Das Prinzip der spirituellen Ökonomie
im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen
GA 109
7 Juni 1909, Budapest
14. Die physische Welt als Ausdruck geistiger Wirkungen und Wesen
[ 1 ] Nun müssen wir etwas die Verhältnisse unserer physischen Welt beleuchten in ihren Beziehungen zu der gestern beschriebenen geistigen Welt, durch die der Mensch hindurchgeht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wer sich einläßt auf geisteswissenschaftliche Wahrheiten, für den ist es selbstredend, daß alles, was in der physischen Welt geschieht, der Ausdruck geistiger Wirkungen, Tatsachen und Wesenheiten ist, so daß in der geistigen Welt, im Devachan, die Untergründe aller unserer physischen Geschehnisse zu suchen sind. Nun können Sie mich fragen: Gibt es auch umgekehrt ein Hineinwirken von unserer physischen Welt in die geistige Welt? - Ja, und wir werden diese Beziehungen bei der Betrachtung des Menschenlebens am besten verstehen. Fäden werden hier in der physischen Welt von Seele zu Seele gesponnen, wie sie sich aus den mannigfaltigen Lebensverhältnissen ergeben, Bande der Freundschaft, der Liebe und so weiter werden geknüpft. Und alles das, was so angeknüpft wird von Mensch zu Mensch, das hat nicht nur für diese physische Welt Bedeutung und Wesenhaftigkeit, sondern ist auch wichtig für die geistige Welt. Und zwar kann man sagen, je geistiger hier die Beziehungen gewesen sind, desto bedeutungsvoller sind sie für die devachanische Welt. Stirbt der Mensch, so fällt auch von diesen Verhältnissen der Liebe und der Freundschaft alles das ab, was physisch ist an ihnen, und nur das Seelisch-Geistige bleibt. So zum Beispiel im Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Zunächst spinnt sich zwischen diesen beiden aus der Naturgrundlage heraus ein Verhältnis an, dieses vergeistigt sich allmählich, ja, im Laufe der Zeiten ist diese ursprüngliche Naturgrundlage etwas, was eigentlich nur Gelegenheit gegeben hat, ein Band zwischen Seele und Seele zu spinnen. Stirbt der Mensch, so fällt diese Naturgrundlage ab, aber das, was sich als Band zwischen Seele und Seele geschlungen hat, das bleibt erhalten. Und wenn Sie sich vor die Seele rücken das ganze Menschengeschlecht der Erde, alle die bestehenden Bande der Freundschaft und der Liebe, so müssen Sie sich diese Zusammenhänge denken wie ein großes Netz, wie ein gewaltiges Gewebe, und dieses Gewebe ist auch wirklich vorhanden im Devachan. Und wenn der Hellseher vom Standpunkte des Devachan auf die Erde blickt, dann sieht er dieses Gewebe geistiger Zusammenhänge. Das Gewebe dieser geistigen Zusammenhänge findet der Mensch wieder, wenn er nach dem Tode das Devachan betritt. Er ist hineingestellt in all die geistigen Zusammenhänge, die er selbst gewoben hat. Daraus beantwortet sich auch die Frage: Sieht man im Devachan seine Lieben wieder? — Ja, wir sehen sie wieder, und zwar befreit von allen Hindernissen des Raumes und der Zeit, die sich wie ein Schleier hienieden über alle diese Seelenverhältnisse legen. Im Devachan stehen die Seelen einander selbst gegenüber. Das Verhältnis von Seele zu Seele ist viel innerlicher als in der physischen Welt und viel inniger. Niemals kann im Devachan ein Zweifel sein, ob der eine den andern wiedererkennt, wenn der eine früher, der andere viel später nach langer Zwischenzeit das Devachan betritt. Das Wiedererkennen seiner Lieben dort ist gar nicht besonders schwierig, denn dort trägt sozusagen jeder seine geistige innere Wesenheit auf seinem geistigen Antlitz geschrieben. Er spricht seinen Namen selbst aus, und zwar in einer viel passenderen Weise als es hier möglich ist, als seinen eigenen Grundton — wie man im Okkultismus sagt -, der er auch selber ist in der geistigen Welt. Ein solches ungestörtes Zusammensein der sich Liebenden ist erst möglich, wenn beide im Devachan sind. Doch herrscht für den Entkörperten in bezug auf den, der noch auf der Erde sich befindet, nicht Bewußtlosigkeit; er kann dessen Tun sogar verfolgen. Irdisch-physische Farben und Formen sieht der im Devachan sich Befindende natürlich nicht, da er keine physischen Organe mehr hat im Devachan. Alles aber in der physischen Welt hat sein geistiges Gegenbild im Geistgebiet, und das nimmt der Vorangegangene wahr. Jede Handbewegung in der physischen Welt, denn ihr geht ein Wille voraus, bewußt oder unbewußt, jede Veränderung am physischen Menschen hat ein geistiges Gegenbild, das er im Devachan wahrnehmen kann. Das Sein im Geistgebiet ist nicht etwa eine Art von Traum oder Schlaf, sondern es ist durchaus ein bewußtes Leben. Denken Sie sich, daß der Mensch Anlagen und Impulse empfängt im Devachan, um mit den Lieben in einem näheren Verbande zu bleiben, um sie in einer späteren Verkörperung wieder auf Erden zu finden. Das ist vielfach der Sinn der Erdenverkörperung, immer intimere Bande zu schlingen. Das Zusammenleben im Devachan ist ein mindestens ebenso intimes, wie jedes Leben hier. Das Mitfühlen im Devachan ist ein viel energischeres, intimeres als auf der Erde; den Schmerz erleben Sie dort mit als Ihren eigenen Schmerz. Auf Erden ist mehr oder weniger persönliches Glück möglich auf Kosten der andern, im Devachan ist das ausgeschlossen. Dort würde das Unglück, das einer etwa einem andern bereitet, um selbst glücklich zu sein, auf ihn zurückstrahlen, und man könnte wirklich nicht auf Kosten der andern glücklich sein. Das ist der Ausgleich, der vom Devachan ausgeht. Die Impulse, um die Brüderlichkeit auf der Erde zu verwirklichen, bringen Sie von dort mit. Das, was im Devachan selbstverständliches Gesetz ist, das soll auf der Erde als eine Aufgabe verwirklicht werden.
[ 2 ] Noch vieles wäre über den Zusammenhang der geistigen Welt und der Erde zu sagen. Sie können es nun durchdenken und sich dann selbst viele Fragen beantworten über das Wiedersehen und das Zusammensein mit den Lieben im Devachan.
[ 3 ] Gestern wurde gesagt, daß wenn der Mensch im Devachan sein geistiges Urbild ausgebildet hat, er den Impuls erhält, wieder herunterzugehen auf den physischen Plan, etwa so, wie wenn ein Gedanke reif ist und Sie den Drang fühlen, ihn in die Tat umzuarbeiten. Doch das ist noch halb abstrakt gesagt. Was ist es, das die Seele eigentlich veranlaßt, wieder in die physische Welt herunterzugehen, das ihr den Impuls dazu besonders eingibt? Während der Kamalokazeit, wo sich die Seele das Hängen am physischen Leben allmählich abgewöhnt, nimmt sie fortwährend in den Erlebnissen Impulse auf, die ihr den Willen entzünden, Entwickelungshindernisse aus dem Weg zu räumen. Sie erlebt selbst an sich den Schmerz und den Schaden nach, den sie andern gegenüber angerichtet hat. In diesem Erleben des Schmerzes der andern entsteht bei ihr der Impuls: Das mußt du gut machen! - ein vorläufig unauslöschlicher Impuls. So nimmt die Seele Schritt für Schritt vom Kamaloka ins Devachan die Impulse der Ausbesserung ihrer Fehler mit. In den höheren Welten besteht noch viel mehr die Möglichkeit, daß dasjenige, was entsteht, in der entsprechenden Weise erhalten bleibt. Legt der Mensch nun nach der Kamalokazeit den Astralleib als dritten Leichnam ab, so löst sich von ihm alles das auf, woran das Ich noch nicht gearbeitet hat. Aber es bleibt in der Astralwelt zurück von dem, was er selbst als Entwickelungshindernisse in die Welt gesetzt hat, etwas wie ein Gewebe. Der Mensch pflastert sich wirklich selbst den Weg durch die Welt mit all den Formen, die ausdrücken, daß er diese oder jene Schädigung den andern verursacht hat. Hat der Mensch nun sein Urbild im Devachan vollendet und da hinein all das verwoben, was er als Extrakt seines Ätherleibes von der letzten Verkörperung mitgenommen hat, so geschieht jetzt eine Art von Befruchtung. Das Urbild wird befruchtet von dem Gewebe der eigenen unausgeglichenen Taten. Das erste also, was mit der Seele geschieht, nachdem sie ausgereift ist im Devachan, ist, daß sie eine Befruchtung erfährt mit dem, was wir ihr Karma nennen. Und dadurch erhält sie den Impuls, wieder auf die Erde herunterzusteigen, um möglichst viel von dem früher verursachten Schaden auszugleichen. Mit den Folgen der eigenen Taten wird die Seele befruchtet am Ende des Devachan. Dann erst ist sie vollständig reif zum Heruntersteigen zu einem neuen irdischen Dasein.
[ 4 ] Der Hellseher sieht überall in der astralen Welt solche Seelen, die sich verkörpern wollen. Raum- und Zeitverhältnisse der astralen Welt sind allerdings anders als die der physischen Welt. Eine solche Seele kann sich mit riesiger Geschwindigkeit bewegen im astralen Raum, und sie wird von besonderen Kräften hingetrieben an den Ort, wo ein für diese Seele richtig konstruierter physischer und Ätherleib erzeugt wird. Eine Entfernung wie die zwischen Budapest und New York spielt da gar keine Rolle. Zeitverhältnisse kommen überhaupt nur soweit in Betracht, als durch sie die irdischen Möglichkeiten der besten Verkörperungsbedingungen erreicht werden können. Von der Erde kommt dieser Seele, die wie eine von oben nach unten sich verbreiternde Glockenform aussieht, wenn sie den Astralraum durchfliegt, das Physische entgegen, das von der Vererbungslinie her geschaffen ist.
[ 5 ] Nun müssen wir noch ein wenig das besprechen, was die Seele da unten anzieht, und das, was sich verkörpern will. Sie wissen, der Fortpflanzung entspricht eine gewisse Summe von Gefühlsimpulsen, mehr oder weniger geistiger Liebesimpulse, Liebessympathie. Dem Fortpflanzungsvorgang geht voraus eine Liebessympathie, die der Hellseher wahrnimmt als ein Hinundherwogen von astralen Kräften, ein Hinundwiderspielen von astralischen Strömungen zwischen Mann und Frau. Es lebt da etwas, was sonst nicht vorhanden ist, wenn der Mensch allein ist; das Zusammenleben der Seelen selber drückt sich aus in dem Hinundherwogen der astralischen Strömungen. Nun ist aber jeder Liebesvorgang individuell. Jedes Lieben geht im Hinundwiderspiel von einer besonderen Individualität aus. Und nun spiegelt sich darinnen, vor aller irdischen Befruchtung, vor dem physischen Akt in dem Liebesbegehren, in diesem astralischen Hinundherspielen die Individualität, die Natur des Wesens, das wieder auf die Erde heruntersteigt. Das ist das Besondere der einzelnen Liebesakte. So daß man sagen kann: Vor der physischen Befruchtung, da beginnt schon das zu wirken, was aus der geistigen Welt heruntersteigt; das Zusammengeführtwerden von Mann und Frau wird von der geistigen Welt mitbestimmt. Hier spielen in einer intimen wunderbaren Weise Kräfte aus der geistigen Welt mit. Und dasjenige, was heruntersteigt, sich heruntersenkt, ist im allgemeinen von Anfang an gebunden an das Ergebnis der Befruchtung. Durchaus ist es nicht so, daß erst nach einer gewissen Zeit irgendeine Individualität sich damit verbindet. Vom Moment der Befruchtung an ist diese heruntersteigende Individualität mit dem Resultat der physischen Fortpflanzung zusammengehörig. Ausnahmen gibt es allerdings auch da. In den ersten Tagen nach der Befruchtung wirkt freilich diese geistige Individualität, die herunterkommt, noch nicht auf die Entwickelung des physischen Menschen ein, aber sie ist sozusagen dabei, sie ist schon mit dem sich entwickelnden Embryo verbunden. Das Eingreifen geschieht etwa vom achtzehnten, neunzehnten, zwanzigsten und einundzwanzigsten Tage an nach der Befruchtung; da arbeitet dann schon mit dem werdenden Menschen das, was heruntergestiegen ist aus einer höheren Welt. So daß von Anfang an vorbereitet wird, nach den früheren Fähigkeiten, jenes feine, intime organische Gewebe, das notwendig ist, wenn die menschliche Individualität den physischen Leib als Instrument gebrauchen soll. Daß der Mensch eine Einheit ist, rührt davon her, daß das kleinste Organ dem ganzen Organismus entspricht, das heißt, auch das Kleinste muß von einer gewissen Art sein, damit das Ganze so sein kann, damit es geschehen kann, daß schon vom achtzehnten bis einundzwanzigsten Tage an das Ich an der Ausgestaltung des physischen und des Ätherleibes mitwirkt.
[ 6 ] Inwieweit hat nun da von dem, was physisch sich fortpflanzt, also was die Eltern geben - das weibliche und das männliche Element -, Einfluß auf die Ausgestaltung des werdenden Menschen? Nun, wenn Sie sich einlassen auf das, was okkult-geistig dem Physischen zugrunde liegt, dann wird Ihnen vieles dabei verständlich werden. Hier kann natürlich nur das Wesentliche skizziert werden. Wenn an der menschlichen Fortpflanzung nur das Weibliche beteiligt wäre - wir werden hören, daß früher, vor der Geschlechtertrennung die Fortpflanzung ohne Zutun des Männlichen geschah -, wenn das heute noch so wäre, was würde dann geschehen? Wie weit also ist das Weibliche als Weibliches beteiligt? Das wollen wir jetzt sehen. - Würde nur das Weibliche einwirken, dann wäre die Fortentwickelung so geschehen, daß das Kind im allerhöchsten Maße den Vorfahren ähnlich wäre. Immer nur ganz gleichgestaltete Wesen würden entstehen. Das Generelle, das Gleichartige rührt vom weiblichen Element her. Erst durch die Geschlechtertrennung ist es möglich geworden, daß sich die menschliche Individualität entfalten kann. Denn das, was bewirkt, daß der Nachkomme Verschiedenheiten von seinen Vorfahren aufweist, das ist der Einfluß des Mannes. Das männliche Element spezialisiert; im weiblichen wird die Gattung erhalten, es reproduziert das Gleichartige; das Männliche, das gibt die Individualität.
[ 7 ] Daher auch war es erst, als die Zweigeschlechtlichkeit auf Erden entstanden war, möglich, daß die Verkörperungen oder Reinkarnationen nacheinander erfolgen konnten. Da erst hatte der Mensch die Möglichkeit, irgendwie auf der Erde das verkörpern zu können, was das Ergebnis vom Früheren war. Daß das, was da unten auf der Erde sich vollzieht, und das, was von Inkarnation zu Inkarnation sich entwickeln und bereichern muß, was individuell ist, zusammenpaßt, das rührt davon her, daß männliches und weibliches Element zusammenwirken. Das menschliche Ich würde heute keinen passenden Körper mehr finden, wenn nicht das allgemeine Menschheitsprinzip abgeändert würde durch das männliche Element, das heißt, wenn nicht der allgemeine Typus zum Individuellen sich gestalten würde. Vom weiblichen Element her wirkt im wesentlichen der Ätherleib. Im Ätherleib, in dem die dauernden Neigungen liegen, ist die treibende Kraft des weiblichen Elements. In ihm ist verankert das, was das Generelle ist, das Gattungsmäßige. Im Ätherleib der Frau ist heute noch das Gegenbild dessen vorhanden, was man da außen findet als die Volksseele, als den Rassengeist. Volksseele und Rassengeist sind einander ähnlich. Fassen wir nun ins Auge, was als Geistiges der Befruchtung zugrunde liegt, so müssen wir sagen: Die Befruchtung an sich ist nichts anderes als eine Art Ertötung der lebendigen Kräfte des Ätherleibes. Schon bei der Befruchtung wird der Tod hineingewoben in den menschlichen Leib. Es ist etwas, was den Ätherleib, der sich sonst ins Unendliche vervielfältigen würde, verhärtet, ihn sozusagen abtötet. Das, was von der weiblichen Natur herrührt, der Ätherleib, der sonst nur Kopien gestalten würde, wird durch den männlichen Einfluß verdichtet und dadurch wird er der Bildner der neuen menschlichen Individualität. Die Fortpflanzung besteht in der Erzeugung einer Kopie des weiblichen Ätherleibes; dadurch, daß er durch die Befruchtung in einer gewissen Beziehung verhärtet wird, abgetötet, wird er zugleich individualisiert. Und in dem abgetöteten Ätherleib liegt die Formkraft verborgen, die den neuen physischen Menschen hervorbringt. So rücken zusammen Befruchtung und Fortpflanzung. Wir sehen also, daß zweierlei Befruchtungen stattfinden: unten die physische, menschliche Befruchtung, und oben die Befruchtung des Urbildes durch das eigene Karma. Schon vom achtzehnten bis einundzwanzigsten Tage an, sagten wir, arbeitet das Ich an dem Embryo; aber erst viel später, nach sechs Monaten, arbeiten an dem Embryo andere Kräfte mit, die wir die Kräfte nennen können, die das Karmische des Menschen bedingen. Wir können es so ausdrücken, daß wir sagen: da greift jenes Gewebe ein, das aus Karma gewoben ist. Nach und nach greifen diese Kräfte ein. - Nun gibt es aber auch hier Ausnahmen, so daß in späterer Zeit eine Auswechslung des Ich eintreten kann. Darüber wollen wir später noch sprechen. Das allererste, was da eingreift zur Ausgestaltung, ist das Ich.
[ 8 ] Wenn wir uns ein ungefähres Bild machen wollen von dem, was in den geistigen Welten sich vorfindet und da heruntersteigt, so müssen wir sagen: Das sich verkörpernde Individuum führt die sich Liebenden zusammen. - Das Urbild, das sich verkörpern will, hat sich ja die Astralsubstanz angegliedert, und diese Astralsubstanz wirkt nun hinein in die Liebesleidenschaft, in das Liebesgefühl. Das, was unten auf der Erde hin und wider wogt als astralische Leidenschaft, das spiegelt in sich wieder das Astralische des heruntersteigenden Wesens. Also der astralischen Substanz von oben kommt das astralische Gefühl der Liebenden entgegen; es wird beeinflußt von der Substanz dessen, was zur Verkörperung niedersteigt. Wenn wir diesen Gedanken ganz durchdenken, so müssen wir sagen: Der sich wiederverkörpernde Mensch ist durchaus beteiligt an der Wahl seiner Eltern. Je nachdem er ist, wird er hingetrieben zu dem betreffenden Elternpaar. Der Einwand ist billig, daß man behauptet: mit solcher Begründung der Auswahl der Eltern verliere man das Gefühl, in seinen Kindern wieder zu erstehen, und daß die Liebe, die sich darauf gründet, den Kindern das Ureigene verliehen zu haben, sich dadurch verringere. Das ist eine grundlose Furcht; denn diese Mutter- und Vaterliebe wird in einem viel höheren und schöneren Sinne aufgefaßt, wenn wir sehen, daß das Kind in einem gewissen Sinne die Eltern vorher liebt, schon vor der Befruchtung, und dadurch zu ihnen hingetrieben wird. Die Elternliebe ist also die Antwort auf die Liebe des Kindes, sie ist die Gegenliebe. So haben wir eine Erklärung der Elternliebe als Wiedergabe dessen, was als kindliche Liebe vor der physischen Menschheitsentstehung gegeben ist.
[ 9 ] Es wurde schon erwähnt, daß höhere Wesenheiten mitwirken bei der Verkörperung des neuen Menschen. Sie werden das begreifen, wenn Sie bedenken, daß niemals eine völlige Entsprechung stattfindet zwischen dem, was sich von oben zur Verkörperung herabsenkt, und dem, was dieses sich an Hüllen da unten anlegen läßt. Sie kann erst stattfinden, diese völlige Entsprechung des Oberen und des Unteren, wenn der Mensch am Ziele seiner Entwickelung angelangt sein wird, wenn er Atma erreicht hat. Wenn er den physischen Leib in Atma, den Ätherleib in Buddhi, den Astralleib in Manas umgewandelt haben wird, dann steht der Mensch an dem Evolutionspunkte, wo er mit vollständig freiem Willen seine letzte Inkarnation sich selbst wählt. Vorher ist ein wirkliches Zusammenpassen unmöglich. Bedenken Sie: so wie der Mensch heute ist, hat er nur einen Teil seines Astralleibes, einen Teil seines Ätherleibes und seines physischen Leibes umgearbeitet. Und darüber nur ist er Herr. Aber das, was er noch nicht umgearbeitet hat, das muß ihm von außen her ankristallisiert werden. Andere Wesenheiten müssen ihm das angliedern. Das sind zwei verschiedene Arten von Wesenheiten, die sich daran beteiligen, solche, die ihm den Ätherleib angliedern, und solche, die ihn dem Elternpaar zuführen. Den Ätherleib sich selbst angliedern könnte der Mensch auf der heutigen Stufe seiner Entwickelung noch nicht. Durch die im Ätherleib liegenden Kräfte entsteht für den Menschen der Moment des Vorgesichts, von dem wir gestern gesprochen haben. Wenn nun der Mensch den Ätherleib und den Astralleib hat, und der physische Leib dann angegliedert wird, dann kommt der Augenblick, wo das Vorgesicht verschwinden muß; da muß der Ätherleib sich in den physischen Leib hineinpassen. Der Ätherleib, er ist ja nicht nur der Träger des Gedächtnisses, sondern alles Zeitlichen: der Erinnerung und der Voraussicht. Wenn er aber in den physischen Leib eintritt, ist er gebunden an die physischen Gesetze, und diese löschen seine Macht in gewisser Beziehung aus. Geradeso wie der Mensch durch den Einfluß des physischen Leibes sein Gedächtnis nur bis zu einem gewissen Grade entfalten kann, während nach dem Tode, wenn der Ätherleib wieder frei ist, er das ganze Erinnerungsbild herstellt, genau so ist es mit der Vorschau: das Schauen in die künftige Zeit wird beschränkt in der physischen Welt durch den physischen Leib. Das ist der normale Verlauf der Einkörperung. Den neulich angedeuteten Schock erhält die Seele durch eine abnorme Vorschau schwerer Verhältnisse seines späteren Lebens.
[ 10 ] Nun haben wir den Moment erreicht, wo der eigentliche Mensch, das Ich selbst, zu arbeiten beginnt an dem, was ihm gegeben worden ist und womit er zusammengebracht wird in der physischen Welt. Die Kräfte der verschiedenen geistigen Glieder des Menschen, die in der Zeit vor der Geburt zu wirken haben, die wirken nun zunächst durch die entsprechenden Wesensglieder der Mutter hinein. In der ersten Zeit vor der Geburt kann der Mensch ja nur dadurch leben, daß er allseitig von der Mutterhülle umschlossen ist. Diese physische Mutterhülle, die stößt der Mensch bei der Geburt von sich. Zunächst wird da nur der physische Leib frei, der Ätherleib - das sieht der Hellseher bleibt noch umgeben von einer Äther-Mutterhülle; er bleibt geschützt und behütet davon bis zum Zahnwechsel des physischen Leibes. Das ist ein wichtiger Punkt in der Menschheitsentwickelung, wo die mütterliche Ätherhülle abgestreift wird und eine zweite Geburt stattfindet. Dann, wenn der Ätherleib seine Mutterhülle abgestreift hat, ist der eigene Ätherleib geboren, er wird frei. Damit ist etwas sehr Wichtiges gegeben für die menschliche Entwickelung. Bis zum Zahnwechsel ist noch die Möglichkeit vorhanden, daß die Menschenformen nach dieser oder jener Richtung elastisch bleiben, sich verändern; von dieser Zeit ab vergrößern sie sich nur noch. Im wesentlichen sind mit dem Zahnwechsel die Formen ausgebildet. Das ist wichtig zu wissen. Daher muß alles, was von außen her bildend ist für den physischen Leib, was bleibend an ihm sein soll, sorgfältig berücksichtigt und gebildet werden bis zu dieser Zeit des Zahnwechsels. Nun formt aber auch alles Äußere, was auf den Menschen einwirkt, die feineren Glieder und Organe an ihm, so zum Beispiel das Licht und die Farbe. All das formt den Menschen im wesentlichen bis zum siebenten Jahr. Es ist daher nicht gleichgültig, welche Farbe, welche Umgebung das Kind um sich hat, und was Sie es verrichten lassen. Wenn Sie die Hand nie gebrauchen würden, so würde sie verkümmern. So ist es mit allen Organen. Auch die feineren bilden sich durch Tätigkeit aus. Rot zum Beispiel hat eine andere Wirkung auf die feineren Organe im Menschen, die sich eben ausgestalten, als Blau; und so ist, je nach der Farbe, die das Kind umgibt, die Wirkung verschieden. In der Arbeit bilden sich die Organe aus. Das Auge sieht gewohnheitsmäßig, gewiß, aber was es sieht, wirkt ein auf die ganze menschliche Natur. Es ist nicht einerlei für die Entwickelung des Kindes, ob das Auge Rot oder Blau sieht. Hier wird es sein, wo die Theosophie im eminentesten Sinne sich in nicht gar zu ferner Zeit praktisch erweisen wird. Warum treiben wir Theosophie? Aus Menschenliebe treiben wir sie, weil sie es gestattet, auch hier in solche subtilen Zusammenhänge nützlich einzugreifen.
[ 11 ] Mit dem siebenten Jahre also wird der Ätherleib frei. Er ist der Träger des Gedächtnisses. Das Wichtigste ist nun in bezug auf das Gedächtnis des Kindes, daß man es vor dem siebenten Jahre nicht durch pädagogische Mittel ausbildet. Erst vom siebenten Jahre an ist die Zeit da, wo wahre Erziehung auf die Bildung des Gedächtnisses einwirken soll. Man wendet manchmal dagegen ein: die Natur sorgt ja selbst dafür, daß längst vor dem siebenten Jahre das Kind das Gedächtnis übt. Das ist richtig; aber das ist eben die Vorarbeit, welche die Natur vollzieht. Das Auge des Kindes ist auch schon im Mutterleibe vor der Geburt von der Natur aus fertig, aber was würde geschehen, wenn Sie auf das Auge des Embryo das Sonnenlicht wirken lassen wollten? Eben damit das Sonnenlicht später richtig auf das Auge wirken kann, deshalb muß an dem Auge von der Natur vor der Geburt vorgearbeitet werden. So ist es auch mit den andern Organen vor der physischen Geburt. Die Natur fertigt sie vorher, aber sie sind geschützt von der äußeren Einkleidung der Mutterhülle. Und so soll auch bis zum siebenten Jahr an dem Gedächtnis des Kindes von der Natur gearbeitet werden, damit es dann vom siebenten Jahre ab in richtiger Weise weiter ausgebildet werden kann. Und wie soll man von da ab auf das Gedächtnis des Kindes wirken? So wie die Natur einwirkt, bis das Kind physisch geboren wird.
[ 12 ] Eine astralische Mutterhülle trägt der Mensch mit sich herum bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife. Da wirft er sie ab, und der Astralleib wird frei: sozusagen eine dritte Geburt findet statt. Der Astralleib ist der Träger des menschlichen Urteils, der menschlichen Kritik. Man sollte abkommen von der Ansicht, daß das Kind möglichst früh zu einem selbständigen Urteil kommen soll. Vom siebenten bis vierzehnten Jahr ist es notwendig, einen weisen Gedächtnisschatz zu sammeln für das Leben, um so sich in der Zeit, wo der Astralleib geboren wird, einen möglichst reifen und reichen Seeleninhalt zu erschaffen. Erst dann soll das Urteilen beginnen. Die frühere Methode, in den Schulen das Einmaleins einfach auswendig lernen zu lassen: 1 x 1 = 1 und so weiter, ist, da sie eine rein gedächtnismäßige ist, bedeutend vorzuziehen der jetzigen abstrakten Methode, an der sogenannten Rechenmaschine das Einmaleins mit roten und weißen Kugeln zu «beweisen». Diese ist entschieden schädlich. Auch hier gilt dasselbe wie beim kleinen Kinde; dieses versteht die Sprache lange Zeit, ehe es selbst sprechen kann. So soll man es auch erst urteilen lassen wollen, wenn es einen guten Gedächtnisschatz für den Ätherleib sich angeeignet, gewisse bleibende Neigungen und Gewohnheiten entwickelt hat. Das Gefühlsleben beim Kinde zu entwickeln, das ist sehr wichtig: Dankbarkeit, Ehrfurcht und heilige Scheu sind Gefühle, die im späteren Leben sich äußern als Kraft des Segnens, der ausströmenden Menschenliebe. Die allerstärksten Impulse werden dem Ätherleib gegeben durch religiöse Erlebnisse, durch das Sich-angegliedert-Fühlen an ein Göttlich-Geistiges, an ein Weltenganzes. Das abstrakte Urteil, das soll erst gegen die Zeit hin ausgebildet werden, in der man so weich und biegsam das gemacht hat, was aus dem Ätherleib fließt, daß die Gefahr einer Angewöhnung des abstrakten und pietätlosen Denkens abgewendet ist. Je bildhafter und symbolischer die Erkenntnis dem Kinde gebracht wird, desto besser. Die Gefühlswelt entwickelt sich durch Gleichnisse und Sinnbilder, besonders durch alles, was aus der Geschichte charakteristischer Menschen vorgeführt wird, und durch Vertiefung in die Geheimnisse und Schönheiten der Natur. Von großer Bedeutung ist dabei, wie Fragen dem Kinde beantwortet werden. Zum Beispiel, als Erklärung für das Werden des Menschen, für Tod und Geburt, das Werden des Schmetterlings aus der Puppe. Es ist dies ein Bild für die Seelenhaftigkeit des Menschen, der aus dem physischen Leib herausstrebt. Aber natürlich, wenn man das dem Kinde sagt, muß man selbst daran glauben, sonst wird das Kind es auch nicht glauben. Für die Wahrheit der Bilder finden sich überall entsprechende Tatsachen in der Natur. Der Okkultist weiß, daß gerade das Bild vom Schmetterling und der Puppe zum Symbol eines viel höheren Vorgangs dienen kann. Wir müssen wieder glauben lernen an das, was heute nur eine abstrakte Philosophie zu Sagen und Märchen stempelt. Auch das Storchenmärchen, auch Lieder wie «Flieg, Käferchen, flieg» können sinnvoll erschlossen werden. Nicht wurde dieses Märchen in alten Zeiten ausgedacht, um dem Kinde eine Lüge zu sagen, sondern es ist von einem solchen erdacht, der da wußte, daß bei der Geburt etwas heruntersteigt aus der geistigen Welt. Später wird man ja ebensogut sagen können: Es ist eine Lüge, daß es in der Vergangenheit Menschen gegeben hat, welche geglaubt haben sollen, daß bei dem Werden, bei der Geburt eines neuen Menschen, kein anderer Vorgang sich abspielt als die physische Verbindung zweier Menschen. Das ist ein Märchen, das Märchen des 19. und 20. Jahrhunderts, wir wissen es wieder besser! - wird man in Zukunft sagen. Und unsere Nachkommen werden dann hoffentlich verständiger und nachsichtiger sein mit unseren Schwächen als wir mit denen unserer Vorfahren.
[ 13 ] Das Sinnbild ist die beste Art, um auf den Astralleib zu wirken. Die Vorstellung soll gepflegt werden bis zur Bildung des freigewordenen astralischen Leibes, erst dann das Urteil. Weshalb sind so viele Gegenwartsmenschen in ihrer Seele leider verkrüppelte Menschen? Warum? Weil sie viel zu früh «Ja» und «Nein» zu den Dingen sagen gelernt haben. Verehren lernen sollen sie in der Zeit bis zur Geschlechtsreife die großen Vorbilder, die großen Vorgänge in der Natur; erst zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Jahre sollte das Urteil reifen. Es würde dann auch eine geringere Anzahl jener Sorte von Schriftstellern auf die Menschheit losgelassen werden, die unter und über dem Strich zu schreiben pflegen. Das Ergebnis der zu frühen Urteilsbildung unreifer, aber schriftstellernder Menschen ist der seichte Materialismus unserer Gegenwart. Dieser verborgene Materialismus ist viel schlimmer als der streitbare, wissenschaftlich. Eine Meinung hat erst Gewicht, wenn sie sich auf Seelenerfahrung stützt. Lernen muß der Mensch zu urteilen; die Meinungen sind daher auch so verschieden, weil viel zu früh die Meinungen gebildet werden. Erst mit dem einundzwanzigsten Jahre wird das Ich geboren, und erst von da ab kann in Frage kommen, daß der Mensch von sich aus die Welt beurteilt. Erst da steht er der Welt selbständig gegenüber.
[ 14 ] Weiterhin, so etwa vom einundzwanzigsten bis achtundzwanzigsten Jahre, bildet sich dann noch das, was man die Empfindungsseele nennt, heraus; dann die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele in Zeiträumen von je sieben Jahren. Es ist daher ein okkultes Gesetz, daß einer vor dem fünfunddreißigsten Jahre nicht imstande ist, auf dem Felde des Okkultismus irgend etwas zu geben oder zu erreichen. Von großer Wichtigkeit ist besonders das fünfunddreißigste Jahr. Ich erinnere Sie an Dante, seine Vision, sein Hineinschauen in die geistige Welt: rechnen Sie es aus, er hatte das im fünfunddreißigsten Jahre.
[ 15 ] Da, wo okkulte Tradition lebte, da wußte man, daß solche Zyklen sich auch im einzelnen Menschen ausleben. Man wußte, wie die geistigen Kräfte des Menschen, der da heruntersteigt, arbeiten, wo sie einsetzen und wie lange sie zur richtigen Entfaltung brauchen. Man wußte, daß alles Leben eine Einheit ist, ein großes Ganzes. Aus dieser Einsicht heraus muß sich auch das Zusammenleben der menschlichen Gesellschaft gestalten. Theosophie soll uns lehren, daß die Weisheit übergehen muß in die Tat, in die soziale Tat und in den Alltag des unmittelbaren Lebens. Theosophie hat um so größeren Wert, je weniger sie abstrakte Weisheit bleibt, je mehr sie durch die Seele bis in die Geschicklichkeit der Hand hineinfließt. Die Handfertigkeit ist dann eine Art physischer Ausdruck des Geistes der Welt. ein sinnlicher Ausdruck des Spirituellen.
