Die Tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens
im Lichte der Evangelien
GA 117
2 November 1909, Berlin
3. Die vier Verschiedenen Aspekte in der Christus-Darstellung der vier Evangelien
[ 1 ] Die Betrachtungen, die in Anknüpfung an das Johannes- und das Lukas-Evangelium gehalten worden sind, und die Gesinnung, von welcher aus sie ins Auge gefaßt worden sind, können nicht anders charakterisiert werden, als indem man sagt, diese Betrachtungen sind ausgegangen von folgendem Gesichtspunkt: Das, was wir als die Christus Jesus-Wesenheit bezeichnen, ist - soweit von ihr ein menschliches Verständnis überhaupt in unserer gegenwärtigen Zeit möglich ist - ein so Großes, so Umfassendes, Gewaltiges, daß eine Betrachtung nicht davon ausgehen kann, in irgendeiner einseitigen Weise zu sagen, wer der Christus Jesus war und welche Bedeutung seine Wesenheit für jeden einzelnen Menschengeist und für jede einzelne Seele hat. Das würde innerhalb unserer Betrachtungen geschienen haben wie eine Unehrerbietung gegenüber dem größten Weltenproblem, das es gibt. Ehrerbietung und Ehrfurcht, das sind die Worte, welche jene Gesinnungen bezeichnen, von denen aus unsere Betrachtungen durchaus gegeben worden sind. Ehrfurcht und Ehrerbietung, die etwa sich ausdrücken könnten in der Stimmung: Versuche selber dasjenige, was menschliches Begreifen ist, gar nicht zu hoch zu stellen, wenn du dem größten Problem gegenübertrittst. Versuche alles das, selbst was dir eine noch so hohe Geisteswissenschaft geben kann, niemals zu hoch zu stellen, und ginge es auch in die höchsten Regionen hinauf, wenn es sich darum handelt, dem größten Problem des Lebens gegenüberzutreten. Und glaube nicht, daß ein menschliches Wort ausreichen würde, etwas anderes zunächst zu sagen als das, was dieses große und gewaltige Problem von einer Seite aus charakterisiert. Alle diejenigen Vorträge, die jemals im Verlauf der letzten drei Jahre gehalten worden sind, hatten zum Mittelpunkte ein Wort, das uns im Johannes-Evangelium selber erscheint. «Ich bin das Licht der Welt» ist dieses Wort. Dieses Wort des Johannes-Evangeliums zu verstehen, waren alle Vorträge gehalten, welche über das Johannes-Evangelium ausgeführt worden sind. Und es reichen die Vorträge, welche in Anknüpfung an das Johannes-Evangelium gehalten wurden, ungefähr dazu aus, nach und nach zu verstehen, wenn man sie sich zu eigen macht, diese Worte, die gesprochen worden sind, vielleicht nur ahnend zu verstehen, was es heißt im Johannes-Evangelium selber: «Ich bin das Licht der Welt.»
[ 2 ] Wenn Sie ein Licht leuchten sehen, haben Sie dadurch, daß Sie in dieses Licht hineinschauen, verstanden, daß das, was da leuchtet, ein Licht ist? Und wenn Sie einiges begriffen haben über die Färbung und Eigenheit dieses Lichtes, haben Sie da verstanden, was da leuchtet? Kennen Sie die Sonne, weil Sie hinaufblicken zum Sonnenlicht und das weiße Sonnenlicht als eine Offenbarung empfangen? Könnten Sie sich nicht vorstellen, daß es noch etwas anderes heißt, das Leuchtende zu begreifen als das Licht in dem Leuchtenden? Weil das Wesen, von dem wir gesprochen haben, von sich sagen kann: «Ich bin das Licht der Welt», waren wir genötigt, dieses Wort zu verstehen, und damit haben wir von jenem Wesen nicht mehr als diese seine Lebensäußerung verstanden: «Ich bin das Licht der Welt.» Alles das, was an Betrachtungen aufgeboten worden ist in Anknüpfung an das Johannes-Evangelium, war notwendig, um zu zeigen, daß jenes Wesen, welches in sich enthält die Weltenweisheit, das Licht der Welt ist. Aber dieses Wesen ist weit mehr als das, was im Johannes-Evangelium charakterisiert werden konnte. Und wer da glaubt, aus den Vorträgen über das Johannes-Evangelium den Christus Jesus verstehen zu wollen oder ihn umfaßt zu haben, der glaubt, aus einer einzelnen Lebensäußerung, die er ahnend erkennt, das ganze leuchtende Wesen zu verstehen.
[ 3 ] Dann kamen die Vorträge über das Lukas-Evangelium, und wir haben daraus ein anderes ersehen. Konnte man ungefähr dasjenige, was in allen unseren Betrachtungen über das Johannes-Evangelium gesagt worden ist, wie ein Mittel zum Verständnis der Worte «Ich bin das Licht der Welt» betrachten, so könnte eventuell, wenn man sie nur tief genug gefaßt hat, die Betrachtung über das LukasEvangelium aufgefaßt werden als eine Umschreibung der Worte: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun», oder: «Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.» Dasjenige, was der Christus Jesus ist - jetzt nicht bloß als Licht der Welt, sondern was er ist als die Wesenheit, die das größte Opfer der Hingebung bringt, die alles in sich vereinigen darf, ohne sich selber zu verlieren, was charakterisiert worden ist als das Opfer der Hingebung -, die Wesenheit, die in sich selber schließt die Möglichkeit des größten Opfers, der größtdenkbaren Hingabe und dadurch der Quell ist von Mitleid und Liebe, der sich warm ergießt durch alles zukünftige Menschen- und Erdenleben, alles, was in diese Worte gefaßt werden konnte, gibt eine zweite Seite von dem, was wir die Wesenheit des Christus Jesus nennen.
[ 4 ] So haben wir charakterisiert diese Wesenheit als diejenige, welche in ihrem Mitleid das große Opfer realisieren kann, und welche leuchtet durch die Kraft ihres Lichtes über alles Menschendasein. Licht und Liebe haben wir geschildert, wie sie waren in der Wesenheit des Christus Jesus. Und wer im vollständigen Umfang die Johannes- und Lukas-Evangelienbetrachtungen nimmt, der kann in gewisser Beziehung eine Ahnung von dem erhalten, was in dem Christus Jesus «Licht» war und was in ihm «Liebe und Mitleid» war. Zwei Eigenschaften in ihrer universellen Bedeutung haben wir versucht zu verstehen in Christus Jesus. Was über den Christus zu sagen war als das geistige Licht der Welt, das als urewige Weisheit sich in alle Dinge hineinergießt, um in ihnen zu leben und zu weben, das kann sich der geistigen Betrachtung ergeben, das glänzt uns wiederum entgegen aus dem Johannes-Evangelium, und es gibt keine Weisheit, die man erreichen kann, die nicht in gewisser Weise im Johannes-Evangelium enthalten wäre. Alle Weisheit der Welt ist in diesem JohannesEvangelium enthalten, weil derjenige, der die Weisheit der Welt im Christus Jesus betrachtet, sie betrachtet, wie sie sich nicht nur realisiert hat in urferner Vergangenheit, sondern auch realisieren wird in urferne Zukunft hinein. Daher schwebt man in den Betrachtungen, die sich an das Johannes-Evangelium anknüpfen, hoch in den Lüften wie der Adler über allem menschlichen Dasein. So schwebt man, wenn man die großen Ideen zu entfalten hat, die ein Verständnis des Johannes-Evangeliums ermöglichen, mit den umspannenden und umfassenden Ideen über dem, was in der einzelnen menschlichen Seele vorgeht. Die umspannenden Weltideen beschäftigen jene Sophia, welche uns fließt, wenn wir in Anknüpfung an das Johannes-Evangelium Betrachtungen anstellen. Und dann erscheint uns das, was aus dem Johannes-Evangelium fließt, selber in Adlerhöhe kreisend über alledem, was im täglichen und stündlichen und augenblicklichen Menschenschicksal vor sich geht.
[ 5 ] Und wenn man dann heruntersteigt und betrachtet das einzelne menschliche Leben von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtausend zu Jahrtausend, wenn man darin betrachtet insbesondere jene Kräfte, welche man die menschliche Liebe nennt, dann sieht man diese Liebe durch Jahrtausende wallen und weben in den lebenden menschlichen Herzen und Seelen. Dann sieht man, wie diese Liebe auf der einen Seite die größten, bedeutsamsten, heroischsten Taten innerhalb der Menschheit vollbringt, dann sieht man, wie die größten Opfer der Menschheit geflossen sind aus der Liebe zu dem oder jenem Wesen, zu der oder jener Sache. Dann sieht man, wie diese Liebe in den menschlichen Herzen das Höchste vollbringt, wie sie aber zu gleicher Zeit etwas ist wie ein zweischneidiges Schwert: Da haben wir eine Mutter; sie liebt ihr Kind innig, tief. Das Kind begeht irgendeine Ausschreitung; die Mutter liebt ihr Kind, sie kann es nicht über das Herz bringen in ihrer tiefen, inbrünstigen Liebe, das Kind zu strafen. Und eine zweite Ausschreitung begeht dieses Kind, und die Mutter kann es abermals in ihrer tiefen Liebe nicht über das Herz bringen, das Kind zu bestrafen. Und so geht es weiter, und das Kind wächst heran, wird unbrauchbar, ein Störenfried für das Leben. Wenn man solche bedeutungsvolle Dinge berührt, ist es nicht gut, Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, und es soll deshalb ein fernerliegendes Beispiel angeführt werden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Mutter, welche innig, innig ihr Kind liebte. Ausdrücklich soll es gesagt werden: nichts kann diese Liebe hoch genug preisen, unter allen Umständen ist Liebe etwas, was zu den höchsten menschlichen Eigenschaften gehört. Jene Mutter nun liebte ihr Kind und konnte es nicht über das Herz bringen, ihr Kind zu strafen wegen eines kleinen Diebstahls, den es in der Familie beging. Dann beging es einen zweiten Diebstahl, und sie konnte es wieder nicht bestrafen — das Kind wurde eine berüchtigte Giftmischerin. Sie wurde es aus der nicht von Weisheit geleiteten Mutterliebe. Die Liebe vollführt die größten Taten, wenn sie von Weisheit durchflossen ist. Das aber war gerade die Bedeutung jener Liebe, die von Golgatha geflossen ist in die Welt, daß sie in einem Wesen vereint ist mit dem Licht der Welt, mit der Weisheit. Daher ist das Hinblicken auf den Christus Jesus, wenn wir die beiden Eigenschaften betrachten so, daß wir erkennen, daß die Liebe das Höchste ist in der Welt, aber zu gleicher Zeit erkennen, wie Liebe und Weisheit im tiefsten Sinne zusammengehören.
[ 6 ] Was haben wir aber verstanden, wenn man nun alle diese Betrachtungen über das Johannes- und Lukas-Evangelium angestellt hat? Man hat nichts weiter verstanden als jene Eigenschaft des Christus Jesus, die man nennen kann das universelle Licht der Weisheit, die universelle Wärme der Liebe, die in ihm so geflossen sind wie in keinem andern Wesen in der Welt, die keiner menschlichen Erkenntniskraft jemals zugänglich sein kann. Und während man in Anknüpfung an das Johannes-Evangelium von großen, gewaltigen Ideen spricht, welche wie in Adlerhöhen über die menschlichen Köpfe hinweggehen, findet man in Anlehnung an das Lukas-Evangelium das, was in jedes einzelne Menschenherz in jedem Augenblicke hineinspricht. Das ist das Bedeutsame des Lukas-Evangeliums, daß es uns mit solcher Wärme erfüllt, welche der äußere Ausdruck der Liebe ist, mit dem Verständnis für jene Liebe, die bereit ist zum größten Opfer, die bereit ist, sich selbst hinzugeben und nichts anderes will, als sich selber hingeben.
[ 7 ] Maan fühlt so ungefähr - will man ein Bild haben für jene Stimmung, für jene Gemütslage, in der man ist bei der Betrachtung, die anknüpft an das Lukas-Evangelium, wenn man es im richtigen Sinne betrachtet — dasjenige, was uns in jenen Mithrasbildern entgegentritt, wo man den dahineilenden Opferstier hat. Auf ihm sieht man den Menschen sitzen, oben den Gang der großen Weltenereignisse und unten den Gang der irdischen Ereignisse. Der Mensch stößt sein Beil hinein in den Leib des verblutenden Opferstieres, der sein Leben hingibt, damit der Mensch dasjenige überwinden kann, was er überwinden muß. Wenn man diesen unter dem Menschen befindlichen Opferstier betrachtet, der hingeopfert werden muß, damit der Mensch seinen Lebensweg gehen kann, dann hat man ungefähr die Gefühls- und Gemütslage, welche die richtige Grundstimmung abgibt für eine an das Lukas-Evangelium anknüpfende Betrachtung. Was der Opferstier zu allen Zeiten den Menschen war, die das verstanden haben, was im Opferstier liegt, in dem Ausdruck der in sich selber zu vertiefenden Liebe, die verstehen etwas von der Schilderung der Eigenschaften der Liebe, die gegeben werden soll durch die Betrachtung des LukasEvangeliums. Denn nichts anderes als eine zweite Eigenschaft des Christus Jesus sollte geschildert werden. Kennt aber der, der zwei Eigenschaften an einem Wesen kennt, das ganze Wesen? Weil uns in diesem Wesen das größte Rätsel entgegentritt, sind die Ausführungen zum Verständnis zweier Eigenschaften nötig gewesen. Niemand aber sollte sich vermessen, aus der Betrachtung zweier Eigenschaften dieses Wesen selber ins Auge fassen zu können.
[ 8 ] Zwei Eigenschaften des Christus Jesus haben wir geschildert und nicht unterlassen, alles das zu tun, was uns zu einem ahnenden Verständnis der hohen Bedeutung dieser zwei Eigenschaften hat bringen können. Aber wir haben zu viel Ehrerbietung und Ehrfurcht vor diesem Wesen selber, als daß wir glauben wollten, wir hätten schon etwas begriffen von den andern Eigenschaften, die dieses Wesen noch in sich birgt. Nun wäre noch ein Drittes möglich, und dieses dritte, da es ja anknüpft an etwas, was in den Betrachtungen innerhalb unserer Bewegung noch nicht gegeben ist, kann nur im allgemeinen charakterisiert werden. Man könnte sagen: Wenn man den Christus des Johannes-Evangeliums schildert, schildert man ihn, wie er wirkt zwar als eine hohe Wesenheit, aber wie eine Wesenheit, die sich bedient des Reiches der weisheitsvollen Cherubim. So schildert man ihn im Sinne des Johannes-Evangeliums mit der Stimmung, die hervorgerufen wird durch die in Adlerhöhen schwebenden Cherubim. Schildert man ihn im Sinne des Lukas-Evangeliums, dann schildert man das, was als das warme Liebesfeuer aus dem Herzen des Christus quillt. Man schildert das, was er der Welt dadurch war, daß er wirkte in jener Höhe, in der die Seraphim sind. Das Liebefeuer der Seraphim strömt durch die Welt, und unserer Erde wurde es mitgeteilt durch den Christus Jesus.
[ 9 ] Nun hätten wir ein Drittes zu schildern: dasjenige, was der Christus der Erdenwelt dadurch geworden ist, daß er nicht nur das Licht der Weisheit, die Wärme der Liebe, nicht nur das cherubimische und seraphische Element innerhalb des Erdendaseins war, sondern daß er «war» und «ist» in unserem Erdendasein, wenn wir ihn in seiner ganzen Kraft betrachten, was man bezeichnen kann als «wirkend durch das Reich der Throne», durch welches alles Starke und alle Kraft in die Welt kommt, um das auszuführen, was im Sinne der Weisheit, im Sinne der Liebe ist. Dies sind die drei höchsten der geistigen Hierarchien: Cherubim, Seraphim und Throne. Die Seraphim führen uns hinein in die Tiefen des menschlichen Herzens mit ihrer Liebe, die Cherubim führen uns hinauf in Adlerhöhen. Weisheit strahlt heraus aus dem Reich der Cherubim. Zum Opfer wird die ergebungsvolle Liebe, das symbolisiert uns der Opferstier. Stärke, die durch die Welt pulst, Stärke, welche die Kraft entwickelt, um alles zu realisieren, schöpferische Kraft, die durch die Welt pulst, das symbolisiert uns in aller Symbolik der Löwe. Jene Stärke, welche eingezogen ist in unsere Erde durch den Christus Jesus, jene Stärke, welche alles ordnet und richtet, welche ein Höchstes an Macht bedeutet, wenn es entwickelt wird: das schildert uns als dritte Eigenschaft am Christus Jesus der Schreiber des Markus-Evangeliums.
[ 10 ] Wenn wir im Sinne des Johannes-Evangeliums von dem hohen Sonnenwesen, das wir als den Christus bezeichnen, sprechen als vom Lichte der Erdensonne im geistigen Sinne, wenn wir im Sinne des Lukas-Evangeliums von der Wärme der Liebe sprechen, die ausquillt von der Erdensonne des Christus, dann sprechen wir, wenn wir im Sinne des Markus-Evangeliums sprechen, von der Kraft der Erdensonne im geistigen Sinne selber. Alles das, was an Kräften in der Erde vorhanden ist, was da und dort webt an geheimen und offenen Erdenkräften und -mächten, das würde uns entgegentreten bei einer Betrachtung, die im Hinblick auf das Markus-Evangelium geschieht. Kann man sich vermessen, wenn auch nur ahnend, die Ideen, die auf die Erde gekommen sind, wie die Erdengedanken des Christus zu verstehen, wenn man sich zu ihm emporhebt im Sinne des JohannesEvangeliums, kann man den Wärmehauch der Opferliebe fühlen, wenn man die Wärme des Lukas-Evangeliums durch sich selber strömen läßt, kann man das Denken des Christus ahnen im JohannesEvangelium, das Fühlen des Christus durch das Lukas-Evangelium, so lernt man das Wollen des Christus durch das Markus-Evangelium kennen. Die einzelnen Kräfte, durch die er Liebe und Weisheit realisiert, lernt man da kennen.
[ 11 ] Drei Eigenschaften würde man ahnend erfaßt haben, wenn man zu den Betrachtungen über das Johannes- und Lukas-Evangelium hinzugefügt hätte die Betrachtungen über das Markus-Evangelium. Man würde dann sagen: In Ehrfurcht haben wir uns Dir genahet und haben eine Ahnung bekommen von Deinem Denken, Fühlen und Wollen, wie uns diese drei Eigenschaften Deiner Seele vorschweben als die größten Erdenvorbilder.
[ 12 ] So haben wir unsere Betrachtungen angestellt, wie wenn wir im ganz Kleinen einen Menschen betrachten und sagen, er besteht aus Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele, und betrachten jetzt die Eigentümlichkeiten der Empfindungs-, Verstandes- oder Gemüts- und Bewußtseinsseele. Wenn wir das Wort Bewußtseinsseele auf den Christus anwenden, so können wir sagen: sie wird uns ahnend zum Verständnis gebracht im Johannes-Evangelium; Gemütsseele des Christus: sie wird uns zum Verständnis gebracht durch das Lukas-Evangelium; Empfindungsseele mit all ihren Kräften des Wollens: durch das Markus-Evangelium. Dieses wird uns, wenn wir es einmal betrachten können, Aufschluß geben über die offenen und verborgenen Naturkräfte, die in unserer Welt sind, konzentriert in der einzigen Individualität des Christus; es wird uns Aufschluß geben über das Wesen aller Kräfte, die in der Welt sind. Im JohannesEvangelium haben wir uns in die Gedanken, im Lukas-Evangelium in die Gefühle dieser Wesenheit vertieft, und weil hierbei der Mensch nicht so tief in diese Individualität hineinzugehen braucht, sind diese Betrachtungen einfach gegenüber dem, was uns im Markus-Evangelium entgegentritt — als das System aller verborgenen Natur- und Geisteskräfte der Welt. Das alles steht in der Akasha-Chronik. Das alles wird sich uns widerspiegeln, wenn wir das gewaltige Dokument des Markus-Evangeliums auf uns wirken lassen. Dann werden wir ahnend verstehen, was in der einzelnen Wesenheit des Christus konzentriert ist: dasjenige, was sonst verteilt ist über die einzelnen Wesenheiten der Welt. Wir werden verstehen können, und es wird uns in einem höheren Glanze und Lichte erscheinen, was wir als die elementaren Richt- und Grundlinien der verschiedenen Wesenheiten kennengelernt haben. Wenn wir das Markus-Evangelium, das die Geheimnisse des ganzen Weltenwillens enthält, uns enthüllen, so nähern wir uns in Ehrerbietung dem Weltenmittelpunkt, dem Christus Jesus, indem wir nach und nach sein Denken, Fühlen und Wollen erfassen.
[ 13 ] Wenn wir Denken, Fühlen und Wollen ineinanderwirkend betrachten, so gibt das uns ungefähr ein Bild des ganzen Menschen. Aber wir können nicht umhin, auch beim einzelnen Menschen Denken, Fühlen und Wollen getrennt zu betrachten. Wenn wir alles zusammenfassen, wird unser Blick auch hier nicht mehr ausreichen, um alles überschauen zu können. Während wir uns verhältnismäßig unsere Aufgabe erleichtern dadurch, daß wir die drei Eigenschaften getrennt und jede für sich betrachten, so wird unser Bild erblassen, wenn wir diese drei Eigenschaften in der menschlichen Seele zusammenfassend betrachten. Unsertwegen tun wir das, weil unsere Kraft nicht ausreicht, alles zusammen zu betrachten, denn wenn wir die Eigenschaften zusammenfassen, so erblaßt das Bild.
[ 14 ] Hat man die drei Evangelien, das Johannes-, Lukas- und MarkusEvangelium betrachtet und dadurch eine Ahnung bekommen von dem Denken, Fühlen und Wollen des Christus Jesus, dann kann man zusammenfassen, was diese drei Eigenschaften wiederum in eine Harmonie bringen kann. Da wird dann notwendigerweise das Bild undeutlich und blaß werden müssen, denn keine menschliche Kraft kann ausreichend das zusammenfassen, was von uns auseinandergehalten wurde. Denn im Wesen ist eine Einheit und keine Trennung vorhanden; zuletzt erst dürfen wir es in eine Einheit zusammenfassen. Dann aber wird es vor uns erblassen. Dafür wird aber zuletzt dasjenige vor uns stehen, was der Christus Jesus als Erdenmensch, als Mensch erst war.
[ 15 ] Die Betrachtung, was der Christus Jesus als Mensch war, wie er als Mensch gewirkt hat in den dreiunddreißig Jahren seines Erdendaseins, kann entwickelt werden in Anknüpfung an das Matthäus-Evangelium. Das, was im Matthäus-Evangelium enthalten ist, gibt uns ein in sich harmonisches Menschenbild. Wenn wir im Johannes-Evangelium geschildert haben einen dem gesamten Weltenall angehörigen kosmischen Gottesmenschen, wenn wir im Lukas-Evangelium schildern mußten ein sich hinopferndes einzelnes Liebewesen, und im MarkusEvangelium den Weltenwillen in einer einzelnen Individualität zu schildern hätten, so haben wir im Matthäus-Evangelium die wahre Gestalt des einzelnen Menschen von Palästina, jenes Menschen, der da gelebt hat dreiunddreißig Jahre, in dem eine Einheit ist von alledem, was wir durch die Betrachtung der drei andern Evangelien gewinnen können. In Anknüpfung an das Matthäus-Evangelium tritt uns die Gestalt des Christus Jesus ganz menschlich, als der einzelne Erdenmensch entgegen, den man aber nicht verstehen kann, wenn die andern Betrachtungen nicht vorausgegangen sind. Wenn auch der einzelne Erdenmensch dann verblaßt, so ist doch in diesem blassen Bilde wiedergegeben, was durch die andern Betrachtungen gewonnen worden ist. Ein Bild von der Persönlichkeit des Christus kann erst eine Betrachtung geben, die anknüpft an das Matthäus-Evangelium.
[ 16 ] So stellt sich jetzt die Sache dar, die wir vorher anders charakterisieren mußten, als wir an das erste Evangelium herangingen. Da wir jetzt die Betrachtung zweier Evangelien hinter uns haben, können wir sagen, wie diese Evangelien innerlich zueinander stehen, und wie wir ein Bild des Christus Jesus erst gewinnen können, wenn wir, in entsprechender Weise vorbereitet, herangehen an den Menschen, der da geworden ist auf der Erde durch den Christus Jesus. Der Gottmensch tritt uns entgegen in den Betrachtungen, anknüpfend an das JohannesEvangelium, und in Anknüpfung an das Lukas-Evangelium dasjenige Wesen, das in sich vereinigt die Strömungen, die da flossen von allen Seiten in dem, was sich auf der Erde entwickelt hat im Zarathustrismus, Buddhismus, in der Lehre von Mitleid und Liebe. Alles, was vorher da war, trat uns entgegen, als wir an die Betrachtungen herangingen im Hinblick auf das Lukas-Evangelium. Wenn das MatthäusEvangelium betrachtet wird, dann wird uns vor allen Dingen intim und genau entgegentreten dasjenige, was herausgeboren wird aus seinem eignen Volke, aus dem althebräischen Volke: der Mensch Jesus, wie er wurzelt in seinem Volke, der Mensch Jesus, wie er so sein mußte gerade innerhalb des althebräischen Volkes. Und wir werden erkennen, warum das Blut des althebräischen Volkes in einer ganz bestimmten Weise verwendet werden mußte, um beizutragen für die Erdenmenschheit gerade dieses Blut des Christus Jesus.
[ 17 ] Es wird uns bei der Betrachtung des Matthäus-Evangeliums das Wesen des althebräischen Altertums entgegentreten; aber nicht nur das Wesen des althebräischen Altertums, sondern die Mission dieses Volkes für die ganze Welt, die Geburt der neuen Zeit, die Geburt des Christentums aus der althebräischen Welt heraus. Und wenn man lernen kann große, bedeutsame, umfassende Ideen durch das Johannes-Evangelium, wenn man gewinnen kann ein Gefühl für die wärmste, grenzenlos warme Opferliebe durch das Lukas-Evangelium, wenn man gewinnen kann eine Erkenntnis von den Kräften aller Wesen und Reiche durch die Betrachtung des Markus-Evangeliums, so bekommt man nun eine Erkenntnis und ein Gefühl von dem, was da lebt innerhalb der Menschheit und innerhalb der menschlichen Entwickelung auf der Erde durch den Christus Jesus in Palästina. Was der Christus Jesus als Mensch war, was er als Mensch ist, alle Geheimnisse der menschlichen Geschichte und menschlichen Entwickelung sind im Matthäus-Evangelium enthalten. Sind im MarkusEvangelium die Geheimnisse enthalten von allen Reichen und Wesenheiten der Erde und des Kosmos, der zur Erde gehört, so sind im Matthäus-Evangelium die Geheimnisse der menschlichen Geschichte zu suchen. Lernt man die Ideen der Sophia durch das JohannesEvangelium, lernt man die Mysterien des Opfers und der Liebe durch das Lukas-Evangelium, lernt man die Kräfte der Erde und der Welt durch das Markus-Evangelium, so lernt man Menschenleben, menschliche Geschichte, Menschenschicksal kennen durch die Betrachtung im Hinblick auf das Matthäus-Evangelium.
[ 18 ] Hätte man in den sieben Jahren unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung vier Jahre zur Verarbeitung der Richt- und Grundlinien und drei Jahre zu ihrer Vertiefung verwendet, als ein Licht, das auf die verschiedenen Gebiete des Lebens geworfen werden soll, so würde jetzt folgen können die Betrachtung des Markus-Evangeliums. Dann hätte zuletzt das ganze Gebäude gekrönt werden können durch die Betrachtung des Christus Jesus im Hinblick auf das MatthäusEvangelium. Da aber das Menschenleben unvollkommen ist, und das nicht der Fall war, mindestens nicht bei allen, die in der geisteswissenschaftlichen Bewegung stehen, so ist es nicht möglich, sogleich, ohne Mißverständnis zu erwecken, zur Betrachtung des Markus-Evangeliums überzugehen. Man würde die Gestalt des Christus völlig verkennen, wenn man glaubte, aus der Betrachtung des Johannes- oder Lukas-Evangeliums könnte folgen irgendein Wissen über das Wesen des Christus Jesus. Man würde wiederum glauben, daß man einseitig alles anwenden darf, was in bezug auf das Markus-Evangelium gesagt werden müßte. Und die Mißverständnisse würden noch größer sein, als sie schon gewesen sind. Daher muß mit Rücksicht darauf der andere Weg gewählt werden. Es muß jetzt folgen, so gut es möglich ist, in der nächsten Zeit eine Betrachtung im Hinblick auf das Matthäus-Evangelium. Damit wird zunächst verzichtet auf die großen Tiefen des Markus-Evangeliums, es wird aber dafür vermieden werden, daß wieder jemand glaubt, daß mit einer Eigenschaft der ganze Mensch bereits geschildert sei. Dadurch wird es möglich, Mißverständnisse zu beseitigen. Und es wird zunächst eine Betrachtung angestellt werden, soweit es möglich ist, über den Hervorgang des Christus Jesus aus dem althebräischen Volke, über dasjenige, was man nennen kann die Geburt des Christentums in Palästina. Darüber sollen im Hinblick auf das Matthäus-Evangelium in nächster Zeit unsere Betrachtungen angestellt werden, und dadurch soll vermieden werden, daß wiederum verwechselt wird eine der Eigenschaften mit der Betrachtung der ganzen Wesenheit. Dann wird leichter das folgen können, was im Hinblick auf das Markus-Evangelium wird zu sagen sein.
