Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100
29 Juni 1907, Kassel
Theosophie und Rosenkreuzertum XIV
[ 1 ] Gestern habe ich Ihnen das, was man die Rosenkreuzereinweihung nennt, bis zur dritten Stufe, der «Erkenntnis der okkulten Schrift», ausgeführt. Wir haben also kennengelernt, was man im rosenkreuzerischen Sinne nennt das «Studium», dann die «Erringung der imaginativen Erkenntnis», und sodann das, was man nennt «das Sich-Hineinleben in die okkulte Schrift», in jene Schrift, die aus den Naturgesetzen selber genommen ist. Nunmehr obliegt es uns, zu der vierten Stufe der Rosenkreuzereinweihung zu schreiten, zu dem, was man nennt die «Bereitung des Steins der Weisen». Ich bitte Sie, dabei von alledem abzusehen, was Sie in irgendwelchen Büchern lesen können über die «Bereitung des Steins der Weisen» und sich klar zu sein, daß man erst in unserer gegenwärtigen Zeit etwas darüber berichten kann, was der Rosenkreuzer eigentlich meint mit der «Bereitung des Steins der Weisen».
[ 2 ] Unter diesem Namen waren gewisse Vorschriften vorhanden für das Hinaufgelangen in die höheren Welten, seitdem der bekannte Begründer der Rosenkreuzerei 1459 diese Strömung gestiftet hat. Sie müssen sich klar sein, daß diese Strömung immer außerordentlich vorsichtig behandelt worden ist und immer geheimgehalten wurde. Es war so gegen das Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als auf einem unrechten Wege, durch eine Art Verrat, gewisse Geheimnisse der Rosenkreuzerei in die Öffentlichkeit gekommen sind. Damals wurde Verschiedenes darüber gedruckt; man konnte daraus entnehmen, daß die Betreffenden etwas haben läuten hören, aber es nicht verstanden haben. Doch haben sie wenigstens richtige Worte gehört, sozusagen aufgeschnappt, auch über «den Stein der Weisen». Damals erschien sogar in dem damaligen «Reichs-Anzeiger» eine Reihe von Mitteilungen über eine Gesellschaft, die sich die «Bereitung des Steins der Weisen» zur Aufgabe gemacht hatte; und unter diesen Mitteilungen findet sich auch eine, die nur ein solcher verstehen konnte, der da wußte, worum es sich handelt. Da heißt es: «Ja, den Stein der Weisen gibt es; ihn kennen eigentlich die meisten der Menschen; die meisten haben ihn sogar schon in der Hand gehabt, er ist gar nicht so schwer zu finden, nur wissen das die meisten nicht!»
[ 3 ] Nun verband man mit diesem Begriff des «Steins der Weisen» den Sinn, daß er einen nach und nach kennen lehrt den unsterblichen Teil des Menschen, der nicht dem Tode verfallen kann, daß er einen in die höheren Welten hinaufführt. Wenn der Mensch sich klar wird, daß dieser unsterbliche Teil nicht dem Tode verfallen kann, dann erwirbt er sich durch den Besitz des «Steins der Weisen» ein ewiges Leben; er überwindet dadurch den Tod. Das hatte man sich nun so ausgedeutet, daß man niemals sterben würde. Gemeint ist aber, daß der Mensch dadurch die Welt kennenlernt, in der er nach dem Tode lebt. Außerdem sah man noch in dem «Stein der Weisen» ein Lebenselixier. Das alles machte den «Stein der Weisen» außerordentlich begehrenswert. Wer da weiß, um was es sich handelt, mußte diese Worte in merkwürdiger Weise richtig finden, denn wahr sind sie sogar; nur kann der, der das Geheimnis nicht kennt, nicht viel daraus machen.
[ 4 ] Nun will ich Ihnen kurz zeigen, was darunter gemeint ist. Wenn Sie das verstehen wollen, müssen Sie mir in die Betrachtung einer ganz einfachen naturwissenschaftlichen Tatsache folgen: Sie müssen sich klar sein, welches Verhältnis zwischen dem Menschen und der Pflanzenwelt besteht. Es ist der Tatbestand ein solcher, daß alles, was so atmet wie der Mensch, niemals existieren könnte, wenn es keine Pflanzen gäbe. Da müssen Sie sich einmal bekanntmachen mit dem Vorgang, der sich zwischen Ihnen und den Pflanzen abspielt.
[ 5 ] Sie atmen die Luft ein; Sie brauchen davon den Sauerstoff. Gäbe es keinen Sauerstoff, könnten Sie niemals leben. Wenn Sie die Luft in sich aufnehmen und den Sauerstoff in Ihrem Organismus verarbeiten, so atmen Sie die Kohlensäure wiederum aus, eine Verbindung von Kohlenstoff mit dem Sauerstoff. Sie müssen sich also sagen: Der Mensch nimmt fortwährend Sauerstoff auf und erhält dadurch seinen Leib, und er atmet die Kohlensäure aus: er schafft also fortwährend selbst ein Gift, an dem er zugrunde gehen würde. Fortwährend füllen Sie so Ihre Umgebung mit einem Gifte an. — Was tut die Pflanze? Sie tut in gewisser Beziehung genau das Gegenteil. Sie nimmt die Kohlensäure auf, behält den Kohlenstoff zurück und gibt den für sie unbrauchbaren Sauerstoff wieder ab. So daß Sie der Pflanze geben, was sie braucht, und die Pflanze Ihnen dafür den Sauerstoff zurückgibt. Dieser Prozeß von Kohlensäureatmung und Abgabe von Sauerstoff überwiegt weitaus die Aufnahme von Sauerstoff seitens der Pflanze. Was tut nun die Pflanze mit dem Kohlenstoff, den sie zurückbehält? Daraus baut sich zu einem gewissen Teil die Pflanze ihren eigenen Leib auf. So geben Sie gewissermaßen der Pflanze die Gelegenheit, in der ihr entsprechenden Weise aus dem Kohlenstoff ihren Leib sich aufzubauen. Wenn Sie nach Jahrtausenden die Pflanze als Steinkohle herausgraben aus der Erde, haben Sie darin denselben Stoff.
[ 6 ] Die Pflanze gibt Ihnen den Sauerstoff, Sie nehmen ihn auf. Sie geben ihr die Kohlensäure, sie behält davon den Kohlenstoff zurück, bildet sich selbst daraus den Leib, und gibt Ihnen den Sauerstoff zurück. Das ist ein wunderbarer Wechselprozeß, der da stattfindet. So ist es heute. Nun ist aber der Mensch in Entwickelung begriffen, und in Zukunft wird der Menschenleib so sein, daß er in sich selbst jenes Organ haben wird, welches die Kohlensäure in den Sauerstoff umwandelt, und den Kohlenstoff wird er selbst in sich zurückbehalten.
[ 7 ] Da deute ich heute hin - in anderer Weise als gestern bei der Rosenkreuzerschulung — auf einen Zukunftszustand des Menschen. In der Zukunft wird der Mensch einen begierdefreien Leib höherer Ordnung tragen, den Sie auf niederer Stufe bei der Pflanze haben: er wird sich einen Leib aufbauen können, der auf höherer Stufe pflanzenartig sein wird. In dem Organ, das heute sein Herz ist, wird er dann einen Apparat haben, der das tun wird, was heute die Pflanze tut. Heute gehören Pflanze und Mensch zusammen; eines könnte ohne das andere nicht leben. Gäbe es keine Pflanzen, so müßten alle Sauerstoffatmer in kurzer Zeit aussterben, weil ja die Pflanze es ist, die uns den Sauerstoff gibt; wir können uns gar nicht denken ohne die Pflanze. Und was heute die Pflanze außerhalb von uns macht, das wird in Zukunft jenes Organ tun, zu dem sich das Herz herausgestalten wird in uns, wenn es ein willkürlicher Muskel sein wird. Wir breiten unser Bewußtsein über die Pflanzen aus, wir wachsen zusammen mit der Pflanzenwelt, so daß, was heute außerhalb von uns die Pflanze macht, später in uns selbst geschieht; dann behalten wir auch den Kohlenstoff, den wir heute abgeben, in uns zurück und bauen uns unseren eigenen Leib daraus auf. Wir werden pflanzenartig auf einer höheren Bewußstseinsstufe.
[ 8 ] Das alles kleidet der Okkultismus seit uralter Zeit in eine wunderbare Legende; denn in Bildern und Legenden wurden durch Jahrtausende die Wahrheiten aufbewahrt. Es ist die Goldene Legende. Und was ich Ihnen heute erzählt habe, das brachte man darin im Bilde dem Geheimschüler bei. Sie lautete ungefähr:
[ 9 ] Als Seth, der Sohn, den Gott dem Adam und der Eva anstelle des ermordeten Abel gegeben hat, einstmals ins Paradies hineinging, fand er miteinander verwachsen die beiden Bäume, den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens; sie schlangen ihre Äste ineinander. Und von diesem Baum nahm Seth drei Samenkörner auf Geheiß des ihn führenden Engels. Er bewahrte sie auf, und als Adam starb, legte er ihm die drei Samenkörner in den Mund. Und aus dem Grabe des Adam wuchs ein Baum heraus; dieser Baum zeigte für den, der hinzuschauen verstand, eine Schrift in Flammenbuchstaben; es waren die Worte: «Ehjeh asher ehjeh - Ich bin, der da war, der da ist, der da sein wird.» Nun nahm Seth Holz von diesem Baume, der aus dem Grabe des Adam herauswuchs, und von diesem Holz wurden mancherlei Dinge geformt: unter andern jener Stab, der Moses’ Zauberstab war. Und weiter wurde es fortgepflanzt; geformt wurde daraus die Pforte zum Tempel Salomos, und später, nachdem es verschiedene andere Schicksale erlebt hatte, das Kreuz, an dem der Erlöser gehangen hat.
[ 10 ] So bringt die Legende zusammen das Holz des Kreuzes von Golgatha mit dem Baume, der aus den Samenkörnern des Paradiesesbaumes aus dem Grabe des Adam herauswuchs.
[ 11 ] In dieser Legende verbirgt sich dasselbe Geheimnis, das ich Ihnen heute andeutete. Man wollte damit sagen: In Urzeiten war das Menschengeschlecht so, daß es noch nicht heruntergesunken war zu dem von der Begierde erfüllten Fleische, sondern keusch und rein war es, wie die Pflanze, die der Sonne den Blütenkelch entgegenstreckt. Dann kamen die Menschen durch den Sündenfall herunter: ihr Fleisch wurde mit Begierde erfüllt. Aber alles, was der Mensch einst in einem unschuldsvollen Zustand gehabt hat, soll er wieder haben, wenn er sich durch den Erkenntnispfad den begierdelosen Leib erschaffen haben wird, den Leib, wie er einstmals war, bevor der Mensch in die Erkenntnis eingetreten ist; erinnern Sie sich, woher das Ich stammt. Daß er jenen Leib nicht mehr hat, hängt damit zusammen, daß der Mensch ein Lungenatmer geworden ist, daß er sein rotes Blut hat bilden können. So hängt zusammen mit Atmung und Blutkreislauf die heutige Gestalt des Menschen, und daß er ein Erkenntnisträger in der heutigen Art werden konnte.
[ 12 ] Versetzen Sie sich nun in den heutigen Leib. Da können Sie sich ein Bild davon machen, wie der Sauerstoff hineinströmt, wie er das rote Blut erregt, wie das rote Blut gleich einem sich verästelnden Baum durch den ganzen Leib läuft, wie das blaue Blut dann zurückläuft, mit Kohlensäure angefüllt.
[ 13 ] Zwei Bäume haben Sie in sich: den roten und den blauen Blutbaum. Ohne diese beiden könnte es den Menschen nicht als einen Ich-Träger geben. Dazu muß das rote Blut aufgenommen werden; das ist der Weg, wie unsere heutige Erkenntnis hervorgerufen wird. Aber es war verknüpft damit der Tod; denn Sie wandeln ja das rote Blut um in das blaue, kohlensäureerfüllte Blut. Daher sagte der alttestamentliche Geheimlehrer: Sieh dich an, du hast in dir den roten Blutbaum; hättest du diesen Baum nicht bekommen, du wärest nie ein erkennender Mensch geworden. Du hast genossen von dem Baume der Erkenntnis; aber damit ist dir zu gleicher Zeit die Möglichkeit genommen worden, aus dir selbst dir das Leben zu geben.
[ 14 ] Aus dem, was früher ein Lebensbaum war, ist ein tötender Baum geworden; daher ist der blaue Blutbaum in uns der Baum des Todes. Das ist der gegenwärtige Zustand. Für den Eingeweihten stellt sich aber ein Zukunftszustand vor die Seele, wo der Mensch die Pflanzennatur in sich hat, wo er durch den Herzapparat in sich das blaue Blut zurückverwandeln wird in rotes Blut. Dann wird er den Baum des Todes verwandelt haben in einen Baum des Lebens. Der Mensch ist dann ein unsterbliches Wesen geworden; was er auf einer untergeordneten Stufe war, wird er auf einer höheren wieder sein. Den Apparat, der heute in der Pflanze ist, wird er dann in sich selber haben. - So daß man in dem Paradies einen Endzustand der Menschheit hat. Und Seths Sendung wurde so aufgefaßt, daß er das sieht, was am Ende der Zeiten ist: das Sich-Ausgleichen der beiden Prinzipien im Menschen selber. So verschlingen sich der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis im Paradies; im Menschen können sie sich nur finden, wenn der Mensch zur Pflanze seine Zuflucht nimmt. Aber wie erlangt der Mensch nun die Fähigkeit, daß die beiden Bäume sich in ihm verschlingen? Indem er in sich entwickelt die drei höheren Glieder der Menschennatur.
[ 15 ] Wir haben kennengelernt den Menschen, zusammengesetzt aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich; und wir haben gesehen, wie das Ich, wenn es an dem Astralleibe arbeitet, das erste höhere Wesensglied erringt, wenn es an dem Ätherleib arbeitet, das zweite, und durch die Arbeit am physischen Leibe das dritte. So daß also der zukünftige Mensch der siebengliedrige sein wird, der noch haben wird Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Hat der Mensch seine niedrige Natur so umgestaltet, dann wird er in sich selbst den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens haben. Es ist also dem Menschen gegeben worden im Ausgangspunkt seiner Entwickelung die Voraussetzung zu seinen drei höheren Wesensgliedern in der Anlage zu seinem Ich.
[ 16 ] Drei Samenkörner nimmt Seth, und der erste Ich-Mensch, Adam, läßt diese drei Samenkörner zu einem Baume hervorwachsen. In diesem Baum ist das vorhanden, was durch alle Ihre Verkörperungen hindurchgeht. Ihr Ich war auf einer ganz niedrigen Stufe in der ersten Verkörperung, und von Verkörperung zu Verkörperung erreicht es immer höhere Stufen. Was da hervorwächst, ist das Symbolum für das Ewige im Menschen, das seine höchste Vollendung am Ende des Erdenzustandes finden wird. Aber nur dann kann es der Mensch erringen, wenn er sich verbindet mit all dem Höchsten, was ihm auf dem Geistespfad entgegengetreten ist. Alles, was die Menschheit den Pfad hinaufgeleitet hat - der Stab des Moses, der’Tempel des Salomo, und endlich das Kreuz von Golgatha -, alles das hilft dem Menschen, die höhere Dreiheit voll zum Ausdruck zu bringen. Und das Kreuz von Golgatha war das, was den Weg zu der höchsten Menschenvollendung andeutete. Es war zu Beginn dem Adam als Keim, aus dem jener Baum hervorgewachsen ist, in den Mund gelegt worden —- nicht schöner könnte man es ausdrücken, als wie es hier geschehen ist —- und hervorgegangen aus dem Holz, das Seth auf diese Weise gewonnen hatte. Da haben Sie den Weg des Menschen dargestellt, wie er durch die Zeitenläufe geht, den Weg des Menschen durch die Zeit. Was der Mensch in der Zukunft erringen muß: die Umwandlung seiner Wesenheit, die Fähigkeit, aus eigener Kraft in sich selbst den Kohlenstoff zu erzeugen, das ist es, was die Pflanze heute tun kann. Und diese Alchimie der Pflanze, sie wird der Mensch in der Zukunft beherrschen können.
[ 17 ] Die alchimistische Zubereitung dessen, was ich eben geschildert habe, wird dadurch erreicht, daß dem Rosenkreuzerschüler gewisse Anweisungen gegeben werden, wie er seinen Atmungsprozeß regulieren soll. Das ist etwas, was man auch nur verstehen kann nach dem Grundsatze: Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber der Rosenkreuzerschüler arbeitet daran. So wie der Tropfen als ein Kleines, Winziges, nach langer Zeit erst die Höhlung im Stein bewirkt, so wird der Fortschritt der Menschenleiber bewirkt durch diesen Atmungsregulierungsprozeß. Diese Anweisungen, die der Rosenkreuzerschüler auszuüben hat, sind solche, daß sie ihn auf den Weg bringen, schon heute die Vorbereitung zu treffen, daß sein Ich die Fähigkeit erwirbt, sich die nächsten Leiber auf eine andere Weise aufzubauen. Damit ist allerdings verknüpft, daß Sie das, was Sie später in physischer Umgebung haben werden, schon jetzt in der geistigen Welt haben. Jene Rosenkreuzerberatung besteht darin, daß man im langsamen Prozeß einen Zukunftszustand vorbereitet und sich die Fähigkeit erwirbt, schon jetzt in den höheren Welten diesen Zustand zu schauen. Zweierlei tut also der Rosenkreuzerschüler: Erstens arbeitet er vor für die Zukunft der Menschheit, und zweitens erwirbt er sich selbst das Schauen in der geistigen Welt; er sieht das, was dann später heruntersteigt in die physische Wirklichkeit.
[ 18 ] Jetzt verstehen Sie auch die Anweisungen, die der merkwürdige Mann hat drucken lassen, aber nicht verstanden hat. Der «Stein der Weisen» ist die gewöhnliche schwarze Kohle; aber Sie müssen den Prozeß lernen, der Sie durch innere Kraft den Kohlenstoff verarbeiten lehrt: so ist der Fortschritt der Menschheit. In der heutigen Kohle haben Sie ein Vorbild dessen, was einst der wichtigste Stoff für den Menschen sein wird, wenn sie auch ganz anders ausschauen wird. Erinnern Sie sich an den hellen Diamant: der ist ja auch nur Kohlenstoff! - Das also nennt man die «Bereitung des Steins der Weisen» in der Rosenkreuzerweltanschauung. Es verbirgt sich dahinter ein menschlicher Umwandlungsprozeß und eine Aufforderung, zu arbeiten an den Zukunftszuständen der Menschheit. Alle, die so arbeiten, sie arbeiten vor für die Menschenleiber der Zukunft, für die Leiber, welche die Seelen später brauchen werden.
[ 19 ] Es gibt ein Wort, welches dieses Arbeiten an der Zukunft sehr schön ausdrückt, und das wir verstehen werden, wenn wir den Unterschied zwischen Seelen- und Rassenentwickelung uns klarmachen. Sie alle waren früher Atlantier, und diese atlantischen Leiber haben ganz anders ausgesehen, wie ich es Ihnen bereits beschrieben habe. Dieselbe Seele, die irgendwo in einem atlantischen Leib war, ist heute in Ihrem Leibe. Aber nicht alle Leiber sind, wie heute die Ihrigen, durch wenige Kolonisten - jene, die damals von Westen nach Osten zogen — so vorbereitet worden. Die Zurückgebliebenen, die sich, wie man sagt, mit der Rasse verbunden haben, die sind verkommen, während die Fortgeschrittenen neue Kulturen begründet haben. Die letzten Nachzügler auf dem Wege nach Osten, die Mongolen, haben noch etwas von der Kultur der Atlantier behalten. Ebenso werden die Leiber derjenigen Menschen, die sich nicht fortschrittlich weiterentwickeln werden, über die nächste Zeitenwende hinüberwachsen und die Chinesen der Zukunft bilden. Es wird wieder in Dekadenz befindliche Völkerschaften geben. Es leben ja auch in den Chinesenkörpern Seelen, die, weil sie eine zu große Anziehungskraft zur Rasse gehabt haben, noch einmal in solchen Rassen werden verkörpert sein müssen. Die Seelen, die heute in Ihnen sind, sie werden später verkörpert sein in Leibern, die von denen kommen, welche heute in der angedeuteten Weise arbeiten, und welche die Leiber der Zukunft erzeugen, so wie es früher die ersten Kolonisten der Atlantier getan haben. Und diejenigen, die so recht am Alltäglichen haften, die sich nicht verbinden wollen mit dem, was der Zukunft entgegengeht, werden mit der Rasse verschmelzen. Es gibt solche Menschen, die bei dem bleiben wollen, was althergebracht ist, die nichts wissen wollen von dem, was weiterschreiten heißt; die nicht hören wollen auf solche, die über die Rasse hinüberführen zu immer neuen Gestaltungen der Menschheit.
[ 20 ] Die Mythe hat in wunderbarer Weise diese Tendenz erhalten. Nicht besser könnte sie das darstellen, als indem sie auf einen der Größten hinweist, der das Wort ausgesprochen hat: «Wer nicht verläßt Vater und Mutter, Weib und Kind, Bruder und Schwester, der kann nicht mein Jünger sein», und dagegen das Traurige in einem Menschen darstellt, der da sagt: Ich will nichts von einem solchen Führer wissen! — und ihn zurückstößt. Wie könnte man das klarer ausdrücken als in dem Bilde dessen, der den Führer von sich weist, und der nicht aufzusteigen vermag! Das ist die Sage von Ahasver, dem Ewigen Juden, der da saß und den größten Führer, den Christus Jesus, von sich stieß, nichts wissen wollte von der Entwickelung, und der deshalb bei seiner Rasse bleiben muß, immer wiederkehren muß in seiner Rasse. Das sind solche Mythen, die der Menschheit zum ewigen Gedächtnis gegeben sind, damit sie weiß um was es sich handelt.
[ 21 ] So ist diese vierte Stufe der Rosenkreuzerschulung aufzufassen als etwas ungeheuer Tiefes, und so gliedert sich in die Entwickelung der Menschheit die «Bereitung des Steins der Weisen» herein.
[ 22 ] Das fünfte ist die «Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos». Der ganze komplizierte Menschenleib ist, so wie er heute ist, in einer bestimmten Weise entstanden. Ich habe Sie geführt durch den Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenzustand. Von alledem, was heute in Ihrem Leibe ist, waren auf dem Saturn nur die ersten Anlagen zu Ihren Sinnesapparaten vorhanden, eingebettet in die Saturnmasse wie die Kristalle heute in die Gebirgsmasse; Ihr Auge war wie ein Quarzkristall im Gebirge. Auf der Sonne waren Ihre höchsten Organe, alle Drüsen, so, daß sie deren Oberfläche bedeckten. Auf dem Monde waren die Organe, die heute Ihr Nervensystem zusammensetzen, ausgebreitet über die Oberfläche des Mondes. Der Mond hatte ein Nervensystem, und die einzelnen Menschentiere, die da waren, wurden zum ersten Mal auf dem Monde des Nervensystems teilhaftig. Auf der Erde bekam der Mensch sein Knochensystem, denn ein Mineralreich war ja auf dem Monde überhaupt noch nicht da.
[ 23 ] So sehen Sie, wie kunstvoll sich der Mensch zusammengesetzt hat. Das, was heute als Auge in uns ist, war als Auge über den ganzen Saturn ausgebreitet; in uns hineingezogen ist das, was in der großen Welt war. Von jedem einzelnen Organ kann Ihnen nun die Geheimlehre sagen, wie es im Zusammenhang steht mit der großen Welt draußen: von Leber, Milz, Herz und so weiter, mit dem, was ihnen in der Außenwelt entspricht und was in der Außenwelt geschehen mußte, damit sie sich bilden konnten. Es gibt Mittel in der rosenkreuzerischen Erkenntnislehre, durch die wir in uns selbst uns unter dem Anhaltspunkt unserer Sinnesorgane vertiefen, uns innerlich versenken in die Augen, die Ohren, und dadurch einen hellseherischen Einblick in die Bildung dieser Organe bekommen.
[ 24 ] Ich habe Sie geführt zu dem Zeitpunkt in der atlantischen Entwickelung, wo der Ätherleib noch so weit draußen war, daß er sich nicht verbinden konnte mit dem Punkt, der hier im Kopfe über der Nasenwurzel ist. Wir haben gesehen, wie der Ätherleib dann hineinrückte in den physischen Leib, wie dann der physische Leib die heutige Gestaltung bekommen hat. Es gibt nun eine Methode der Versenkung mit einer ganz bestimmten Formel, die nur von Mensch zu Mensch mitgeteilt wird. Wenn Sie sich dadurch in die Stelle hineinversenken, wo der Kopf mit jener Stelle des Ätherkopfes zusammenhängt, von der wir sprachen, dann geht Ihnen die Erkenntnis auf von jenem Zeitpunkte der Erde, von der Art, wie damals die Erde ausgeschaut hat, als dieser Teil des Ätherkopfes in den physischen Kopf hineinrückte. So können Sie sich in jedes Glied Ihres Mikrokosmos vertiefen und dadurch Kräfte des Makrokosmos kennenlernen, das, was die Baumeister der Welt in Ihnen zusammengebaut haben. Nach Anleitung des Okkultismus können Sie daher den Makrokosmos kennenlernen; für alle Dinge in der Welt, draußen im Makrokosmos, gibt es ein Organ im Mikrokosmos. Der Mensch ist das komplizierteste Wesen. Wie Sie beim Telegramm von der zugesandten Mitteilung auf den Absender schließen, so können Sie beim Menschenleib durch die Versenkung in das Organ dessen Erzeuger erkennen lernen.
[ 25 ] Damit haben wir schon die sechste Stufe berührt, das, was man nennt die «Versenkung in den Makrokosmos». Wer so in sich kennengelernt hat das Verhältnis des Mikrokosmos zum Makrokosmos, hat sich erweitert zur Erkenntnis der ganzen Welt. Das verbirgt sich hinter dem alten Spruch: Erkenne dich selbst! — Es ist viel Unheil angerichtet worden damit, daß die Theosophen sagten: In dir ist schon der ganze Gott, in dir ist schon das Höchste vorhanden. Du brauchst nur in dich hineinzuschauen, dann erkennst du die ganze Welt!
[ 26 ] Dieses Brüten in sich selber ist das törichteste Zeug, was es geben kann; dadurch lernt man nur sein niederes Ich kennen, das man schon hat. Keiner lernt dadurch mehr, als er schon hat. Wirkliche Selbsterkenntnis kommt nur auf die geschilderte komplizierte Weise zustande, und sie ist zugleich Welterkennrnis. Die wirkliche Theosophie ist nicht in der Lage, es den Menschen so bequem zu machen; sie muß sagen: In ruhiger, ernster Vertiefung müßt Ihr kennenlernen auch das komplizierteste Wesen, das es gibt. Ihr könnt den Gott nicht anders kennenlernen, als daß Ihr ihn Stück für Stück in der Welt kennenlernt. Geduld und Ausdauer gehören dazu. Im ruhigen, langsamen Fortschreiten erkennt man die Welt. Keine Formel, die allheilbringend ist, um die ganze Erkenntnis zu haben, kann Ihnen die Theosophie geben, sondern sie kann Sie nur auf den Weg verweisen, wodurch Sie zur Selbsterkenntnis und damit auch zur Welterkenntnis kommen. Dann wird dem Menschen auch die Gotteserkenntnis.
[ 27 ] Diese Erkenntnis, die dem Menschen auf der sechsten Stufe kommt, ist keine trockene Verstandeserkenntnis; diese Erkenntnis ist eine solche, die uns intim mit der Welt zusarmmenführt. Wer sie erlangt hat, der hat zu allen Dingen der Welt ein intimes Verhältnis, wie es der Gegenwartsmensch nur kennt in dem mysteriösen Verhältnis der Liebe zwischen Mann und Weib, was auf einer geheimen Erkenntnis des Wesens des andern Menschen beruht. Ein solches Verhältnis, wodurch Sie nicht nur begreifen, sondern verbunden sich fühlen mit allen Wesen, so wie sich heute der Liebende mit der Geliebten verbunden fühlt, das kommt Ihnen bei dem Anschauen des Makrokosmos. Sie haben dann eine intime Beziehung, eine Art Liebesverhältnis zur Pflanze, zu jedem Stein, zu allen Wesen der Welt. Es spezialisiert sich Ihre Liebe zu allen Wesen; sie sagen Ihnen etwas, was sie Ihnen sonst nur sagen, wenn Sie noch nicht heruntergestiegen sind zur Erkenntnis. Das Tier frißt das, was ihm taugt, und läßt stehen, was ihm nicht taugt; es hat ein sympathisches Verhältnis zu dem einen, ein antipathisches Verhältnis zu dem andern. Der Mensch mußte, um die heutige Erkenntnis zu erringen, das unmittelbare Verhältnis zu den Dingen verlieren; aber er wird es auf einer höheren Stufe wieder erringen. Wodurch weiß heute der Okkultist, daß die Pflanze mit der Blüte anders auf den Menschen wirkt als die Wurzel? Wodurch weiß er, daß die gewöhnliche Wurzel anders wirkt als eine Möhre? Weil die Dinge wieder so zu ihm sprechen, wie es bei den Tieren der Fall ist. Dies intime Verhältnis ist auf den niederen Stufen unter Ausschluß des Verstandesbewußtseins da; auf den höchsten Stufen wird es der Mensch bewußt wiederum haben.
[ 28 ] Wenn man so weit ist, dann ist die siebente Stufe etwas, was sich von selbst ergibt. Aus allem haben Sie schon entnehmen können, daß es hier um eine Erkenntnis geht von Gemütseindrücken und Gefühlen. Es gibt hier nichts für den Menschen, was nicht in der lebendigsten Weise sein Herz bewegen würde; deshalb dürfen Sie dabei nicht unterscheiden zwischen einer ideellen und intellektuellen und spirituellen Erkenntnis. Sie zu rühren, Ihnen allerlei schöne Dinge zu sagen, das ist nicht im Sinne des Okkultisten. Der Okkultist erzählt Ihnen die Tatsachen der geistigen Welt; er würde es als schamlos empfinden, wenn er direkt an Ihr Gefühl rühren wollte. Aber er weiß, daß die Tatsachen, wenn man sie erzählt, selbst sprechen; diese selbst sollen die Gefühle erzeugen. Daher kommt für den Rosenkreuzer niemals die Person des Lehrers in Betracht. Die Lehre hat mit der Person nichts zu tun. Der Lehrer ist nur da als die Gelegenheit, damit die Tatsachen zu den Menschen sprechen. Und er wird um so richtiger sprechen, je mehr er sich zum Ausdrucksmittel für die Anschauung der höheren Welten macht. Wer noch glaubt und meint und Anschauungen hat, die ihm eigen sind, ist nicht zum okkulten Lehrer geeignet. Denn wenn nicht die Objektivität, sondern das Gefühl entscheiden würde, dann würden Sie vielleicht sagen: zwei mal zwei ist fünf!
[ 29 ] So sehen Sie, wie der Rosenkreuzer durch die verschiedenen Dinge, die er in sich auszubilden hat, allmählich sich hinauflebt in die Erkenntnis der höheren Welten. Dazu ist allerdings eine Anleitung notwendig, die aber jeder zur rechten Zeit findet, wenn er sie ernsthaft sucht.
[ 30 ] Sie dürfen nicht sagen, daß man bei einer persönlichen Anleitung diese sieben Stufen eine nach der andern absolviert, sondern der Lehrer greift heraus, was sich für den einen oder andern besonders eignet. Ich habe Ihnen auch die Vorstufen anführen wollen. Aus denen will ich jetzt nur zwei Dinge herausgreifen, um Ihnen zu zeigen, daß man noch anderes entwickeln muß, bevor man zu den strengeren Übungen schreitet. Da ist eines, was man von Anfang an üben muß: Konzentration, Konzentration des Gedankenlebens. Bedenken Sie einmal, wie die Gedanken in Ihnen irrlichtelieren vom Morgen bis zum Abend! Da und dorther kommen Ihnen Gedanken und ziehen Sie mit sich fort. Nun müssen Sie sich als Rosenkreuzerschüler eine Zeit aussondern, wo Sie Herr der Gedanken sind, wo Sie sich einen möglichst uninteressanten Gegenstand nehmen und darüber nachdenken. Davon werden Sie eine ungeheuer wohltuende Wirkung für sich haben. Die Zeit spielt keine Rolle; Energie, Geduld und Ausdauer sind dabei notwendig.
[ 31 ] Das andere ist das, was man nennt «Positivität», die darin besteht, daß man im Leben aufsucht, was am besten durch eine persische Legende über den Christus Jesus charakterisiert wird: Als der Christus Jesus einmal mit seinen Jüngern einen Weg machte, fanden sie am Wegesrand einen krepierten Hund liegen, der schon stark in Verwesung übergegangen war. Die Jünger, die noch nicht so weit waren wie der Christus Jesus, wandten sich von dem häßlichen Anblick ab, nur der Christus Jesus blieb stehen, betrachtete sinnig das Tier und sagte: «Was für wunderschöne Zähne hat doch das Tier!»
[ 32 ] Was auch immer Häßliches in der Welt ist, es gibt immer noch ein Schönes im Häßlichen, in jedem Unwahren ein Körnchen Wahres, in jedem Bösen ein Gutes. Sie brauchen gar nicht kritiklos zu werden! Man faßt das oft nur so auf, daß man nichts mehr schlecht finden dürfe und so weiter; es ist aber so gemeint, daß in jedem Häßlichen immer noch ein Körnchen Schönes ist und in jedem Bösen etwas Gutes liegt. Das treibt die höheren Kräfte der Seele herauf. Das gehört alles schon zur Vorbereitung.
[ 33 ] Ich hatte Ihnen zunächst eine Vorstellung geben wollen von dem Geiste, in dem die christlich-gnostische Schulung verläuft. In der Rosenkreuzerschulung finden Sie das tiefste, echteste Christentum, Sie können Christ sein im wahrsten Sinne des Wortes, trotz allem modernen Leben. Man konnte Christ im alten Stil sein, so lange es mehr Möglichkeiten gab, sich von der Welt zurückzuziehen, und so lange noch nicht die Gedankenformen in uns eingezogen waren, die uns heute so schwer machen, es zu sein. Diese aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus gebildeten Vorstellungen machen es aber dem Menschen schwer, das Christentum in der ursprünglichen Form in sich aufzunehmen. Gerade die edelsten Geister sind es, die sagen: Ich kann mit dem Christentum heute nichts mehr vereinigen. - Wohl lebt die geistige Welt in unserer Umgebung, aber auch das, was die materialistische Zeit an Gedankenformen hervorbringt, lebt in uns. Wir sind immerfort umgeben von den so geprägten Gedankenformen des materiellen Lebens. So daß, wer gewissenhaft ist, sich sagen muß: Es braucht unsere Zeit ein Mittel, das sich inmitten dieser in uns einströmenden Vorstellungen bewähren kann, um uns aufrechtzuerhalten gegenüber allem, was von der Welt her in uns einfließt. —- Durch die Geisteswissenschaft wird es uns gereicht. Weist man dieses Mittel zurück, will man es sich nicht aneignen, so ist man ein Egoist. Geisteswissenschaft fühlt sich als die Testamentsvollstreckerin dessen, was auch die mittelalterliche Theosophie schon gewollt hat. Sie kann aber von jedem, auch von dem verstanden werden, der mit all den berechtigten Einwänden der Naturwissenschaft bekannt ist. Jeder wird heute in der rosenkreuzerisch orientierten 'Iheosophie das finden können, was ihn zu einer Erkenntnis der Welt führt und auch zu einem Frieden der Seele, zur Sicherheit im Leben. Keine solche Erkenntnis, die bloß Theorie ist und über die man mit bloßen Gründen streiten kann, ist die Theosophie des Rosenkreuzers, sondern eine Erkenntnis, die einfließen muß in unsere ganze Kultur. Der im rosenkreuzerischen Sinne geschulte Theosoph weiß selbst alles, was sich an Einwänden erheben läßt; alle die Gegenargumente kennt er selbst. Wenn man mit Gründen dagegen streiten würde, würde es so gehen, wie es einmal Eduard von Hartmann mit seiner «Philosophie des Unbewußten» ergangen ist. Eduard von Hartmann veröffentlichte seine «Philosophie des Unbewußten». Er hatte darin über den Darwinismus und so weiter Sachen gesagt, die sich wie ein höherer Standpunkt gegenüber dem materialistischen Standpunkte der naturwissenschaftlichen Forschung ausnahmen. Da standen die Gelehrten alle gegen ihn auf, und es erschien eine Flut von Kritiken gegen diese «Philosophie des Unbewußsten». Der größte Dilettant wurde Eduard von Hartmann genannt! — Unter diesen vielen Broschüren erschien auch eine von einem Anonymus; es wurde darin die «Philosophie des Unbewußten» glänzend widerlegt mit allem, was man nur anführen konnte, wenn man das Wissen unserer Zeit beherrscht. Diese Broschüre fand überall großen Beifall. Und es sagte zum Beispiel Oscar Schmidt, der berühmte Zoologe: Schade, daß wir nicht wissen, wer diese Gegenschrift geschrieben hat, denn das ist ein Mensch, der auf der naturwissenschaftlichen Höhe seiner Zeit steht! — Und Ernst Haeckel sagte: Er nenne sich, und wir zählen ihn zu den unsrigen! — In der Tat machte diese Broschüre ein großes Aufsehen. Und es erschien eine zweite Auflage mit dem Namen des Verfassers, Eduard von Hartmann! Die Naturforscher fingen jetzt an zu schweigen, und die Sache ist auch nicht sehr bekanntgeworden. Aber sie war denn doch einmal dagewesen.
[ 34 ] Sie sehen, wer einen höheren Gesichtspunkt beherrscht, kann schon selbst die Gegengründe anführen; er braucht sich nur auf einen andern Standpunkt herunterzuschrauben. Und auch wir hätten, wenn wir Zeit dazu gehabt hätten, einige solcher Gegengründe anführen können. Aber es war wichtig, wegen der Kürze der Zeit, daß wir das mitgeteilt erhielten, was die Geistesforschung schon heute zu verkünden vermag über die Tatsachen der höheren Welt. Worauf es ankommt, ist, daß die Sachen heilsam auf den Menschen wirken können, und daß die Geisteswissenschaft zu zeigen vermag, wie sie sich immer mehr und mehr in alle Zweige des menschlichen Lebens eingliedern und sie befruchten kann. Und wenn sie befruchtend und gesundend wirken wird, dann wird sie durch eine solche Tatsache den besten Beweis für ihre Berechtigung gebracht haben. Dies soll auch der Beweis sein, den die Geisteswissenschaft sucht. Deshalb bleibt der Theosoph ziemlich unerschrokken, wenn die Leute heute noch sagen: Alles das ist nur Phantastik! — Es ist ja immer alles das, was zum Segen der Menschheit geworden ist, einst als Phantastik angesehen worden. Ein Beispiel dafür aus den letzten vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts: Da gab es noch nicht unsere gewöhnliche Postmarke. Die Postmarke ist ja erst Ende der vierziger Jahre von einem gewissen Hill - eigentlich von einem Dilettanten — erfunden worden. Derjenige nun, der sie im Parlament zu vertreten hatte, hat eine merkwürdige Rede gehalten. Erstens, sagte er, kann das gar nicht sein, daß der Verkehr in einer solchen Weise zunimmt, wie dieser Mensch das ausrechnet, und wenn das der Fall wäre, dann würde man ja das Gebäude größer machen müssen! — Was heute als ganz selbstverständlich erscheint: daß man auch das Gebäude vergrößert, wenn der Verkehr zunimmt, ist so abgespeist worden. Ein anderes: Als die erste Eisenbahn gebaut werden sollte, hat man in Bayern das Medizinalkollegium darüber befragt. Da haben die Herren gesagt, man sollte keine Eisenbahn bauen, denn das würde für die Menschen, die da fahren, die furchtbarsten Folgen für ihr Nervensystem haben. Wenn man aber schon eine Eisenbahn baue, dann müsse man hohe Bretterwände herumbauen, damit die andern keine Gehirnerschütterung davon bekämen!
[ 35 ] Man hat alles als etwas Phantastisches angesehen, als es zum ersten Male auftrat. Aber Geisteswissenschaft muß, wenn sie Lebenstatsache werden will, unmittelbar eindringen in das, was uns täglich umgibt. Wenn sie eine Kraft werden wird, die unser ganzes Leben beflügelt, die in unser alltäglichstes Tun und Wirken eindringt, dann erst hat sie sich als Tatsache bewährt. Von diesem Gesichtspunkt geht die Rosenkreuzertheosophie aus, und von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich Sie alles das aufzufassen, was in diesen Vorträgen gesagt worden ist. In der Zukunft wird sie sich zu etwas ausgestalten können, was auf die schöpferischen Kräfte des Menschen wirkt und ihm neue Impulse geben wird auf den Gebieten der Heilkunde und Erziehung, der Kunst und des höheren Wissens, was auf alle Zweige des Lebens beseelend und belebend einströmen wird.
[ 36 ] Von diesem Gesichtspunkte aus werden solche Vorträge gehalten, und von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich Sie, sie aufzunehmen.
