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The Rudolf Steiner Archive

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Das Prinzip der spirituellen Ökonomie
im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 109

5 Juni 1909, Budapest

12. Das Wesen des Menschen

[ 1 ] Gestern versuchte ich, Ihnen einen Überblick zu geben über die verschiedene Art der Beseelung der uns umgebenden Welt. Heute wollen wir uns über das Wesen des Menschen selbst genauer orientieren. Mancherlei schon Bekanntes wird auch hier erwähnt werden müssen. Wir wollen uns zunächst Tatsächliches aus dem Wesen des Menschen in solcher Art vor Augen führen, wie es sich am besten in das Bild hineinstellt, das ich Ihnen gestern geben konnte. Da werden wir dann sehen, wie der Mensch aus dem ersten Reich, das uns umgibt und das wir als das Mineralreich charakterisiert haben, in bezug auf seinen niedrigsten Leib zunächst wie aus ihm herausgewachsen erscheint. Betrachten wir den Menschen, wie er vor uns steht, so ist das erste, was wir an ihm wahrnehmen, das Handgreiflichste: sein physischer Leib. Für die okkulten Forscher aber ist dieses nur ein Glied seiner Menschennatur. Es ist leicht, sich über diesen physischen Leib eine falsche Vorstellung zu machen, wenn man denkt, der physische Leib sei eben das, was man mit Augen sehen, mit Händen greifen kann. Man begeht damit denselben Fehler, wie wenn man Wasserstoff für Wasser ansehen wollte. Diesem physischen Menschenleib sind nämlich schon die höheren Glieder beigemischt. So wie er uns physisch entgegentritt, ist dieser physische Menschenleib schon von den andern Gliedern der Menschennatur durchdrungen, so daß dasjenige, was uns da als Fleisch und Knochen entgegentritt, nicht ohne weiteres der physische Leib genannt werden kann. Dieser physische Menschenleib ist zwar das, was aus denselben Stoffen und Kräften besteht wie dasjenige, was Sie draußen in der mineralischen Welt haben, in kunstvollem Bau sind diese selben Stoffe und Kräfte zusammengefügt im Menschenleib, doch daß er so aussieht, sich so anfühlt, wie er es tut, das rührt davon her, daß ihm schon die andern Wesensglieder beigemischt sind. Was das Auge vom physischen Menschenleib sieht, das ist eigentlich nicht der physische Leib. Der ist als solcher vorhanden, wenn der Mensch eben durch die Pforte des Todes gegangen ist: der Leichnam, das ist der eigentliche physische Leib, das, was befreit ist von all den Gliedern der höheren Menschennatur. Wenn er sich überlassen ist, dieser physische Leib, so folgt er ganz andern Gesetzen als bis zu diesem Augenblick. Bisher hat er eigentlich stets den physikalisch-chemischen Gesetzen widersprochen. Der Körper des Menschen würde im irdischen Leben jeden Augenblick Leichnam sein, wenn er nicht dauernd durchzogen wäre vom Ätherleib, der ein Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes das ganze Leben hindurch. Der Äther- oder Lebensleib ist das zweite Glied der menschlichen Wesenheit.

[ 2 ] Wir wollen hier gleich vorausnehmen, daß einen Ätherleib auch die Pflanze und auch das Tier hat. Aber es unterscheidet sich doch der Mensch in gewisser Beziehung auch in seinem Ätherleib vom Tier. Und dieser Unterschied soll uns nun besonders interessieren: Wie unterscheidet sich der menschliche Ätherleib von dem des Tieres? — Zunächst aber wollen wir noch fragen: Wie kommt das hellseherische Bewußtsein dazu, etwas zu wissen vom Ätherleib des Menschen? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir das Hellsehen schildern.

[ 3 ] Wer eine gewisse Stufe des Hellsehens erreicht hat, der hat auch die Fähigkeit sich erworben, die starke Kraft errungen, seinen Geist so zu beherrschen, daß er in viel höherem Grade imstande ist, auf etwas seine Aufmerksamkeit zu lenken, oder sie davon abzulenken. Wenn Sie vom gewöhnlichen Menschen verlangen, seine Aufmerksamkeit so abzulenken, daß er sich sozusagen die physische Gestalt absuggetieren kann, so wird ihm das nur äußerst selten möglich sein; der Hellseher aber ist dazu durchaus imstande. Der Raum, in dem sonst der physische Leib ist, ist für den Hellseher dann ausgefüllt, durchglänzt von diesem Ätherleib oder Lebensleib. Derselbe hat annähernd die menschliche Gestalt an Kopf, Rumpf und Schultern. Je mehr er nach unten verläuft, desto weniger ähnlich ist er der menschlichen Gestalt. Beim Tier ist der Ätherleib sehr verschieden vom physischen Leib. Beim Pferd zum Beispiel ragt, wie Sie wissen, der Ätherkopf weit heraus. Und wenn Sie erst beim Elefanten den Ätherleib hellseherisch beobachten könnten, würden Sie erstaunt sein, welch riesigen Aufbau derselbe hat, Je mehr wir bei der Menschengestalt nach unten kommen, desto mehr ändert sich der Ätherleib gegenüber der physischen Form. Sonst aber entspricht sich in gewisser Beziehung Links und Rechts im physischen und im Ätherleibe. Etwas nach links liegt das physische Herz; das entsprechende Organ im Ätherkörper ist das Ätherherz, welches auf der rechten Seite liegt. Der größte Unterschied aber zwischen physischem und Ätherkörper ist der, daß der Ätherleib des Mannes weiblich ist und der der Frau männlich. Diese Tatsache ist sehr wichtig, und viele Rätsel der Menschennatur sind auf Grund dieses okkulten Forschungsergebnisses erklärlich. So ist also beim Menschen eine Art Entsprechung, beim Tier ein großer Unterschied zwischen diesem zweiten Glied der menschlichen Wesenheit und dem ersten.

[ 4 ] Den Astralleib können Sie sich beim Menschen noch viel klarer machen. Er ist das dritte Glied der menschlichen Wesenheit. Schon der Ätherleib ist eine Tatsache für den Hellseher, für den Materialisten freilich eine Phantasterei. Die äußere, anatomische, physiologische Wissenschaft durchforscht am Menschen nur den physischen Körper. Aber in diesem physischen Körper ist etwas, was als Blut und Nerven dem Bewußtsein des Menschen noch viel näher steht. Er weiß nämlich von seiner Lust, von seinem Leid, von seiner Freude, und dieses spielt sich ab im Raum, der von seinem physischen Körper ausgefüllt ist. Der Träger davon, der ihm unsichtbar ist, wird sichtbar für das hellseherische Bewußtsein wie eine leuchtende Wolke: es ist der astralische Leib. Dieser unterscheidet sich sehr vom Ätherleib.

[ 5 ] Die Bewegung im physischen Leib ist nicht zu vergleichen mit der außerordentlichen Beweglichkeit des Ätherleibes. Beim gesunden Menschen hat dieser die Farbe der Blüte des jungen Pfirsichbaumes. Es glänzt und glitzert alles an ihm in der eigentümlichen Nuance, in Rosenrot, Dunklem und Hellem bis zum Weiß-Leuchtenden; dabei hat der Ätherleib eine bestimmte Grenze, wenn dieselbe auch schwankend ist. Beim astralischen Leib ist das ganz anders. Der zeigt die mannigfaltigsten Farben und Formen, gleich einer Wolke, die dahinflutet in steter wechselnder Bewegung. Und das, was sich in der Wolke bildet, das drückt sich aus in den Gefühlen und Empfindungen, die der Mensch dem Menschen entgegenbringt. Sieht der Hellseher die bläulich-rote Farbe im Astralleib auftauchen, so sieht er gleichsam die Liebe strömen von Mensch zu Mensch, doch sieht er auch all die häßlichen Empfindungen, die von Mensch zu Mensch spielen. Und da die Seelentätigkeit des Menschen sich fortwährend ändert, so ändern sich auch fortwährend die Farben und Formen des astralischen Leibes, sie treten auf und schwingen ab in buntem Spiel und bilden ihre Einschlüsse.

[ 6 ] Das vierte Glied der menschlichen Wesenheit ist der Träger des Ich.

[ 7 ] So haben wir am Menschen nun den physischen Leib, der in der Natur draußen dem Mineral gleichkommt, dann den Ätherleib, welcher der Pflanze vergleichbar ist, und als drittes den Astralleib, den das Tier mit dem Menschen gemeinsam hat. Nur ist der Astralleib beim Menschen viel beweglicher als beim Tier.

[ 8 ] Der Ich-Träger, das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, ist gleich einer Art Ovalfigur, deren Ursprung bis hinein in das Vorderhirn zu verfolgen ist. Dort ist dieselbe für den Hellseher als eine bläulich-leuchtende Kugel sichtbar. Von der strömt aus in Ovalform, wie ein Raum-Ei, könnte man sagen, das in den Menschen hineinspielt, eine Art von Bläue. Wie ist dieser Ich-Träger zu sehen? Erst wenn der Hellseher imstande ist, sich auch den Astralleib des Menschen abzusuggerieren, erst dann vermag er den Ich-Träger wahrzunehmen. Die drei andern Leiber hat der Mensch mit den drei Reichen der Natur, dem Mineralreich, Pflanzen- und Tierreich gemeinsam. Durch den Ich-Träger aber unterscheidet er sich von diesen, dadurch ist er die Krone der Schöpfung.

[ 9 ] Indem wir so die viergliedrige Wesenheit des Menschen betrachtet haben, haben wir uns gleichzeitig das vor Augen geführt, was der Mensch sozusagen von den höheren Welten mitbekommen hat, ganz gleichgültig, auf welcher Entwickelungsstufe er steht. Dadurch, daß er diese vier Glieder der menschlichen Wesenheit hat, dadurch ist er eben Mensch. Jetzt erst, wenn das Ich an den drei andern Leibern arbeitet, beginnt die Arbeit des Menschen selbst. Ein Mensch steht höher oder niedriger in seiner Entwickelung, je nachdem er seine Arbeit an den drei niedrigeren Gliedern seiner Wesenheit vollbringt. Es beginnt das Ich zuerst am Astralleib zu arbeiten. Diese Arbeit drückt sich an einem niedrigerstehenden Menschen und an einer hochstehenden Persönlichkeit, wie Schiller etwa, sehr verschieden aus. Der eine hat an der Umwandlung seines Astralleibes weniger geleistet als der andere. Diese innere Arbeit an sich selbst nennt man in der Geheimsprache die Läuterung oder Reinigung: Katharsis. In dieser Weise arbeitet das Ich an der Vervollkommnung des Astralleibes. Bei allen Menschen finden Sie daher, daß der Astralleib in zwei Teile zerfällt: der eine Teil ist durchgearbeitet, geläutert, der andere nicht. Nehmen wir nun an, das Ich arbeitet unentwegt weiter am astralischen Leib, dann wird der Mensch allmählich dahinkommen, nicht mehr sich gebieten zu müssen, das Gute zu tun, sondern das Gute zu tun wird ihm zur Gewohnheit werden. Es ist nämlich ein Unterschied, ob der Mensch nur einem Gebot folgt, oder so stark in der Liebe ist, daß er gar nicht anders kann, als das Gute, das Gescheite, das Schöne zu tun. Folgt der Mensch nur dem Gebot, so arbeitet das Ich am Astralleibe; wird ihm aber das Gute zur Gewohnheit, so bearbeitet das Ich bereits auch den Ätherleib.

[ 10 ] In welcher Weise arbeitet nun das Ich am Ätherleib? Um dies zu erkennen, wollen wir ein Beispiel zu Hilfe nehmen. Wenn Ihnen irgend etwas erklärt wird und Sie haben die Sache verstanden, so hat das Ich in den Astralleib hineingearbeitet. Wenn Sie aber tagtäglich ein Gebet verrichten, etwa tagtäglich das Vaterunser beten, so arbeiten Sie in den Ätherleib dadurch hinein, daß Sie jeden Tag dasselbe wiederholen, daß die Seele immer wieder dieselbe Tätigkeit zustande bringt. Wiederholung ist etwas ganz anderes als einmaliges Verständnis. Wir wollen uns das klarmachen, wie das eine den Astralleib, das andere den Ätherleib vom Ich aus bearbeitet.

[ 11 ] Schauen Sie auf das Wachsen der Pflanze. Sie treibt den Keim, den Stengel, setzt Blatt für Blatt an, immer neue grüne Blätter. Dadurch, daß sie mit einem Ätherleib begabt ist, kann sie das, denn das Prinzip des Ätherleibes ist das der Wiederholung. Überall da, wo Wiederholung auftritt, da wirkt ein Ätherleib. Den Abschluß der Pflanze, die Blüte, den bewirkt ein anderes Prinzip, der sie überschattende Astralleib. Also ein Abschluß, das ist das Prinzip der Astralität. Merken Sie wohl - Sie können das auch beim Menschen am Bau seines physischen Leibes beobachten. Sehen Sie das Rückgrat an, die immer sich wiederholenden Rückenwirbel, da haben Sie den Ätherleib im Physischen ausgedrückt. Nun betrachten Sie den Kopf des Menschen, das Gehirn: da haben Sie den Abschluß, den Astralleib in der physischen Form. Denselben Vorgang haben Sie geistig als das einmalige Verständnis durch die Wirkung auf den Astralleib, und als errungene Tätigkeit durch die tägliche Wiederholung desselben Gebetes oder derselben Meditationsübung, einer Arbeit am Ätherleib. Darin ist das Wesentliche der Meditation zu sehen, daß sie durch das Prinzip der Wiederholung in den Astralleib nicht allein, sondern in den Ätherleib hinein wirkt. Die großen Religionslehrer haben deshalb so Großes gewirkt, weil sie der Menschheit Inhalte gegeben haben, in denen fortwirkende Kraft sich offenbarte, die immer noch weiter wirkt. So ist also auch der Ätherleib des Menschen zweiteilig: er hat einen durchgearbeiteten Teil, der allerdings beim Durchschnittsmenschen noch gering ist, und den vom Ich aus noch nicht bearbeiteten Teil.

[ 12 ] Ein drittes noch gibt es für den Menschen: Er kann von seinem Ich aus in den physischen Körper wirken. Das ist die härteste Arbeit. Der Mensch hat unbewußt fortwährend schon an seinem physischen Körper gearbeitet; nicht aber von seinem Ich aus. Das ist nur den Vorgeschrittensten möglich.

[ 13 ] So lernen wir die vier niederen Glieder des Menschen kennen und die drei höheren Glieder, welche Umwandlungsprodukte sind der drei niederen Leiber durch die Arbeit des Ich. Es besteht bei dieser Bearbeitung der drei unteren Glieder ein beträchtlicher Unterschied: dieselbe geschieht bewußt oder unbewußt. Unbewußt, das heißt ohne daß der betreffende Mensch es weiß, durch das Betrachten und In-sich-Aufnehmen künstlerischer Werke, Bilder und so weiter, durch hingebende Andacht und Gebetsverrichtungen. Es sind sich aber die Menschen dessen nicht bewußt, daß sie an ihrem Äther- und Astralleib arbeiten; das bewußte Arbeiten daran beginnt verhältnismäßig spät. Wir haben also zu unterscheiden ein bewußtes und ein unbewußtes Arbeiten des Menschen an den unteren Wesensgliedern. Es besteht der menschliche Astralleib aus zwei Gliederungen: einem unbewußten und einem bewußten Teil. Den Teil des Astralleibes, der vom Ich aus in unbewußter Weise durchgearbeitet wurde, nennt man die Empfindungsseele; diese ist beim Menschen heute fertig durchgebildet. Was unbewußt am Ätherleib vom Ich aus bearbeitet wurde, das ist die Verstandesseele. Was im physischen Leibe unbewußt seit langer Zeit umgearbeitet worden ist, das ist die Bewußtseinsseele. So unterscheiden wir also am Menschen den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich, und von diesem als vom Astralleib unbewußt Umgearbeitetem die Empfindungsseele; vom Ätherleib die Verstandesseele; vom physischen Leib die Bewußtseinsseele. Wir haben also sechs, beziehungsweise sieben Glieder der menschlichen Natur, die so entstanden sind, daß der Mensch unbewußt an sich gearbeitet hat. Nun beginnt das bewußte Arbeiten. Was entsteht dadurch? Es ist dasjenige, was der Mensch bewußt in den Astralleib hineinarbeitet, das Geistselbst oder Manas; was der Mensch bewußt an seinem Ätherleib arbeitet - das aber geschieht erst bei einer bewußten okkulten Schulung -, nennt man die Buddhi oder den Lebensgeist. Und was geschieht dann, wenn das Ich einmal in die Lage kommt, den physischen Leib bewußt zu bearbeiten, das heißt Kräfte bis in den physischen Leib hineinzuarbeiten? Durch okkulte Schulung, durch den Atmungsprozeß kann das wirklich bewußt geschehen, aber es muß dabei sehr vorsichtig und sehr subtil zu Werke gegangen werden, denn bei falscher Schulung, wie sie oft in öffentlichen Schriften gegeben wird, kann man auch dem Körper des Europäers sehr schaden, und man muß wissen, was der Konstitution des modernen Menschen angemessen ist. Durch solche bewußte Atmung wird dann der physische Körper vom Ich aus umgestaltet zu Atman oder dem Geistesmenschen.

[ 14 ] Das Wesen des Menschen war viergliedrig, als er irdische Gestaltung annahm. Mit der ersten irdischen Inkarnation beginnt er schon die Arbeit an sich selbst durch das Ich. Dabei entwickelt er durch die Verkörperungen hindurch unbewußt die drei Seelenaspekte: Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewußtseinsseele. Wir werden noch sehen, wie die bewußte Umgestaltung von physischem Leib, Äther- und Astralleib in die drei höheren Glieder vor sich geht. Hier haben Sie nun inzwischen dasjenige, was gewissermaßen die siebengliedrige Wesenheit des Menschen ist, sie entwickelt sich so durch die Inkarnation hindurch. Die vier Glieder: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib mit Ich sind die sogenannte heilige Vierheit, wie man sie in allen okkulten Schulen verehrte, zu der sich noch eine heilige Dreiheit gesellte, die sich zu einer Siebenheit und einer Zehnheit bewußt gliedert. So haben wir den universellen Menschen vor unsere Seele hingestellt, der alles in sich hat, was ihn gleichsam fächerartig umgibt, der aber durch seinen Ich-Träger darüber hinausragt.

[ 15 ] Nun wollen wir auch den Menschen im Wachen und Schlafen betrachten, um zu erkennen, wie da die Leiber zusammengefügt sind. Was geschieht, wenn Freude und Schmerz im Menschen schweigen, wenn das Bewußtsein in den Schlaf hinabsinkt? Der Astralleib und das Ich sind dann außerhalb des physischen und Ätherleibes. Für den Menschen tritt da im Schlafzustande etwas sehr Eigentümliches ein. Wie eine Pflanze am Tage, so ist der Mensch in der Nacht: er hat nur den physischen und Ätherleib in sich, er ist sozusagen heruntergestiegen zur Pflanzheit. Das Menschenwesen spaltet sich in zwei Glieder: physischer und Ätherleib bleiben im Bette und Astralleib und Ich sind außerhalb. Nun können Sie die Frage vorlegen: Ja, ist denn der Mensch im Bette eine Pflanze? - Nein, das nicht, aber sie bestehen beide aus der gleichen Körperzusammensetzung. Auf unserer Erde nun kann ein Wesen mit physischem und Ätherleib nur existieren, wenn es Pflanze ist. Dadurch, daß ein Astralleib und ein Ich darinnen wohnt, verändern sich die andern Leiber auch, der physische und der Ätherleib. Bei den Pflanzen finden sich keine Nervenstränge, und warmes Blut hat nur der physische Leib, in dem ein Ich darinnen wohnt. Die höheren Tiere sind als heruntergesunkene Formen des ursprünglichen Menschen zu betrachten. Im physischen Leibe drückt sich das Ich im Blutsystem aus, der Astralleib in den Nerven, der Ätherleib im Drüsensystem und die physische Natur in des Menschen eigenem Körper. Wenn nun der Astralleib der eigentliche Bildner des Nervensystems ist, und das ist er, so kommt dieses bei Nacht in eine sehr trübselige Lage, denn es wird von seinem Herrn verlassen; das Drüsensystem aber nicht, denn der Ätherleib bleibt ihm treu. Aber auch das Blutsystem des physischen und Ätherleibes wird in der Nacht treulos vom Ich verlassen. Der physische Leib kann für sich bestehen, denn die physische Natur bleibt dieselbe, ebenso das Drüsensystem, denn der Ätherleib bleibt im physischen Leibe bei Nacht. Aber das Nervensystem wird von seinem Herrn verlassen. Wir wollen nun das hellseherische Bewußtsein fragen, was dann im physischen Leibe geschieht? In demselben Maße, in dem der menschliche Astralleib während der Nacht aus dem physischen und Ätherleib herausgeht, in demselben Maße dringt ein göttlich-geistiger Astralleib in die Leiber, die im Bette liegen, ein. Ebenso verhält es sich mit dem Blutsystem: ein göttlich-geistiges Ich geht hinein und versorgt es. Der Mensch ist auch in der Nacht ein viergliedriges Wesen, aber etwas anderes lebt in ihm: ein Wesen höherer Ordnung nimmt Besitz von den zwei Leibern im Bette. Und wenn der Mensch, das heißt sein Astralleib und sein Ich, am Morgen zu seinem Äther- und physischen Leibe zurückkehrt, so jagt sein kleiner Astralleib ein Mächtigeres hinaus. Ebenso geht es bei seinem Blutsystem: sein Ich vertreibt das göttlich-geistige Ich, das während der Nacht dasselbe versorgt hat.

[ 16 ] In unserer Umgebung sind immer göttlich-geistige Wesenheiten. Diese müssen sich nun bei Tage zurückziehen, wir tun dasselbe bei Nacht. Diese göttlich-geistigen Wesenheiten schlafen nämlich bei Tag: Götterschlaf und Menschenschlaf entsprechen sich vollständig. Ein göttlich-geistiges Ich und ein göttlich-geistiger Astralleib ziehen am Abend in den im Bette liegenden Menschen, seinen physischen und Ätherleib ein und kehren am Morgen daraus zurück. Beim Menschen geschieht dies gerade umgekehrt, er verläßt am Abend seine Leiber und nimmt am Morgen wieder Besitz von ihnen. Selbst in den Religionen ist ein Empfinden zurückgeblieben für den Schlaf der Götter bei Tage. Es gibt Länder, wo die Kirchen um die Mittagszeit geschlossen werden, weil da die Götter am tiefsten schlafen.

[ 17 ] Auch dasjenige wollen wir uns nun vom Menschen ansehen, was da bei Nacht außerhalb seines Leibes ist: der Astralleib und das Ich. Wir wissen, daß im Astralleibe Triebe, Begierden und Leidenschaften wurzeln, aber der Mensch nimmt diese in der Nacht nicht wahr. Woher kommt das? Weil der Astralleib und das Ich des Menschen in der gegenwärtigen Entwickelung keine Organe haben, um wahrzunehmen. Nur mit den physischen Organen kann der gegenwärtige Mensch wahrnehmen. Denn so viele Organe der Mensch hat, so viele Welten eröffnen sich ihm, sind um ihn. Hat er ein Organ mehr, so erschließt sich ihm eine neue Welt. Der Astralleib des Menschen hat, wenn der Mensch noch nicht hellseherisch geworden ist, noch keine Organe, deshalb nimmt der Mensch in der Nacht auch nichts wahr. Wir können uns leicht denken, daß der Mensch da ohne Sinne sein kann. Wir wissen, es gibt Blinde und solche, denen andere Sinne fehlen; keine Welt ist für den Menschen da, wenn er sich nicht seiner Sinne bedienen kann. Daher ist am Morgen, wenn der Mensch sich wieder der physischen Sinne bedienen kann, die Welt wieder um ihn herum da. Anders aber ist es beim Tode. Der Ätherleib und der physische Leib bleiben während des ganzen Lebens miteinander verbunden; im Tode nun geht der Ätherleib in der Regel zum ersten Male heraus und verläßt den physischen Leib. Der Moment des Todes wird daher von dem, der davon etwas weiß, als der Moment des Rückblicks geschildert, wo das ganze verflossene Leben wie ein Panorama am Menschen vorbeizieht. Warum? Weil der Ätherleib der Träger des Gedächtnisses ist und dieses Gedächtnis nun frei wird. Solange der Ätherleib im physischen Leib ist, kann er nicht seine ganze Kraft entfalten, sondern nur so viel davon entwickeln, als das physische Instrument zuläßt. Jetzt aber, im Tode, wird er frei und kann ohne den physischen Leib das entwickeln, was in der ganzen Lebenszeit in ihn eingeschrieben worden ist. Auch durch einen Schock, bei dem aber den Menschen das Bewußtsein nicht wie nach dem Tode verlassen darf, kann dieses Panorama eintreten, zum Beispiel bei Todesgefahr. Das ist aber ein Ausnahmefall.

[ 18 ] Nun können Sie fragen: Wie lange dauert dieses Tableau? Das ist nun bei den Menschen sehr verschieden. Im allgemeinen kann man sagen, es dauert so lange, als der Mensch im Leben wachen kann, ohne vom Schlaf übermannt zu werden; das ist: zwanzig Stunden, fünfzig, sechzig bis achtzig Stunden. Die äußerste Grenze, die der Mensch im Wachen erreichen kann, ist ungefähr die Zeitdauer für dieses Panorama. So lange währt diese Rückerinnerung, dann flutet sie ab, und zugleich sieht der Hellseher, wie sich der Ätherleib herauslöst, aber nicht ganz, und das ist das Wesentliche. Eine Essenz, einen Extrakt nimmt der Mensch mit sich, und mit der Essenz seines Ätherleibes die Früchte seines letzten Lebens. Dadurch steigt der Mensch auf. Nun behält er die Essenz seines Ätherleibes, seinen Astralleib und sein Ich, bis er auch den Astralleib ablegt. Jetzt hat er zwei Leichname abgelegt, und dann geht er in die geistige Welt ein.

[ 19 ] Morgen wollen wir dann das Leben nach dem Tode und den Eintritt in die devachanische Welt betrachten.