Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

Support the Archive

Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100

28 Juni 1907, Kassel

Theosophie und Rosenkreuzertum XIII

[ 1 ] Heute und morgen wird es meine Aufgabe sein, Ihnen den für die Gegenwart besonders geeigneten Weg zu den höheren Welten zu zeigen, der insbesondere seit dem 14. und 15. Jahrhundert innerhalb der sogenannten Geheimschulung gepflegt wird und der für den gegenwärtigen Menschen am geeignetsten ist. Wir werden das, worum es sich dabei handelt, besser verstehen, wenn wir zuerst einen Blick werfen auf die zukünftige Entwickelung des Menschen.

[ 2 ] Wir haben über die Entwickelung des Menschen durch den Saturn-, Sonnen-, Mond- und Erdenzustand hindurch gesprochen. Nun ist es für den, der nur im Sinne der Gegenwart denkt, schwierig, sich vorzustellen, wie man etwas über die Zukunft wissen kann. Aber Sie müssen sich klar sein, daß gewisse große Gesetze ebenso in der Zukunft wirken, wie sie in der Gegenwart wirken. Wer mit diesen Gesetzen bekannt ist, kann einen Blick in die Zukunft hinein tun. Auf dem Felde der materiellen Wirklichkeit wird auch kein Mensch mehr zweifeln, daß man etwas prophetisch vorhersagen kann, zum Beispiel Sonnen- und Mondfinsternisse und andere Sternkonstellationen weit hinein in die Zukunft berechnen kann. Auf dem Felde der materiellen Wirklichkeit wird kein Mensch mehr daran zweifeln. Jeder weiß auch, wenn man ihm mitteilt, es würden diese und jene Substanzen in der Retorte gemischt, daß der Wissenschafter sagen kann, was geschehen wird, wenn man sie mischt. Das ist eine Prophetie, die sich auf die äußeren sinnlichen Tatsachen bezieht; ausüben kann man die Prophetie, weil man die Gesetze kennt, nach denen die Substanzen wirken. Ebenso lernt man in der Geisteswissenschaft die Gesetze kennen, nach denen das Menschenleben abläuft, und man kann daher etwas vorauswissen, was in der Zukunft geschieht.

[ 3 ] Freilich erhebt sich da ein Einwand, der sich bei den Philosophen aller Zeiten erhoben hat: Ja, wenn man voraussehen kann, was in der Zukunft geschieht, dann könnte ja von einer menschlichen Freiheit keine Rede sein. - Da verwechseln aber die Menschen das Hineinschauen in eine Zukunft mit einem Vorbestimmtsein. Daher finden Sie in allen Philosophien die sonderbarsten Behauptungen darüber aufgestellt; denn alle Philosophen haben diesen Unterschied nicht machen können. Eigentlich nur Jakob Böhme! Ich möchte, um Ihnen das klarzumachen, zu einem Beispiel greifen.

[ 4 ] Ich möchte die Zeit vergleichen mit dem Raume. Denken Sie sich, Sie stehen hier, und draußen auf der Straße stehen zwei Menschen. Sie sehen in der Entfernung, was diese tun. Sind Sie deshalb derjenige, der auch bestimmt, was diese tun? Nein, Sie sehen es; die beiden andern aber handeln in völliger Freiheit. Durch Ihr Anschauen ist nichts bestimmt, was die beiden tun. Denken Sie sich nun, der Hellseher sieht, was in der Zukunft geschieht. Das sieht er aber auch nur; dadurch sind doch nicht die Ereignisse bestimmt. Wenn diese Ereignisse durch die Zukunft bestimmt, also gleichsam in der Gegenwart schon bestimmt wären, so wäre das kein Hineinschauen. Man bekommt diesen Unterschied erst klar, wenn man lange nachdenkt über den Unterschied zwischen Vorherbestimmtsein und Vorhersehen.

[ 5 ] Heute möchte ich Ihnen nicht so sehr schildern, wie es auf der Erde aussehen wird, wenn die Jupiter- und Venuszeit erreicht sein wird. Ich möchte Ihnen etwas anderes sagen, woraus Sie ein Bild bekommen für die Entwickelung des Menschen in die Zukunft hinein; ich möchte Ihnen etwas vorführen, was aus den ältesten christlichen Mysterien stammt, aus derselben christlichen Schule des echten Dionysius, als eine Lehre, die immer in den christlichen esoterischen Schulen vorgetragen worden ist. Man ging dabei aus von folgendem Vergleich: Ich spreche hier zu Ihnen. Sie hören meine Worte, meine Gedanken hören Sie, die zunächst in meiner Seele sind, die ich Ihnen auch verbergen könnte, wenn ich sie nicht in Worte umsetzen würde. Ich setze sie in Töne um; wäre nicht zwischen Ihnen und mir die Luft ausgebreitet, so könnten Sie die Worte nicht hören. Wenn ich hier irgendein Wort ausspreche, so ist in diesem Augenblick die Luft in dem Raume bewegt; jedesmal versetze ich den ganzen Luftraum mit meinen Worten in einen gewissen Schwingungszustand; der ganze Luftkörper vibriert in der Weise, wie meine Worte ausgesprochen werden. Gehen wir nun etwas weiter. Denken Sie, Sie könnten die Luft flüssig machen und dann fest. Man kann ja auch heute schon unsere Luft fest machen; Sie wissen, daß Wasser dampfförmig existieren kann, daß es sich abkühlen kann und dann flüssig wird, und daß es im Eis fest werden kann. Denken Sie jetzt, ich spreche das Wort «Gott» durch den Luftraum. Könnten Sie in dem Augenblick, wo die Schallwellen hier wären, die Luft erstarrt machen, dann würde eine Form — wie beispielsweise eineMuschelform herunterfallen. Bei dem Worte «Welt» würde eine andere Welle herunterfallen. Sie könnten meine Worte auffangen, und jedem Worte würde eine kristallisierte Luftform entsprechen.

[ 6 ] Dieses Beispiel gab es in der Tat in den christlichen Schulen. Erst ist etwas ein gesprochenes Wort, dann wird es fest, wird eine feste Form; früher noch, bevor es festgeworden war, war es ein im Inneren verborgener Gedanke. Nun stellte sich der Christ vor: So wie das Schaffen hier im Raume, ist das Schaffen in der großen Welt. Ausgegangen ist das Schaffen von dem Gedanken der Dinge; dann hat die Gottheit den Gedanken hinausgesprochen in den Raum. Was Sie draußen sehen in Pflanzen, Mineralien, sind solche festgewordenen Gottesworte. Alles könnten Sie sich aufgelöst denken in Tonschwingungen des göttlichen Weltenwortes. Alles, was ich sehe, sehe ich als ein festgewordenes Gotteswort —, sagte sich der Christ. Und da unterschied er in gewisser Beziehung den «Vater im Verborgenen», der noch nicht sich geäußert hat, das «Wort» oder den «Sohn», das durch den Raum tönt, und dann das festgewordene Wort, die «Offenbarung». So verstehen Sie in einem tieferen Sinne den Anfang des Johannes-Evangeliums: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.» Alles, was entstanden ist, ist aus dem Wort entstanden. Wir müssen die Sachen möglichst wörtlich nehmen, dann erkennen wir auch leicht das Schöpferische des Wortes oder Logos. Im christlichen Sinne ist das, was an zweiter Stelle steht, das Wort, oder der Logos. Es darf «Logos» nicht anders übersetzt werden als mit «Wort»; denn es ist so gemeint, daß allem, was draußen an Schöpfung da ist, das ungesprochene schöpferische Wort zugrunde liegt, daß es hinaustönte als Wort, und daß darin der Ursprung alles Seienden liegt. Würden wir weit genug zurückgehen in der Zeitenwende, dann würden wir alle Gegenstände, die wir als Tiere, Pflanzen, Mineralien, Menschen kennen, als «Wort» durch den Weltenraum tönen hören, wie Sie heute meine Worte hören, weil die Luft damals noch nicht soweit abgekühlt war, daß sie als Gestalten herunterfallen konnten.

[ 7 ] Wenn Sie sich das vorhalten, können Sie sich sagen: Das Wort war einst schöpferisch. Der Mensch ist heute ein Anfänger in dem, was einstmals seine Vorfahren taten, die Götter, die über ihm standen. Einstmals sprachen die Götter die Welt in den Raum hinaus, und dann verwandelte sich dieses Schaffen in das Geschaffene, was wir um uns haben. Was wir heute im Pflanzlichen, Tierischen und Menschlichen im Geschlechtlichen hervorbringen können, ist nur eine umgewandelte Form aus dem einstmaligen göttlichen Schöpferwort heraus. Der Mensch trägt auch noch eine höhere und eine niedere Natur in sich. Das am meisten Fertige ist das, was das Geschlecht in sich hat; und den Anfang eines neuen Produzierens hat der Mensch im Kehlkopf. Wenn er das Wort hinaussendet, ist das ein Anfang von dem, was er einst später erreichen wird. Was einst die Götter vollzogen haben, darin ist heute der Mensch im Anfang. — An Stelle des alten Produzierens wird ein anderes treten. Und wie der Mensch heute Worte hervorbringt mit . seinem Kehlkopf, so wird sein Kehlkopf später ein Produktionsorgan sein; immer höhere und höhere, dichtere und dichtere Schöpfungen wird er hervorbringen. Was heute nur Luft ist, wird in Zukunft Wesenheit sein. Wenn sich die Erde in den Jupiter verwandelt haben wird, wird das Wort schöpferisch sein im Mineralreich; im Venuszustand wird der Kehlkopf Pflanzen hervorbringen; und so wird es weitergehen, bis er seinesgleichen hervorzubringen vermag. Er entstand erst in der Form, wie er heute ist, als er die Luft durch die Lungen im Ton nach außen senden konnte. Was wir uns heute bloß sagen können, werden wir in zukünftigen Entwickelungszuständen der Erde so produzieren können, daß es bleibt. Und zuletzt wird der Kehlkopf das Organ sein, durch das der Mensch seinesgleichen in Reinheit hervorbringen wird, ohne Geschlechtlichkeit. Umgestaltet wird er seinen Kehlkopf haben zu einem Fortpflanzungsorgan.

[ 8 ] Da sehen wir hinein, wie der Mensch der Zukunft sein wird, wozu sein Kehlkopf veranlagt ist. Eine rätselvolle Erscheinung kann Sie darauf hinweisen, wie tatsächlich das Leben des Kehlkopfes zusammenhängt mit gewissen Entwickelungszuständen: im Männlichen wird mit der Geschlechtsreife die Stimmveränderung hervorgerufen, der Jüngling «mutiert». Der Kehlkopf ist an seinem Anfang, die Geschlechtlichkeit an ihrem Ende. So fein hängen die Dinge in der Natur zusammen. Was wir in dem Geschlechtsleben haben, ist ein Absterbendes; was wir im Kehlkopf haben, im Wort, wird in der Zukunft ein Produktionsorgan unser selbst sein.

[ 9 ] So könnten wir vieles anführen, wie der Mensch diejenigen Organe allmählich ausbilden wird, die heute erst in der Anlage vorhanden sind, die er sich zu seinem Atmungssystem auf der Erde angeeignet hat, was aber zum System des Herzens gehört.

[ 10 ] Nun werden wir sehen, wie man durch die Schulung, die seit dem 14. Jahrhundert in Europa eingeführt ist, tatsächlich vorausnehmen kann zukünftige Zustände der Menschheit, wie man auch seine innere Entwickelung schneller gestalten kann als dann, wenn man sich einfach dem Laufe der Welt überläßt. Die Schulung, die man die Rosenkreuzerschulung nennt, ist für den gegenwärtigen Menschen die am besten geeignete. Rosenkreuzertum ist etwas, was eigentlich einen schlechten Klang hat für die, welche nur einmal etwas davon gehört haben. Und wenn es stimmen würde, was die Bücher darüber schreiben und die Gelehrten wissen, dann wäre das Rosenkreuzertum nichts anderes als jener Schwindel, für den es eben angesehen wird. Aber die Wahrheit ist, daß diejenigen, die über das Rosenkreuzertum so richten, eben dann nur den Schwindel kennen. Wir aber wollen heute das wahre Rosenkreuzertum betrachten, das entstand durch die Individualität, die sich verbirgt unter dem Namen Christian Rosenkrentz, und die im Jahre 1459 den Anstoß gegeben hat zu der Rosenkreuzerbewegung.

[ 11 ] Ich bemerke ausdrücklich, daß dasjenige, was ich sage, herausgegriffen ist als ein Beispiel, geradeso wie das, was ich Ihnen gestern bei der christlichen Schulung sagte. Ich werde Ihnen daher gleich die hauptsächlichsten sieben Punkte der Rosenkreuzerschulung anführen, die ja auch nicht jeder in derselben Reihenfolge durchmacht, aber wir werden diese Stufen zunächst anführen, die für jeden im Sinne des Rosenkreuzertums in Betracht kommen.

[ 12 ] Das erste ist das, was man «Studium» nennt. «Aneignung der imaginativen Erkenntnis» ist das zweite. Das dritte «Aneignung der okkulten oder geheimen Schrift». Das vierte «die Bereitung des Steins der Weisen». Das fünfte ist das, was man nennt «Entsprechung der kleinen Welt — des Mikrokosmos — und der großen Welt — des Makrokosmos». Das sechste ist das «Hineinleben in den Makrokosmos», und das siebente ist das, was man die «Gottseligkeit» nennt.

[ 13 ] Der Rosenkreuzerweg ist derjenige Weg, der am sichersten und am tiefsten zur Erkenntnis des Christentums führt; nur ist der christliche Weg mehr für den geeignet, der im Glauben beharren kann und im Inneren die Gefühle rege zu machen vermag, die ich Ihnen gestern geschildert habe. Der Rosenkreuzerweg ist aber für denjenigen Menschen da, der die christlichen Wahrheiten verbinden kann mit den Wahrheiten der äußeren Welt. Gerade dann wird das Christentum gegen jeden Angriff von außen verteidigt werden können. Das Christentum ist eine solche Weltanschauung, daß man niemals weise genug sein kann, um es genügend zu verstehen. Es gibt keinen Grad, der hoch genug wäre, um ganz zu verstehen, wie das Christentum für die Weisesten der Weisen da ist. Doch ist der Rosenkreuzerweg der geeignetste Weg für den Gegenwartsmenschen.

[ 14 ] Studium im Sinne des Rosenkreuzertums betreiben wir, wenn wir solche Gedanken haben, die gar nichts mehr zu tun haben mit unserer Sinneswelt. Eigentlich kennt die abendländische Welt nur in der Geometrie das, was man «Denken in freien Gedanken» nennt; daher hatten die christlich-gnostischen Schulen auch den Namen «Mathesis» für das, was auf die höheren Wahrheiten, auf Gott und die höheren Welten Bezug hatte, weil man das einsehen muß unabhängig von aller Sinnlichkeit,wie man ja auch die Mathematik unabhängig von aller Sinnlichkeit einsehen muß. Ein Kreis, mit Kreide gezogen, ist höchst unvollkommen; den einzig wirklichen Kreis können Sie sich nur denken, und alles, was Sie lernen können über den Kreis, können Sie nur in Gedanken haben. Gerade in der Mathematik lernt man denken in einer sinnlichen Unabhängigkeit, an dem Kreis, den man sich in Gedanken konstruiert, an dem Dreieck, das man sich im Geist konstruiert, dessen Winkel zusammen hundertachtzig Grad betragen. Es ist einigermaßen unbequem, denken zu lernen ohne die äußeren sinnlichen Dinge, und es gibt für die meisten Menschen kein anderes Gebiet des Studiums dafür als die Theosophie. Ich habe Ihnen gleich in der ersten Stunde gesagt: Logisch ist ihr Wissensgut absolut begreiflich. Wenn aber jemand die Wahrheiten selbst auffinden will, dann braucht er dazu das Hellsehen. Zum Einsehen reicht die Logik aus.

[ 15 ] Nur unsere materialistische Zeit konnte die Rechenmaschinen aussinnen, wo man lernt, nicht sinnlichkeitsfrei zu denken. Das muß gerade das Kind lernen, daß es die Dinge frei von der Sinnlichkeit erfaßt. Da wird es gerade für die Erziehungskunst ungeheuer wertvoll sein, wie die Erziehung durch die Geisteserkenntnis beeinflußt wird. Geisteswissenschaft ist auch eine gute Schulung in sinnlichkeitsfreiem Denken. Denn alles, was ich über Saturn, Sonne, über die Wesensglieder des Menschen erzählt habe, können Sie nicht sehen; das müssen Sie im sinnlichkeitsfreien Denken erfassen, und es darf niemand glauben, daß er sich gut schulen kann, ohne die Dinge zuerst theoretisch zu erfassen. Das ist gerade das Gute, daß es diese Dinge für die Sinnlichkeit nicht gibt; dadurch eben eignet man sich ein Denken an, das die Sinnlichkeit überschreitet. Daher genügt es für manchen, daß er sich zunächst einfach einläßt auf das, was die Theosophie erzählt über die Dinge, die man nicht mit den Sinnen erfassen kann. Das waren auch immer im Grunde die Gedanken, die man in den Rosenkreuzerschulen den Leuten vortrug, und man hat sie diese Gedanken sich gehörig einprägen lassen.

[ 16 ] Wenn man weitergehen will, findet man ein gutes Mittel zur Schulung im reinen Denken an meinen Büchern «Wahrheit und Wissenschaft» und der «Philosophie der Freiheit». Diese Bücher sind lediglich ein Turnen des Denkens, das sinnlichkeitsfrei ist. Bei andern Büchern können Sie in der Regel nicht viel verändern, wenn Sie einen Gedanken an eine andere Stelle rücken. Bei diesen Büchern können die Gedanken nicht an eine andere Stelle gebracht werden. Diese Bücher sind so entstanden, daß meine Persönlichkeit nur die Gelegenheit gegeben hat, daß diese Gedankengebäude in die Sinnlichkeit getreten sind. Man mußte sich einfach hingeben, auf daß diese Gedanken sich selbst erzeugten, sich selbst fortspannen. Wer sich tiefer einlassen will und einmal ein halbes Jahr darauf verwendet - es ist nicht leicht, aber diese Anstrengung ist das Allerbeste, was man dabei erreichen kann -, und wer es zu Ende lesen kann, der hat sich aus sich selbst eine Kraft heraufgeholt, die in ihm verborgen lag.

[ 17 ] Das zweite ist die Imagination, die bildhafte Erkenntnis, die ganz unter dem Eindruck des schönen Goetbe-Wortes steht: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Eigentlich sollte nur derjenige, der in seinem Denken Sicherheit gewonnen hat, sich darauf einlassen. Wer das nicht hat, könnte leicht in Phantastik verfallen. Die Voraussetzung daher ist, daß man zuerst ein klarer Kopf geworden ist; nichts hindert mehr, auf Abwege zu geraten, als ein klares Denken. Und nichts verleitet mehr dazu als ein unklares Denken, als Unlogik.

[ 18 ] Imagination könnte man im weitesten Sinne so bezeichnen, daß man alles um sich her ansieht, wie man einen Menschen ansieht. Betrachten Sie das Gesicht eines Menschen: Sie sehen Falten sich bilden und wieder vergehen; Sie beschreiben sie nicht bloß, Sie nennen sie Lächeln oder Traurigkeit. Das Lächeln des Menschen verrät Ihnen eine heitere Seelenstimmung seines Inneren. Sie schließen nicht nur von einem Äußeren auf das Innere, sondern es ist Ihnen direkt ein Zeichen für ein Inneres. Oder Sie sehen die Träne perlen: Sie sind nicht bloß ein Physiker, der eine Träne nur nach dem Gesetz der Schwere beurteilt, sondern Sie wissen, daß die Tränenperle ein Ausdruck für die innere Traurigkeit der Seele ist. Und so ist Ihnen alles Äußere ein Ausdruck für die innere Stimmung der Seele. Und der Rosenkreuzerzögling kommt in die Stimmung, daß alles, was er draußen sieht, ihm ebenso zum Ausdruck wird, sagen wir, des Erdgeistes: eine gewisse Pflanze, die Herbstzeitlose, wird ihm in Wirklichkeit der Ausdruck des trauernden Erdendaseins werden, andere Pflanzen der Ausdruck des heiteren Erdendaseins. Ebenso wie ihm die lächelnde Miene der Ausdruck für die heitere Stimmung der Seele ist, werden ihm die Blumen ein Ausdruck für die heitere oder traurige Stimmung der Erde. Und Goethe hat es nicht bloß als ein äußeres Bild gemeint, wenn er im «Faust» vom Erdgeist spricht:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben:
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

[ 19 ] Der Erdgeist wird ihm allmählich etwas, was in der Erde lebt, und er bekommt ein geistig-seelisches Verhältnis zu der ganzen, um ihn herumliegenden Natur. Eine Stimmung innerhalb dieser Natur möchte ich Ihnen ganz besonders klarmachen.

[ 20 ] Der Rosenkreuzerzögling geht über die Fluren und sieht, wie die kleinen Tauperlen über allen Pflanzen hängen. Da muß er sich erinnern an das alte Nebelheim, wo die Luft angefüllt war von Taunebel, und wo die Menschen in ganz anderer Weise mit der Natur im Zusammenhang standen. Geht nun der Rosenkreuzerschüler über die Fluren und sieht die Tauperlen, dann sagt er sich: das ist das, was aufgelöst war im alten Nebelheim in der atmosphärischen Luft. — Und eine tiefe Erinnerung steigt da in ihm auf von der atlantischen Zeit.

[ 21 ] Besonders hoch geschult war die Imagination bei den Zöglingen der mittelalterlichen Rosenkreuzerschulen; auch bei denen, die Schüler des Heiligen Gral waren. Ich will Ihnen etwas, was Lehre war — weil ich das nicht anders formulieren kann -—, in einen Dialog hineinformen.

[ 22 ] Der Lehrer sagte dem Schüler: Sieh dir die Pflanze an, wie sie hervorsprießt aus dem Boden, wie sie nach oben den Kelch mit den Befruchtungsorganen öffnet, und wie die Sonnenstrahlen herunterkommen, die Blüte zum Aufbrechen bringen und die Frucht reifen lassen. — Dieses Bild, diese Vorstellung mußte sich der Rosenkreuzerschüler und auch der Zögling des Heiligen Gral vor die Seele rufen. Nun gibt es selbst in der materialistischen Wissenschaft etwas, was tief bezeichnend ist: es wird die Pflanze mit dem Menschen verglichen. Dann müßten Sie aber die Wurzel mit dem Haupt vergleichen und die Blüte mit dem, was bei dem Menschen die Befruchtungsorgane sind, und was er schamvoll verbirgt; die Wurzel ist bei der Pflanze das Haupt. Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze, das Tier ist erst die halb umgekehrte Pflanze. Daher sagten die Rosenkreuzer: Sieh dir die Pflanze an, die Wurzel im Boden, die Befruchtungsorgane keusch dem Sonnenstrahl entgegengestreckt. Sieh dir das Tier an: das Rückgrat horizontal, und dann den Menschen: vollständig umgewandelt. Pflanze, Tier und Mensch im Werdegang symbolisiert durch das Kreuz! Das Kreuz ist Pflanze, Tier und Mensch. — Und nun werden wir das Wort Platos verstehen: Die Weltenseele ist gespannt an das Weltenkreuz. — Die Weltenseele, die alles durchdringt, ist an Pflanze, Tier und Mensch gespannt.

[ 23 ] Nun wurde dem Rosenkreuzerschüler eingeschärft: Sieh dir die Pflanze an. In ihrer Art ist sie niedriger als du, sie hat noch nicht Bewußtsein und Denken; aber ihre Materie ist rein und keusch; sie streckt ihren Kelch der Sonne entgegen, ohne Begierde und Lust streckt sie das Fortpflanzungsorgan dem Sonnenstrahl, der heiligen Liebeslanze entgegen. Nun wird aber die Materie durchdrungen von dem, was die Begierde ist. Und du bilde dir das Zukunftsideal, daß die Materie wieder gereinigt wird, daß sie produziert in reiner Keuschheit.- Und man wies ihn hin auf den Kehlkopf, wo der Mensch in Reinheit die Keuschheit des Pflanzenkelches sich wieder erworben haben wird. Stelle dir vor den Kelch der Pflanze, der noch begierdelos ist. Er entwickelt sich durch die Begierde hindurch, aber er wird wieder rein werden und wieder in Keuschheit hervorbringen, indem er sich befruchten lassen wird von dem ins Geistige umgesetzten Sonnenstrahl, von der heiligen Liebeslanze. — Und eine Vorbedeutung dieser heiligen Liebeslanze ist die Lanze, mit der das Herz des Christus Jesus am Kreuz durchstochen worden ist.

[ 24 ] Wir haben gestern gesehen, wie dieses Blut aus der Wunde des Erlösers den Egoismus von der Erde hinwegbannte. So ist diese Lanze eine Vorbedeutung für die höhere Lanze, die der ins Geistige umgesetzte Sonnenstrahl ist. Und der Heilige Gral weist hin auf den Kelch der Menschheit, der sich entwickelt aus dem Kehlkopf heraus, der gerade das gereinigte Reproduktionsorgan der Zukunft sein wird, wie es heute bei der Pflanze der Fall ist.

[ 25 ] Das ist der tiefere Begriff vom Heiligen Gral, und so wurde es auf der imaginativen Stufe dem Rosenkreuzerschüler und dem Zögling des Heiligen Gral klargemacht. Vergleichen Sie, was Sie jetzt in diesen Bildern überschauen: Pflanzenkelch, Geschlecht in Begierde getaucht, Heiliger Gral, begierdenfreier Kelch — vergleichen Sie dies mit dem trockenen, nüchternen Verstandesbegriff, den Ihnen die heutige Wissenschaft gibt, dann haben Sie den Unterschied von Imagination und bloßem verstandesmäßigem Denken, die ganzen Weltvorgänge ins Bild gefaßt! Das ist wichtig, weil die bloßen Verstandesbegriffe, so wie sie der Mensch heute hat, nicht schaffend sind; bei dem, der diese Begriffe zum Bilde fügt, sind diese Bilder wirklich schaffend. Das hat man in alten Zeiten gefühlt, und das ist sogar bei der Erziehung des Kindes zu beachten. Ich möchte da eine aktuelle Frage besprechen.

[ 26 ] Man sagt heute so leicht: Was haben unsere Altvordern uns Kinder doch für dummes Zeug gelehrt mit dem Märchen vom Storch! Wir müssen heute den Kindern die Wahrheit sagen. - Wenn unsere Nachkommen uns so behandeln werden, wie wir unsere Vorfahren, dann werden sie auch über uns lachen, und werden dann sagen: Unsere Vorfahren haben gedacht, daß der Mensch durch materielles Zusammenwirken zustande kommt! — Und sie werden auf jene Zeit hinblicken, wo die Menschen den Kindern im Geiste diesen Vorgang klargemacht haben. Die Alten haben in den Zeiten, wo das Storchenmärchen aufgekommen ist, selbst daran geglaubt, weil sie ganz gut gewußt haben, daß, wenn ein Mensch geboren wird, die Seele aus der geistigen Welt herunterkommt; sie haben das immer in Beziehung gebracht zu etwas Geflügeltem. Und Sie können das auch noch in Kinderliedern wiederfinden, zum Beispiel in dem Liedchen:

Flieg, Käfer, flieg!
Dein Vater ist im Krieg!
Deine Mutter ist im Pommerland.
Pommerland ist abgebrannt!
Flieg, Käfer, flieg!

[ 27 ] Dieses «flieg», das ist als ein Bild gemeint für die Menschenseele, weil man eine Ahnung hatte von dem astralen Raum, von den dort fliegenden Körpern, die von da hereinkommen in die physische Welt. Und was ist «Pommerland»? «Pommer», oder was dasselbe ist: «Pummerle», ist nichts anderes als der Name für ein kleines Kind; und Pommerland, Pummerleland ist das Kinderland, woher die Mutter das kleine Kind holt. Man muß das nur ganz aus der geistigen Welt heraus erklären. Wenn Sie sich dann erinnern, daß tatsächlich dieses Bild vom Storch, der die Kinder bringt, ein Bild ist für einen geistigen Vorgang, die Reinkarnation, dann werden Sie einsehen, wie unendlich wichtig es ist, daß der Mensch zuerst im Bilde etwas aufnimmt, weil sein Gemütszustand ein ganz anderer ist, wenn man dem Kinde zuerst das Bild für den geistigen Vorgang beibringt, so daß es in heiliger Ehrfurcht auch den physischen Vorgang hören kann.

[ 28 ] Nun werden Sie wiederum selbst an den Storch glauben können, wenn Sie dieses wissen: dieser Storch ist Ihnen das Bild für die herabfliegende Seele! Ihre Unterweisung wird die Phantasie des Kindes beflügeln, und wenn Sie die Wahrheit einsehen, wird ein geheimnisvolles Fluidum davon ausgehen, und das überträgt sich auf das Kind. So ist es mit allen Imaginationen. Man kann alles den Kindern beibringen.

[ 29 ] Haben Sie die Frage vorliegen: Wie ist es mit dem Leben nach dem Tode? - dann führen Sie das Kind zu einer Schmetterlingspuppe: wie der Schmetterling aus der Puppe, so fliegt die Seele aus dem Körper heraus, nur daß man es nicht sehen kann. Aber nur der wird es mit Überzeugung dem Kinde beibringen, der selbst daran glaubt, und für den das Herauskommen des Schmetterlings aus der Puppe auf niederer Stufe dasselbe ist wie das, was auf höherer Stufe mit der Seele vorgeht. Wenn die Geisteswissenschaft wiederum die Menschen in das Verstehen der geistigen Welt taucht, so daß in den Herzen der Menschen Bilder leben werden, dann werden die Menschen auch wiederum in ganz anderer Weise erziehen können und nicht dem Kinde die trockenen Verstandeswahrheiten geben, die das Gemüt roh machen. Man muß sie nur nicht ins Groteske und Komische ziehen, sondern sich klarmachen, was für wichtige Lebensdinge dahinterstehen.

[ 30 ] Das dritte, was der Mensch sich erwerben muß, wodurch er sich den Pfad ebnet, ist das «Aneignen der okkulten Schrift». Es besteht darin, daß man nicht eine Schrift lernt wie im gewöhnlichen Leben. Zwar gehen unsere Schriftzeichen vielfach auf okkulte Bilder zurück, aber sie sind lange nicht das, was die okkulte Schrift ist. Da haben wir es zu tun mit einem Sich-Hineinfinden in die wirklichen großen Weltenkräfte, die draußen in der Welt spielen. Und alles, was wir da aufzeichnen, muß so sein, daß ein Entwickelungsvorgang in den andern hinüberspringt. Nehmen Sie eine Pflanze: sie trägt Samen; im Samen haben Sie den Ausgangspunkt für eine neue Pflanze. Aber wenn Sie den Verlauf wirklich prüfen könnten, würden Sie sehen, daß nichts von der alten Pflanze in die neue übergeht. In Wahrheit geht der Materie nach die ganze alte Pflanze zugrunde; die neue Pflanze baut sich ganz neu auf, es geht nur eine Art Bewegungsvorgang in die neue Pflanze über. Sie haben hier Siegellack und da ein Petschaft; Sie drücken das Petschaft in den Siegellack ab, und doch ist nichts von dem Petschaft in den Siegellack übergegangen; nur die Form geht über. — So ist es bei jedem Entwickelungsvorgang. Die alte Materie in ihrem Ersterben gibt nur Gelegenheit, daß die neue Form im Sinne der alten wieder ersteht. Das bezeichnet man mit zwei sich ineinander schlingenden Spiralen, die gar nicht zusammenkommen. Solch ein Übergang war nach der atlantischen Kultur vorhanden; sie schwindet als Kulturstufe, und eine neue geht in der indischen auf: so daß man auch dies bezeichnen müßte mit zwei Spiralen. Ich habe Ihnen gesagt, daß die Sonne im Jahre 800 etwa aufging im Sternbilde des Widders, vorher im Stier, noch vorher in den Zwillingen, noch weiter zurück im Krebs. Es fällt zusammen die griechisch-lateinische Kultur, welche die unsere im Aufgange enthielt, mit der Zeit, wo die Sonne im Widder aufging; die vorhergehende Kultur, die chaldäisch-assyrisch-babylonisch-ägyptische, sie fiel in die Zeit, wo die Sonne im Sternbild des Stieres stand; vorher haben Sie die persische Kultur, die in die Zeit hineinfällt, wo die Sonne in den Zwillingen aufging, und die alte indische Kultur entwickelte sich, als die Sonne im Krebs war: und da ist auch das Krebszeichen, die beiden ineinandergeschlungenen Spiralen, zuerst geschrieben worden.

[ 31 ] So könnte ich Ihnen ein jedes Zeichen für den Tierkreis aus seiner wahren Bedeutung heraus erklären. Aus der Natur heraus sind die Schriftzeichen geschaffen, welche ein Ausdruck sind für die in der Natur draußen waltenden Kräfte und Gesetze. Lernt man die okkulten Schriftzeichen kennen, so fängt man an, aus sich herauszugehen; man dringt dann ein in die geheimen Untergründe der Natur.

[ 32 ] So sehen Sie ein wenig angedeutet die drei ersten Stufen des Rosenkreuzerweges: das «Studium», die «imaginative Erkenntnis», und das dritte: die «Aneignung der okkulten Schrift».

[ 33 ] Morgen werden wir die andern Stufen besprechen und dabei beginnen mit der «Bereitung des Steins der Weisen».