Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

25 July 1904, Berlin

46. Evangelien und Einweihung

[ 1 ] Das Evangelium des Markus war vorhanden Jahrhunderte bevor das Christentum begründet worden ist. Es ist nichts anderes als eine uralte Initiationsurkunde darüber, wie man in Indien, in Mittelasien und in den iranischen Gegenden initiiert worden ist, wie man aufgestiegen ist zu den okkulten Erkenntnissen, sich angeeignet hat das höchste Wissen, wie man ein Eingeweihter, ein Sonnenläufer geworden ist, wo man eingeweiht worden ist bis zu dem, was man die Himmelfahrt nennt. Das stand in diesen Initiationsurkunden.

[ 2 ] Sie waren nicht in dieser oder jener Sprache geschrieben, sie waren sogar sehr selten überhaupt geschrieben. Aber aufbewahrt waren sie in einer unvergänglichen Sprache, in der gemeinsamen Sprache aller Okkultisten, in einer symbolischen Sprache. Um sie zu verstehen, müssen okkulte Studien gemacht werden. Diese Initiationsurkunden waren streng geheim gehalten durch die Jahrtausende herauf. Sie waren geheim gehalten sowohl von den Priestern Ägyptens wie auch von den Druidenpriestern in Europa. Das geschah auch deshalb, weil sie niemand etwas nützen konnten. Nur dem, der sie verstehen konnte, konnten sie etwas nützen.

[ 3 ] Nun spielte sich auf dem Schauplatz der Geschichte eine historische Tatsache ab, die wir Taufe, Leiden, Sterben und Auferstehung des Christus Jesus nennen. Diese äußerlich zum Ausdruck gekommene Tatsache ist zugleich eine mystische Tatsache. Sie ist etwas, was man als historische Tatsache nur verstehen kann, wenn man versteht, was diese bestimmte Einweihung ist, die in der Initiationsurkunde stand, von der ich gesprochen habe. Mit anderen Worten ausgedrückt, ist dasjenige, was sich in den Jahren 30 bis 33 abgespielt hat als das Leiden und Sterben Christi, etwas, was sich unzählige Male im Innern der Tempel abgespielt hat. Der Vorgang wurde zu einem typischen Bild für alle, nachdem jemand die Stufenreihe der Entwicklung auf ein äußeres Ereignis übertragen hatte.

[ 4 ] Die ersten Lehrer des Christentums traten daher etwa in der folgenden Weise vor diejenigen hin, denen sie Unterricht geben wollten: «Für euch und um euretwillen hat sich ein großer geschichtlicher Prozess abgespielt. Dies könnt ihr aber nur verstehen, wenn wir euch das Leben im Innern der Tempel erzählen.» - Und nun erzählten sie ihnen predigtweise, wie man initiiert wird. Das, was sich sonst symbolisch im Innern der Tempel abgespielt hatte, wurde jetzt erzählt, damit die, welche nicht sehen konnten, nun glauben konnten.

[ 5 ] Nachschriften davon sind solche Urkunden wie das MarkusEvangelium. Nun habe ich Ihnen dargestellt, wie sich zu alledem das Johannes-Evangelium verhält. Johannes stellte sich als der eigentliche Testamentsvollstrecker Christi dar. Die Worte, die Jesus am Kreuze sprach, sind nicht ohne Bedeutung. Er übergibt der Mutter den Jünger, den er lieb hat. Und der Jünger, den Jesus lieb hatte, war, nach den Aufzeichnungen der Akasha-Chronik, der von Jesus eingeweihte Lazarus. Damit stellt sich das Lazarus-Wunder als ein Initiationsvorgang dar. Das heißt nichts anderes, als dass er der Jünger war, der eingeweiht worden ist, der also auch das Tiefste, was zu sagen ist, sagen kann. Deshalb ist das Johannes-Evangelium das tiefste und deshalb ist es auch eine Botschaft geworden, deren Erklärung kein Ende nehmen kann. Immer tiefer dringt man, immer neue Punkte findet man, selbst der Gelehrte.

[ 6 ] Wir finden da die Verwandlung des Wassers des alten Bundes in den Wein des neuen Bundes. Die «Mutter» bedeutet das jüdische Volk›, dem Jesus das Wasser in den Wein des neuen Christentums verwandelt. Darin liegt auch der Grund, warum das Johannes-Evangelium als das eigentlich okkulte angesehen worden ist. Vom 13. Kapitel ab ist es nicht nur verstandesmäßig zu begreifen, sondern jeder Satz, der da steht, ist außerdem erfüllt mit okkulter Kraft.

[ 7 ] Namentlich von den Schülern der Rosenkreuzer ist das JohannesEvangelium als Lebenselixier betrachtet worden. Von der Fußwaschung an ist der ganze Inhalt mystisch zu erleben. Wer ihn auf den ganzen Menschen anwendet und lebendig sich damit durchdringt, der wird etwas in sich erleben und dann verstehen, dass vieles in dem Evangelium ohne dieses Erlebnis gar nicht verstanden werden kann. Jeder Mensch kann jeden einzelnen Satz mystisch durchmachen und durchleben. So ist die Stellung des großen Lehrers aufzufassen, der im Beginne des Christentums steht. Das Neue an dem Christentum war, dass durch dasselbe offenbar geworden ist, was früher Mysterienweisheit war.

[ 8 ] Ein Grunderlebnis des Theosophen ist die Devotion. Dass der Jünger Jesu in das Grab hineingeht, um zu sehen, ob er da ist oder nicht, ist nicht das Wichtige. Wichtig ist dabei das Getragensein von Devotion. Es gibt keinen Pfad, der nicht durchsetzt wäre von Devotion. Und je weiter man auch auf dem Erkenntnisweg vorwärtsdringt, umso mehr wird man sich auch Devotion aneignen müssen. Man wird immer devotioneller und devotioneller werden. Aus dieser Devotion fließt dann die Kraft zu den höchsten Erkenntnissen. Wer es dazu bringt, darauf zu verzichten, seine Gedanken zu verbinden, der gelangt zu dem Lesen der Schrift in der Akasha-Chronik. Eines ist aber dabei notwendig: das persönliche Ich so weit ausgeschaltet zu haben, dass es keinen Anspruch darauf macht, die Gedanken selbst zu verbinden. Es ist gar nicht so leicht, das zu verstehen, denn der Mensch macht darauf Anspruch, das Prädikat mit dem Subjekt zu verbinden. Solange er das aber tut, ist es ihm unmöglich, wirklich okkulte Geschichte zu studieren. Wenn er in Selbstlosigkeit, aber auch in Bewusstheit und Klarheit die Gedanken aufsteigen lässt, dann tritt ein Ereignis ein, welches von einem gewissen Gesichtspunkte aus jeder Okkultist kennt, nämlich das Ereignis, dass sich die Vorstellungen, die Gedanken, die er früher nach seinem persönlichen Standpunkte zu Sätzen, zu Einsichten geformt hat, jetzt durch die geistige Welt selbst formen, sodass nicht er urteilt, sondern dass in ihm geurteilt wird. Es ist dann so, dass er sich hingeopfert hat, auf dass ein höheres Selbst geistig durch seine Vorstellungen spricht. Das ist - okkult aufgefasst — das, was man im Mittelalter das Opfer des Intellektes genannt hat. Es bedeutet das Aufgeben meiner eigenen Meinung, meiner eigenen Überzeugung. Solange ich selbst meine Gedanken verbinde und meine Gedanken nicht höheren Gewalten zur Verfügung stelle, die dann gleichsam auf der Tafel des Intellektes schreiben, solange kann ich nicht okkulte Geschichte studieren. Es ist das ein Widersprechen gegenüber den höheren Gewalten, es ist das, was man gewöhnlich in unserer Zeit als etwas besonders Bemerkenswertes betrachtet. Das, was da nötig ist, bezeichnet der Theosoph als devotionelle Hingabe. Diese Hingabe fließt aus solchen Tatsachen, wie sie im Johannes-Evangelium erzählt werden.

Fragenbeantwortung

[ 9 ] Da hier eine Frage über die Brüdergemeinschaft gestellt worden ist, so muss ich sagen, dass man nicht gut über solche okkulten Gemeinden sprechen kann, weil hinter denselben okkulte Mächte stehen. Wir haben es an mehr Stellen, als wir gewöhnlich glauben, mit okkulten Traditionen und okkulten Kenntnissen zu tun. In diesem oder jenem wirklich Vorhandenen sind okkulte Kräfte und Wahrheiten vorhanden. Und diese okkulten Strömungen haben einen ganz bestimmten Grund. Es kann niemand durch eigene Macht in solche Strömungen eingefasst werden. Es handelt sich darum, wie sie hineingeführt worden sind, was sie darin für eine Rolle spielen und was wer durch sie spricht. - Dies hängt damit zusammen, dass in aller Welt immer dafür gesorgt wird, dass die Flüsse der Gottesweisheit niemals ganz versiegen. Wenn einst auch aller Okkultismus verschwunden sein würde aus den gebildeten Kreisen, es werden immer noch Stellen da sein, wo der Okkultismus herausfließen kann.

[ 10 ] Im Herbst werde ich sprechen über das, was man Apokalypsen nennt. Erstens über die Johannes-Apokalypse, zweitens über die Zukunft des Gedankens, drittens über die Zukunft des Pneuma und viertens über die Zukunft der Harmonie.

[ 11 ] Johannes, Lazarus, der Jünger, den der Herr liebhatte und der Jünger am Kreuze sind ein und dieselbe Person.

[ 12 ] Ob der Christus nur für einen Initiierten gelten kann, das kann uns die Schrift lehren, die auf viererlei Weise gelesen werden kann. Die erste Stufe ist die, wo sie gelesen wird nach dem einfachen naiven Wort, die zweite Stufe ist die, wo man zweifelt, die dritte Stufe ist die, wo man sie symbolisch liest, die vierte Stufe ist die, wo man die wirkliche Bedeutung der Symbole erkennt und so erreicht die wirklich wörtliche Bedeutung der Schriften.

[ 13 ] Die Herabkunft des Heiligen Geistes bei der Taufe Jesu in der Gestalt einer Taube ist ein wichtiger Abschnitt im Leben Jesu. Die Teile vor und nach der Taufe kann man als ein höheres und als ein Höchstes unterscheiden. Markus und Johannes erzählen uns daher nur die höchsten Formen, in denen uns der Christus entgegentritt. Die drei Grade der Chelaschaft kann man unterscheiden bis zur Taufe. Dann aber findet eine wirkliche Vertauschung der Wesenheit Jesu durch den Christus statt. Diese Christus-Natur ist identisch mit dem, was in allen Religionen als Gott bezeichnet wird und oft auch die Vater-Natur genannt wird. Bis zu seinem dreißigsten Jahre haben wir Jesus aufzufassen wie jeden anderen Initiierten. Von da ab aber tritt die Christus-Wesenheit in ihn ein, und von da ab gewinnt die Jesus-Christus-Persönlichkeit eine kosmologische Bedeutung. Diese göttliche Wesenheit war, ehe denn Abraham war.

[ 14 ] Wenn Sie mich über das Judas-Problem fragen, so muss ich sagen, Judas war in gewisser Beziehung eine Opferung. Es musste sich einer opfern, damit das Hauptopfer stattfinden konnte. Derselbe, der zur Zeit des Jesus von Nazareth den Verräter spielte, war später im Christentum wirksam. Es ist von großer Bedeutung, wenn man weiß, in welcher Persönlichkeit Judas sich wiederverkörpert hat. Das ist aber ein recht verwickeltes und kompliziertes Problem.

[ 15 ] Die ‹Mutter Jesu› charakterisiert die Juden als Nation, die Juden, die im Lande gelebt haben und unter dem jüdischen Gesetz stehen, und die, welche über die ganze Welt verstreut sind.

[ 16 ] ‹Galiläer› bedeutet so viel wie ‹Heidenmaul›. An dem Orte, wo Jesus geboren wurde, war ein reger Reiseverkehr. Es sind sehr viele fremde Leute da durchgezogen. Auf die Frage bezüglich der Himmelfahrt Jesu können Sie die Antwort im Johannes-Evangelium finden. Jesus wurden nicht die Knochen zerbrochen, während den anderen, den Schächern, die Knochen zerbrochen worden sind. Wenn Sie verstehen, was das Knochensystem ist, dann werden Sie auch verstehen, was es heißt: Die Auferstehung im verklärten Leib.