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Der irdische und der kosmische Mensch
GA 133

26 März 1912, Berlin

Dritter Vortrag

[ 1 ] Anknüpfen möchte ich den Ausgangspunkt unserer heutigen Betrachtung an das Wort Zufall. Wir sprechen in der mannigfaltigsten Weise davon, daß gewisse Ereignisse in der Außenwelt uns dadurch erklärlich sind, daß sie gesetzmäßig verlaufen, daß wir in ihnen gewisse Gesetze, daß wir Naturgesetze erkennen, während von andern Ereignissen so gesprochen wird, daß der Mensch eigentlich sagt: Er erkenne kein Gesetz, warum dieses oder jenes in einem bestimmten Zeitpunkt gerade eingetroffen ist, er könne in einem solchen Tatsachenverlauf, wie er ihm vor Augen steht, nur den Zufall anerkennen. Insbesondere wird unsere gegenwärtige Wissenschaft geneigt sein, überall da, wo sie mit den ja durchaus abstrakten und rein verstandesmäßigen Gesetzen, die sie allein anerkennt und die sie Naturgesetze nennt, nicht ausreicht, von einem bloßen Zufall, das heißt, von etwas zu reden, demgegenüber es überhaupt verboten ist, irgendeine Gesetzmäßigkeit anzunehmen. Die gegenwärtige Wissenschaft verbietet ja geradezu da, wo sie vom Zufall spricht, wo sie mit ihren Gesetzen nicht heran will, noch von irgendwelcher Gesetzmäßigkeit zu sprechen. Denn im Grunde genommen ist eigentlich, wie sich im ganzen und im einzelnen zeigt, kaum irgend etwas intoleranter im ganzen menschlichen Zeitverlauf, als gerade — nicht die Tatsachen der Wissenschaft, die können nicht intolerant sein, und in bezug auf Darstellung der Tatsachen schreiben wir auch der gegenwärtigen Wissenschaft das größte Verdienst zu — was sich aufbaut dagegen auf den Tatsachen als wissenschaftliche Gesinnung. Die materialistische Gesinnung in unserer Zeit ist etwas, was zu dem Allerintolerantesten gehört, das im Zeitenverlaufe überhaupt den Menschen hat treffen können.

[ 2 ] Wenn wir nun einmal gefühlsmäßig den Zufall im Sinne unserer Geisteswissenschaft ansehen, so fragen wir uns zunächst: Wie tritt der Zufall an den Menschen heran? Wie stellt sich das, was man zufällig nennt, dem Menschen dar? — Es stellt sich so dar, wenn es eintritt, als ob der Mensch aus seinen Gedanken heraus, aus seinen irgendwie gearteten Ideen nicht voraussetzen könnte, diesem Zufall einen Sinn, eine innere Gesetzmäßigkeit zuzuschreiben. Es stellt sich so dar, als ob die menschliche Vernunft sozusagen den Zufall einfach gehen lassen müsse, wie er sich darbietet, und sich nicht darum bekümmern könnte, ob in diesem Zufall etwas von einer Gesetzmäßigkeit stecken würde. Insbesondere ist es ja mit jenen Zufälligkeiten, die als solche scheinbar unerklärlich in das menschliche Leben hereinfallen, zumeist so, daß die Menschen mit ihrer Vernunft, mit ihrem Verstande nicht recht heran wollen, diese Zufälligkeiten zu bemeistern. Mit dem Gefühl verhält sich der Mensch merkwürdigerweise anders, und das ist etwas, was man zwar in der Gegenwart nicht berücksichtigt, was aber doch tief lehrreich ist: das Gefühl läßt sich nicht immer in der Art und Weise, wie es wirkt, bemeistern von den Vorurteilen des Verstandes und der Vernunft, sondern es wirkt herauf — wie Sie aus zahlreichen öffentlichen und Zweigvorträgen erkennen können — aus verborgenen Untergründen der Seele, die noch gescheiter sind als der Mensch in seinem Verstande und seiner Vernunft. So kommt es vor, daß den Menschen das trifft, was Verstand und Vernunft eine Zufälligkeit nennen, wodurch sich aber doch der Mensch in seinen Gefühlen angezogen oder abgestoßen findet, worüber er sich angenehm oder unangenehm berührt fühlt. Nehmen wir nur einen ganz bestimmten Fall, von dem Sie nicht leugnen werden, daß er Ihnen sehr häufig in ähnlicher Weise in Ihrem Leben immer wieder und wieder begegnen kann. Nehmen wir den Fall: ein Schüler sitze und schwitze über irgendeiner Rechenaufgabe; furchtbar sitze er und schwitze er, weil er die Lösung dieser Rechenaufgabe nicht treffen kann. Aber er hat sie nun nach langem Sitzen und Schwitzen doch gelöst und ist nun froh, daß er ein Resultat herausbekommen hat. Aber er sagt sich: Wenn ich ganz sicher sein soll, daß ich nicht sitzenbleibe und eine schlechte Zensur bekomme, so muß ich diese Aufgabe noch einmal durchrechnen! — und er macht sich darauf gefaßt, daß er sie, nachdem er sein Abendbrot gegessen hat, noch einmal durchrechnet. Da kommt ganz zufällig, durch etwas, das gar nicht damit zusammenhängt, ein Kollege des Schülers herein und fragt: Was hast du herausbekommen? — Beide vergleichen ihr Ergebnis und es stimmt zusammen, und dem Schüler ist auf diese Weise erspart, was ihm sonst geblüht hätte. Er ist nun befreit davon, braucht nicht noch einmal eine Stunde sitzen und schwitzen und kann sich gleich schlafen legen. Wenn nun der Vater ein «aufgeklärter» Mann ist, so wird er sagen: Der andere Schüler ist nicht darum hereingestürzt, um meinem Sohne eine Stunde abzunehmen, die ihm doch vielleicht in seiner Gesundheit hätte schaden können, sondern er ist abgeschickt von seiner Mutter, um mir dies oder jenes zu bringen, was ich vergessen habe. Der Vater also nennt es einen Zufall. — Aber können Sie ableugnen, was Sie ja nicht ableugnen werden, daß der Schüler ein recht angenehmes Gefühl hat, wenn er auch nicht glauben wird, daß ihm ein Engel diesen Kollegen zugeführt hat? Er wird recht angenehm davon berührt sein in seinem Gefühl, ganz anders, als vielleicht Verstand und Vernunft sprechen. Der Vater wird ganz sicher nicht geneigt sein, anzunehmen, daß ein Engel vom Himmel diesen Kollegen seinem Sohne zugeschickt habe, er wird aber doch sympathisch davon berührt sein.

[ 3 ] Das meine ich, wenn ich sage, das Gefühl kann gescheiter sein, wenn es aus verborgenen Seelentiefen heraufwirkt, als Verstand und Vernunft, die sich im Verlaufe der Erdenmission erst selbständig ausbilden sollen, so ausbilden sollen, daß sie gerade wie gottverlassen auf sich selber angewiesen sind und daher auch leicht in den Irrtum verfallen können, daß in dem, was sich ihnen darbietet, nicht irgendeine göttlich-geistige Gesetzmäßigkeit lebe, sondern daß eigentlich gar nichts darinnen lebe. So dürfen wir sagen: Was sich aus den Tiefen unserer Seele heraufholt, wodurch wir, wie in diesem Fall, im Gefühl gescheiter sind als in Verstand und Vernunft, das weist uns darauf hin, ganz deutlich, daß die Behauptung der Geisteswissenschaft richtig ist, daß dasjenige, was in den verborgenen Seelentiefen unten ist und wie im Gefühl sich heraufholt aus diesen verborgenen Seelentiefen, eben aus jener Epoche herstammt, in welcher sich der Mensch noch nicht selbst überlassen war, und daß das, was in unsern Gefühlen spricht als Sympathie und Antipathie, noch aus dem alten Mondenzeitalter herrührt. So daß der Mensch in seinem Verstande und seiner Vernunft erst im Laufe der Erdenentwickelung so gescheit zu werden braucht, als er in seinen Gefühlen geworden ist durch die alte Mondenentwikkelung. Nun kann jemand sagen: Ich habe wohlweislich bemerkt, daß das Gefühl auch nicht immer ganz gescheit ist, daß es auch sehr dumm sein kann. — Das rührt davon her, daß unsere Gefühle als Erdenmenschen schon beeinflußt sind von unserem Verstande und unserer Vernunft, daß diese schon hinunterwirken in das Gefühl, so daß dieses, wenn es dumm wird, nur dadurch dumm wird, daß es beeinflußt wird von Verstand und Vernunft. Würde es nicht schon durch die allgemeinen Inkarnationsverhältnisse und durch die allgemeine Entwickelung der Menschheit sich von Verstand und Vernunft beeinflußt erzeigen, so wäre es im Menschen tatsächlich der Gescheitere gegenüber der Vernunft und dem Verstande, welche die Dümmeren sind.

[ 4 ] Wenn wir die Sache so betrachten, stellt sich uns etwas ganz Eigentümliches für den Zufall heraus, was außerordentlich lehrreich ist. Wir könnten sogar die Frage aufwerfen: Ist es nicht sinnvoll, daß der Mensch gewisse Dinge so ansehen kann, wenn er sie so ansehen will, daß er sie zufällig nennt? Ist das nicht vielleicht sinnvoll? — Die Frage könnte sehr wohl aufgeworfen werden, und sie erweist sich nicht als sinnlos, wenn wir bedenken, daß der Mensch in der Erdenentwickelung Verstand und Vernunft, was wir unser normales Bewußtsein nennen, gerade entwickeln soll. Er soll am Ende der Erdenentwickelung so weit sein, daß er die Gesetzmäßigkeit in denjenigen Tatsachen einsieht, die er heute noch als zufällig ansieht. So treten sie ihm heute noch als zufällig entgegen. Er kann ihnen noch nicht, wie in notwendigen Naturereignissen, das Gesetz unmittelbar ablesen, sie verhüllen ihm noch ihre Gesetzmäßigkeit. Aber der Mensch wird lernen gerade in dem, was während der Erdenentwickelung die Gesetzmäßigkeit verhüllt und sich dadurch als Zufall erweist, eine tiefere Gesetzmäßigkeit zu erkennen, eine solche Gesetzmäßigkeit, welche dann, wenn die Erdenentwickelung abgelaufen sein wird, sich tatsächlich mit derselben Notwendigkeit wird aufdrängen, wie sich jetzt die Naturgesetze aufdrängen, aber erst, wenn die Erdenentwickelung abgelaufen sein wird. Wenn ihm jetzt schon das, was wir Zufälligkeiten nennen, so entgegentreten würde wie die Naturgesetze, so würde der Mensch nichts daran lernen können. Er würde sich nicht dazu entschließen können, sich zu sagen: Du kannst es als sinnvoll ansehen und auch als Zufall ansehen! — Also, weil es in des Menschen Hand und in des Menschen Willkür gegeben ist, Verstand und Vernunft auf das anzuwenden, was sich als zufällig darbietet, dadurch lernt er sich hineinfinden in die Erdeninkarnationen, lernt das, was der Zufall scheinbar regellos darbietet, mit Verstand und Vernunft zu durchdringen, so daß also das, was ihm scheinbar nicht als so starre, abstrakte Gesetzmäßigkeiten erscheinen kann, als geistige Gesetzmäßigkeiten erscheinen muß.

[ 5 ] Da blicken wir in einen sehr weisen Zusammenhang des Weltenwerdens hinein, der, wenn wir ihn sinnvoll erfassen, uns sagt: Es ist außerordentlich geistvoll im Weltendasein eingerichtet, daß uns gewisse Dinge als Zufall entgegentreten; daher müssen wir sie selbst erst aufwinden auf Fäden einer Gesetzmäßigkeit, die wir in ihnen selbst erst entdecken müssen. Und damit wir uns dabei selbst ergreifen, uns selbst in die Waagschale werfen, um in unserer Entwickelung weiterzukommen, wurde es in unsern Willen gestellt, entweder weise zu sein oder töricht, entweder anzuerkennen eine Gesetzmäßigkeit auch in den Zufälligkeiten oder nur die starren Naturgesetze gelten zu lassen. So wird es sich nach und nach heranbilden, daß im Laufe der Zeit diejenigen Wissenszweige dasein werden, die sich nur der äußeren, abstrakten, verstandesmäßigen Naturgesetze bedienen wollen und alles andere als Zufall abweisen werden. Diese äußeren Wissenszweige werden wie Betätigungen des Seelenlebens erscheinen, die aber wenn der Mensch mit seinem Seelenwesen aufgeblickt hätte im Sinne des Schlusses des Goetheschen «Faust» in eine höhere Welt und in die Nähe dessen gekommen wäre, was man in aller Mystik als «Ewig Weibliches » bezeichnet, wo die ewigen Naturgesetze und die wissenschaftlichen Zweige symbolisch-mystisch als Weibliches dargestellt werden — am Ende des Erdendaseins als «törichte Jungfrauen » sich erweisen würden. Dagegen wird sich in dem, was sich heute als Geisteswissenschaft geltend macht, etwas heranbilden, das dort, worin die törichten Jungfrauen, die äußeren Wissenschaften, keine Gesetzmäßigkeit hereinbringen können, Gesetzmäßigkeit und Weisheit hereinbringen wird. Das wird ausbilden eine Anzahl von Wissenszweigen, und diese werden am Ende der Erdenentwickelung die «weisen Jungfrauen » sein. Und es zeigt schon die schöne Parabel im Evangelium, wie es, wenn die Zeiten erfüllt sein werden, ergehen wird den törichten und den weisen Jungfrauen.

[ 6 ] Diese Dinge sind immer geeignet, uns in die Geheimnisse der Weltenentwickelung wirklich etwas hineinzuführen. Wenn wir aber das, was wir so aus der Beobachtung der äußeren Welt unmittelbar auf uns haben wirken lassen, verbinden mit mancherlei von dem, was wir dutch die Geisteswissenschaft erfahren haben, so stellt sich uns doch ein sehr merkwürdiger Zusammenhang heraus, und ich bitte Sie, diesen Zusammenhang mit mir in Gedanken zu verfolgen.

[ 7 ] Sie wissen, daß sich der Mensch den Inhalt, die Erkenntnisse, die Errungenschaften, die Erlebnisse des normalen Bewußtseins während der Erdenzeit immer mehr und mehr aneignen wird. Aber es geht alle Entwickelung langsam und allmählich vor sich. Und daher wird hereinragen — und ragt schon jetzt herein — in unsere rein abstrakte Vernunft- und Verstandesentwickelung, in die bloßen Naturwissenschaften das, was in der Zukunft erst für den Menschen normal sein wird: es ragt herein, was nicht bloß aus dem normalen Bewußtsein stammt, sondern was zu tun hat mit höheren Bewußtseinsformen. Das ist natürlich etwas, das dem normalen Bewußtsein verschleiert sein muß, das aber auf die tieferen Hintergründe des Daseins hinweist. Daher ist es natürlich, daß überall da, wo irgend etwas hereinragt, was das normale Bewußtsein überschreitet, auch in einer merkwürdigen Weise mehr zutage treten wird, als man leichten Herzens mit Zufall wird bezeichnen können. Oder mit andern Worten: So lange der Mensch bloß mit dem normalen Bewußtsein in dem Zusammenleben wirkt, wird man auch leichten Herzens von Zufall sprechen können. Betrachten Sie nur einmal das Leben. Wenn Sie in der Weise als Menschen miteinander verkehren, daß Sie nicht den geringsten Anspruch darauf machen, daß irgend etwas anderes in den Verkehr der Menschen hereinspiele als das, was Verstand und Vernunft im Sprechen und Handeln der Menschen hereinbringen könnten, so lange werden Sie leichten Herzens viel von Zufall sprechen können. Denn dann wird alles, was in dem Zusammensein der Menschen und in den äußeren Tatsachen sich nicht durchdringbar für eine gewisse Gesetzmäßigkeit darstellt, als Zufall sich so darstellen, daß man schwer dahinterkommen wird, wie auch in dem scheinbar Zufälligen ein wirklicher gesetzmäßiger Zusammenhang ist. Aber nehmen wir an, es tritt irgend etwas in unser Erdenleben herein, was den ganz gewöhnlichen, bloß auf Verstand und Vernunft begründeten Menschenverkehr durchbricht, was mehr ist im menschlichen Zusammenleben als bloß Verstand und Vernunft. Und damit Sie sehen, was ich meine, möchte ich einen bestimmten Fall anführen, den ich Sie bitte, eben als einen Fall anzusehen, der sich im Leben so zugetragen hat und an dem wir mit den Mitteln der Geisteswissenschaft mancherlei lernen können. Es sei ein recht schroffer, wenig schöner, eigentlich häßlicher Fall angeführt, an dem wir aber wie an einem Experiment kennenlernen können, was wirklich geschieht.

[ 8 ] An einem Orte hatte es sich zugetragen, daß ein Pfarrer einem Ehemann seine Frau abspenstig gemacht hat. Der Pfarrer hatte eine Art Liebesverhältnis mit dieser Frau entwickelt und dem Ehemann war dies außerordentlich leid. An demselben Orte fanden sich nun zwei Menschen, die miteinander befreundet waren und die dem Pfarrer nicht bloß durch ihren Verstand und ihre Vernunft, sondern auch durch ihre Gefühle zugetan waren. Sie standen in seinem Bannkreis, weil dieser nicht nur durch Verstand und Vernunft wirkte, sondern auch durch den religiösen Kultus, durch das, was an spirituellem Leben in der Religion ist. Daß dieser Kultus in diesem Falle nicht besonders gut gewirkt hat, darauf kommt es hier nicht an, sondern darauf, zu welchen Mitteln die beiden griffen und daß der Pfarrer eben der Seelsorger dieser beiden war. Und das kam so weit, daß die beiden Freunde dem Pfarrer etwas Gutes tun wollten und sie besprachen sich darüber, mit allen Mitteln den Ehemann aus dem Wege zu schaffen. Insofern ist der Fall häßlich, weil sich das spirituelle Element vermischt mit dem egoistisch menschlichen; er wird also in gewisser Weise zu einer Art schwarzer Magie. Es besprachen sich also die beiden Freunde, den Ehemann zu ermorden, und sie taten es auch. Die beiden hatten so eine schwere Schuld auf sich geladen, nicht bloß durch den Vernunftbeschluß, sondern auch durch das Vorhandensein eines psychischen Elementes, das durch die Gemeinde hindurchwirkte. Wir haben also den merkwürdigen Fall, daß wir in einem menschlichen Zusammenhang nicht bloß das drinnen haben, was Verstand und Vernunft ist, sondern auch das, was hinter Verstand und Vernunft ist; wir haben es wirksam, weil eben der Pfarrer ein Pfarrer war und mit den Mitteln des spirituellen Lebens wirkte. Was können wir nun nach den uns jetzt schon angeeigneten geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen erwarten? Weil ja Ereignisse Ursachen sind und als solche Folgen haben, so können wir erwarten, daß sich an das, was geschehen ist, auch noch etwas anderes anschließt. Sie werden nun in den meisten Fällen, wo nur etwas geschieht, was bloß mit Verstand und Vernunft zu tun hat, viele sogenannte Zufälligkeiten finden. Diese Zufälligkeiten werden so sprechen im Leben, daß Sie leichten Herzens dieselben als Zufälligkeiten ansprechen werden, wenn Sie noch nicht von Geisteswissenschaft berührt sind. Aber nicht so leichten Herzens werden die Menschen solche Wirkungen im Leben als Zufälligkeiten ansprechen können, die aus Ursachen folgen, bei denen Spirituelles, Psychisches mitgewirkt hat. Zwei Freunde waren es, die miteinander den Mord bewirkt hatten. Wir haben also zu erwarten, daß in diesem Falle das Karma besonders wirkte und zwingen würde, durch die Art wie es eintritt, doch nicht bloß an Zufall zu denken. So daß also doch etwas Besonderes geschehen müßte, wenn, wie in diesem Fall, so etwas die Ursache ist: ein Einfluß sozusagen, den man mit den Worten wie graue oder schwarze Magie bezeichnen könnte. Und siehe da, was geschah wirklich? Die beiden Mörder wurden kurioserweise krank, und zwar an zwei verschiedenen Krankheiten, und starben beide in derselben Stunde! Wer nun durchaus von Zufall sprechen will, der wird natürlich auch hier wieder von Zufall reden wollen. Der Mensch aber, der nun nicht durchaus nur von Zufall sprechen will, wird da doch versucht sein, etwas tiefer nachzudenken. Und was für dieses eklatante Beispiel angeführt worden ist, das werden Sie vielfach bestätigt finden, wo Sie nur wirklich prüfen wollen, wo Sie vermuten können im Leben, daß etwas anderes hereinspielt als das, was nur ausschließlich zur Erdenmission und zum Erdenbewußtsein gehört, wo also etwas hereinspielt, das hinter der Sphäre des Daseins seine Urstände hat, das mehr oder weniger durch den sonderbaren äußeren Verlauf schon auf etwas Abnormes, wie der gewöhnliche Mensch sagen würde, hinweist. Wer aber vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus beobachtet, würde sagen: Es ist so, wie wenn mit Fingern darauf hingewiesen würde, daß, weil in den Ursachen ein anderer Sinn liegt, sich auch die Wirkungen in ihrem karmischen Verlauf ganz besonders sinnvoll zeigen.

[ 9 ] Da sehen wir also, daß wir in der Tat, wenn wir das Walten des Übersinnlichen hinter dem Sinnlichen ins Auge fassen, schon durch die Art und Weise, wie uns die Erscheinungen, die äußeren Tatsachen entgegentreten, darauf hingewiesen werden: Es ist etwas anderes mit diesen äußeren Tatsachen als mit denjenigen, die nicht so verlaufen, daß Übersinnliches in ihnen mitspielt. — Es wäre ja außerordentlich wünschenswert, wenn einmal auch in der äußeren Wissenschaft etwas anderes untersucht würde zu allen möglichen unnötigen Dingen, die heute in der Wissenschaft so zahlreich zutage gefördert werden, und die der in gewisser Beziehung geistvolle Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer einmal damit gegeißelt hat, daß er sagte: Es fand sich einmal ein Gelehrter, der wühlte sich ein in das Goethe-Haus und untersuchte dort allen möglichen Staub, der seit Jahren abgelagert war, und alle Papiere, die noch in den Papierkörben seit langen Zeiten sich fanden, ging dann in allerlei abgelegene Räume, stieß übelriechende Kehrichtfässer um und brachte dann eine Abhandlung zustande über den «Zusammenhang der Frostbeulen der Frau Geheimrat von Goethe mit den symbolisch allegorischen Figuren im zweiten Teile des Faust». — Das ist etwas radikal. Aber in den Bücherkatalogen, die über die allergelehrtesten Abhandlungen herausgegeben werden, ist schon so etwas zu finden. Es wäre nützlich für die äußere Wissenschaft, wenn sie statt dessen, was der V-Vischer charakterisieren wollte, einmal solche Dinge verwenden würde, an denen sich eklatant zeigt, daß in den Geschehnissen, die man geneigt ist für Zufall zu halten, doch etwas waltet, was uns schon in der Art, wie es uns entgegentritt, zeigt, daß bei solchen Ereignissen, wo der Mensch untertaucht in das Psychische, auch der Sinn eklatant hervortritt. Natürlich tritt er in dem, was man so leichten Herzens mit Zufall benennt, auch hervor; nur ist es da nicht so genau zu sehen, da muß schon eine geistige Beobachtung hinzukommen, wenn darin das Walten des ja überall vorhandenen Gesetzes gesehen werden soll. Und wir sehen dann in dem, was uns gerade wie das Gegenteil der Gesetzmäßigkeit entgegentritt, was uns als Zufall entgegentritt, auch wenn wir unser Leben nur betrachten, das Zusammenstoßen von zwei Welten, richtig das Zusammenstoßen zweier Welten. — Was ist das eigentlich?

[ 10 ] Der Mensch hat seine Erdenmission zu vollbringen, das heißt, er hat das, was wir jetzt das normale Bewußtsein nennen, auszubilden. Er hat also durch die weise Welteneinrichtung die Möglichkeit vor sich, eine ganz große Sphäre von Ereignissen als Zufall zu betrachten. Es unterliegt also gewissermaßen seiner Willkür, dort Gesetzmäßigkeit hineinzubringen. Aber niemals verläuft nur eine Strömung, sondern es verlaufen immer mehrere Strömungen. Wir sehen, wie ja überall Spirituelles hineinspielt, das heißt solches Spirituelles, an dem auch der Mensch teilnimmt. Es wäre auch Spirituelles in einem äußeren Ereignis von der geschilderten Art, wenn der Betreffende, von dem gesprochen worden ist, kein Pfarrer gewesen wäre; aber dann wäre er nicht in diesen Tatsachenzusammenhang hineingestellt. Ich meine es also so, daß der Mensch mit seiner Seelenentwickelung an dem Spirituellen selber beteiligt ist. Das ist das, was sich neben der verstandes- und vernunftmäßigen Strömung in der Welt auch klar darstellt. Immer spielen beide Strömungen in unser Leben herein. Sie dürfen nicht etwa glauben, daß zum Beispiel diejenigen, welche als Monisten auftreten, das heißt als Materialisten, immer ganz unabhängig sind vom Spirituellen oder gar nichts glauben, wie sie annehmen. Der ganze Monismus ist nichts anderes als ein Glaube; es handelt sich nur darum, daß er ein Glaube ist, der dem Wesentlichen des Menschen gegenüber das Spirituelle verdunkelt. So daß es sich eigentlich darum handelt, daß man bei solchen Dingen Maja wirklich durchschaut. Schwer ist es ja allerdings, bei dem menschlichen Vorurteil immer die Maja zu durchschauen. Wenn man in der Maja tief drinnensteckt, durchschaut man sie nicht so leicht. Wer heute auf einem geschichtlich materialistischen Standpunkt steht, der wird vielleicht sagen: Die Entwickelung der Menschheit verläuft so, daß aus gewissen rein materialistischen Gegensätzen im menschlichen Zusammenleben sich irgendeine Art von Zusammenbruch entwickeln wird, und aus diesem Zusammenbruch wird dann eine neue Gesellschaftsordnung erwachsen. — Wir wissen, daß eine solche Voraussetzung gemacht wird bei der Strömung des geschichtlichen Materialismus. Man hat prophezeit, daß die Entwickelung so vor sich geht, daß durch den Gegensatz der Klassen und Stände ein Zusammenbruch der Geselischaftsordnung zustande kommt, und daraus würde sich dann herausentwickeln eine Art Neubegründung der Gesellschaft. Ein solcher geschichtlicher Materialist wird ganz gewiß zugeben, daß er an nichts glaubt, sondern nur auf geschichtliche Tatsachen sich stützt, und er wird aus einer gewissen inneren Befriedigung, ja Beseligung heraus sagen: Was waren das doch für sonderbare Kerle, die von der Apokalypse gesprochen haben, von einem tausendjährigen Reich und so weiter, die von einer andern Gestaltung der Zukunft aus der geistigen Welt heraus gesprochen haben! — Er wird sie als zurückgebliebene Propheten über die Achsel ansehen. Daß er aber doch nur den andern Glauben übernimmt, daß er an Stelle des spiritualistischen Glaubens den materialistischen Glauben setzt, davon hat er keine Ahnung. Nur muß so etwas von dem Wahrheitsuchenden durchschaut werden; er muß immer mehr und mehr über die Maja hinauskommen.

[ 11 ] So stoßen in der angedeuteten Art in uns zwei Welten zusammen, eine, welche bloß zusammenhängt mit Verstand und Vernunft, wie sie sich aus der Erdenmission ergeben, und die andere, welche zusammenhängt mit spirituellen Ereignissen, die sich so gruppieren, daß sie auch in ihrer Zufälligkeit eklatant für sich selber sprechen, wie es in dem angedeuteten Falle war, den wir durch unzählige andere Fälle vermehren könnten.

[ 12 ] Was ist es denn, was uns dazu bringen kann, daß wir zwar stehenbleiben bei dem, was ja durchaus im Sinne der Erdenmission liegt: in den Zufall durch unsere eigene Willkür erst die Gesetzmäßigkeit hineinzubringen, so daß wir wirklich an das anknüpfen, was uns eine weise Weltenentwickelung gegeben hat, daß wir gewisse Dinge als zufällig anschauen können, und dann aber, wenn wir gescheiter sind, erst die Gesetzmäßigkeit hineinprägen wollen? Was ist es, daß wir so die Gesetzmäßigkeit hineinbringen? Fassen wir sozusagen ohne Schonung gegenüber den gegenwärtigen Schwächen das ins Auge, was da vorliegt.

[ 13 ] Die Menschen der Gegenwart werden sich mit kühnem, wissenschaftlichem Wagemut auf die Naturgesetze stürzen und die Naturtatsachen in solche Gesetze einfassen. Da sind die Menschen kühn. Warum sind sie da kühn? Es ist vielleicht schonungslos, aber es ist doch in einer gewissen Weise wahr: die Menschen sind kühn, weil dazu nichts weiter gehört! Daß man Naturgesetze anerkennt, daß man dort Gesetze voraussetzt, wo die äußeren Tatsachen so stramm sprechen, dazu gehört kein besonderer Mut. Wir würden heute sogar geneigt sein, dem Leugner von Naturgesetzen einen stärkeren Respekt zuzusprechen als dem Anerkenner derselben. Wenn jemand sagen würde: Da sagen die Leute, es gibt Naturgesetze, aber das kann auch nur Zufall sein, — so würden wir diesem vielleicht mehr Respekt entgegenbringen, weil es ein radikal kühner Entschluß wäre, in der Sphäre der Gesetzmäßigkeit auch einen bloßen Zufall anzunehmen. Nietzsche war nahe daran, alles als einen Zufall zu betrachten. So könnte also jemand sagen: Wenn die Sonne bisher alle Tage aufgegangen ist, so könnte das ebenfalls auf einem Zufall beruhen, und die Menschen hätten nicht weniger Recht, dieses tägliche Aufgehen der Sonne als einen Zufall anzusehen wie andere Ereignisse. — Das könnte stark, könnte mutig sein, nur wäre es natürlich falsch. Aber Naturgesetze anerkennen, die in den chemischen, in den physikalischen Vorgängen wirken, das ist ein Mut, der ja da ist, den die Menschen haben, und er soll ihnen nicht abgesprochen werden; aber er ist billig. Denn die Welt läßt sich nicht leicht als eine bloße Zufälligkeit betrachten, insofern man es mit Naturtatsachen zu tun hat. Aber der Mut verdunstet gegenüber den Dingen, die man gewöhnlich als zufällig bezeichnet, wo der Mensch gerade stark sein sollte — nämlich dem Zufall gegenüber — und sich sagen sollte: Da treten mir in einer gewissen Sphäre Ereignisse gegenüber, welche sich scheinbar sinnlos zusammenschließen; ich werde einen tieferen Sinn darin suchen. — Hineintragen den Sinn in die äußere Zufälligkeit, das hieße, sich mit starker Seele den äußeren Zeichen entgegenwerfen, so daß der Mut auch andauerte gegenüber den scheinbar zufälligen Ereignissen. So daß also das heutige Phantasieren gegenüber dem Zufall aus einer inneren Schwäche stammt, weil sich der Mensch nicht getraut gegenüber den Dingen, die er heute Zufall nennt, ein Gesetz anzuerkennen. Das ist etwas, was man bezeichnen darf als wissenschaftliche Feigheit, als Feigheit der Wissenschaft gegenüber dem Zufall: stehenzubleiben und nicht den Mut zu haben, in das, was sich als ein bloßes wirres Chaos darbietet, die Gesetze hineinzutragen, weil das Gesetz sich nicht selbst anbietet und dazu zwingt, es aus innerem Mut hineinzutragen. Daher muß entgegentreten der mutlosen Wissenschaft, die sich heute bloß auf Naturgesetze ausdehnen will, die mutvolle, starke, kühne Wissenschaft des Geistes, welche die innere Seele so belebt, daß in das scheinbare Chaos der Zufälligkeiten Gesetz und Ordnung hineingebracht wird. Und das ist diejenige Seite der Geisteswissenschaft, von der man sagen muß: Der Mensch soll durch sie stark werden, um nicht bloß dort Gesetzmäßigkeiten anzuerkennen, wo die äußeren Verhältnisse zu Stärke und Mut zwingen, sondern auch dort, wo er sein Inneres aufrufen muß, um so zu sprechen, wie sonst nur die Naturereignisse mit ihrem Zwange zu ihm sprechen. Die Natur ist fertig, ist da. Der Mensch tritt ihr gegenüber. Neben die Natur und überall in die Natur hinein stellt sich die Zufälligkeit. Der Mensch ist selbst in diese Zufälligkeit hineinverwoben, und ein großer Teil dessen, was er sein Schicksal nennt, liegt in den Gesetzen dieser Zufälligkeit. Was muß geschehen? Was geschehen muß, das sei heute noch beantwortet.

[ 14 ] Geschehen muß etwas, was man in der Tat vielfach heute in der äußeren exoterischen Welt nicht einmal ahnt, wovon man sich gar keine Vorstellung macht. Es braucht, damit das geschehen soll, was geschehen könnte, eine Anfeuerung des Impulses, der zur äußeren Wissenschaftlichkeit treibt, eine Anfeuerung, die nicht von dieser äußeren Wissenschaftlichkeit allein kommen kann, ganz unmöglich von ihr kommen kann. Es braucht einen Einfluß auf diese äußere Wissenschaft von der geistigen, von der spirituellen Forschung her. Denn die äußere Wissenschaft wird, weil sie sich zwingen läßt zu ihren Gesetzmäßigkeiten, sich nicht aufraffen können zu dem Mut, der notwendig ist, um in das Reich der scheinbaren Zufälligkeiten spirituelle Gesetzmäßigkeit hineinzuschauen. Es hängt das mit dem zusammen, das oft hier berührt worden ist, daß Geisteswissenschaft, wenn sie ernst genommen sein soll, auf einen neuen Impuls hören muß, der zugleich hinweist auf eine Befeuerung des menschlichen Seelenmutes, der dazu führen muß, daß etwas durchaus Neues in die Welt hineintreten muß: wenn dieses Neue auch nichts anderes ist als die Neuerfassung desselben Impulses, welcher der Menschheit zwar gegeben worden ist, aber mehr oder weniger unbewußt gegeben worden ist und zur Bewußtheit von unserem Zeitalter an aufgerufen werden muß. Man sieht es überall, wie ein neuer Impuls kommen muß. Aber die anderen merken es auch, welche diesen neuen Impuls nicht wollen. Sie merken es ganz klar; aber sie geben sich manchmal in einer recht merkwürdigen Weise darüber Rechenschaft. Sie sagen es zwar nicht direkt. Aber das Merkwürdige ist doch, daß alle die, welche den Mut nicht haben zu dem, was jetzt gekennzeichnet worden ist, sich zwar noch in einer merkwürdigen Weise abzufinden vermögen mit allen möglichen philosophischen und sonstigen Auseinandersetzungen über die geistige Welt, die noch so ein bißchen Kompromisse schließen mit dem, was als natürliche Gesinnung herrscht. Sie werden da und dort eine anerkennenswerte Nachsicht finden mit alledem, was in eine geistige Welt hineinweist, was sich aber doch in einer gewissen Art noch gefallen läßt, zusammengeworfen zu werden mit alledem, das man sonst gern hat und das sich noch zeigen kann unter anständigen, naturwissenschaftlich gesinnten Leuten: aber irgendwo wird da eine Ausnahme gemacht. Diejenigen, die so recht glauben, daß sie das Recht dazu haben «unbedingt» zu urteilen, sie werden sagen: Ja, mit denen, die eine idealistische Philosophie vertreten, welche eine allgemeine, auf Vernunft begründete Annahme einer geistigen Welt macht, mit denen läßt sich ja reden, mit denen kann man sich auseinandersetzen. — Aber in merkwürdige Töne, in merkwürdige Taten verfallen die Menschen, wenn sie etwas hören von Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Da wird ihnen unbehaglich. Sie geben sich darüber nicht so ganz Rechenschaft, aber das eine ist ihnen klar: damit wollen sie nichts zu tun haben. Da werden sie auch unerbittlich, und da sind sie nicht so ganz nachsichtig, da wird geschimpft und die Geisteswissenschaft hingestellt als etwas Phantastisches, Erträumtes und Willkürliches. Und selbst die, welche noch von oben herunter zuweilen eine Nachsicht haben mit andern idealistischen Richtungen, der Geisteswissenschaft gegenüber verhalten sie sich doch so, daß fast der Goethesche Ausspruch zuschanden wird: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte! », weil sie da die Anthroposophie so empfinden, als wenn es schon der leibhaftige Teufel wäre. Sie sagen es oft nicht, aber es ist so, ist ganz merkwürdig so.

[ 15 ] Man kann heute hinweisen auf einen Fall, der sich in unsern Reihen selber zugetragen hat, kann deshalb darauf hinweisen, weil er jetzt schon durch deutsche Zeitungen geht. Da hatte einer der Unsrigen an einer nordischen Universität eine Abhandlung als Doktotschrift eingereicht über das «Verhältnis des Ich zum Denken». Wäre er in der glücklichen Lage gewesen, in der ich selber war, bevor ich unter dem Namen «Theosophie» die Weltanschauung vertreten habe, die ich jetzt vertrete, als ich meine «Philosophie der Freiheit» schrieb, so würden die Menschen ja keine Ahnung, ich sage, keine «falsche » Ahnung haben, daß in dieser Abhandlung das Verhältnis des Ich zum Denken eine Beziehung zur Theosophie habe. Denn gar nichts kommt darin über Theosophie vor, so wenig wie in meiner «Wahrheit und Wissenschaft » und in der «Philosophie der Freiheit » etwas von Theosophie vorkommt. In diesen beiden Schriften haben die Menschen gar nicht geahnt, was dahintersteckt, haben auch nichts geredet, und die Dinge haben zuweilen einemerkwürdig günstige Beurteilung erfahren. Ich konnte das so recht prüfen. Eines Tages wurde ich auf Grund meiner Goethe-Schriften aufgefordert, das Kapitel über Goethes Verhältnis zur Naturwissenschaft zu schreiben. Das Werk erschien lange Zeit nicht, das Manuskript lag lange beim Herausgeber. Es war dazumal fast eine Selbstverständlichkeit, daß mir dieses Kapitel übertragen war, und es zweifelte auch keiner der in Betracht kommenden Menschen daran, daß dieses Kapitel gerade von mir geschrieben werden sollte. Aber da geschah etwas Merkwürdiges: Ich hatte angefangen, das Wort Theosophie auszusprechen, ja, ich war sogar offiziell innerhalb der theosophischen Bewegung aufgetreten — und die Abhandlung wurde mir als «unbrauchbar» zurückgeschickt!

[ 16 ] Sie sehen, welche inneren Gründe da spielen. Da kann man die Dinge abfangen, welche da mitspielen: wäre unser Freund nicht Theosoph, so würden die Menschen nicht verkannt haben, daß da eine logisch dialektische Abhandlung vorliegt über das Verhältnis des Ich zum Denken. Aber nun ist jene Universitätsstadt, wo sich das zugetragen hat, nicht so groß, man wußte, daß der Betreffende ein Theosoph ist, und nun war seine Arbeit unbrauchbar für die Gelehrten, die noch dazu Experimentalpsychologen sind, die da sagen: Gesetze erkennen wir nur da an, wo der äußere Zwang herrscht. — Wenn jemand aber Gesetze anerkennt, wo kein äußerer Zwang herrscht, wie ja bei dem Verhältnis des Ich zum Denken kein äußerer Zwang herrschen kann, so ist der Betreffende von vornherein zurückgewiesen. Kurz, die Abhandlung unseres Freundes wurde zurückgewiesen. Es wurde aber noch etwas anderes gemacht. Diese Abhandlung ist ja in einer nordischen Sprache geschrieben, die nur sehr wenige kennen, und da schickte man sie nun an einen alten deutschen Gelehrten, der «zufällig» diese nordische Sprache kennt — ich sage dies absichtlich. Dem alten Herrn mutete man ja viel Philosophie zu; aber man konnte nicht das voraussetzen, was in diesem Falle günstig war: daß der Betreffende nicht Theosoph war!

[ 17 ] So hat er also sein Urteil abgegeben, hat es objektiv abgegeben, und siehe da: es wurde ein außerordentlich günstiges Urteil.

[ 18 ] Solcher Geschichten reihte sich an diese Abhandlung noch eine an, und worauf es dabei ankommt, werden Sie gleich sehen. In diesen Tagen wurde mir ein Ausschnitt aus der «Frankfurter Zeitung» geschickt, wo in einer unglaublichen Weise über diese Sache berichtet wird, so daß man absolut nicht mehr erkennt, worum es sich handelt; denn es wird die Sache geradezu — obwohl sie selbst mit der Theosophie nichts zu tun hat — so dargestellt, als ob nun an einer nordischen Universität über Theosophie gestritten wird! Nicht über Theosophie, sondern über einen ganz anderen Punkt! Und das dürfte nicht verschleiert werden. Darüber nämlich: ob es noch möglich ist, irgendwo eine Bresche zu schießen gegen die Intoleranz, von der wir gesprochen haben. Über das, worauf es eigentlich ankommt, darüber wird nicht gesprochen. Da spielen eben andere Gründe mit, und so werden Sie die kuriosesten Entstellungen über solche Vorgänge finden.

[ 19 ] Ich erwähne es, damit Sie die Sache wissen und beurteilen können, und weil so etwas immer wieder und wieder vorkommt und sich selbst unter den Theosophen Leute finden, die es ernst nehmen und sagen: Da oder dort ist etwas Spirituelles —, während Sie darüber belehrt sein sollten, daß sie das, was als ein wirklich neuer Impuls kommen soll, nicht zu suchen haben da oder dort, sondern in derGeisteswissenschaft selber. Denn nur dadurch gedeiht, was die Welt vorwättsbringen soll, wenn es sich in seiner eigenen Kraft erfaßt. Und so muß sich der Mensch erfassen in seiner eigenen Kraft, um dennoch die Welt in ihrer scheinbaren Zufälligkeit als sinnvoll und gottdurchdrungen zu durchschauen. Dieser Impuls muß aus der Geisteswissenschaft heraus gegeben werden. Wie muß er gegeben werden? So, daß die Menschen erkennen werden, daß einmal im Laufe der Menschheitsentwickelung der Zeitpunkt da war, der jetzt eben neu erkannt werden soll, auf den uns unter anderem so bedeutungsvoll im Markus-Evangelium hingedeutet wird, der damals eingetreten ist, jetzt aber für das menschliche Bewußtsein erobert werden soll, auf den im Markus-Evangelium im ersten Kapitel mit den Worten hingedeutet wird: «Es ist erfüllt der Inhalt der alten Zeit, und herbeigekommen ist das Reich der Himmel; erkennt euch und schauet hin auf dasjenige, was aus der neuen Botschaft fließt!» Und dann wird, wenige Stellen weiter, merkwürdig gesprochen von dem Christus Jesus. Es handelt sich wahrhaftig in unserer Gemeinschaft nicht darum, ein orthodoxes Dogma zu vertreten, sondern darauf hinzuweisen, wie an einer Stelle der Menschheitsentwickelung der Impuls eingetreten ist, der jetzt zur Stärkung der inneren Kräfte führen muß, durch den das menschliche Ich sich erkennt, aber auch in der Welt sich selbst schauen lernt und in sich selbst hineintragen lernt, was sonst nur als blinder Zufall erscheint. Warum spricht zu dem Menschen aus den Naturerscheinungen heraus kein Zufall? Warum spricht er da von Gesetzmäßigkeit? Das ist aus dem Grunde, weil nach dem Ablauf der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung eingegriffen haben die Geister der Form, die Exusiai. Und wenn Naturgesetze sich offenbaren, so sind das keine abstrakten Gesetze, sondern es sind im spirituellen Sinne die Taten der Exusiai, der Geister der Form. Und indem der Mensch hineinschaut in den Ablauf der Naturereignisse, schaut er in den Naturgesetzen die Taten der Exusiai. Aber zusammengesunken ist der Mensch in seinem Mut. Und da, wo die Exusiai nicht sprechen, wo sie nicht handgreiflich hinweisen auf das, was sie in die Naturtatsachen hineingelegt haben, da ahnt der Mensch nichts mehr davon, daß dort auch Geistiges als die Gesetzmäßigkeit spricht. Dahin aber muß es kommen, daß der Mensch von den Ereignissen, die er heute noch in das Reich des Zufalls wirft, so sprechen lernt, wie in den Naturtatsachen die Exusiai sprechen. Zusammengeklappt in seinem Mut ist der Mensch. Wie lernt er nur sprechen über das, was als Menschenschicksal durch die Menschheit zieht? Nur wie die «Grammatiker», die nur die Worte aufzählen und keinen Zusammenhang suchen, und gar oft glauben, daß keine wirkende und lebendige Kraft darinnen wäre. Der Mensch aber muß lernen nicht nur in den Naturtatsachen, in den Taten der Exusiai einen Zusammenhang zu sehen, sondern er muß auch durch einen inneren Impuls so sprechen lernen über die Ereignisse in der Menschheit, wie wenn die Exusiai auch sprechen würden in dem, was ihm heute als Zufälligkeit erscheint. Damit aber das geschehen kann, mußte Einer kommen, der nicht spricht wie die, welche nichts wissen von den scheinbaren Zufälligkeiten. Der da kommen mußte, der mußte sprechen nicht wie die Grammatiker, sondern wie die Exusiai aus den Naturtatsachen sprechen. So sprach der Christus aus dem Jesus. Und das zeigt uns das Evangelium in einer wunderbaren Weise an, indem es uns nicht bloß in abstrakter Weise sagt: «Und sie entsetzten sich über seiner Lehre», sondern indem es gleich hinzufügt: «...denn er lehrte, wie die Exusiai lehren», ἦν γὰρ διδάσκων αὐτοὺς ὡς ἐξουσίαν ἔχων, (ēn gar didaskōn autous hōs exousian echōn). Wo lehren die Exusiai? In den Naturtatsachen! So, mit derselben Naturnotwendigkeit sprach der Christus aus dem Jesus über das, was er zu sagen hatte über die scheinbar nicht durch Naturgesetze beherrschten Reiche.

[ 20 ] Das ist der Impuls, der hineinkommen muß in die Menschen. Dann werden sie den Mut finden, in den heutigen Zufälligkeiten das Reich der spirituellen Gesetzmäßigkeit kennenzulernen und nach und nach darüber so sprechen zu lernen, wie die Exusiai, wie die Geister der Form in den Naturtatsachen sprechen. Das war der große Osterimpuls der Menschheit, daß in dem Jesus von Nazareth etwas lebte, was da sprach mit derjenigen inneren Notwendigkeit, mit der sonst die Naturgesetze in den Naturtatsachen sprechen, von dem irdischen Mineralreich bis oben hinauf über das Reich der Wolken in das Reich der Sterne hinein. So sprach der Christus in dem Jesus von Nazareth! Und wenn der Mensch die Möglichkeit findet, seinen Mut anzufeuern durch diesen Impuls, dann wird er die einheitliche Gesetzmäßigkeit in allen Tatsachen des Weltgeschehens erkennen, in den Naturtatsachen und auch in den Geistestatsachen, von denen man glaubt, daß dort der Zufall spielt. Das ist das Neue, daß die Menschen, abgesehen von allen Vorurteilen, verstehen lernen müssen, worin das Gewaltige des Christus-Impulses besteht und worüber hinaus sie der ChristusImpuls heben kann. Mit solchen Gedanken schreiten wir entgegen demjenigen Fest, das man als Erinnerungsfest an jene Tatsache bezeichnet, durch welche erkannt wurde im Laufe der Menschheitsentwickelung, daß ein solcher Impuls der Menschheit zuteil geworden ist. Es wird mancherlei von dem, was gerade im heutigen Vortrage gesagt worden ist, ganz gut verwertet werden können als eine Art Ostermeditation, und Sie werden dann verspüren, daß das, was aus einer solchen Betrachtung wie der heutigen hineinfließt in die Seele, nützlich sein kann für die Stimmung, die den Menschen dem Osterfeste entgegenbringen kann, wie das auch in unserem Seelenkalender charakterisiert worden ist.