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Das esoterische Christentum und die
geistige Führung der Menschheit
GA 130

17 September 1911, Lugano

1. Der Christus-Impuls im historischen Werdegang I

Meine lieben theosophischen Freunde!

[ 1 ] Da wir uns doch so selten hier sehen, werden wir zuerst etwas Allgemeines besprechen. Und dann können wir ja, weil wir in so kleinem, vertrautem Kreise beisammen sind, eingehen auf diese oder jene Wünsche, die zum Ausdruck kommen könnten. Es wird gut sein, etwas über das Wesen des Menschen im Zusammenhange mit dem ganzen Wesen unserer Welt, der großen Welt, im Allgemeinen zu besprechen. Und zwar soll in dieser Stunde dieses Wesen des Menschen weniger so besprochen werden, wie es in der allgemeinen Theosophie selbst geschieht, zum Beispiel in meinem Buche «Theosophie» - da heraus kann ja jeder sich genügend Kenntnis verschaffen -, sondern wir wollen heute einen Blick werfen auf die menschliche Wesenheit mehr von dem Innern des Menschen aus.

[ 2 ] Wenn wir ab und zu über uns als Menschen nachdenken, so muss uns ja von vornherein auffallen, dass wir die Welt ringsherum anschauen durch unsere Sinne, Eindrücke von ihr bekommen und dann über die Welt nachdenken. Diese zwei Glieder der menschlichen Wesenheit werden uns ja immerzu vor die Seele geführt. Wenn wir zum Beispiel abends unser Licht ausgelöscht haben und, bevor wir einschlafen, uns noch einmal die Eindrücke des Tages durch die Seele ziehen lassen, dann wissen wir ja: Den Tag über hat die Welt auf uns gewirkt. Jetzt können nur die Erinnerungsbilder der Eindrücke des Tages in unserer Seele auf und ab wogen. Jetzt - das wissen wir - denken wir nach, jetzt sind wir schon mit unserer Seele in den Nachklängen dessen, was sich durch die äußeren Eindrücke so in uns abspielt. Wenn wir von den gewöhnlichen trivialen Beziehungen absehen, bezeichnen wir dasjenige, was in unserer Seele so abläuft wie eine Erinnerung an den Tag, als das Individuelle. Dadurch, dass wir intelligente individuelle Menschen sind, intellektuelle Wesen sind als Menschen, nur dadurch sind wir ja imstande, die Welt in Bildern an uns vorüberziehen zu lassen, wie das eben angedeutet worden ist.

[ 3 ] Nun, für unser Geistesleben ist dies Individuelle innig verbunden mit den äußeren Eindrücken. Wenn wir während des Tages die Welt beobachten, so fließen ja fortwährend die Sinneseindrücke und die Gedanken, die wir haben, durcheinander. Und abends, wenn wir keine Sinneseindrücke mehr haben, aber dann die Eindrücke durch unsere Seele ziehen lassen, wissen wir ganz genau: Das sind die Bilder dessen, was wir draußen erleben. Es fließen zusammen unsere Eindrücke von der Außenwelt und dasjenige, was wir sind als individuelle Menschen. Das fließt zusammen. Nun gibt es ja, wie wir alle wissen, eine Möglichkeit, dieses innere individuelle Element in uns immer lebendiger und lebendiger, immer exakter und exakter zu gestalten. Und das geschieht durch die uns schon bekannten Mittel, die geschildert sind zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist ja das Erste, was man als Erfahrung im inneren Leben machen kann, dass man fühlt, man ist nicht mehr mit seinen Gedanken unbedingt abhängig von der äußeren Welt. Wenn sich jemand zum Beispiel Gedanken machen kann über dasjenige, was auf Saturn, Sonne und Mond geschehen ist, dann hat er solche hohen Gedanken. Denn natürlich kann kein Mensch äußere Eindrücke, Eindrücke äußerer Art von dem erhalten, was auf dem alten Saturn, der alten Sonne und dem alten Mond geschehen ist. Wir brauchen nicht so weit zu gehen. Wenn wir in stiller Stunde uns fragen: Wie viel hat sich in meinen Begriffen seit meiner Jugend geändert? - so ist das schon gegenüber der Welt ein selbstständiges Verhalten im individuellen Elemente. Wenn wir uns Lebensansichten, Maximen bilden, fühlen wir, dass wir mit dem intellektuellen Elemente selbstständiger werden. Dieses Selbstständigerwerden in dem individuellen intellektuellen Elemente hat eine große Bedeutung für den Menschen. Denn was bedeutet das Selbstständigerwerden? Was bedeutet es, wenn der Mensch durch das Erleben selbst - von Dingen, die unabhängig sind von äußeren Eindrücken -, nicht durch Lehren, nicht durch Theorien, sich Lebensmaximen aneignet? Das bedeutet, dass er in seinem Ätherleib selbstständiger wird. Das ist der erste Anfang eines langen Prozesses. Der Anfang ist so, dass der Mensch gar nicht merkt, dass er seinen Ätherleib eine Spur herauf hebt; das Ende ist, dass er ihn ganz unabhängig machen kann von dem physischen Leib.

[ 4 ] Während der Anfang ein ganz leises Selbstständigwerden ist, so ist das Ende ein völliges Herausziehen des Ätherleibes und ein Wahrnehmen mit dem Ätherleib. Wir nehmen dann mit diesem selbstständigen Ätherleib wahr in der Umgebung. Dieses Wahrnehmen können wir auch dann haben, wenn wir noch nicht sehr weit sind im inneren mystischen Erleben. Wir können uns das deutlich und bis zu einem gewissen Grade verständlich machen, wenn wir uns erinnern, wie unser Wahrnehmen im physischen Leibe ist. Nun, meine lieben theosophischen Freunde, mit unserem physischen Leib nehmen wir wahr durch unsere Sinne, welche selbstständig sind. Unsere Augen sind selbstständig, unsere Ohren sind selbstständig. Wir können die Welt der Farben und die Welt der Töne selbstständig wahrnehmen. Das können wir nicht, wenn wir mit unserer Intelligenz wahrnehmen. Im Falle der Intelligenz ist alles Einheit, nichts in Bezirke abgegrenzt. Wir können nicht wie in einzelnen Sinnesbezirken mit Ätheraugen und Ätherohren wahrnehmen, sondern wir schauen die Ätherwelt im Allgemeinen. Und wenn wir anfangen, etwas davon zu sagen, so können wir schildern, wie einheitlich umfassend das ätherische Erleben wirkt. Ich will nicht davon sprechen, dass das Erleben viel weiter gehen kann, sondern nur aufmerksam darauf machen, dass der Mensch, wenn er wahrnimmt, wie sich Lebensmaximen bilden, dadurch etwas wahrnehmen kann von den ätherischen Elementen.

[ 5 ] Wer in die ätherische Welt hineinschaut und nach und nach sich klar werden kann darüber, dass es solch eine höhere Welt gibt, kann von innen heraus eine Überzeugung bekommen, dass dem physischen Leib ein Ätherleib zugrunde liegt. Sobald die Rede darauf kommt, dass es so etwas gibt wie einen Ätherleib, müssen wir schon die Orientierung bekommen durch bedeutende Aufschlüsse und durch Dinge, die wir gewissermaßen erleben. Sobald man weiß, dass ein Ätherleib den physischen Leib durchdringt, wird man es nicht mehr unverständlich finden, wenn der Okkultist sich in seiner Weise darüber äußert, was eine Lähmung ist: Da tritt auf abnorme Weise das ein, was sonst durch normale Schulung geschieht. Es kann einem Menschen passieren, dass sein Ätherleib sich zurückzieht vom physischen Leibe. Der physische Leib wird dann selbstständig. Da ist die Möglichkeit einer Lähmung gegeben, denn der physische Leib ist seines belebenden Ätherleibes dann beraubt. Aber wir brauchen nicht einmal bis zu der Erscheinung der Lähmung zu gehen, sondern wir können auch in seiner alltäglichen Erscheinung das Leben besser begreifen. Was ist zum Beispiel ein Faulenzer? Ein Faulenzer ist ein solcher, der die Kräfte seines Ätherleibes von Geburt an schwach hat oder der sie geschwächt hat durch Vernachlässigung. Das versucht man dann dadurch zu korrigieren, dass man den physischen Leib seiner bleiernen Schwere entkleidet und in irgendeiner Weise leichter macht. Eine wahre Kur kann jedoch nur vom astralischen Leibe ausgehen; der wird durch Anregung belebend wirken auf den Ätherleib. Doch noch etwas anderes muss man sich klarmachen. Der Ätherleib ist eigentlich der Träger unseres gesamten Intellektes. Wenn wir abends einschlafen, bleiben eigentlich im Ätherleib alle unsere Vorstellungen, Erinnerungen. Seine Gedanken lässt der Mensch im Ätherleib zurück und trifft sie erst morgens wieder an. Indem wir den Ätherleib ablegen, legen wir das ganze Gefüge unserer Erlebnisse ab.

[ 6 ] Dieser Ätherleib ist aber auch so geschaffen, dass wir in ihm wirklich klar wahrnehmen können, wenn wir ihn geisteswissenschaftlich untersuchen, dass der Mensch eigentlich viel viel mehr Veränderungen im Laufe der Zeit unterworfen ist, als man glaubt. Nicht wahr, das wissen wir alle, dass der Mensch durch seine Inkarnationsperioden hindurchgegangen ist. Es ist nicht sinnlos, dass wir immer wieder und wieder inkarniert werden. Der Blick des Menschen ist kurzsichtig. Man hat den Glauben, dass die Menschen so wie heute immer organisiert gewesen sind. Die menschliche Organisation ändert sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, es ist nur nicht möglich, das auf äuRerem Felde zu untersuchen. Im Vorderhirn sitzt ein Organ, in feinen Windungen liegend, das sich erst seit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert herausgebildet hat. Es ist eine organische Form für das rein intellektuelle Leben dieser Jahrhunderte. Wie es unmöglich ist, dass im Gehirn eine solche Einzelheit sich ändert, ohne dass eigentlich, wenn auch im Kleinen, die gesamte menschliche Organisation sich ändert, das können wir uns ja denken. Sodass tatsächlich von Jahrhundert zu Jahrhundert die menschliche Organisation Veränderungen aufweist. Doch ist die Änderung in dieser Beziehung nur durch das Verfolgen der Akasha-Chronik zu konstatieren. Und da lassen sich am besten die Veränderungen im Ätherleib verfolgen. Da sehen wir, wie die Menschen im alten Griechenland oder im alten Ägypten ganz andere Ätherleiber gehabt haben. Die gesamten Strömungen waren anders.

[ 7 ] Nun möchte ich, um auf einen Gedanken zu kommen, welcher für uns fruchtbar sein kann, zunächst eine kleine Zwischenbemerkung einschalten, darauf aufmerksam machen, dass man ja schon im gewöhnlichen Leben eine Mehrheit von Welten annehmen kann. Der Mensch sinkt in Schlaf, ohne zu wissen, dass er in einer andern Welt ist. Dass er sie verschläft, nichts davon weiß, ist kein Beweis, dass sie nicht besteht. In jene Welt ragen aber die anderen Welten in einer gewissen Weise hinein. Wenn der Mensch in der physischen Welt ist, nimmt er durch die Sinne wahr; wenn er sich in sich zurückzieht, nicht: Dann hat er eine intellektuelle Welt, und diese grenzt an die physische heran. Doch findet er in sich selber außer dem schon entwickelten intellektuellen Elemente noch zwei ganz andere, davon verschiedene. Kann der Mensch diese anderen Elemente entwickeln?

[ 8 ] Eine einfache Besinnung kann zeigen, dass es eine eigenartigere Welt des inneren Lebens gibt als die des bloßen Nachdenkens. Sie ist da, wenn wir uns sagen können: Wir fühlen als Menschen moralisch. Das ist die Welt, wo wir mit ganz bestimmten Erlebnissen ein sympathisches oder antipathisches Gefühl verbinden. Dieses geht über das intellektuelle Erleben hinaus. Jemand erweist einem andern Wohlwollen, und das gefällt uns, oder Übelwollen, und das missfällt uns. Das ist ganz etwas anderes als das bloß intellektuell Erfahrene. Das bloße Nachdenken kann in uns nicht erstehen lassen das Gefühl, ob eine Handlung moralisch oder unmoralisch ist. Es kann intellektuell höchst verständnisreiche Naturen geben, die keinen Sinn haben für das Abstoßende einer rein egoistischen Handlung. Das ist eine Welt für sich, dieselbe Welt, die wir auch gewahr werden, wenn wir das Schöne und Erhabene in Kunstwerken bewundern oder das Hässliche abstoßend finden. Was uns an Kunstwerken erhebt, das können wir nicht mit dem Intellekt, sondern nur mit unserm Seelenleben erfassen. So können wir sagen: Es ragt dadurch etwas herein in unser Leben, was über das Intellektuelle hinausgeht. Wenn ein Okkultist eine Seele beobachtet in einem solchen Momente, wo sie Abscheu empfindet vor einer unmoralischen Handlung oder Wohlgefallen an einer moralischen, so durchläuft diese einen höheren Grad des Seelenlebens. Das bloße Nachdenken ist ein niedrigerer Grad des Seelenlebens als das Wohlgefallen oder Missfallen an moralischen oder unmoralischen Handlungen. Wenn so der Mensch im erstarkten Ätherleibe ein intensiveres Gefühl für Moralisches und Unmoralisches erringt, so ist da nicht bloß ein Selbstständigwerden des Ätherleibes zu konstatieren, sondern ein Stärkerwerden des Astralleibes, ein besonderes Anspornen der Astralkräfte. Sodass wir sagen können: Ein Mensch, der besonders fein empfindet gegenüber moralischem und unmoralischem Handeln, wird sich ganz besonders starke Kräfte im Astralleib erringen, während derjenige, der seinen Ätherleib nur intellektuell erhebt - etwa durch Übungen, welche die Gedächtniskraft stärken -, wohl sehr weit im Hellsehen sich entwickeln kann, aber nicht aus der ätherisch-astralen Welt herauskommen wird, weil in ihm bloß das intellektuelle Element wirksam ist. Will man über die astralische Welt hinauskommen, so muss man solche Übungen machen, die Sympathie zu moralischen und Antipathie gegen unmoralische Handlungen zum Ausdruck bringen. Dann steigen wir in der Tat zu einer Welt auf, die im andern Sinne als bloß astral hinter unserer Welt ist. Wir steigen dann auf in die himmlische Welt. Sodass wir sagen können: In der großen Welt des Unsichtbaren entspricht die himmlische Welt des Makrokosmos dem, was in uns lebt gegenüber den moralischen oder unmoralischen Eindrücken, die astralische Welt des Makrokosmos dem, was in uns ist in der intellektuell-physischen Wahrnehmung der physischen Welt. Das, was im intellektuellen Element zur Entwicklung kommt, entspricht der astralischen Welt, dasjenige, was sich entwickeln lässt gegenüber der moralischen oder unmoralischen Handlung, entspricht der himmlischen Welt, der Devachanwelt.

[ 9 ] Dann gibt es noch ein weiteres Element in der menschlichen Seele. Es ist noch ein Unterschied zwischen dem moralischen Handeln, das gefällt, und dem, dass man sich verpflichtet fühlt, dasjenige, was einem als moralisches Handeln gefällt, auch zu tun und das NichtMoralische zu unterlassen. Das Sich-verpflichtet-Fühlen, das ist für den Menschen das Höchste, wozu der Mensch es heute auf der Welt bringen kann.

[ 10 ] Was wir als eine Stufenleiter der Menschenseele anzusehen haben, ist also:

1. Der sinnliche Mensch.
2. Der intellektuelle Mensch. Das ist der, welcher der ersten unsichtbaren Welt gegenübersteht.
3. Der moralisch empfindende ästhetische Mensch, der Gefallen oder Missfallen empfindet an moralischem und unmoralischem Handeln. Dem entspricht draußen die niedere Devachanwelt.
4. Der moralisch sich Betätigende.

[ 11 ] Dem, dass der Mensch das, was er innerlich als höchste moralische Impulse empfindet, auch tut, entspricht draußen die höhere Devachanwelt, die Vernunftwelt, wo die Wesenheiten herrschen, die das absolut Vernünftige in der Welt repräsentieren. Wenn der Mensch erfassen kann, dass in der Welt seiner moralischen Impulse ein Schattenbild vorhanden ist von der höchsten Welt, aus der er heraus ist, dann hat er viel begriffen vom Makrokosmos.

[ 12 ] So haben wir die physische Welt und die Welt des Verstandes, die moralische Welt oder die himmlische Welt des niederen Devachan und die Vernunftwelt oder höhere Devachanwelt. Die kosmischen Welten werfen in uns die Schattenbilder der Sinneswelt: die intellektuelle Welt, intellektuelles Hellsehen; die ästhetische Welt: moralisches Empfinden; die Vernunftwelt: moralische Impulse zur Tat. Durch eine Art Selbsterkenntnis kann der Mensch diese verschiedenen Stufen in sich wahrnehmen.

[ 13 ] Nun, diese ganze Konfiguration des Menschen hat sich im Laufe der Zeiten eben geändert. Wie der Mensch heute ist, so war er durchaus nicht in der alten griechischen oder in der alten ägyptischen Zeit. Damals, in der Zeit des alten Griechentums, war der Mensch so, dass höhere Wesenheiten das seelische Element in ihm lenkten, daher empfand der damalige Mensch etwas wie eine selbstverständliche Verpflichtung gegenüber jenen Wesenheiten. Jetzt sind wir in der Zeit, wo der Mensch durch das intellektuelle Element gelenkt wird, und daher empfindet der Mensch etwas wie eine ästhetisch-moralische Verpflichtung. Damals aber wäre es unmöglich gewesen, dass irgendjemand gedacht hätte, wenn etwas als moralischer Impuls da ist, wäre es möglich, etwas anderes zu tun. Noch in Griechenland empfand man gegenüber dem Gefallen und Missfallen so, dass man dementsprechend auch handeln musste.

[ 14 ] Nun kamen die neueren Zeiten, wo der Mensch sich nicht einmal dem ästhetischen Element gegenüber verpflichtet fühlt, was sich ja ausdrückt in dem Spruch: Über den Geschmack lässt sich nicht streiten. —- Aber mit solchen, die den Geschmack ausgebildet haben, wird man sich wohl einigen können.

[ 15 ] Das, was man früher auf moralischem und ästhetischem Gebiete empfand, das empfindet man heute als notwendig auf intellektuellem Gebiete: eine gewisse Führung zu haben, sodass man nicht denken kann, wie man will, sondern nach den Denkgesetzen der Logik sich zu richten hat. Damit sind wir aber auf die niederste Stufe gekommen, die an menschlichen Erlebnissen da ist. Jetzt stehen wir an der Übergangsstufe, wie wohl zu bemerken ist. Wenn wir nämlich die letzten Jahrtausende nehmen, so sehen wir, dass der physische Leib der Menschen immer trockener und trockener wird, dass der Mensch eben anders geworden ist. Vor anderthalb Jahrtausenden war der physische Leib wesentlich weicher und biegsamer. Der physische Leib ist immer härter geworden. Dagegen ist auch in dem Ätherleib etwas ganz anderes geschehen, etwas, was der Mensch eben darum weniger erleben konnte, weil dieser Ätherleib eine Entwicklung nach aufwärts durchgemacht hat. Es ist bedeutsam, dass wir an dem wichtigen Zeitpunkte stehen, wo der Mensch gewahr werden muss, dass sein Ätherleib ein anderer werden soll. Das ist das Ereignis, welches gerade im zwanzigsten Jahrhundert sich abspielen wird. Während auf der einen Seite das Stärkerwerden des intellektuellen Elementes sich geltend macht, wird auf der anderen Seite der Ätherleib so viel selbstständiger, dass die Menschen es werden merken müssen. Noch haben die Menschen eine Zeit lang nach dem Christus-Ereignis nicht so intellektuell gedacht wie die heutigen Menschen. Dieses Denken im Intellektuellen bewirkt, dass der Ätherleib immer selbstständiger wird, dass er auch als selbstständiges Instrument gebraucht wird. Und dabei kann bemerkt werden, dass er im Geheimen eine Entwicklung durchgemacht hat, welche das Gewahrwerden des Christus im Ätherleib ermöglicht. So wie der Christus dazumal physisch gesehen wurde, wird er jetzt ätherisch geschaut werden können. Sodass in diesem zwanzigsten Jahrhundert wie ein natürliches Ereignis ein Schauen des Christus eintritt, wie Paulus ihn gesehen. Es wird eine Anzahl von Menschen im Ätherischen den Christus sehen können. Sodass man ihn auch kennen wird, den Christus, wenn alle Bibeln verbrannt wären. Wir brauchen dann keine Überlieferung, denn wir sehen ihn, wir schauen ihn. Und das ist ein Ereignis von einer ähnlichen Bedeutung wie dasjenige, das sich auf Golgatha abgespielt hat. Immer mehr und mehr Menschen werden in den nächsten Jahrhunderten dazu kommen, den Christus zu schauen. Die nächsten drei Jahrtausende auf Erden werden einer solchen Entwicklung gewidmet sein, dass der Ätherleib immer sensitiver wird, dass gewisse Menschen dieses und andere Ereignisse erleben werden. Ich will nur ein Ereignis noch erwähnen: dass immer mehr Menschen da sein werden, die irgendetwas tun wollen und dann den Drang haben werden, damit zurückzuhalten. Dann tritt eine Vision auf, und die Menschen werden immer mehr und mehr gewahr werden: Das, was eintreten wird in der Zukunft, ist die karmische Folge von dem, was ich getan habe. Einige Vorzügler - ich möchte dieses Wort bilden in dem Sinne wie Nachzügler - sind schon so weit, dass sie solche Dinge empfinden. Insbesondere bei Kindern tritt derartiges auf.

[ 16 ] Es ist ein großer Unterschied zwischen dem, was die geschulten Hellseher erleben, und dem, was hier geschildert wird, was naturgemäß erlebt wird. Der geschulte Hellseher erlebt den Christus seit undenklichen Zeiten durch gewisse Übungen. Auf dem physischen Plan, wenn ich da einem Menschen begegne, so habe ich ihn vor mir; hellseherisch kann ich ihn wahrnehmen an ganz anderen Orten, da trete ich ihm nicht unmittelbar gegenüber. Hellseherisch wahrnehmen den Christus ist immer möglich gewesen. Aber ihm zu begegnen, weil er jetzt anders zur Menschheit steht, nämlich so, dass er einem von der Ätherwelt aus hilft, das ist etwas, was - außer uns — eine von unserer hellseherischen Entwicklung unabhängige Tatsache ist. Vom zwanzigsten Jahrhundert an, in den nächsten dreitausend Jahren werden gewisse Menschen ihm begegnen können, ihm objektiv als ätherische Gestalt dann begegnen. Das ist etwas anderes, als wenn ein Wesen durch innere Entwicklung bis zu seinem Anblick hinaufsteigt.

[ 17 ] Damit aber wird das hohe Wesen, das wir den Christus nennen, überhaupt in eine andere Evolutionskette gestellt, als wenn wir von Buddha sprechen. Der Bodhisattva, welcher der Buddha wurde, war in das Königshaus des Suddhodana hineingeboren und wurde im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens Buddha, das heißt, dass er dann nachher nicht mehr inkarniert zu werden brauchte. Wenn eine solche Wesenheit, ein Bodhisattva, Buddha oder Meister wird, so bedeutet das eine innere Entwicklung, nur eine höhere, die jeder Mensch durchmachen kann. Eine esoterische Schulung des Menschen ist nur ein Anfang dessen, was zum Buddha-Werden führt. Das hat nichts zu tun mit dem, was um die Menschen herum geschieht. Solche Menschen treten zu gewissen Zeiten auf, um die Welt weiterzubringen. Es sind das aber andere Ereignisse als das Christus-Ereignis. Christus war nicht etwa herübergekommen von einer anderen menschlichen Individualität, sondern Christus war aus dem Makrokosmos herübergekommen, während alle Bodhisattvas immer mit der Erde verbunden gewesen sind.

[ 18 ] Wir müssen uns also klar sein, dass, soweit wir von Bodhisattva- oder Buddha-Wesen sprechen, wir gar nicht den Christus berühren. Denn Christus ist eine makrokosmische Wesenheit, die erst durch die Johannestaufe mit der Erde verbunden ist. Das war die physische Manifestation. Jetzt kommt die ätherische Manifestation, dann die astralische und dann eine noch höhere. Dann müssen aber die Menschen erst so weit sein, diese höhere Stufe zu erleben. Was die Menschen erleben können, das gehört zu den allgemeinen Erdengesetzen. Die Wesenheit, die wir den Christus nennen oder auch mit anderen Namen benennen, wird auch das bewirken, was wir nennen können: die Rettung aller Erdenseelen in die Jupiterwesenheit hinein, während alles andere abfallen wird mit der Erde. Theosophie ist nicht etwas Willkürliches, sondern etwas Wichtiges, das in die Welt kommen musste. Es muss die Welt verstehen lernen das Christus-Wesen, das drei Jahre auf Erden gelebt hat. Das war am Anfang unserer gegenwärtigen Zeitrechnung.

[ 19 ] Sie finden in meinem Buche über «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» das Nähere über die beiden Jesusknaben. Vorbereitet wurde das Christus-Ereignis durch eine mit der Sekte der Essäer in Beziehung stehende Persönlichkeit, Jeshu ben Pandira, welche geboren wurde hundert Jahre bevor die beiden Jesusknaben in Palästina geboren wurden. Sodass man unterscheiden muss zwischen ihnen und dem Jeshu ben Pandira, den unter anderen Haeckel in ganz unwürdiger Weise verschimpft hat. Von dieser sehr hohen Wesenheit, dem Jeshu ben Pandira, rührt als Vorbereitung zu dem, was geschehen sollte, im Wesentlichen das Matthäus-Evangelium her.

[ 20 ] Wie haben wir uns das Verhältnis dieses Jeshu ben Pandira zu dem Jesus von Nazareth vorzustellen?

[ 21 ] Die Individualitäten haben zunächst nichts miteinander zu tun, außer dass der eine der Vorbereiter des anderen war; aber als Individualitäten sind sie nicht irgendwie verwandt. Sondern die Tatsache ist so, dass in dem einen Jesusknaben, dem des Lukas-Evangeliums, wir eine etwas unausgesprochene Individualität haben, die dadurch schwer zu fassen ist, dass sie sogleich, als sie geboren wurde, sprechen konnte, und zwar in solcher Weise sprechen, dass die Mutter ihn verstehen konnte. Sie war nicht intellektuell, diese Individualität des Lukas-Evangeliums, aber ungeheuer ursprünglich und elementar in Bezug auf moralische Empfindungen. In den astralischen Leib dieser Wesenheit hat hineingewirkt die Buddha-Individualität.

[ 22 ] Buddha ist, nachdem er Buddha geworden, eine Wesenheit, die sich nicht mehr auf Erden zu inkarnieren braucht. Solange er Bodhisattva ist, inkarniert er sich. Nachdem er Buddha gewesen, wirkt er von den höheren Welten herunter, und zwar jetzt durch den astralischen Leib des Jesus des Lukas-Evangeliums. Die Kräfte, die von Buddha ausgehen, sind in dem astralischen Leib dieses Jesusknaben. In der Jesus-von-Nazareth-Strömung ist also die Buddha-Strömung mit darinnen.

[ 23 ] Dagegen ist das, was die morgenländischen Schriften sagen, auch für den abendländischen Okkultisten richtig, dass in dem Momente, wo der Bodhisattva zum Buddha wird, ein neuer Bodhisattva kommt. In dem Momente, wo der Gautama Buddha zum Buddha geworden, ist diese Bodhisattva-Individualität von der Erde genommen, und es ist ein neuer Bodhisattva auf ihr tätig. Jener Bodhisattva ist es, der zur bestimmten Zeit zum Buddha werden soll. Und zwar ist die Zeit genau festgestellt, wann der Nachfolger des Gautama Buddha, der Maitreya, zum Buddha wird: fünftausend Jahre nach der Erleuchtung des Buddha unter dem Bodhibaume. Ungefähr dreitausend Jahre nach unserer Zeit wird die Welt die Maitreya-Buddha-Inkarnation erleben, welche die letzte Reinkarnation des Jeshu ben Pandira sein wird. Dieser Bodhisattva, der als Maitreya-Buddha kommen wird, der in seiner Wiederverkörperung im Fleisch auch in unserem Jahrhundert im physischen Körper kommen wird - aber nicht als Buddha -, der wird es sich zur Aufgabe machen, der Menschheit alle wirklichen Begriffe über das Christus-Ereignis zu geben.

[ 24 ] Die echten Okkultisten anerkennen die Inkarnationen des Bodhisattva, des späteren Maitreya-Buddha. Gerade wie die Menschen alle eine Entwicklung des Ätherleibes durchmachen, so auch diese Individualität. Je weiter die Menschheit demjenigen entgegenkommt, welcher der Maitreya-Buddha sein wird, wird diese Individualität eine besondere Entwicklung durchmachen, die in ihren höchsten Stadien in gewisser Beziehung etwas sein wird wie die Taufe des Jesus von Nazareth: Eine Auswechslung der Individualität erfährt sic. In beiden Fällen wird eine andere Individualität aufgenommen. Sie leben sich als Kinder hinein in die Welt, und nach bestimmten Jahren wird ihre Individualität umgewechselt. Es ist nicht eine kontinuierliche Entwicklung, sondern eine Entwicklung, die einen Bruch erleidet, wie das bei Jesus der Fall war. Bei ihm haben wir im zwölften Jahre eine solche Auswechslung der Individualität, dann wieder bei der Johannestaufe. Solch eine Auswechslung tritt gerade bei dem Bodhisattva ein, der zum Maitreya-Buddha wird. Diese Individualitäten werden plötzlich wie befruchtet von einer anderen. Insbesondere wird der Maitreya-Buddha bis zum dreißigsten Jahre kontinuierlich mit einer bestimmten Individualität leben, und dann tritt für ihn eine Auswechslung ein, wie wir sie bei dem Jesus von Nazareth während der Taufe im Jordan haben. Immer aber wird man den Maitreya-Buddha daran erkennen, dass die Menschen, wenn er da ist, vor dieser Auswechslung der Individualität nichts wissen von ihm. Und dann tritt er plötzlich auf.

[ 25 ] Das ist das charakteristische Zeichen für alle Bodhisattvas, die Buddha werden, dass sie ein unbekanntes Leben führen. Die Menschen-Individualität wird in Zukunft immer mehr auf sich selbst gestellt werden müssen. Für ihn wird charakteristisch sein, dass er viele Jahre unerkannt durch die Welt gehen wird und dann erst dadurch zu erkennen sein wird, dass er selbst durch seine innere Kraft als ein einzeln stehender Mensch wirkt. Durch Jahrtausende hindurch und auch durch neuzeitliche Okkultisten ist als Forderung erkannt worden, dass sein Wesen durch seine Jugend bis zur Geburt der Verstandesseele, ja bis zur Geburt der Bewusstseinsseele unbekannt bleibt und er durch niemand anderes als durch sich selbst seine Geltung erhält.

[ 26 ] Deshalb ist es so wichtig, bis auf einen gewissen Punkt unnachgiebig zu sein. Jeder wahre Kenner des Okkultismus würde es komisch finden, dass im zwanzigsten Jahrhundert ein Buddha kommen soll, da jeder Okkultist weiß, dass er erst fünftausend Jahre nach dem Gautama Buddha kommen kann. Es kann aber ein Bodhisattva verkörpert sein und wird es.

[ 27 ] Dieses ist etwas, was zum Ur-Rüstzeug des Okkultisten gehört: dass der Maitreya-Buddha unbekannt in der Jugend sein wird. Deshalb ist seit Jahren von mir betont worden, dass Rücksicht genommen werden muss auf den Grundsatz des Okkultismus: Vor einem gewissen Lebensalter darf von gewissen Zentralstellen aus niemandem ein Auftrag gegeben werden, über okkulte Lehren zu sprechen. Das ist seit Jahren betont worden. Wenn jüngere Leute sprechen, mögen sie dies aus guten Gründen tun, aber sie tun es nicht in okkultem Auftrag.

[ 28 ] Der Maitreya-Buddha macht sich durch eigene Kraft geltend. Er erscheint so, dass niemand ihm helfen kann als die Kraft seines eigenen Seelenwesens.

[ 29 ] Verständnis für die ganze Erdenentwicklung ist eine Notwendigkeit, um an die wahre Theosophie heranzukommen. Diejenigen, die dieses Verständnis nicht entwickeln, werden es dazu bringen, dass die neuzeitliche theosophische Bewegung verödet.