei Stufen, die der Initiierte zu ersteigen hat und von denen man auch geschichtlich eine Art von Abglanz erhalten kann, wenn man liest, was Gregorios Thaumaturgos über seinen Lehrer Origines sagt. Was er sagt, ist eine Schilderung, die mit einem höheren Enthusiasmus geschrieben ist über das, was Origines ihn gelehrt hat. Das, was sie geschrieben haben, ist so aufzufassen wie die Worte eines jener christlichen Schriftsteller aus dem dritten Jahrhundert, wie des Clemens von Alexandrien, welcher sagt: Ich weiß wohl, dass die Niederschrift meiner Erinnerungen schwach ist im Vergleich zu der Gnade, welcher ich gewürdigt wurde zu hören; aber es wird eine Erinnerung für denjenigen, den der Thyrsus traf. - Den Ausdruck «Thyrsus> weiß jeder Okkultist zu deuten. Jeder Okkultist kennt das Instrument; jeder Okkultist weiß, dass die Wahrheit mündlich überliefert wurde von Mensch zu Mensch, und dass das Tiefste nicht in den Schriften aufgezeichnet worden ist. Das mag Ihnen mit völliger Klarheit daraus aufgehen, wenn ich ausspreche, dass in dem, was sie geschrieben haben, die letzten Wahrheiten nicht aufgeschrieben worden sind; so können sie natürlich auch nicht darin gefunden werden.

[ 7 ] Ich habe mein Buch betitelt «Das Christentum als mystische Tatsache». Der Titel ist nicht umsonst gewählt. Jedes Wort ist da wichtig. Es soll nicht bloß der mystische Gehalt dargelegt werden. Es hat sich vielmehr darum gehandelt zu zeigen, dass die Tatsachen des Johannes-Evangeliums zwar mystische Tatsachen sind, dass sie aber deshalb doch auch historische Tatsachen sind. Es soll nicht das Christentum als mystisch gezeigt werden, als mystische Auffassung, sondern das Christentum als eine mystisch zu erklärende, aber historisch wirkliche Tatsache. Derjenige, den der Thyrsus traf, der kann zu den Urbildern dessen, was die Bücher erzählen, geführt werden. Hier knüpfen wir mit diesem Wort an etwas an, was ich das letzte Mal in Bezug auf die historisch-kritische Evangelien-Forschung gesagt habe. Ich habe gesagt, dass die Kritik das Markus-Evangelium hat gelten lassen, dass dieses Markus-Evangelium zwar viel später geschrieben wurde, dass es, wie die Kritik sagt, nicht von Zeitgenossen geschrieben worden ist. Von ihnen habe ich gleichzeitig gesagt, dass dieser Schreiber des Markus-Evangeliums so spricht, dass er die Orte, an denen sich die Ereignisse abgespielt haben, nicht schildert, dass ihm die Ereignisse, die Lokalitäten vollständig gleichgültig zu sein scheinen. Ich habe auch gesagt, dass das, was Markus verknüpft als Tatsachen, eine Art dichterische Komposition sei, dass also auch die zeitliche Folge nicht maßgebend sein kann. Deshalb gibt die Kritik zweierlei zu: dass wir nichts entnehmen können aus der Zeitfolge und nichts aus Lokalitäten und Orten.

[ 8 ] Wenn Markus sagt «der Berg, so ist das so, als ob es nur einen einzigen Berg gegeben hätte. Das zeigt uns, wie wir aus dem Historischen heraus das Okkulte zu suchen haben, das zeigt uns, wie sich das Wirkliche zu den Schattenbildern verhält. Niemals kann man das Schattenbild an der Wirklichkeit prüfen, aber es darf auch niemals das Schattenbild der Wirklichkeit widersprechen.

[ 9 ] Das ist auch eine Anforderung der okkulten Forschung, dass wir nie etwas vortragen, was der historisch-kritischen Forschung widerspricht. Aber diese Wertung hört auf, wenn wir das betrachten, was hinter dem Markus-Evangelium liegt. Von dem «Berge spricht Markus, und auch Matthäus spricht ähnlich in der Bergpredigt. Nur derjenige, der, wie Clemens von Alexandrien sagt, zu den Urbildern zurückgehen kann, der zur typischen Erklärung vordringen kann, nur der ist imstande, die Urbilder, das heißt das Raum- und Zeitlose zu finden.

[ 10 ] Die Evangelien sind nämlich alle in oder mit einer gewissen Geheimsprache geschrieben. Sie sind so geschrieben, dass sie zwar für die einfältigsten Menschen verständlich sind, dass es aber keinen Grad des Verständnisses gibt — er kann noch so hoch sein —, dass er nicht immer tiefere und tiefere Wahrheiten darin finden könnte. Derjenige, der weiß, was ein profanes Wort eigentlich in der Geheimsprache bedeutet, der kann den geheimen Sinn der Evangelien enträtseln. Wer nur liest, was am Anfang von dem steht, was wir die Bergpredigt nennen, der wird finden, dass da ganz im Allgemeinen etwas gesagt wird: Er setzte sich auf einen Berg und tat seinen Mund auf und sprach zu seinen Jüngern. Er sprach nicht zu dem Volke, er ging mit den Jüngern hinweg und sprach zu ihnen. Der Eingeweihte versteht das sofort, weil er weiß, dass die Worte «auf den Berg gehen» eine gewisse Bedeutung haben. Es heißt: in das Innere eines Heiligtums gehen, wo man geheime Lehren empfängt, sodass mit diesen Zeilen nichts anderes gesagt ist als: Jesus sah, dass dem Volke etwas gelehrt werden müsse; da führte er die Jünger in einen Tempel und setzte ihnen auseinander, was dem Volke nun überliefert werden sollte. - In uralten Traditionen lernte jeder Schüler, was seit urältesten Zeiten diese Worte bedeuten. Sie können die Religionsbücher aller Zeiten durchgehen, und Sie werden die Bedeutung dieser Worte «auf den Berg gehen» immer finden. Es ist notwendig, dass man diese Sprache wirklich erkannt hat, um Okkultes zu lernen.

[ 11 ] Heute will ich Ihnen vor allen Dingen einiges unter dem Gesichtspunkt aus der Geheimlehre anführen unter dem Gesichtspunkt, der uns in das Verständnis des Johannes-Evangeliums einführen und zu einem Verständnis führen kann. Die gelehrten Forscher haben sich die größte Mühe gegeben, das Johannes-Evangelium zu verstehen. Nun gibt es aber viele Punkte, die für die reine Wortforschung nicht zu verstehen sind. Ebenso wenig wie man verstehen kann, was «auf den Berg gehen» heißt, wird man noch andere Ausdrücke verstehen können. Sie können ganze Bände gelehrter Forscher durchgehen, so werden Sie finden, dass nur ein einziger, Betke, dem Sinne sehr nahe gekommen ist, aber nur nahe. Er müsste die Geheimsprache kennen. Dass aber jemand dem nahe gekommen ist, daran sehen Sie, dass der geheime Sinn in den Worten liegt.

[ 12 ] Ein Punkt, den ich noch berühren möchte, ist da, wo die Hochzeit zu Kana geschildert wird. Sie erinnern sich der Worte:

Am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen. Und da es an Wein gebrach, spricht die Mutter zu ihm: Sie haben nicht Wein. Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch saget, das tuet. [Joh 2,1-5]

[ 13 ] Hier muss es auffallen, dass nicht gesagt ist, wie die Mutter Jesu geheißen hat. Und was den Kern, die Hauptschwierigkeit ausmacht, ist, dass Jesus sagt: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?» Und die folgenden Worte: «Meine Stunde ist noch nicht gekommen.» Nehmen Sie dazu eine andere Stelle bei Johannes, wo davon geredet wird, wer die Kreuzigung mitangesehen hat. Vergleichen Sie das mit den anderen Evangelien, so werden Sie finden, dass dies dort ganz anders geschildert ist. Wenn Sie das nur im Johannes-Evangelium lesen, können Sie kaum einen Sinn damit verbinden. Ebenso ist es mit der Stelle bezüglich der Verteilung des Rockes:

Die Kriegsknechte aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegsknecht ein Teil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war ungenäht, von oben an gewirket durch und durch. Da sprachen sie untereinander: Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wess er sein soll, auf dass erfüllet würde die Schrift, die da sagt: «Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über meinen Rock das Los geworfen.» [Joh 19,24].

Es stand aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib und Maria Magdalena. [Joh 19,25]

[ 14 ] Es wird nicht von der Mutter Jesu gesagt, dass sie Maria heißt, ebenso wenig wie bei der Hochzeit zu Kana. Es heißt, die Schwester der Mutter Jesu hat Maria geheißen. Wenn man hier nach dem Wortlaut gehen wollte, müssten bei dem Kreuz zwei Schwestern gestanden haben, die beide Maria geheißen haben.

Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, dies ist dein Sohn.

[ 15 ] Lesen Sie das bei Johannes. Ein Jünger wird immer genannt: «ein Jünger, den er liebhatte». [...]

Da sprach er zu er Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem] he, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. [Joh 19, 26-27]

[ 16 ] Es wird uns also gesagt, dass am Kreuz der Jünger stand, den Jesus liebhatte, dass er ihn zum Sohne seiner Mutter gemacht hat und dass dieser Sohn die Mutter zu sich nahm. Das kann natürlich nur dieselbe Mutter sein, von der zu Kana in Galiläa gesprochen wird. Das hat den Erklärern die allergrößten Schwierigkeiten gemacht, und wir müssen uns fragen: Was steckt nun eigentlich dahinter? Was ist dazu zu sagen? Wir kommen nur darauf, die Evangelien richtig zu erfassen, wenn wir wissen, was in der Geheimsprache die Mutter einer geistbehafteten Persönlichkeit ist. Wir müssen uns klar sein darüber, von wem Jesus redet, wenn er von seiner Mutter spricht, und wir müssen diese Rede in dem Sinne auffassen, den wir in okkulten Schulen lernen.

[ 17 ] Derjenige, der als Initiierter in diese Welt kommt - sei er wie Buddha oder noch höher, wie Jesus, der Christus -, leitet seine Herkunft nicht aus dieser Welt her. Was in ihm lebt, stammt aus einer anderen Welt. Er ist der Bote einer anderen Welt. Er ist nur seinem physisch-zeitlichen Dasein nach geboren aus dieser Welt heraus, an einem bestimmten Ort. Wer als Initiierter die Welt berritt, hat im höchsten Grade dasjenige, was man Toleranz nennt. Niemals können Sie bei einem Initiierten auch nur eine Spur von dem finden, was irgendwie Intoleranz wäre. Wenn ein Initiierter irgendwo hingeht, um eine Lehre zu verkünden, wird er im höchsten Maße das Prinzip der Toleranz üben. Er wird niemandem etwas in seinem Gefühle zu Leide tun. Der Initiierte weiß, dass die Wahrheit bei allen Völkern gelebt hat. Er weiß, dass die Wahrheit in einer gewissen Gestalt überall vorhanden ist. Er weiß, dass die Welt fortschreitet, er betrachtet sich selbst als ein Werkzeug des jenseits der physischen Wirklichkeit gelegenen Weltengeistes, der die Welt ein Stück vorwärts zu bringen hat. Er führt die Menschen nicht dadurch, dass er eine sie verletzende Lehre verbreitet, sondern er verkehrt vor allen Dingen mit denjenigen, die nach Befreiung aus alten Banden lechzen, er verkehrt nicht mit Schriftgelehrten und Sadduzäern, sondern mit denjenigen, die im Sinne dieser Schriftgelehrten Sünder sind, die aber nach etwas lechzen, das erst in der Zukunft erscheinen soll.

[ 18 ] Diejenigen, zu denen er kommt, sind völlig verwachsen mit ihrem Volk, mit ihrer Zeit. Jesus kam zu den Juden, obzwar er nicht aus diesem Volke heraus geboren ist, und hatte unter ihnen zu wirken. Er hatte aus der Volkssubstanz das Höhere zu schaffen, das blühen sollte in der Welt. Aus drei Gruppen gingen seine Anhänger hervor. Die erste Gruppe waren diejenigen, die an das Judentum geknüpft waren, an die Gesetze, die er gekommen war nicht aufzulösen, sondern in voller Toleranz zu erfüllen. Das war das Volk, in das er seine Lehre wie ein Senfkorn hineinlegte, auf dass es aufgehen sollte. Die zweite Gruppe, wo er mit voller Liebe und Toleranz seine Lehre verbreitete. Das war diejenige Gruppe, die wegen seiner persönlichen Macht und seines persönlichen Einflusses an ihn glaubte. Das waren diejenigen, die ihm nahegestanden haben, die wussten, was sie an ihm hatten. Und eine dritte Gruppe gab es noch. Das waren diejenigen, die glaubten wegen der Taten, die er tat, trotzdem sie ihm nicht besonders nahestanden, die aber durch seine Erscheinung gefesselt waren, die daher in dem Augenblicke, wo diese Erscheinung heruntergezerrt war — nach der Kreuzigung — nicht mehr glauben konnten, bis sie Beweise hatten.

[ 19 ] Diese drei Gruppen waren es, zu denen er gesprochen hatte. Diese müssen im Sinne der Geheimsprache eine ganz bestimmte Bezeichnung haben. Die Zeit und das Volk, in die der Initiierte hineingeboren wird, die nennt er seine «Mutter». Mutter nennt er also das jüdische Volk. Wenn Jesus von «Mutter in Galiläa» gesprochen hat, so ist das jüdische Volk damit gemeint: Ihm zeigt er das Wasser des Alten Testamentes und den Wein des Neuen. Die Seelen, in die man eine Lehre legt, werden durch weibliche Persönlichkeiten dargestellt. Diejenigen, die ihm nahestanden, werden repräsentiert durch Maria, des Kleophas Weib. Diese hingen an Jesu wegen der persönlichen Beziehung. Die dritte Gruppe waren Personen, die Beweise brauchten. Jetzt wissen wir, dass Jesus einem anderen die Sendung aufgetragen hat, sich des judenchristlichen Volkes anzunehmen. Jetzt wissen wir, warum er zu der Mutter, dem Judenchristentum, sagt: Das ist dein Sohn! Das ist derjenige, der den christlichen Fortschritt zu tragen hat, das ist der Jünger, den er liebhat. Und jetzt wissen wir, dass der Jünger die Aufgabe aufnahm. Das bezieht sich auf die Worte: Und von der Stunde an nahm er die Mutter zu sich. Das heißt, er war derjenige, der aus dem Judentum das Christentum entwickeln sollte.

[ 20 ] Ein Wort bleibt noch unverständlich, das Wort: «der Jünger, den Jesus liebhatte». Da müssen wir erkennen, wer der Jünger ist. Das Wort bedeutet: Den Betreffenden hat Jesus selbst eingeweiht. Man sieht daraus, der Meister ist dieses einen Jüngers Freund - er hat ihn lieb.

[ 21 ] Das Lazarus-Wunder finden Sie in meinem Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» näher erklärt. Nur Andeutungen kann ich hier geben für das, was dieses Lazarus-Wunder ist. Derjenige, der weiß, wie die Einweihungen vollzogen worden sind, weiß, wie die dreitägige Prozedur der Grablegung stattgefunden hat, er weiß, dass nach drei Tagen die Auferstehung war, der liest in der Auferweckung des Lazarus die Geschichte der Initiation, der liest selbst in den einzelnen Worten genau die Schilderung einer Initiation. Nichts anderes ist da geschehen, als dass der Christus, der Meister, den Lazarus initiiert hat, das heißt, er hat dessen niedere Persönlichkeit sterben lassen und nach drei Tagen seine höhere Persönlichkeit auferweckt. Lesen Sie auch die Worte: «Ich bin die Auferstehung und das Leben.» Wenn Sie diese Worte richtig zu lesen verstehen nach dem Geiste, der lebendig macht, so werden Sie finden, dass Lazarus ein Auferweckter im Sinne des Christus war. Sie finden da, wo das Lazarus-Wunder erzählt wird, auch wieder den Ausdruck Jesus hatte Lazarus so lieb».

[ 22 ] Wie kommt es nun aber, dass das Lazarus-Wunder sich nur im Johannes-Evangelium findet? Wie kommt es, dass im JohannesEvangelium diesem Lazarus-Wunder eine so große Bedeutung beigelegt wird? Und wie kommt noch etwas anderes, was Sie auch bemerken müssen, wie kommt es, dass der Jünger, den Jesus lieb hatte, erst nach dem Lazarus-Wunder auftritt? Lesen Sie von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet das Johannes-Evangelium, und Sie werden zwar nicht einsehen können, aber Sie werden es demjenigen, der es wissen kann, glauben, dass dieses Lazarus-Wunder des Jüngers, den Jesus lieb hatte, ein Selbstbekenntnis ist für etwas, das Johannes selbst erlebt hat. Damals ist er der erweckte Jünger geworden, den Jesus lieb hat. Dieses Selbstbekenntnis weiß derjenige zu würdigen, der den Stil solcher Darstellungen der uralten Zeiten kennt, wo sie nicht niedergeschrieben wurden, aber immer und immer wieder von den Lehrstühlen verkündigt worden sind. Solche Selbstbekenntnisse, dass der oder jener einem lieb war, finden Sie nicht sehr oft. Das ist der Grund, warum das Wunder nur im Johannes-Evangelium erzählt wird, eben weil es ein Selbstbekenntnis ist. Das ist auch der Grund, warum im Johannes-Evangelium das Tiefste erzählt wird, nämlich das Jesu-Leben selbst. Das ist auch der Grund, warum derjenige, der es ursprünglich gelebt hat - nicht der Schreiber -, es am besten gewusst hat. Lesen wir das Johannes-Evangelium typisch, und entziffern wir darin den tieferen Sinn.

[ 23 ] Es ist nicht zu verwundern, dass die christlichen Kirchenlehrer, die damaligen Gelehrten der ersten Jahrhunderte, nicht müde wurden, gerade das Johannes-Evangelium zu interpretieren; gerade dieses Johannes-Evangelium wollten sie verstehen. Wenn man weiß, dass der Jünger, den Jesus lieb hatte, die Mutter zu sich genommen hat, dann versteht man auch den Anfang:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. [Joh 1,1]

[ 24 ] Das ist aber nur dem okkulten Forscher klar; ihm aber ist es ganz klar. Bekanntlich steht an der Stelle, wo die deutsche Übersetzung das ‹Wort› hat, der Ausdruck ‹Logos›. Im Anfang war der Logos. Was ist nun der Logos? Der Begriff des Logos, wie er hier gemeint ist, ist schwer zu verstehen. Er hat einen uralten Ursprung. Nun ist es zwar richtig, dass das Johannes-Evangelium, so wie es uns vorliegt, eine starke Nuance griechischer Schriftstellerei hat. Wer es aber genau prüft, wird auf der anderen Seite wieder sehen, dass der Schreiber des Johannes-Evangeliums wohl das eingehalten hat, was es ursprünglich war, nämlich ein von dem Jünger, den der Meister lieb hatte, geschriebenes Buch, ein Buch, welches darstellen sollte, dass dieser Jünger die Mutter Jesu zu sich genommen hat. Da muss man freilich die tiefere jüdische Lehre kennen. Diese tiefere jüdische Lehre finden Sie nicht bei Pharisäern und Sadduzäern. Sie finden sie eher noch bei den Sadduzäern. Sie finden sie aber bei einer großen Persönlichkeit in Alexandrien. Sie finden da aber auch die Lehre vom Logos. Dieses Wort ist aber auch nicht in Alexandrien entstanden. Dieses Wort können Sie zu allen Zeiten verfolgen. Ich möchte nur an ein paar Beispielen klarmachen, was der Mensch von damals mit dem Worte Logos für einen Begriff verbunden hat. So wie das Wort uns vorliegt, ist es nur ein griechisierter hebräischer Begriff. Weil Platon in seiner Lehre den Logos angenommen hat, hat man gesagt, dass er ein attisch redender Moses sei. Wir dürfen uns nicht wundern, dass wir die Logoslehre in einer etwas griechischen Gestalt vermittelt erhalten.

[ 25 ] Gehen Sie zu der uralten Lehre der Inder; da werden Sie zu dem Urgesetz kommen. Das ist alles, was zu den Veden gehört. «Veda heißt nichts anderes als «das heilige Wissen, und Wissen bedeutet für all diese alten Zeiten etwas, was von Gott selbst stammt. Die Bedeutung dieser Auseinandersetzung würde uns aber zu weit führen. Der bedeutendste Teil der Veden ist der Rig-Veda. ‹Rig› heißt das ‹Wort›, und die Lehren des Rig-Veda wurden so vorgestellt, dass die großen Lehrer sie von Gott selbst empfangen haben. Es ist das Wissen, und dieses Wissen wurde im Rig-Veda niedergeschrieben. Es ist das Wissen, das den Rishis geoffenbart worden war. Auch bei den alten Indern ist das Wort schon so verstanden worden, dass nicht bloß das Wort ist, das gesprochen wird, sondern das, wodurch das Wort gemacht ist. Wie durch den Schall das Wort geschaffen wird, so wurde durch das Wort auch das Universum gebildet.

[ 26 ] Wenn wir zu den Persern kommen, so finden wir da das heilige Buch der Perser, das

[ 27 ] Und gehen Sie nach Babylonien, so werden Sie wieder finden, dass da ein Buch ist — «Buch» ist ungefähr dasselbe wie Wort, die Lehren wurden damals mündlich fortgepflanzt -, Oanes, das den alten Priestern geoffenbart hat alles, was sie zu ihrer religiösen und weltlichen Kultur brauchten. Wenn Sie zu all diesen Völkern und ihren Religionen zurückgehen, so werden Sie den Begriff des Wortes finden. Sie werden finden, dass der Begriff des Logos bei Ihnen vorhanden ist, genauso wie er im späteren, geheim gelehrten Judentum vorhanden ist. Aber Sie werden dabei eines finden, dass bei all diesen alten Völkern, die den Begriff des Logos vor dem Judentum anwenden, dieses Wort Logos etwas viel Lebensvolleres hat, und dass es im Judentum zu etwas Abstraktem wird. Der Perser stellte es sich so vor, dass das Wort verkündigt dem Magier von lebendigen Wesen, von Engeln, Devas. Sie sind die Träger des Wortes. Die Devas sind es, welche bei den Indern das Wort in die irdische Welt hineintragen. Da wird dann noch der Bote mitgedacht. Es ist das lebendige Wort, welches ausgesprochen wird von Gott und hinuntergebracht wird zu den Menschen durch göttliche Sendboten, durch Devas oder Engel. Ähnlich ist es auch bei den Babyloniern. Alles, was sich zwischen Gott selbst und den Menschen schiebt, ist durch eine besondere Mission der Weltgeschichte, die volle Berechtigung hat, im jüdischen Bekenntnis ausgelöscht.

[ 28 ] Das jüdische Bekenntnis löscht den vertraulichen Umgang mit all den Mittelwesen aus, welche zwischen Gott und dem Menschen stehen. Gott wird zu dem jenseitigen Jehova, von dem sich niemand ein Bild machen darf, und das, was der Mensch von ihm wissen darf, ist das Gesetz, das er gegeben hat. Das ist der Logos, der nur zu einer Vorstellung im Menschen werden kann; das ist der ganz abstrakte, schemenhaft gewordene Logos. Dieser Tatbestand liegt vor. Aus dem Judentum mit seiner Auffassung der Logos-Lehre und der Gesetzeslehre heraus hatte der Jünger, den Jesus lieb hatte, die Wahrheit zu verkünden: dass dieser Jesus, der da gelebt hat unter seinen Jüngern, selbst der Bote, der Sohn Gottes war. Mit anderen Worten: Wie früher Devas, Engel und so weiter Träger des Wortes waren, so ist es jetzt so geworden, dass der Christus gewordene Jesus das Fleisch gewordene Wort war. Schwer war es in jener Zeit, da in der folgenden Zeit der Zusammenhang mit den Mittelgliedern zwischen Mensch und Gott verlorengegangen war, dieses verständlich zu machen: Der Logos war Fleisch geworden, der Logos war Gott selbst.

[ 29 ] Wir sehen, dass bis ins dritte Jahrhundert hinein eine Sekte sich gebildet hat, die entschiedener Gegner des Johannes-Evangeliums war. Sie nannten sich Alogoi; sie wollten nichts wissen davon. Diese Alogoi bestanden schon im zweiten Jahrhundert, und das JohannesEvangelium hatte damals viele Gegner. Woher kommt es, dass das Verständnis für das Johannes-Evangelium verlorengegangen ist? Das begreifen wir nur, wenn wir uns klar machen, wie sich der Mensch in früherer Zeit zu seinen Göttern gestellt hat. Brahma und die anderen Götter, sie waren nichts anderes als das, was in der Welt und mit der Welt lebt; sie waren genau das, was sich in jedem Einzelnen Ding und vor allem in jedem einzelnen Menschen kundgibt. Zwar ist der Mensch ein schwaches Wesen, aber der Mensch entwickelt sich höher und höher, und der Gott, der in dem Worte ist, kommt immer mehr und mehr zum Ausdruck.

[ 30 ] Das ist kein Pantheismus, kein verwaschener Gottesbegriff, auch keine Leugnung des Gottes, sondern ein Begriff, so erhaben, wie er nur erhaben sein kann. In einer Benennung ist es noch erhalten, in «Pontifex maximus, der Brückenmacher, der Priester. Und warum das? Weil er ein entwickelterer Mensch sein musste, ein solcher, der das innere Selbst schon eine Stufe [höher] hatte als die anderen, ein Mensch, der eine höhere Entwicklung erreicht hat. Wer zu forschen versteht, kann es schon geschichtlich belegen, dass die alten Götter der Griechen ursprünglich Menschen waren, Menschen, die ursprünglich gelebt haben und die so vorgestellt worden sind, dass sie sich zu einer höheren Stufe der Göttlichkeit hinaufgearbeitet haben. So war es auch bei den Persern. Auch sie hatten Wesen wie die Devas und Engel, welche graduell verschieden waren, die aber eine Stufe weiter führten — hinauf.

[ 31 ] Auch der Mensch konnte göttlich werden. Er konnte hinauf gelangen zu der Stufe, wo sich in seiner eigenen Brust das Wort enthüllt; da gab es für denjenigen, der sich soweit entwickeln konnte, eine Vereinigung des Logos in seiner eigenen Brust mit dem Logos draußen. Er konnte aufsteigen mit dem Logos-Bewusstsein. Er konnte es erreichen, dass der Logos selbst Fleisch wird. Das war eine Vorstellung, die die Völker damals verstehen konnten. Sie konnten verstehen, dass durch eine weitergehende Entwicklung das Bewusstsein des inneren Wortes erhalten werden kann, das Wort, durch das alle Dinge gemacht sind, das bei Gott war ursprünglich, welches das Leben der Menschen wie das Leben der ganzen Welt war - und dieses Wort wurde das Licht des Menschen. Es leuchtete im Innern des Menschen auf, und die es aufnahmen, wurden genannt «Kinder Gottes.

[ 32 ] So sehen Sie, dass im Johannes-Evangelium anklingt, dass im Menschen der Logos bewusst werden kann und dass jene, welche sich dieses Zustandes bewusst werden können, Söhne Gottes genannt werden. Deshalb sagte er an anderer Stelle: Ihr seid Götter —, und er erklärt damit, warum er sich einen Sohn Gottes nennt. Wenn wir das festhalten, so hatte Johannes zwei Dinge zu geben, erstens dass das uralte Bewusstsein, dass der Mensch ein Gottesbewusstsein in sich hat, zum Ausbruch kommen, zum Erlebnis werden kann, und zweitens, dass derjenige, der in Palästina gelebt hat, die Offenbarung desselben Logos war, der in jedem Menschen lebt im Allgemeinen und der als Logos unter die Menschen gekommen ist. Von ihm hatte man zu begreifen, dass er an diesem ausgezeichneten Ort und zu der ausgezeichneten Zeit zum Logos geworden ist.

[ 33 ] Nur den Logos verstanden sie, mit dem sie aber keine Verbindung mehr wussten. Und weil sie die Verbindung mit dem Menschen nicht mehr wussten, deshalb wurde es ihnen schwer, den Logos, der Fleisch geworden ist, zu verstehen. Es musste daher der griechische Standpunkt, der die Vergöttlichung des Menschen im eigenen höheren Dienst entwickelt, und der von dem alexandrinischen Christentum vermittelt werden. Davon musste der Ausgang genommen werden. Diese zwei Dinge mussten verknüpft werden. Der Logos, der sich nur als Gesetz offenbaren kann, der musste vermittelt werden mit dem ursprünglichen Logos-Begriff. Wenn Sie das festhalten, so werden Sie begreifen, dass zwei Strömungen notwendig sein mussten im ursprünglichen Christentum.

[ 34 ] Die eine war diejenige Strömung, welche noch nicht entfremdet war dem ursprünglichen Begriff des Logos-Bewusstseins, welche festhält, dass die Entwicklung des Menschen gerade hinaufführt zu der Göttlichkeit und dass der Logos zu begreifen ist. Diese stand neben der anderen Strömung, welche den Logos in blauer Ferne sah, die den Logos nur als eine Offenbarung von außen ansehen konnte und die daher schwer verstehen konnte, dass der Logos Mensch geworden ist. Für diese zwei Strömungen mussten andere Begriffe geschaffen werden, sodass dieser eine Logos «Jesus wesenseins gewesen sei als Mensch mit dem Logos als Gott. Nur dadurch konnte ein Verständnis herbeigeführt werden. Diese beiden Strömungen lebten nebeneinander. Man kann sagen, die eine Strömung verstand das Johannes-Evangelium, die andere verstand es weniger. Sie hielten zwar auch daran fest, aber sie interpretierten es anders. «Denen gab er Macht, «Gottes Söhne zu werden» — das wurde nicht verstanden. Das hatte aber Arius auf dem Konzil zu Nicäa zu vertreten. Er vertrat die Wesenseinheit des Logos mit Jesus und den Keim des Gottes im Menschen. Die andere Strömung machte das Wort des Fleisch gewordenen Gottes zum Dogma und zum Bestandteil der Dreieinigkeitslehre, welche etwas ganz anderes geworden ist, als ihre ursprüngliche Bedeutung war. Diese Strömung suchte die Offenbarung in ein solches Licht zu rücken, dass nur die Kirche sie vertreten konnte, da sie über alle menschlichen Verstandeskräfte hinausgehe. Auf dem Konzil von Nicäa wurde das Johannes-Evangelium falsch angenommen gegen die arianische Auffassung.

[ 35 ] Seit dem Mittelalter hat die Scholastik gelehrt, frei von aller sinnlichen Erfahrung zu denken, aber auch noch selbstlos, hingebungsvoll an einem vorhandenen Wort mit Treue zu hängen und nicht eigensüchtige Kritik und den eigensüchtigen Verstand geltend zu machen. Das ist etwas, was Jahrhunderte hindurch der christliche Denker hingenommen hat, eine Schulung, die gut war, eine Schule in hingebungsvollem Denken. Das verstehen diejenigen nicht, die heute - ohne sie zu kennen - über die Scholastik abfällig reden und sie verachten. Wer die Scholastik kennt, der weiß, was hier an selbstlosem Denken geleistet wurde, wo der Betreffende nicht sagt: «Ich, ich habe das gefunden, ich bin berufen, hier unbedingt eine Überzeugung zu finden!», sondern wo er sagt: «Was bin ich, wer ist es und was ist es, wenn ich da denke, wenn die Lehre vom Geist gegeben war». Da wurde aller selbstsüchtige Intellekt hingeopfert für die Erkenntnis einer Lehre, die selbstlos sich der Wahrheit hingab. Dazu musste uns die Überlegung führen, dass unser Geschlecht uralt ist, dass die Menschen immer und immer gedacht haben, und dass nicht auf uns gewartet worden ist, auch nicht auf das, was wir vorbringen werden.

[ 36 ] Lernen wir in den Schriften der Väter forschen, dann werden wir uns reif machen, die wahre Gestalt immer mehr und mehr zu erkennen. Ein demütiges Wahrheitssuchen ist es, was die Bewegung der Theosophischen Gesellschaft, die die Erforschung des JohannesEvangeliums heben will, überall will. Wir wissen, dass das Devotionelle in unserer Zeit besonders fehlt. Diejenigen, die für diese Strömung sprechen, wissen, dass sie es selbst gelernt haben in ihrem Suchen nach Wahrheit: demütig zu sein, devotionell zu sein. Das ist ein Erlebnis, das nicht einer, sondern viele durchgemacht haben. Sie haben sich die Wissenschaft zu ihrer eigenen gemacht. Sie haben die Wahrheit da und dort gesucht, in der Naturwissenschaft, in der Philosophie, in der Geschichtswissenschaft. Sie wissen die Methoden, die da und dort befolgt werden. [...]

[ 37 ] Wer aber, ich möchte sagen, das Glück hatte, etwas tiefer zu gehen, der weiß, dass in der Wissenschaft unserer Tage - sei es Philosophie, Naturwissenschaft, Medizin, Theologie und so weiter -, derjenige, der sie in sich aufgenommen hat, nicht mehr glaubt: «Ich bin berufen zu entscheiden.» Wenn wir demütig geworden sind, dann lesen wir noch einmal das Buch des Johannes-Evangeliums, dann werden wir finden, dass manches zwar anders abgeschrieben ist von dem Schreiber, als es war, aber man dachte es durch nach materialistischen und auch höheren Gesichtspunkten und fand, dass wir den Sinn nicht auf unserem Plane finden. Das ist nicht so, als wenn ich rhetorisch etwas schön sagen wollte, sondern ich spreche das unter voller Verantwortung im Sinne derjenigen, die die heutige Wissenschaft aufgenommen haben, und dann, nachdem sie das getan, sich vertieft haben in dieses Buch der Weisheit, in dieses Buch der Wahrheit. Da haben sie eines gefunden, sie haben gefunden, dass, als sie daran gingen, dieses Buch zu studieren, ihnen die Wahrheit in einer hohen Form entgegenströmt, und dass alle ihre Gelehrsamkeit der heutigen Zeit ihnen nur dienen kann, die Glorie dieser Wahrheit in sie einströmen zu lassen. Aber das ist noch nicht alles. Es kommt dazu, dass für die, welche solche Erlebnisse haben, ein Neues sich einstellt, dass sie sich bewusst geworden sind, dass - sooft sie wieder zum Johannes-Evangelium zurückkehren, dass sie jedes Mal gestärkt und gekräftigt worden sind. Wenn sie so vom Johannes-Evangelium zurückkommen, dann bekommen sie das Gefühl, dass die Wahrheit, die darinnen liegt, ein Unendliches ist, dass es etwas ist, das von unendlicher Tiefe ist. Und sie sagen sich: Hier bin ich ein Anfänger, auch die Fortgeschrittensten unserer Tage sind hier Anfänger. Sie haben es erlebt, dass sie Anfänger sind. Das gibt einen Offenbarungsbegriff, nicht in dem Sinne des Mittelalters, aber einen solchen, der das Tor zur Wahrheit, die Pforte zur Wahrheit — wie Jesus gesagt hat —, ein Quell der Wahrheit ist. Das Johannes-Evangelium ist einer der Führer. Dies zum Grundsatz zu machen und es in weitesten Kreisen wahr zu machen, das ist die Aufgabe des Johannes-Evangeliums und der Johannes-Gesellschaft. Jemand, der weiß, was hier zu suchen ist, was hier zu lernen ist, der darf aus vollem Herzen sich dieser Johannes-Gesellschaft und diesem Studium des Johannes-Evangeliums anschließen.