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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Das Prinzip der spirituellen Ökonomie
im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 109

6 Juni 1909, Budapest

13. Der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt

[ 1 ] Gestern haben wir uns vor die Seele geführt, wie der Moment des Todes verläuft, wie der Ätherleib mit dem Astralleib und dem IchTräger heraustritt aus dem physischen Leibe und das Erinnerungstableau vor der Seele steht. Bei diesem Tableau zeigt sich eine Eigentümlichkeit. Es ist nämlich so, daß die Ereignisse wie gleichzeitig vor der Seele stehen und wie eine Art Panorama einen Überblick gestatten. Das Wesentliche davon ist aber, daß man es wirklich wie ein Bild empfindet. Im wirklichen physischen Leben sind die Ereignisse mit Freude und Schmerz verbunden; diese Empfindungsinhalte sind in den wenigen Tagen nach dem Tode fort. Es ist dieses Erinnerungsbild ein objektives Gemälde. Versuchen wir es uns klarzumachen an einem Beispiel. Wir sehen uns in einer recht fatalen, schmerzlichen Situation drinnen, wir erleben sozusagen deren Verlauf, aber das Schmerzliche dabei bleibt weg. Es ist wie ein Bild, das wir betrachten und das etwa einen Gemarterten darstellt: wir empfinden den Schmerz nicht wirklich, sondern schauen ihn nur objektiv an. So ist es mit dem Erinnerungsbild nach dem Tode. In dem Momente tritt es ein, wo der Ätherleib zum großen Teil heraustritt, sich von dem physischen Leibe loslöst und dann im allgemeinen Weltenäther sich auflöst. Und zurück bleibt von ihm der Extrakt, der die Frucht des verflossenen Lebens enthält. - Jetzt beginnt für die Seele eine wirklich wesentlich andere Zeit, die Zeit des Abgewöhnens von dem Hängen an der physischen Welt. Vorstellungen davon machen wir uns am besten, indem wir uns sagen: Für den Okkultisten ist die Summe von Trieben und Begierden etwas Reales. Das nun, was im astralischen Leibe vorhanden ist, das hört nach dem Tode mit dem Ablegen des physischen Leibes nicht auf, sondern all diese Triebe und Wünsche sind da. Wer in diesem Leben ein Feinschmecker gewesen ist, der verliert im Tode nicht die Lust an den leckeren Speisen, denn die Lust haftet am Astralleibe, und nur die physischen Werkzeuge, Gaumen, Zunge und so weiter hat er nicht mehr, womit er die Gier befriedigen kann. Wir können seine Lage vergleichen - weil auch die Sache aus einem andern Grunde so ist — mit einem Menschen, der furchtbaren Durst hat und keine Möglichkeit, ihn zu löschen. Er leidet diese Begierden, er leidet unter der notwendigen Entbehrung der Erfüllung dieser Begierden. Der Sinn dieses Leidens ist, zu fühlen, was es heißt, Begierden zu haben, die nur mit physischen Werkzeugen befriedigt werden können. Kamaloka: Abgewöhnung, «Ort der Begierden» nennt man diesen Zustand. Er dauert, vielleicht können wir noch genauer darauf eingehen, ein Drittel der Zeit, die der Mensch zwischen Geburt und Tod zubringt. Stirbt also jemand mit sechzig Jahren, so kann man sagen, zwanzig Jahre, ein Drittel seines verflossenen Lebens bringt er in Kamaloka zu. In der Regel dauert also Kamaloka so lange, bis er sich all die Begierden, die ihn noch an den physischen Plan knüpfen, abgewöhnt hat. Das ist eine Seite der Kamalokazeit. Aber wir wollen Kamaloka auch noch von einer andern Seite betrachten.

[ 2 ] Das, was der Mensch im physischen Leibe erlebt, ist von Wert für ihn, weil er auf dem Wege jener Erfahrungen sich immer höher und höher entwickelt durch das, was er auf Erden leistet. Das ist das Wesentliche. Andererseits bieten sich zwischen Geburt und Tod für den Menschen zahlreiche Anlässe, sich Hindernisse der Entwickelung zu schaffen. Dazu gehört alles das, was von unserem Tun dem Mitmenschen schadet. Jedesmal, wenn wir uns auf Kosten unserer Mitmenschen irgendeine eigennützige Befriedigung verschaffen, oder irgend etwas Eigensüchtiges unternehmen, das aber zusammenhängt und irgendwie eingreift in die Welt, schaffen wir ein Hindernis für unsere Entwickelung. Wir geben jemandem eine Ohrfeige: der physische und moralische Schmerz derselben ist für uns ein Entwickelungshindernis. Dieses Entwickelungshindernis würde uns für alle folgenden Zeiten und Leben anhängen, wenn wir es nicht aus der Welt schaffen würden. Der Mensch erhält nun in der Zeit des Kamaloka einen Anstoß, diese Entwickelungshindernisse aus dem Weg zu schaffen. Nun spielt sich die Kamalokazeit so ab, daß der Mensch sein ganzes Leben zurückerlebt, und zwar wird er es dreimal so schnell rückwärts durchleben. Das ist überhaupt das Merkwürdige der astralischen Welt, des Kamaloka, daß die Dinge alle wie Spiegelbilder erscheinen. Und das ist auch das Verwirrende für den Schüler bei seinem Eintritt in die astralische Welt. Die Zahl 346 zum Beispiel muß er 643 lesen. Er muß alles umkehren beim Schauen in der astralischen Welt. So ist es mit allen Dingen, die sich auf die astralische Welt beziehen. So ist es aber auch mit allen Ihren Leidenschaften. Nehmen wir an, es wird jemand durch Schulung oder pathologische Zustände hellschend, so sieht er zuerst die eigenen Triebe und Leidenschaften, die von ihm ausströmen, ihm erscheinen in Form von allerlei Figuren und Gestalten, und in Radien von allen Seiten auf ihn zukommen. Wer regulär oder auf unregelmäßige Art sehend wird im astralen Raum, der sieht zuerst diese Gestalten, die als Fratzen oder dämonische Gestalten auf ihn eindringen. Das ist eine sehr fatale Sache, besonders für solche, die sehend werden und jenes Eigentümliche noch nie gehört haben. Es wird das immer weniger selten werden, weil wir heute gerade in einem Entwickelungszustande begriffen sind, wo einer Anzahl von Menschen sich das Auge für die geistige Welt öffnet. So soll auch dies gesagt werden, damit sich jene, denen es passiert, dann nicht fürchten. Denn Geisteswissenschaft ist dazu da, um dem Menschen Führer in die geistige Welt zu sein. Für viele, die hellsehend werden, hängt damit viel seelisches Unglück zusammen, weil sie unwissend sind über alle diese Tatsachen und Zustände. Sie sehen also alle diese Dinge im Spiegelbilde in der astralischen Welt, Sie sehen auch anderes in der geistigen Welt. In der physischen Welt sehen Sie, wenn das Huhn ein Ei legt, erst das Huhn und dann das Ei, astralisch schen Sie den Vorgang, wie das Ei in das Huhn zurückgeht. Es wird also alles zurückerlebt. Denken Sie sich, man stirbt mit sechzig Jahren und kommt dann in Kamaloka an den Punkt, wo man mit vierzig Jahren dem andern eine Ohrfeige gegeben hat: jetzt erlebt man in Kamaloka alles das, was der andere durch uns erlebt hat, man ist förmlich in der Natur des andern darinnen. So lebt man sein Leben zurück bis zu der Geburt. Aber nicht nur Schmerz, auch Freude erlebt man, die Freude, das Glück, das man andern zugefügt hat. Stück für Stück legt die Seele so dasjenige ab, was ihre Entwickelungshindernisse sind. Und sie muß der weisheitsvollen Lenkung dankbar sein, die ihr die Möglichkeit des Ausgleichs gibt. Denn sie nimmt mit dem Willen, das wieder gutzumachen, jedesmal so etwas davon auf wie eine Marke, einen Willensimpuls, das wieder gutzumachen, was für sie Entwickelungshindernisse sind. Und sie kommt im kommenden Leben in die Lage, das zu tun. Wir sehen also, das objektive Tableau ist etwas ganz anderes als das Rückerleben in Kamaloka. In Kamaloka erlebt man sehr genau das, was der andere empfunden hat bei unserem Verhalten, man erlebt die andere Seite der eigenen Taten. Aber es ist nicht bloß dieses Kreuz dort zu erleben, sondern das, was man hier als Schmerzen erlebt hat, es ist dort Lust und Freude. Man erlebt also Lust und Leid als das Gegenteil von dem, was es in der physischen Welt war. Gerade dazu ist Kamaloka da, um der Seele das zu geben, was das Erinnerungstableau nicht gibt: das Zurückerleben von Schmerz und Freude.

[ 3 ] Ist nun das Kamaloka durchlebt, so wird eine Art dritter Leichnam abgelegt. Zuerst war es der physische Leichnam, dann der ätherische, der sich im allgemeinen Weltenäther auflöst, und jetzt ist es der astralische Leichnam. Dieser umfaßt alles das von des Menschen astralischem Leibe, was er noch nicht von seinem Ich aus geläutert und geordnet hat. Das, was er einst mitbekommen hat als Träger seiner Triebe und Leidenschaften, und was er nicht vom Ich aus umgearbeitet, vergeistigt hat, das löst sich los nach dem Kamalokazustand. Mit nimmt der Mensch auf seiner weiteren Bahn einen Extrakt vom Astralkörper: erstens die Summe all der guten Willensimpulse, und zweitens alles das, was er vom Ich aus umgewandelt hat. Alles, was er veredelt hat von seinen Trieben: das Schöne, das Gute, das Moralische, das bildet den Extrakt seines astralischen Leibes. Der Mensch besteht nun am Ende der Kamalokazeit aus dem Ich, und um dieses gleichsam herumgelagert hat er den Extrakt des astralischen Leibes und des Ätherleibes, die guten Willensimpulse.

[ 4 ] Nun beginnt für den Menschen ein neuer Zustand, der des leidfreien, geistigen Lebens, des Devachans. Es ist für den Okkultisten sehr erhebend, wenn er solche Dinge als Tatsachen erlebt und sie dann wiederfindet in den heiligen Urkunden und religiösen Schriften. Die Stelle im Neuen Testament ist eine solche, die da lautet: «So ihr nicht werdet wie die Kindlein, so könnet ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen.» Hier ist hingedeutet auf das Zurückleben bis zur Geburt: das sind solche große Momente, die man den religiösen Urkunden gegenüber haben kann. Sie müssen mich recht verstehen: der Okkultist schwört auf keinerlei Urkunde und Autorität, für ihn sind einzig die Tatsachen der geistigen Welt maßgebend, aber die Urkunden, sie werden ihm objektiv wieder wertvoll. Die Theosophie ist nicht aufgebaut auf irgendeine religiöse Urkunde, sondern unmittelbar auf die Erforschung von geistigen Tatsachen. Die Grundlage aller Geisteswissenschaft ist die objektive Forschung; wenn dann die Urkunden Ähnliches enthalten, dann wird sie der Okkultist erst recht entsprechend werten können.

[ 5 ] Jetzt beginnt das Leben im Devachan, im Geistgebiet. Diese geistige Welt, sie ist immer zu beobachten, sie ist immer da; der Tote tritt eben erst in sie ein, aber sie ist immer da. Die Methoden, durch die man sie wahrnehmen kann, werden wir später kennenlernen. Diese geistige Welt ist sehr schwer zu beschreiben, da unsere Worte eben für die physische Welt geprägt sind. Es kann daher nur vergleichsweise eine Vorstellung davon gegeben werden. Hier in unserer irdischen Welt finden wir feste Erde, wir wandern darauf herum, Flüssiges, das Wasser, einen Luftkreis, und das Ganze durchdrungen von Wärme. So etwa können Sie sich vergleichsweise auch das Geistgebiet vorstellen. Es gibt ein Festland dorten, das auf sehr merkwürdige Weise gebildet ist, das Kontinentalgebiet des Devachans: da ist alles Mineralische in seinen Formen enthalten. Sie wissen, daß der Hellseher da, wo das Mineral fest ist, nichts sieht im Raume, der Raum ist ausgespart, und außen herum sind die geistigen Kräfte für den hellseherischen Blick, etwa wie ätherische Lichtfiguren. Stellen Sie sich einen Kristall vor: was von der physischen Materie ausgefüllt ist, das ist für das Bewußtsein, wenn es sich in die geistige Welt erhebt, nicht das Wesentliche, sondern der Geist des Kristalls, die Kräfte, die außen herum an ihm sichtbar sind. Wie ein Negativ stellt sich der Kristallwürfel dem Hellseher dar. Was an physischen Formen in unserer Welt ist, das ist ein fester Boden im Devachan. Vieles andere ist noch darinnen im Devachan. Alles das, was an Leben auf der Erde ist, pflanzliches, tierisches und menschliches Leben, und wie es da in den verschiedenen Wesen verteilt ist, das erscheint dem Seher wie das flüssige Element der geistigen Welt, wie Meer- und Flußgebiet. Das flüssige Leben, das dort strömt, das können wir aber in der Anordnung nicht gut vergleichen mit unseren Flüssen und Meeren, viel eher mit dem Blute, wie es den Menschenleib durchströmt. Das ist das ozeanische und das Flußgebiet des Devachans. Nicht ab- oder aufsteigend, nicht stufenförmig erscheint dieses feste und flüssige Gebiet dort, sondern in einem ähnlichen Verhältnis wie hier Land und Meer.

[ 6 ] Das dritte Gebiet ist vergleichbar unserem Luftkreis. Gebildet ist derselbe im Devachan aus dem, woraus unsere und die tierischen Empfindungen bestehen. Er ist die Summe alles dessen, was im Astralischen lebt. Fließender Schmerz, fließende Lust, ist die Substantialität, die im Devachan das bildet, was hier die Luft ist. Denken Sie sich, der Hellseher sähe sich vom Devachan aus eine Schlacht an. Wenn Sie sie physisch anschauen, so sehen Sie Kämpfer, Kanonen und so weiter, der Hellseher sieht aber mehr als die physischen Menschengestalten und die physischen Instrumente, er sieht, wie sich die Leidenschaften der Kämpfenden gegenüberstehen. Was in den Seelen lebt, das würden Sie da sehen: wie Leidenschaft auf Leidenschaft prallt. Gleich einem furchtbaren Gewitter, wie es im Hochgebirge wütet, so etwa nimmt sich eine solche Schlacht aus für den Hellseher vom Devachan aus. Doch auch liebreiche Empfindungen nimmt der Mensch dort wahr: wie ein wunderlieblicher Ton durchziehen diese das devachanische Luftgebiet. - Also drei Gebiete: Festes, Flüssiges und Luftiges des Devachan haben wir sie vergleichsweise mit denen unserer Erde genannt.

[ 7 ] Wie Wärme die drei unteren Gebiete bei uns durchzieht, so durchzieht auch ein gemeinschaftliches Element die drei genannten Gebiete des Devachan. Und das, was dort alles durchzieht, das ist die Substanz unserer Gedanken, die dort als Formen und Wesen leben. Das, was hier der Mensch an Gedanken erlebt, das ist nur ein Schattenbild der wirklichen Gedanken. Denken Sie sich eine Leinwand ausgespannt und dahinter lebendige Wesen und Gestalten, auf der Leinwand aber würden Sie nur deren Abbilder sehen können. Genau so verhalten sich die Gedanken, die der Mensch in der physischen Welt kennt, zu dem, was die Gedanken im Geistgebiet sind. Dort sind sie Wesenheiten, mit denen man verkehren kann, die wie Wärmezustände den ganzen Raum des Devachan durchziehen. In diese Welt tritt der Mensch ein. Sehr genau empfindet es der Mensch in diesem Leben nach dem Tode, wenn er in das Devachan eintritt.

[ 8 ] Noch haben wir zu erwähnen, daß in demselben Maße, als der Mensch sich in Kamaloka die physischen Zusammenhänge abgewöhnt, auch sein Bewußtsein sich wieder aufhellt. Nach dem scharfen, klaren Bild der Überschau über sein Leben tritt im nachtodlichen Leben eine Umdüsterung seines Bewußtseins ein, je stärker der Wunsch nach dem Physischen wird. Aber je mehr sich der Mensch das Hängen am Physischen abgewöhnt, desto mehr hellt sich das umdüsterte Bewußtsein auf. Und im Devachan erlebt der Mensch bewußt, nicht etwa traumhaft, die Ereignisse und alle Erlebnisse des Devachan. Wir werden noch darüber sprechen, wie sich die Organe dafür bilden.

[ 9 ] Der Mensch weiß es genau, wenn er die geistige Welt betritt. Der erste Eindruck des Devachan ist der, daß er den physischen Leib des vorigen Lebens in seiner Form außerhalb seines Ich sieht. Dieser Leib ist ja einverleibt dem Kontinentalgebiet der geistigen Welt; er gehört zu dem Festland des Devachan. Im physischen Leben, da sagen Sie: /ch mache das. — Sie konstatieren, daß Sie in Ihrem physischen Leibe leben und sagen daher «Ich» zu ihm; nicht so im Devachan. Da sind Sie außerhalb des physischen Leibes, aber er wird Ihnen in seiner Form bewußt in dem Moment, wo Sie das Devachan betreten, und da sagen Sie zu ihm: Das bist du! - Nicht mehr sagen Sie nun zu Ihrem physischen Leibe Ich. Das ist ein einschlagendes, sehr bedeutsames Ereignis für die Seele, bei dem ihr klar wird: nicht mehr in der physischen, sondern in der geistigen Welt, da bin ich jetzt. Darum sprechen Sie Ihren physischen Leib nicht mehr mit Ich an, sondern sagen: Das bist du! - Auf dieses Erlebnis geht auch in Wahrheit der Spruch aus der Vedantaphilosophie zurück: Tat twam asi — das bist du. - Alles, was so in der morgenländischen Philosophie gesagt wird, das sind Tatsachen der geistigen Welt. Wenn die Vedanta also den Schüler lehrt zu meditieren über das «Das bist du», so bedeutet das nichts anderes, als daß er in sich schon in diesem Leben jene Vorstellungen wachrufen soll, die ihm dann beim Betreten des Devachan aufgehen. Wahre Meditationsformeln sind nichts anderes als Photographien von Tatsachen der geistigen Welt. Und das «Tat twam asi» ist der Grenzstein, die Marke, die einem anzeigt, daß man in die geistige Welt eintritt. Des weiteren lernt man da nach und nach kennen, objektiv zu betrachten das, was mit dem eigenen physischen Leben zusammenhängt, ohne Sympathie und Antipathie, wie Bilder, die man sich beschaut.

[ 10 ] Ein anderes nun wieder sind die Erlebnisse der Seele gegenüber dem fließenden Leben des Devachan. In der physischen Welt ist das Leben verteilt auf die vielen individuellen Wesen. Als ein Ganzes dagegen erscheint das Leben im Devachan. Das eine, allumfassende Leben tritt einem da entgegen, und die Empfindung, die man davon hat, ist eine ungeheuer starke, denn in diesem einen Leben sind die Erlebnisse ja nicht darinnen als etwas Abstraktes. Denken Sie doch, wie alles das, was die großen Religionsstifter hineingelegt haben ins Leben, wie das von dem Menschen wiederum in seinen Astralleib und in seinen Ätherleib hineingelebt wird: das alles wird als etwas Erhebendes wieder erlebt im Devachan. Was ausgeflossen ist durch die großen Stifter und eingeflossen während der einzelnen Verkörperungen - und gerade die wertvollsten Erfahrungen sind hineingelegt in den Ätherleib -, dem stehen Sie im Geistgebiet als einem Erlebnis gegenüber. Alles, was eingeflossen ist in das physische Leben, Sie haben es in großen, gewaltigen Bildern vor sich. Sie erleben das, was die Menschen eint. Was sie harmonisiert, das erleben Sie im Devachan; dasjenige, was uns hier trennt, was uns fremd ist, das bringen wir dort in Einklang. Und das, woran wir hier innerlich so stark beteiligt sind, Lust und Leid, erscheint uns dort wie Wind und Wetter. In Bildern erleben wir es um uns herum, was wir früher in uns erlebten: es ist jetzt der Luftkreis um uns herum. Das ist wichtig, daß wir das, was wir im physischen Leben persönlich erfühlen, dort im Zusammenhang mit dem Ganzen erfahren. Nicht anders empfinden wir Freude, als im Zusammenhang mit der gesamten Lust, nicht anders Schmerz, als im Zusammenhang mit dem gesamten Leid. So zeigen sich unsere Lust und unser Leid, wie sie in ihrer ganzen Tragweite für die Gesamtheit wirken. Solche Erfahrung von Lust und Leid gewinnen wir in dem Leben nach dem Tode. Mit den Gedanken leben wir dort wie mit den Dingen.

[ 11 ] Und nun fragen wir: Was bewirkt das in der Wesenheit des Menschen, wenn er so in allem darinnen lebt im Devachan? Wir wollen uns das durch einen Vergleich klarmachen. Wodurch sieht der Mensch in der physischen Welt? Dadurch, daß Licht auf ihn eindringt und ihm das Organ dafür bildet. Goethe sagt nicht ohne Absicht: Das Auge ist vom Licht für das Licht gebildet. - Die Richtigkeit dieser Tatsache ist aus dem zu ersehen, daß, wenn Tiere in dunkle Höhlen einwandern, ihre Augen verkümmern und andere Organe, etwa die Tastorgane, die dort nötig sind, sich feiner ausbilden. Das Organ der Wahrnehmung wird gebildet durch das äußere Element. Gäbe es keine Sonne, so gäbe es kein Auge, das Licht hat das Auge geboren. Unser Organismus ist ein Ergebnis der um ihn herum befindlichen Elemente, alles, was wir an uns physisch haben, das ist aus der Umgebung um uns herum gebildet. Und ebenso werden im Devachan aus der geistigen Umgebung heraus die geistigen Organe dem Menschen angebildet. Und der Mensch nimmt fortwährend im Devachan etwas vom Leben seiner Umgebung auf und baut sich aus den Elementen seiner Umgebung eine Art Geistorganismus zurecht. Er fühlt sich dort fortwährend als ein Werdender, dem Glied um Glied seines geistigen Organismus entsteht. Und nun bedenken Sie, daß alle Wahrnehmung einer Produktivität als Seligkeitsgefühl empfunden wird und auch im physischen Leben mit einem solchen verbunden ist! Denken Sie an den Künstler, den Erfinder. Dieses Wachsen und Werden nun, Stück für Stück, das empfindet der Mensch beim Durchwandern des Devachan als ein Seligkeitsgefühl. Und so bildet er sich dort das geistige Urbild eines Menschen heraus. Ein solches hat er sich schon oft gebildet, jedesmal, wenn der Mensch nach seinem Tode im Devachan verweilte, aber jedesmal wird als Neues das hineingearbeitet, was der Mensch als Frucht seines letzten Lebens, als Extrakt in seinem Ätherleib mit ins Devachan genommen hat.

[ 12 ] Als der Mensch das erste Mal das Devachan betrat, da hat er sich schon ein Urbild des Menschen geistig aufgebaut, und dieses verdichtete sich dann zu dem physischen Menschen. Jetzt, da er durch viele Inkarnationen hindurchgegangen ist, nimmt er jedesmal den Extrakt des verflossenen Lebens mit und darnach bildet er sich dann das Urbild eines neuen Menschen. Diese Arbeit dauert lange, wir wollen heute das nur im allgemeinen erwähnen. Es ist also nicht zwecklos, daß der Mensch in aufeinanderfolgenden Inkarnationen auf der Erde erscheint und immer wieder den Durchgang durch das Devachan vollzieht. Jedesmal trägt für ihn die Erde ein anderes Antlitz, und Neues bietet sich ihm dar in der äußeren Kultur und in bezug auf alle möglichen Verhältnisse. Die Seele erscheint nicht früher auf dem physischen Plan, als bis sie Neues hier lernen kann. Die Zeit, die zwischen den Reinkarnationen liegt, will ich Ihnen in Zahlen dann noch angeben; so lange braucht der Mensch auch, um sein neues Urbild aufzubauen. Ist es aufgebaut, so hat jedesmal dieses Urbild den Impuls, wieder auf der Erde zu erscheinen, dieses Urbild, das ja eigentlich der Mensch selber ist. Es ist nicht leicht, diesen Impuls zu beschreiben. Nehmen Sie ein Beispiel. Jemand hat einen Gedanken, und nun hat er auch den Drang, denselben auszudrücken: Es hat der Gedanke von dem Impuls her die physische Form angenommen. Heute liegt die Kraft dazu, sein im Devachan geschaffenes Urbild auszugestalten, noch nicht in der Willkür des Menschen. In diesem Lebenszyklus kann der Mensch noch nicht seine Reinkarnationen selbst leiten, er braucht höhere geistige Wesenheiten, die ihn hinleiten zu dem Elternpaar, das imstande ist, den geeigneten physischen Leib für das Urbild zu geben. Sie leiten ihn hin zu dem Volke und der Rasse, die am besten zu ihm für dieses Urbild paßt. Ist der Zeitpunkt der Wiederverkörperung gekommen, so umgibt sich der Mensch zunächst, nach Maßgabe dessen, was er als Urbild im Devachan ausgebildet hat, mit astraler Substantialität, und zwar bildet sich das wie von selbst: diese schießt sozusagen an. Nun beginnt die Hinleitung durch höhere Wesenheiten zu dem Elternpaar. Und da nur ungefähr entsprechend passend zu dem Astralleib und Ich gefunden werden kann der physische Leib, den die Eltern geben, so wird von diesen Wesenheiten der Ätherleib dem Menschen dazwischen einverleibt, durch den dann die möglichste Anpassung zwischen dem Irdischen und dem aus der geistigen Welt Gegebenen geschieht. Von dieser Angliederung des Ätherleibes und von der physischen Geburt wollen wir dann morgen sprechen. Aber das sehen wir heute schon: Bei der Geburt, bei dem Wiedererscheinen auf der Erde macht der Mensch den umgekehrten Weg zurück wie nach dem Tod. Zuerst gliedert sich jetzt der Astralleib an, dann der Ätherleib und zuletzt der physische Leib. Beim Tode legt er zuerst den physischen Leib, dann den Ätherleib und zuletzt den Astralleib ab.

[ 13 ] Und wenn der Mensch den Ätherleib erhält, geschieht mit ihm etwas Ähnliches, wie wenn er durch die Pforte des Todes geht. Da hat er einen Rückblick auf sein vergangenes Leben gehabt, jetzt hat er eine Vorschau, eine prophetische, auf das Leben, das er nun betreten will. Das ist sehr bedeutungsvoll für ihn. Es geschieht in dem Augenblick, wo der Ätherleib sich eingliedert. Der Moment verschwindet ihm dann wieder aus dem Gedächtnis. Es sind nicht Einzelheiten, die er da sieht, sondern es ist ein Bild der Lebensmöglichkeiten. Diese Vorschau kann ihm nur insofern verhängnisvoll werden, als er dadurch einen sogenannten Schock erhält, das heißt, er sträubt sich, in das physische Leben einzutreten. Beim regulären Eintritt deckt sich der Ätherleib und der physische Leib; in solchen Fällen, wie bei einem Schock, nicht. Da geht dann der Ätherleib nicht ganz in den physischen Leib hinein, besonders am Kopf bleibt er herausragend, und daher kann er dann die Verstandesorgane nicht richtig herausarbeiten. Ein Teil der Fälle, wo Idiotie auftritt, rührt davon her, aber durchaus nicht alle; das sei extra betont.

[ 14 ] So wird uns das physische Leben begreiflich durch das geistige, das dahintersteht. Und diese Erkenntnis wird uns helfen, unser Wissen in den Dienst des hilfreichen Lebens zu stellen.