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The Rudolf Steiner Archive

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Die Tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens
im Lichte der Evangelien
GA 117

18 Oktober 1909, Berlin

2. Die Evangelien, Buddha und die zwei Jesusknaben

[ 1 ] Das letzte Mal erzählte ich hier den Inhalt des Basler Vortragszyklus, wo es sich um das Lukas-Evangelium gehandelt hat. Wir haben dabei auf die Frage hingewiesen, die jemand stellen könnte: Ja, wenn nun schon so vieles gesagt ist in bezug auf das Johannes-Evangelium und im Anschluß daran über das Bild des Christus Jesus, kann es da möglich sein, daß auch im Hinblick auf die andern Evangelien etwas zu sagen ist, daß man in gewissem Sinne ein ebensolches Verständnis bekäme, wie wenn man das tiefste, das Johannes-Evangelium, hat auf sich wirken lassen?

[ 2 ] Wenn das so wäre, dann wäre eine Erklärung der drei andern Evangelien nicht etwa im Sinne der Geistesforschung. Denn was wir suchen innerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschung, das soll nicht genommen sein aus irgendeiner Urkunde; es soll nicht an uns herantreten als irgend etwas Überliefertes, sondern als etwas, was mit den Mitteln der Geistesforschung erforscht werden kann.

[ 3 ] Der Geistesforscher stellt sich die Aufgabe, zu erkunden, wie sich das Ereignis von Palästina darstellt, ohne daß er irgendeine Urkunde zu Hilfe zieht. Ohne Berücksichtigung irgendeiner Urkunde stellt er seine Forschung an. Dann versucht er nachher zu zeigen, wie uns aus den Urkunden dieselben Wahrheiten und Berichte entgegenleuchten.

[ 4 ] Wir haben den Weg gewählt beim Lukas-Evangelium und beim Johannes-Evangelium, daß wir aus dem ungeheuren Umfange der Akasha-Chronik herausgeholt haben, was man wiederfinden kann im Lukas-Evangelium und im Johannes-Evangelium. Dadurch, daß man die Forschungen der Geistesforscher auf diese Evangelien in dieser Weise anwendet, lernt man sie im gewissen Sinne erst kennen. Ich habe gezeigt, daß man da bei dem Lukas-Evangelium Gelegenheit hat, etwas anderes zu besprechen als bei dem Johannes-Evangelium. Es beginnt das Johannes-Evangelium mit der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth in der Zeit, als er dreißig Jahre alt war. Es tritt uns da in ihm die hohe Sonnenwesenheit entgegen, die Christus-Wesenheit. Wir haben es hier zu tun mit den drei letzten Lebensjahren des Christus Jesus.

[ 5 ] Das Lukas-Evangelium dagegen gestattet uns, jene bedeutungsvollen Vorgänge kennenzulernen, welche möglich gemacht haben, daß diese bedeutende Wesenheit des Christus einfließen konnte in die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, zu zeigen das Zusammenströmen des Zarathustrismus und des Buddhismus, und wir haben gesehen, wie sich diese zwei gewaltigen Geistesströmungen begegnen und sich vereinigen gerade im Jesus von Nazareth. Er trat uns das letzte Mal entgegen als menschliche Persönlichkeit, die da geboren ward als ein Kind mit ganz besonderen innerlichen Anlagen, aber zunächst nicht mit jenen Anlagen, die den Menschen besonders zum Verständnis der äußeren, gegenwärtigen physischen Welt geführt hätten. Über dieser Persönlichkeit, die als Kind uns entgegengetreten ist in dem nathanischen Jesuskinde, dem eigentlichen Jesus von Nazareth, über ihr sehen wir strahlen das, was wir den Nirmanakaya des Buddha nannten, was wir als Aura dieses Kindes sehen. Es ist diejenige Gestalt, welche der Buddha annahm nach seiner letzten Inkarnation, in welcher er Buddha wurde. Wir konnten hervorheben, daß dasjenige, was wir unsere abendländische esoterische Lehre nennen, voll rechtfertigt das, was in den morgenländischen Schriften enthalten ist: daß die Individualität vor der Verkörperung des Buddha, in der sie im 6. Jahrhundert vor Christus auftrat, ein Bodhisattva war.

[ 6 ] Solch ein Bodhisattva wird in einer ganz bestimmten Verkörperung ein Buddha. Damit hatte jene Individualität eine solche Entwickelungsstufe erlangt, daß sie nun nicht mehr in einem physischen Leib auf der Erde verkörpert zu werden brauchte. Das ist eine große Errungenschaft, daß eine Individualität nicht mehr verkörpert zu werden braucht. Daß dieses sein kann, hängt aber nicht nur von der Höhe der Entwickelung einer Individualität ab, sondern auch von der Art einer Individualität. Nach dieser Verkörperung hatte der Bodhisattva-Buddha keine irdisch-fleischliche Verkörperung mehr durchzumachen. Er verkörperte sich dann nicht mehr in einem irdisch-fleischlichen Leibe, sondern nur noch in dem, als unterste körperlich-leibliche Wesenheit, was wir den Äther- oder Lebensleib nennen. Darin verkörperte sich hinfort eine solche Individualität. Er stieg nicht mehr herunter zu einer fleischlichen Verkörperung, dieser Buddha, sondern nur zu einer solchen im Ätherleibe.

[ 7 ] Ein solcher ätherischer Leib, in dem sich eine Individualität vorwärtsentwickelt hat, sieht - wenn er gesehen wird — nicht wie ein anderer Leib aus, der als physischer Leib auf der Erde besteht. Was wir als physischen Leib sehen bei einer Individualität, die bis zur Verkörperung im physischen Leib heruntersteigt, das ist da eine geschlossene Einheit. Da ist nirgends eine Unterbrechung. Ein solcher ätherischer Leib aber, in dem sich eine Individualität wie der Buddha verkörpert, ist nicht eine geschlossene Raumeinheit. Er ist eine Vielheit von nicht zusammenhängenden Gliedern. Erinnern wir uns an die sogenannte Spaltung der Persönlichkeit, die eintritt, wenn der Mensch sich immer mehr hinaufentwickelt. Dieser Vorgang ist beschrieben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Was zusammenhängt als ein Ganzes bei dem gewöhnlichen Menschen, die Kräfte, die wir Denken, Fühlen und Wollen nennen, das steht dann sozusagen jedes für sich da. Der Mensch wird über diese einst Herrscher werden; er ist nachher eine Dreiheit, man könnte sogar sagen eine Vielheit, wie es in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» ausgeführt ist.

[ 8 ] In einem solchen Fall, wie bei der Verkörperung des Buddha in späteren Zeiten, haben wir einen solchen ätherischen Leib, der aus nicht zusammenhängenden Wesen besteht. Bei den gewöhnlichen Menschen ist es auch nur das Prinzip des physischen Leibes, welches den ätherischen Leib zusammenhält.

[ 9 ] Wenn ein solcher Bodhisattva-Buddha im ätherischen Leib verkörpert wieder erscheint, so erscheint er dann, wenn er sichtbar wird, als eine Vielheit, als eine Schar von Wesenheiten. Von dieser Schar von Wesenheiten erzählt der Schreiber des Lukas-Evangeliums, wenn er von den Engeln spricht, die den Hirten auf dem Felde erschienen. Dieser ätherische Leib, den man den Nirmanakaya des Buddha nennt, der schwebte über jenem nazarenischen Jesuskinde. Er ist es, welcher der Inspirator wird, der alles das, was der Buddha war, einträufelt in das Christentum auf diese Weise. So sehen wir, wie hier der Buddhismus einströmt in das Christentum. Ganz konkret muß man sich das denken, nicht nur im Abstrakten. Wer verstehen will, wie sich das in Wirklichkeit abspielt, der muß hinweisen können auf das konkrete Ereignis, wo der bis zu jener nächsten Stufe fortgeschrittene Buddha sich dem Christentum einfügt. Das ist beschrieben im Lukas-Evangelium, in der Engelschar, die der Nirmanakaya des Buddha ist.

[ 10 ] Dann haben wir beschrieben, wie ein zweiter Jesusknabe da ist, den wir den bethlehemitischen Jesusknaben nennen können, und haben gesagt, wie der nichts anderes ist als der wiederverkörperte Zarathustra. Es ist ein außerordentlich frühreifes Kind. In jenem Kinde ist wiederverkörpert der Zarathustra. Das ist ausgedrückt im MatthäusEvangelium. Denn im Matthäus-Evangelium soll geschildert werden die Individualität, die besonders verständlich war für den Schreiber des Matthäus-Evangeliums, die hinzubrachte zu dem Christentum den Strom des Zarathustrismus. Daher wird auch geschildert, daß dieser Knabe abstammte aus der salomonisch-königlichen Linie des Hauses David, während der Jesus des Lukas-Evangeliums abstammte aus der nathanischen Linie des Hauses David, der priesterlichen Linie.

[ 11 ] Wenn wir das Christentum uns in seiner ganzen tiefen Bedeutung verständlich machen wollen, dann müssen wir uns klarmachen, daß zusammenströmen mußten die wichtigsten Strömungen aus der Welt. Wir sehen, daß die davidische Königslinie sich spaltet in eine salomonische und in eine nathanische Linie. In der salomonischen Linie pflanzen sich fort die königlichen Eigenschaften, in der nathanischen Linie die priesterlichen Eigenschaften. Die königlichen Eigenschaften kommen besonders in den ersten zwei Lebensperioden des menschlichen Lebens heraus; die Eigenschaften, die vor allen Dingen sozusagen hinausgehen auf ein verständnisvolles Beherrschen der Weltverhältnisse, auf alles das, was den Menschen mit den Weltverhältnissen in Harmonie bringt. Das kann nur geschehen, wenn die Kräfte des physischen und des ätherischen Leibes richtig entwickelt sind. Da der Zarathustra vorzugsweise diese Eigenschaften in innerlicher Weise vollendet ausgebildet hatte, so mußte er sich jetzt gerade bis zum zwölften Jahre all der Anlagen bedienen, die im physischen und Ätherleibe herauskamen. Solche Anlagen konnten ihm im besonderen gegeben werden durch die im salomonischen Hause vererbten Eigenschaften. Für die Aufgabe, die er hatte, brauchte er aber auch die großen Anlagen des Ich-Trägers, die großen Anlagen des Astralleibes. Sie konnten ihm nur gegeben werden von einer Linie, die aus Generationen heraus gerade diese Anlagen vererbte. Wäre der Zarathustra bis zu dem dreißigsten Jahre in dem Leibe geblieben, wo der Ätherleib und der physische Leib besonders ausgebildet waren, so hätte er seine Wesenheit nicht so vertiefen können. Darum zog er im zwölften Jahre hinüber in den nazarenischen Jesus, so daß in demselben Kinde, worin der Nirmanakaya des Buddha wohnte, vom zwölften Jahre an aufgenommen wurde die Individualität des Zarathustra. So sind diese beiden Strömungen zusammengeflossen in diesem nazarenischen Jesus in seinem zwölften Jahre.

[ 12 ] Als dritte Strömung sollte hinzukommen die althebräische Strömung. Nur durch dieses Zusammentreffen konnte jene Individualität auftreten, die den Christus in sich aufnahm.

[ 13 ] Wir fragen uns nun, wie ist das dazu eingeflossen, was die althebräische Geistesströomung war? Wir wollen sehen, wie wir aufzufassen haben das Ureigenste der althebräischen Geistesströmung. Denken wir auch einmal daran, was wir als das Wesen der Buddhaentwickelung angesehen haben. Was ist dadurch geschehen, daß aus dem Bodhisattva ein Buddha geworden ist?

[ 14 ] Diese Individualität, die in dem Bodhisattva-Buddha verkörpert war, hatte die Aufgabe, von Epoche zu Epoche zu überliefern, was man nennen kann die Lehre von Mitleid und Liebe. Wenn wir dies verstehen wollen, so müssen wir uns sagen, daß der Mensch früher in einem ganz andern Bewußtseinszustande war. Wir dürfen nicht kurzsichtig sein wie die heutige Wissenschaft, die glaubt, daß immer dieselben Fähigkeiten da waren, die sich aus primitiven Anfängen nach und nach entwickelten, und daß der Mensch vorher auf der Stufe der Tierheit war. So war es eben nicht. Was wir heute menschliches Denken, Fühlen und Wollen nennen, das war nicht immer da. Je weiter wir zurückgehen in der Entwickelung der Menschheit, desto mehr wird dieser heutige Bewußtseinszustand ein traumhaftes, dämmerhaftes Hellsehen. Darum mußte auch alles das, was in alten Zeiten als Lehre gegeben werden sollte, anders gegeben werden als heute. Heute kann man gewisse moralische Prinzipien aussprechen; die versteht der Mensch dann. Wenn er solche Prinzipien hört, kann er heute sagen: Gewiß, meine eigene Vernunft sagt mir das. - Aber dazu mußten erst die Vernunft und das Gewissen entwickelt sein. Es ist handgreiflich aus der äußeren Geschichte nachzuweisen, daß das Gewissen einmal angefangen hat. Äschylos spricht davon noch nicht. Diese besondere Seelenkraft trat erst in einer bestimmten Zeit ein, vorher war sie nicht da.

[ 15 ] Bevor es im Menschen ein Gewissen gegeben hat, bevor es ein logisches Denken gegeben hat, wenn man da an sein Gewissen, an sein Denken appelliert hätte, so wäre es gewesen, als ob man zu einem Stein oder zu einer Pflanze spräche.

[ 16 ] Es brauchte damals die Seele Kraft, Impulse, und die mußten der Seele eingeflößt werden. Was zum Beispiel sich auf die Liebe bezieht, wurde wie suggestiv eingegeben durch die Individualität, die man den Bodhisattva nennt, als diese Individualität, die man Bodhisattva nennt, als der Buddha da war. Da war die Zeit gekommen, wo die Menschen aus sich selber heraus die Lehre von Mitleid und Liebe nach und nach gewinnen konnten, die Lehre von dem sogenannten achtgliedrigen Pfad. Diese Lehre, die ihm früher von oben herunter gegeben werden mußte, konnte ihm erst als Lehre gegeben werden, als der Buddha da war. Darum mußte der Bodhisattva Buddha werden.

[ 17 ] Jegliches, was vorgeht in der menschlichen Entwickelung, muß vorgehen an seinem bestimmten Ort und in einem bestimmten Volke, aus dem eine Anzahl von Menschen herausgegriffen werden, die Verständnis haben für die Lehre. Vielleicht wird man einen Widerspruch finden zwischen diesem und dem, was früher gesagt worden ist, weil früher gesagt wurde, daß es die Mission des Christus war, die Liebe zu verbreiten. Aber wenn so etwas gesagt wird, ist es notwendig, ganz genau zuzuhören. Es lag in der Mission des Buddha, die Lehre von Mitleid und Liebe zu bringen; aber Christus ist die Kraft der Liebe. Er brachte die Liebe selbst. Es ist etwas anderes, die Lehre von etwas zu bringen, als die Sache selbst zu bringen. Gerade damit war die Möglichkeit gegeben, daß die Kraft der Liebe herunterströmte und sich offenbarte durch dieses hohe Sonnenwesen auf der Erde, daß diese Lehre gebracht wurde durch den Buddha. Aber wiederum war es notwendig, daß diese Kraft der Liebe sich irdisch offenbarte innerhalb eines Volkes, das eineandere Entwickelung durchgemacht hatte als dasjenige, in welchem der Buddha lebte.

[ 18 ] Wodurch unterscheidet sich das, was der Welt gebracht worden ist durch den Buddha, von dem, was gebracht worden ist durch die Individualität des Moses? Man nennt mit Recht das, was der Buddha gebracht hat, das große Gesetz, Dharma. Der Buddha hat das Gesetz so gebracht, in einer bestimmten Form, so daß es von der Seele in dieser Form erkannt werden konnte, daß die Menschen es innerhalb der eigenen Seele finden konnten. Moses hat ein Gesetz gebracht in einer ganz andern Art und Weise; er brachte es als Gebot. Es konnte nicht bei diesem Volke, dem er es brachte, als ein in der Seele selbst wurzelndes Gesetz angesehen werden, sondern als ein göttliches, aus den Höhen gegebenes Gesetz. Buddha sagte: Ihr werdet in der tiefsten Kraft der Seele selber finden das Gesetz, das ich euch sage. - Aber Moses sagte: Es gibt das Gesetz der Gott, der da kommen wird.

[ 19 ] Es mußte sozusagen einem Volke ein Gesetz gegeben werden unter der Voraussetzung, daß man rechnete, dieses Volk steht auf einer jüngeren Stufe als das andere. Es hat gewisse Kräfte noch nicht ausgebildet. Darauf beruht alle Entwickelung, daß die Dinge nicht in gerader Linie weitergehen.

[ 20 ] Man faßt gewöhnlich als Entwickelung auf, daß das Folgende immer aus dem Früheren hervorgeht. So geht aber die Entwickelung nicht vor sich. Entwickelung kommt durch ganz andere Voraussetzungen zustande. Wenn wir die Pflanze beobachten in ihrem Wachstum, so sehen wir zuerst den Keim, dann den Stengel emporwachsen, und wie sie dann ansetzt Blatt an Blatt und schließlich die Blüte. Jetzt kommt ein Punkt, wo nicht mehr das Spätere aus dem Früheren sich nach und nach einfach entwickelt, sondern es tritt die Befruchtung ein. Es muß etwas anderes einströmen, ein Staubkörnchen von einer andern Pflanze. Insbesondere im Geistesleben müssen nun die mannigfaltigsten Umstände und Strömungen zusammenfließen. In Palästina mußte sich vereinigen der Zarathustrismus, der Buddhismus und dann eine ganz andere Strömung. Diese Strömung konnte unter gewissen Verhältnissen jüngere Lebenskräfte zuführen. Lange, lange Zeit hatten gewirkt innerhalb dieses Volkes die Gebote Jahves. Hätte dieses Volk auch auf der Stufe gestanden, daß Buddha sechshundert Jahre vor Christus auch hätte an die eigene Seele dieser Menschen appellieren können, dann hätte das Volk später nicht die jugendlichen Kräfte gehabt. Daher mußte es von seinem Gesetzgeber erhalten Gebote, bei denen man nicht an die eigene Seele appellierte. Es mußte dieses Volk in Vorderasien auf einer früheren Stufe zurückgehalten werden.

[ 21 ] Wir können Ähnliches hypothetisch für das einzelne Menschenleben anführen. Denke man sich, es wolle jemand künstlich einen Menschen dazu bringen, daß dieser in einem gewissen Lebensalter besonders schöpferische Fähigkeiten entwickelt. Aber man möge das nicht etwa probieren! Dann müßte ein Kind ganz anders entwickelt werden, als das sonst geschieht. Denn wenn ich versuche, ihm im siebenten Jahre das beizubringen, was ihm heute die Schule beibringt, dann habe ich dadurch die Seele unfähig gemacht, daß später gewisse Kräfte herauskommen. Ich will daher warten bis zum zehnten Jahre. Dann tritt dieses Kind mit ganz andern Kräften heran. Dann hat es etwas an jugendfrischer Kraft bewahrt. Eskommen dann Kräfte heraus, die schöpferische Kräfte sind, die sonst etwa getötet worden wären.

[ 22 ] Sie sehen, wie in Vorderasien das ausgeführt worden ist. Es ist das hebräische Volk zurückgehalten worden. Es konnte noch nicht aufnehmen die Lehren des Buddha von Mitleid und Liebe. Das ist ihm als ein Gebot gegeben worden. Es hatte nicht den Appell des Buddha bekommen, aus sich heraus zu entwickeln die Lehre von Mitleid und Liebe. Nur an einer Stelle der Erdentwickelung, wo die Menschen am meisten vorgeschritten waren, konnte der Bodhisattva-Buddha diese Lehre bringen. Als dann ganz andere Kräfte entwickelt worden waren, wurde an einer andern Stelle diese Strömung mit der andern vereinigt.

[ 23 ] Worinnen haben wir nun zu suchen das, was da herunterfließt durch die Generationen eines Volkes? Woran hängt das? Womit nimmt der Mensch dasjenige auf, was am ganzen Volke hängt? Vom ersten bis zum siebenten Jahre ist der Mensch noch eingehüllt in eine Ätherhülle, die er dann abstreift. Dann umgibt ihn noch die Astralhülle, die er mit der Geschlechtsreife abwirft. Der Astralleib wird dann erst geboren. Wenn dann beim Menschen in der Zeit vom zwölften bis fünfzehnten Jahre der Astralleib geboren ist, so ist das dasjenige, worin all die Kräfte sind, die der Mensch gemeinsam hat mit dem Volkstum. Diese astrale Hülle, die der Mensch nun abstreift, die enthält alle die Eigenschaften, die der Mensch bis dahin in seinem Inneren haben konnte. Diese Hülle macht es also, daß der Mensch einem bestimmten Volkstum angehört. Was geschieht nun mit dieser Hülle, wenn sie abgestreift wird? Diese Hülle, die da abgestreift wird, in der drinnen ist alles das, was der Mensch mit seinem Volkstum gemeinschaftlich hat. Sie vereinigt sich dann mit all den Hüllen, die auch die Vorfahren abgestreift haben. Wir haben gleichsam so eine Kette.

[ 24 ] Während der Mensch bis zu seinem vierzehnten Jahre das in sich hat, da hängt er an einer Kette, die hinaufgeht zu den Vorfahren. Bis zu welchem Glied der Vorfahren geht sie hinauf? Sie geht hinauf bis zum zweiundvierzigsten Glied, dem sechsmal siebenten Gliede! Es hängt der Mensch mit seinen Vorfahren so zusammen. Das wußte man in alten Zeiten. Das weiß man auch heute innerhalb der Geisteswissenschaft. Weil der Mensch in dieser Weise mit seinen Vorfahren zusammenhängt, deshalb ließen die alten Ägypter in ihrem Totenbuch den Menschen nach dem Tode vor zweiundvierzig Totenrichtern erscheinen.

[ 25 ] Soll eine bestimmte Eigenschaft des Menschen herauskommen, so daß sie in das Volk hineingehört, dann müssen diese Vorfahren so liegen, daß alle diese einzelnen Glieder diese bestimmten Eigenschaften des Volkes zum Ausdruck bringen. Sollte der Zarathustra sich verkörpern, so mußte es sein in einer Hülle, die die wesentlichen Eigenschaften seines Volkes hatte.

[ 26 ] Darum läßt Matthäus den Zarathustra hineingeboren werden in das zweiundvierzigste Glied nach Abraham, das alle die Eigenschaften des Volkes hatte. Dadurch sind diese Einflüsse hineingekommen in die dritte Strömung.