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The Rudolf Steiner Archive

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Kosmologie und menschliche Evolution
Innere und Äussere Evolution
GA 91

20 August 1904, Graal

4. Hilfsbegriffe, Neues Testament

[ 1 ] Es gibt gewisse Ausdrücke, die seit uralten Zeiten in allen Geheimschulen in Gebrauch waren, um gewisse Tatsachen den Profanen zu verbergen. Zum Beispiel der Ausdruck ‹auf dem Berge›. Er bedeutet das ‹Innere des Tempels›, wo die Geheimschule sich befindet und der Geheimjünger in gewisse Dinge eingeweiht wird. ‹Jesus ging auf den Berg›, das heißt: Er führte sie in das Innere seiner Mysterienschule und legte dar, was er vor der Menge in Bildern sprach.

[ 2 ] Die Bergpredigt in ihrer gewaltigen, ungeheuren Bedeutung konnte nur den Jüngern, nicht dem Volke dargelegt werden — so führte er sie in das Innerste seiner Geheimlehre. Sie ist geheim schon, weil sie ungeheuer bedeutsame Forderungen enthält. Schon der erste Satz heißt:

«Selig sind die da Bettler sind um Geist, denn sie werden in sich die Reiche der Himmel finden.» [Mt 5,3]

[ 3 ] Selig heißt, ‹verseligt› werden; die aus dem Körperlichen ins Seelische steigen werden, die lechzen um Geist; in ihrem Innern entquillt das Himmelreich. 3 x 3 Seligpreisungen sind es, 9. Die Neunzahl, die sich durch gewisse Manipulationen auf die 7 zurückführt, ist eine heilige Zahl.

[ 4 ] Drei Tugenden, die der unteren Natur entsprechen, sind: Sehnsucht, Leid und Friede. Durch Sehnsucht hinaufgezogen werden; durch das Leid die Überwindung erlangen und zum Frieden kommen.

[ 5 ] Die zweite Gruppe der Tugenden, die höher stehen: Gerechtigkeit, Güte und das wohlwollende Herz. Wenn wir diese zweite Stufe mit der ersten vergleichen, finden wir, dass die ersten auf den Einzelnen sich beziehen, die andern auf den Mitmenschen.

[ 6 ] Drittens die Tugenden, die hinaufführen zu den höheren Wesenheiten. Erstens dadurch, dass wir duldsam sind; nur durch strenge Selbstzucht zu erwerben — Friedfertigkeit. Wer spricht, um den andern zu kränken, um zu sagen, was ihm behagt, der kann nicht den Weg zu höheren Wesenheiten finden. Das Zweite ist, strenge gegen sich selbst zu sein und um seiner Gerechtigkeit willen Verfolgung erleiden; jede Verfolgung auf sich nehmen um der Gerechtigkeit willen. Drittens: zum Meister zugehörig sich erklären.

[ 7 ] Diese 3 x 3 Tugenden werden nun in den Seligpreisungen genau dargelegt.

«Selig sind, die da Leid tragen, denn sie werden in sich selbst den Ausgleich finden.» [Mt 5,4]

[ 8 ] Den Frieden findet, der aus dem Reiche der Erde heraussaugt, was zu holen ist, nicht aber begehrt.

[ 9 ] In der Neunzahl sah der Herr etwas Rhythmisches und musste es den Jüngern in die Seele senken.

[ 10 ] Ein noch grandioseres Beispiel für das Auf-dem-Berg-Sein› ist die ‹Verklärung›. Es wird erzählt, dass die Jünger in eine Art von besonderem Zustand kamen, von erhöhtem Bewusstsein. ‹Eine Wolke überschattete sie.› — Das ist die Andeutung des devachanischen Hellsehens, wo Vergangenheit und Zukunft verschwinden, sodass sie die Drei nebeneinander sehen. Jesus offenbart ihnen den Geheimsinn seines Grundausspruchs: Der Weg ist, was den Menschen zuerst offenbart wird, heißt auch ‹Elias› — ‹Elias›, der den Weg zeigt. ‹Moses› heißt auch in der Geheimkunde die ‹Wahrheit›. Moses ist es insoweit, als er die Gebote erhalten hat; er setzt das Ziel. Christus ist das leben-erweckende Vorbild: das Leben. Die großen Religionsstifter — Zoroaster, Buddha, Hermes — haben Lehren gegeben. Was Christus gelehrt hat, war nicht das Neue, worauf es ankam, sondern dass er es gelebt hat, das ist es, worauf es ankommt. — Ihr sollt niemandem es anvertrauen, bis ihm in seiner eignen Seele der Christus lebendig wird.

[ 11 ] Noch ein andres Geheimnis wurde klar, das des wiedergekommenen Elias in Johannes dem Täufer; er hat hier vollständig die Reinkarnation gelehrt. Dass er sie nach außen nicht gelehrt hat, hat seinen guten Grund in der Aufgabe des Christentums: die Persönlichkeit zu heiligen. — In alten Zeiten sagte man sich: Dieses Leben ist eines von vielen, was ich hier erdulde, kommt mir später zugut — Ägypten, Arbeiter. Nun sollten die Menschen lernen, das einzelne Leben zu schätzen, seinen ganzen Wert zu erkennen; 1900 Jahre alt ist das Christentum; alle Menschen sind einmal durchgegangen. Weil ungefähr eine Reinkarnationszeit vorbei ist, wird die Reinkarnationslehre nun wieder gelehrt. Einmal haben die Menschen gefühlt den Wert des einzelnen Lebens. Nun müssen sie wieder zum höheren Selbst.

[ 12 ] Das tiefste, das mystische Evangelium ist das Johannes-Evangelium. Nach Forschung evangelischer Theologen ist es das späteste, 150 Jahre später geschrieben. Das beruht auf der Nicht-Sitte des Schreibens im Anfang. Wer ist der Schreiber dieses Evangeliums? Wir finden nirgends den Namen Johannes. Immer nur die Bezeichnung «der Jünger, den der Meister lieb hat». Das bedeutet in der Geheimsprache: einer, der vom Meister selbst eingeweiht ist. Wer stand am Kreuz? Jesu Mutter, Maria, deren Schwester. Nirgends steht es, dass die Mutter Maria geheißen hat. Lesen wir die Hochzeit zu Kana. «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?» Lesen wir weiter bei der Kreuzigung: «Weib, siehe das ist dein Sohn.» Das alles ist nur für den Geheimforscher verständlich: Als die Mutter eines Eigeweihten bezeichnet man sein Volk. Zugleich ist er aus seinem Volke herausgewachsen, er entspringt ihm, wächst aber hinaus. Hier müssen wir als «Mutter verstehen das jüdische Volk. Maria von Magdala repräsentiert den Teil des Volkes, der an ihn [glaubt] seiner Wunder wegen; ‹Kleophas Weib› [repräsentiert] den Teil des Volkes, der jüdisch fühlt. Er ist aber herausgewachsen aus dem Teil des jüdischen Volkes, das eine allgemeine Grundlage bildet, [das] die alexandrinische Weisheit schon aufgenommen hatte, [das] nicht beschränkt war auf Palästina; das ist die eigene Mutter, aus der Jesus herausgewachsen; die soll der Jünger zu sich nehmen. So verbreitet das Johannes-Evangelium die Wahrheit auf jüdisch-alexandrinischer Grundlage — Juden in der Diaspora — in der gelehrten Form. Diese Mutter war namenlos geworden, zerstreut in der Welt. Hochzeit = Festlichkeit. Symbol der Umwandlung für die alte Religion, die Wasser war, in den Wein des neuen Bundes. Er gründet etwas Neues, seine Stunde ist aber noch nicht gekommen. Deshalb: ‹Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?›

[ 13 ] Wer ist der Jünger, den Jesus lieb hatte?

[ 14 ] Die ‹Hochzeit zu Kana› findet sich nur im Johannesevangelium, weil es eines der tiefsten Geheimnisse ist, die Jesus dem Jünger anvertraut, den er eigeweiht hat. Sagt er noch an einer Stelle, dass er eingeweiht ist? Ja. Wir finden nur hier die Erzählung des LazarusWunders. Eine Initiation ist es. Hier stellt sich der Jünger, den Jesus lieb hat, selber dar. Bis dahin wird vom Jünger, den Jesus lieb hat, nicht gesprochen, erst nachher. Derjenige, der auf solche Weise erweckt ist, steht über dem Persönlichen, braucht keinen Namen. Er weiß auch im höchsten Sinne, wer Christus ist: der fleischgewordene Logos. Die ganze ägyptische Theosophie haben wir hier: Das Wort ist, was herüberkommt aus einer früheren Entwicklung arupisch; das Leben ist das Rupische; das Licht das Astrale; es scheint in die Finsternis — das Irdische. Man kommt auf einem Umwege zur wörtlichen Auffassung der Evangelien, nachdem man den Schlüssel erhalten hat.

[ 15 ] ‹Lasst uns den Rock nicht zerteilen.› — Die Kleider sind die verschiedenen Hüllen; sie können geteilt werden, nur nicht, was die hohe priesterliche Würde ausmacht. Ein Eingeweihter wird sich von andern dadurch unterscheiden, dass er absolut duldsam ist, nie seine Meinung in den Vordergrund drängt, sondern richtig wartet, bis die Tatsachen sprechen. — [Johannes im] «20. Kapitel».

[ 16 ] So enthält das Johannes-Evangelium nicht nur Worte, sondern überall Taten, die Leben geben.