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Der irdische und der kosmische Mensch
GA 133

19 März 1912, Berlin

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Ich möchte Ihnen heute zur Einleitung unserer Betrachtungen zuerst zwei novellenartige Geschichten erzählen. Die erste Geschichte, aus der ich die genaueren Daten auslasse, wäre zunächst die folgende:

[ 2 ] Es lebten einstmals zwei Knaben. Diese beiden Knaben waren innig miteinander von frühester Jugend an befreundet. Der eine war ganz besonders begabt, lernte außerordentlich leicht und brachte es bei seinem Heranwachsen sehr bald dazu, die besten Hoffnungen zu erwecken, einen höheren akademischen Grad zu erzielen. Der andere der beiden Knaben war weniger begabt. Er mußte, da ihn der Freund außerordentlich gern hatte, von diesem immerzu unterrichtet werden, es mußte ihm nachgeholfen werden, und sonderlich viel konnte er nicht lernen. Das schadete zunächst für sein äußeres Leben insofern nicht außerordentlich viel, als er zunächst ein kleines Erbteil und davon sein Auskommen hatte. Der Knabe, der der begabtere war, der nun zum Jüngling herangewachsen war und bald vor der Erringung eines akademischen Grades stand, starb aber dahin. Und da es in der Gegend, wo diese Geschichte spielt, üblich ist, sehr bald eine Familie zu gründen, so hatte der andere, der dümmere, schon zu sorgen für die Familie des Hingestorbenen. Das tat er, aber dadurch ging sein Erbteil sehr bald dahin. Er sagte sich aber: Da sich die geistigen Gaben meines Freundes so vergänglich erwiesen haben, so werden sehr bald auch meine äußeren Gaben dahin sein; ich muß mir also jetzt eine äußere Existenz gründen. Das tat er, indem er Kaufmann wurde. Er mußte sehr viel herumreisen. Als er einmal in einer fremden Gegend vor einem Hause saß, setzte sich zu ihm ein riesengroßer Mann. Der machte den Eindruck, als wenn er viele Tage nichts gegessen hätte und als wenn ihn sehr hungerte. Da erbarmte sich der andere und ließ ihm Speise bringen: die war sehr schnell verzehrt. Der reisende Kaufmann sah es und war außerordentlich erstaunt. Und da die eine Speise nicht ausreichte, um seinen Hunger zu stillen, so brachte er ihm noch eine zweite. Die aß der große Mann mit ebensolchem Heißhunger, und dann sagte er, wenn er aber satt sein sollte, müßte er noch einen ganzen Schweineschinken und sehr, sehr viele Kuchen haben. Die aß er alle auch auf und war dann anscheinend von seiner sehr bedeutenden Mahlzeit satt. Durch dieses Ereignis waren sie Freunde geworden, der große und der kleine Mann, und sie machten nun die Wanderung zusammen. Der Große wurde dem Kleinen aber bald sehr lästig, und dieser sagte daher, er könne seine Gesellschaft entbehren. Der Große versicherte aber dem Kleinen seine Freundschaft und sagte, er wolle ihn nicht verlassen, nicht in Leid und nicht in der Freude. Nun hatte der Kleine die Sehnsucht, den Großen nach seinem Leben zu fragen. Da sagte der: Ich habe auf der Erde kein Haus, ich habe auf dem Meere kein Boot; ich wohne bei Tag im Dorfe, bei Nacht in der Stadt. — Diese Ausdrücke verstand zunächst der Kleine sehr wenig. Da ereignete es sich, daß sie über einen breiten Fluß übersetzen mußten. Das Schiff, auf dem sie beide saßen, kenterte und ging unter. Da fielen die beiden, der Kleine und der Große, ins Wasser. Der Große erhob sich außerordentlich rasch, trug den Kleinen zu einer gesicherten Stelle, brachte auch das Boot herbei und setzte den Mann hinein, tauchte dann wieder unter und holte alle die Kaufmannsschätze hervor, die der Kleine verfrachten wollte, bis auf alle Einzelheiten, die hinuntergesunken waren. Da hatte der Kleine vor dem Großen selbstverständlich einen außerordentlichen Respekt bekommen und sie führten nach Freundesart mannigfaltige, unter anderen auch tiefe Gespräche. So sagte der Kleine zum Großen: Ach, wenn man nur könnte sich erkennend zum Himmel erheben, und wenn es doch möglich wäre, zu wissen, was da oben vorgeht! — Da antwortete ihm der Große: Hast du vielleicht Lust, dich in die Luft zu erheben? — Und als der Kleine es bejahte, fühlte er sehr bald etwas wie Müdigkeit und schlief ein. Als er wieder aufwachte, sah er oben die Sterne, wie Staubfäden im Kelch der Lotosblume im Himmel steckend; einen konnte er sogar pflücken und verbarg ihn in seinem Ärmel. Er sah dann herankommen ein großes Drachenschift, von Drachen gezogen und gelenkt. Darauf war ein großes Faß mit Wasser, und der Große machte den Kleinen darauf aufmerksam, der nun bei ihm in den Wolken war, daß man das Wasser so ausgießen könne, daß es dann auf die Erde herunterträufelt. Und der Kleine verstand, daß er in der Lage war, in der sonst die Geister der Luft sind, wenn sie den Regen auf die Erde herunterträufeln lassen. Er bat nur noch den Großen, das Wasser aus dem Faß über seinen Heimatort auszuschütten. Dann bat er ihn, daß er ihn an einem Seil wieder herunterlasse auf die Erde. Aber der Große sagte ihm vorher noch: Siehe, du hast mich jetzt gerettet; ich bin ein Sohn des Donnergottes und habe meinen Dienst zu leisten bei der Begabung der Erde mit Regen und so weiter, und da ich eine Weile meinen Dienst nicht ordentlich geleistet habe, so mußte ich das Leben führen, das du kennst. — Dann ließ er den Kleinen wieder herunter auf die Erde. Der war nun wieder in seiner Heimat und brachte auch den Stern mit, den er gepflückt hatte auf der Himmelswiese, und stellte ihn auf seinem Tisch auf. Da erhellte dieser wundersam das ganze Zimmer; man konnte lesen bei dem Schein dieses Sternes, der sich bei Tag nur wie ein einfacher Meteorstein ausnahm, bei Nacht jedoch glänzte er wunderbar auf. Das ging so lange, bis die etwas eitle Frau des Mannes einmal bei dem Sternenschein ihr Haar kämmte; das ließ er sich nicht gefallen und wurde kleiner und kleiner. Eines Tages hatte die Frau den merkwürdigen Trieb: verschlucke den Stein! Und die Folge davon war, daß der kleine Mann plötzlich die Erscheinung hatte des ihm ja wohlbekannten großen Mannes, der ihm sagte: Siehe, durch das, was jetzt eingetreten ist, kann ich eine besondere Entwickelungsstufe erreichen. Ich werde jetzt als Sohn des Donnergottes eine Weile auf die Erde kommen können: Deine Frau wird mich als deinen Sohn gebären; ich werde dein Sohn sein! — Und tatsächlich wurde er als der Sohn dieses Mannes geboren. Dieser Sohn hatte die Eigenschaft, im Dunkeln zu leuchten wie einst der Stern, so daß man ihn auch das Sternkind nannte. So lebte er heran. Obzwar sein Leuchten mit dem Heranwachsen abnahm, zeigte es sich doch in Form seiner großen Begabung. Er wurde sehr bald ein außerordentlich bedeutsamer Mensch im Leben.

[ 3 ] Das ist die eine novellistische Geschichte. Sie werden mich nun fragen, warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Aber bevor ich Ihnen dies sage, werde ich Ihnen eine zweite, ähnliche Geschichte erzählen:

[ 4 ] Es war einmal ein Mann, den man bei uns vielleicht einen Hofrat oder einen Regierungsrat nennen würde. Der hatte nun mit seiner Familie ein außerordentlich schönes, geräumiges Haus bewohnt. Aber nach einiger Zeit stellte sich in diesem Hause etwas Kurioses heraus: daß man nämlich bei Tag, namentlich aber bei Nacht in diesem Hause keine Ruhe haben konnte; man wurde von allen Seiten immerdar gestoßen, gekneipt, alle Dinge wurden einem vorgeworfen, kurz, ein furchtbarer Gespensterspuk stellte sich heraus. Daher verließ man dieses Haus und ein anderes wurde bezogen. Man ließ nur einen Diener zurück zur Bewachung. Aber dieser Diener starb sehr bald, nach einigen Tagen. Man schickte bald einen zweiten hin; der starb ebenfalls. Mit einem dritten ging es ebenso, so daß man nun das Haus ohne Diener lassen wollte. Da kam ein junger Mann, ein Freigeist, der sich zum Examen vorbereiten sollte und dazu dieses Haus beziehen wollte. Der Hofrat warnte ihn: da könne man nie wieder lebendig herauskommen, jedenfalls erfahre man die furchtbarsten Dinge. Aber der junge Mann sagte: Ich habe eben eine Abhandlung geschrieben über die «Unwirklichkeit der Geister», die ist ein Beweis dafür, daß es keine Geister gibt. Ich könnte noch viel dergleichen schreiben, und ein Mensch, der so etwas geschrieben hat, fürchtet sich nicht vor dem, was in einem solchen Hause vorgeht! — Da ließ sich der Hofrat bewegen, ihm das Haus zu überlassen. Der junge Mann nahm eine ganze Anzahl von Büchern mit, die er durchstudieren wollte, und setzte sich nieder, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Aber es dauerte nicht lange, da zupfte ihn etwas bald am einen Ohr, bald am andern Ohr, bald wieder woanders, kurz, in der mannigfaltigsten Weise wurde er behelligt. Und als er dann schlafen ging, da ging es erst recht los. Er hatte die ganze Nacht keine Ruhe, und der gute Freigeist fing an, sich in der jämmerlichsten Weise zu fürchten. Er wollte aber doch nicht der Schande preisgegeben werden und hielt deshalb stramm aus. Und da er so ausgehalten hatte, zeigten sich ihm auch die geisterhaften Gestalten, die sich über seine Bücher beugten, zum Beispiel den Spaß machten, ihm die Augen zuzuhalten, wenn er lesen wollte, und dergleichen. Recht couragiert war ja der gute Mann, aber die Sache war doch schauerlich. Das ging nun in der Weise weiter, bis er durch seine Gutmütigkeit eine Art Freundschaft schloß mit den zwei geistigen Wesenheiten, welche ihn da immer neckten und ihn von allen Seiten molestierten. Da kam es denn so weit, daß er die Entdeckung machte: die können nicht lesen, möchten aber gerne lesen können. Und so stellte sich heraus, daß er eine richtige Geisterschule einrichtete und sie unterrichtete im Nachschreiben von allerlei Dingen, die in seinen Büchern standen und so weiter. Sie waren dafür außerordentlich dankbar, und so hatte jedes etwas gelernt. Für ihn war jetzt der Geisterumgang recht kurzweilig geworden, und die Geister, die im Hause wohnten, hatten sogar durch ihn etwas profitiert. So rückte die Zeit heran, wo er sein Examen machen sollte. Er hatte unter diesem mancherlei Amusement so viel gelernt, daß er hoffte, in das Examen gehen zu können. Er hatte aber einen Feind. Der brachte es dahin, daß sich das Gerücht verbreitete, er hätte sich seine schriftlichen Examen erschwindelt. Weil man nun in jenem Lande in solchen Sachen außerordentlich streng ist und weil man dies zunächst glaubte, so wurde er darüber eingesperrt. Nun war er im Gefängnis, und man sperrte ihn recht lange ein und gab ihm auch nichts zu essen. Eines Tages aber brachte ihm eine seiner Geistfreundinnen zu essen. Sie brachte dann auch die andere mit, und sie versorgten ihn mit allem, was er brauchte. Daher spann sich zwischen ihm und einer der Geistfreundinnen eine noch viel größere Freundschaft, als sie schon vorher bestand. Und die Folge war, daß, nachdem sich seine Unschuld erwiesen hatte und er wieder freigelassen worden war, er jetzt seine Geistfreundin, obwohl er früher die Unwirklichkeit der Geister «bewiesen» hatte, für so «wirklich» hielt, daß er sogar beschloß, sie zu heiraten! Sie aber sagte, in der Lage, in der sie wäre, könne sie nicht heiraten, denn sie gehöre der geistigen Welt an. Wenn er aber zu einem bestimmten Zauberpriester ginge und diesen um Rat frage, dann gäbe es einen Ausweg. So ging er zu dem Zauberpriester, und der gab ihm einen Zauberspruch, indem er ihm sagte: Seine Geistfreundin solle, wenn ein Leichenzug vorbeiginge, gerade bei dem Sarge den Zauberspruch verschlucken, dann könne sie Mensch werden und ihn heiraten. — Nicht lange danach sollte dort auch wirklich ein Begräbnis stattfinden. Da ging die Geistfreundin an den Leichenzug heran, verschluckte den Zauberspruch und verschwand auf der Stelle in den Sarg hinein. Man war höchst überrascht, daß man da die Gestalt, die äußerlich sichtbar war — denn sie war auch für andere sichtbar geworden, als sie den Zauberspruch verschluckte —, in den Sarg hatte hineinverschwinden sehen. Man stellte also den Sarg auf die Erde, öffnete ihn, aber da stellte sich heraus, daß überhaupt keine Leiche drinnen war. Das Begräbnis konnte daher nicht stattfinden. Dafür aber kam die Geistfreundin nach einigen Tagen zu dem Freunde und erzählte ihm, sie sei jetzt der Mensch geworden, der dort im Sarge war und sie könnten sich jetzt ehelich verbinden. Und so lebten jetzt die beiden, die sich in dem Gespensterhause kennengelernt hatten, zusammen als Ehefreunde weiter.

[ 5 ] Wenn Sie ein wenig diese beiden Geschichten überdenken, so werden Sie sich eines gestehen müssen. Wenn Sie allüberall die Literatur durchblättern, die den Europäern zugänglich ist: ähnliche Geschichten, und wenn man auch in die ältesten Zeiten des Gespensterglaubens zurückgeht, findet man nicht. Man findet ein Hereinspielen der Geisterwelt in die Welt des Menschen. Aber in einer solchen Weise, daß man in dem Moment, wo man die Erzählung liest, unbedingt die Meinung hat: natürlicher kann man nicht die Geisterwelt in die menschliche hereinspielen lassen — finden Sie wohl in der europäischen Literatur solche novellistische Erzählungen nicht. Sie sind ganz eigenartig. Wenn man die Art und Weise verfolgt, wie in diesen Erzählungen vorgegangen wird, so fällt das Eigenartige auf, daß zum Beispiel in der ersten Erzählung gesagt wird: Ein Stern wird geboren als ein Sohn eines Menschen und lebt dann auf der Erde als Mensch weiter! — So daß es also sozusagen für ein Bewußtsein, das so denkt, wie es bei der ersten Novelle zugrunde liegt, eine Selbstverständlichkeit ist, daß da Wesen auf den Sternen sind, die urverwandt sind mit den Menschenwesen, und daß die, welche als Menschen auf der Erde herumgehen, eigentlich verkörperte Sternwesen sein könnten. Das liegt als eine völlige Selbstverständlichkeit der ersten Erzählung zugrunde. Der zweiten liegt zugrunde, daß ein Mensch, der sich verbindet, sogar ehelich verbindet mit einem andern Menschenwesen, zuerst dieses andere Menschenwesen kennenlernt in der geistigen Welt, und daß dieses Wesen dann heruntersteigt in die physische Welt und dort weiterlebt. Also ein ganz ähnlicher Zug wie bei der ersten Erzählung. Dieses ganz eigenartige Zusammenleben mit der geistigen Welt — nicht nur, wie wir es in unsern europäischen Sagen und Legenden finden, sondern auf dem ganz andern Grund und Boden, wie wir das gleich besprechen werden —, so eigenartig wie dort tritt es uns in der gesamten europäischen Literatur nicht entgegen, es sei denn, daß in der neueren Literatur solche Dinge nachgemacht würden.

[ 6 ] Nun erinnern Sie sich an etwas, was ich in einem der letzten öffentlichen Vorträge gesagt habe. Ich habe da, wie man es bei einem öffentlichen Vortrage tun kann, gesprochen über den Hergang der Erdenentwickelung und über den mit der Erdenentwickelung verbundenen Ursprung des Menschen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß das, was wir jetzt die Entwickelung der Menschheit nennen, verhältnismäßig spät seinen Anfang genommen hat. Heute sprechen wir so von der Entwickelung des Menschen und der Menschheit, daß wir sagen: Wenn ein Mensch in das physische Erdendasein hereintritt, so kommt zunächst das, was wir seinen inneren Wesenskern nennen, aus einer vorhergehenden Inkarnation. Das arbeitet in dem Menschen innerhalb eines gewissen Spielraumes, bildet plastisch die feineren Organe, das Gehirn, die feinere Leiblichkeit überhaupt aus, kurz, wir haben in dem Menschen einen geistig-seelischen Wesenskern, der aus früheren Inkarnationen kommt und der sich einhüllt in das, was von den Vorfahren kommt und durch die Generationen, durch die physische Vererbung weitergetragen wird. So haben wir in einem Menschen, der auf der Erde auftritt, zusammengefügt das, was aus früheren Inkarnationen kommt, mit dem, was von Generation zu Generation getragen wird und sich herumlegt um das, was von Verkörperung zu Verkörperung geht. Nun habe ich gesagt, daß diese Art der Menschheitsentwickelung erst eingetreten ist während der atlantischen Zeit, als Bedingungen auf der Erde auftraten, welche eine solche Entwickelung des Menschen und der Menschheit möglich machten. Und ich habe darauf hingedeutet, daß dieser Art und Weise der Menschheitsentwickelung eine andere vorangegangen ist, in der tatsächlich nicht auf dem Wege der Wechselwirkung von Mann und Frau und des Zusammentretens dessen, was von Mann und Frau kommt, mit dem, was durch die verschiedenen Verkörperungen hindurchgeht, der Mensch das Erdendasein betreten hat, sondern daß wir, wenn wir weiter zurückgehen in der Erdenentwickelung, auf eine ganz andere Art und Weise von Menschenentstehung und Menschenursprung kommen, weil die Erde das, was sie im Laufe der Zeit geworden ist, erst in der nachatlantischen Zeit geworden ist. Nicht so grundverschieden von der jetzigen Erdengestaltung war die letzte atlantische Zeit. Aber die erste atlantische Zeit war doch so grundverschieden von der späteren, daß sich alle die über die Konfiguration der Erde eine falsche Vorstellung machen, die nicht damit rechnen, daß in dieser Zeit ganz andere Verhältnisse herrschten. Denn die Erde war, nachdem sie durchgemacht hatte die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, nicht nur ein lebendes Wesen, sondern auch ein geistiges Wesen, ein großer, von Geistigem und Seelischem durchzogener Organismus. Wir kommen nicht zurück zu einem leblosen Gasball im Sinne der KantLaplaceschen Theorie, sondern wir kommen zurück zu der Erde als einem großen Lebewesen. Und die Entwickelung der Menschheit war in den älteren Zeiten so, daß eine Befruchtung nicht stattfand zwischen Mann und Frau, sondern zwischen «oben» und «unten», in der Weise, daß die Erde in ihrer Lebendigkeit hergab mehr das substantielle Element, das mehr materielles Element war, während von oben, wie Regen, der sich befruchtend ergießt über Wiesenflächen, das geistige Prinzip kam und sich verband mit dem mehr materiellen Prinzip. Durch diese Befruchtung traten die ersten Menschen ins Dasein. Das ist es, was wir gezeigt haben und was sogar in dem vorhin erwähnten öffentlichen Vortrage besprochen worden ist, und was sich auch logisch rechtfertigen läßt, wenn man die Errungenschaften der Naturwissenschaft in richtigem Sinne betrachtet.

[ 7 ] Dann sonderte die Erde eine feste Masse wie eine Art Knochensystem aus, und es wurde nun unmöglich, daß sie etwas, was sie früher hergab wie ein zu befruchtendes Ei, weiter hergeben konnte. Es mußte das mehr an das Innere des Menschen abgegeben werden. An Stelle der Befruchtung von oben trat nun die Befruchtung durch die beiden Geschlechter, und was früher eingeprägt worden ist durch die Wechselwirkung von oben und unten, das ging über in die Vererbungsverhältnisse und in die mit den Vererbungsverhältnissen verbundenen Reinkarnationsverhältnisse. Dadurch verbarg sich das, was sich früher an der Oberfläche abgespielt hatte, im Innern. Es traten Menschen auf, die immer mehr und mehr fähig würden, im Sinne einer in der Vererbung fortlaufenden Fortpflanzung die Eigenschaften, die früher der Mensch erhalten hatte aus der geistigen Sphäre, zu vererben oder von Reinkarnation zu Reinkarnation zu übertragen. Es braucht nur erinnert zu werden an einzelne Dinge, welche damals gesagt worden sind: wie die ersten Menschen, die da auftraten, zuerst doppelgeschlechtlich waren, wie dann die Differenzierung eintrat in das Männliche und in das Weibliche und wie sich dann die gegenwärtigen Verhältnisse herausgestalteten, so daß das, was früher mehr von oben wirkte — das mehr weibliche Element —, überging an die Frau, und was mehr in dem irdischen Element wirkte, in der Vererbungslinie überging an den Mann.

[ 8 ] Nun ist Ihnen aus verschiedenen Andeutungen, die im Laufe der Jahre über Menschheit und Menschheitsentwickelung gemacht worden sind, auch klar, daß diese Verhältnisse bis in die atlantische Zeit hineingespielt haben, und daß eigentlich erst in der zweiten Hälfte der atlantischen Zeiten die gegenwärtige Form der Menschheitsentwikkelung auftrat. Wenn wir also zurückblicken auf die atlantische Bevölkerung unserer Erde, so müssen wir sagen: Diese atlantische Bevölkerung unserer Erde lebte ja eigentlich mitten drinnen noch in den Überbleibseln der alten Verhältnisse, der Befruchtung irdischer Substantialität durch himmlische Geistigkeit. Für sie war die Entstehung eines Menschen die unmittelbare Verkörperung, das Herabsteigen eines Geistigen in das Substantielle. — Wie wir den Regen vom Himmel fallen und die Erde durchfeuchten sehen, so sah die atlantische Bevölkerung den Menschen heruntersteigend aus himmlischen Höhen, sich verbindend mit einer Substantialität, welche die Erde hergab, sich darin verkörpernd und dann herumgehend auf der Erde. Die Verhältnisse änderten sich nur langsam und allmählich, so daß in gewissen Gebieten schon lange die Vorbereitungen zu den gegenwärtigen Verhältnissen vorhanden waren, während in andern Gebieten, wo die Vorbedingungen für die alten Verhältnisse sich erhalten hatten, es so war, daß die Menschen wußten: der Mensch ist zuerst oben in der geistigen Welt und sucht sich dann eine körperliche Substanz, um sich zu verbinden mit der Erdenmenschheit. Wenn also der Mensch in der atlantischen Zeit seine Mitmenschen hat herumgehen sehen, so sagte er sich: Das ist ja der Erde entnommen; aber was da drinnen ist, das ist derselben Welt entnommen, welcher die Sterne angehören; der Mensch ist aus den Sternenwelten heruntergestiegen. — So wußten die Menschen etwas, was wie ein Märchen aus alten Tagen klingt, daß der Mensch aus himmlischen Höhen heruntersteigt, sich mit Erdenmaterie umhüllt und umkleidet. Sie kannten die Wechselwirkung von Himmel und Erde, und indem sie den Menschen in die Erde hereingestellt sahen, wußten sie: Der Mensch steigt herunter, er ist zuerst ein Geist; wenn er Materie annimmt, geht er auf dem Erdenrund herum! — Also ein Himmelswesen, ein Wesen aus der geistigen Welt sah man in dem Menschen. Denn man wußte: so wie man als Mensch herumgeht, unterscheidet man sich von den Geistern nur dadurch, daß die Menschen mit Materie umkleidet sind, die Geister nicht. Es war ein sanfterer Übergang von der geistigen Welt zur physischen Welt. Und nicht nur, daß es für den Atlantier ein Unsinn gewesen wäre, die geistige Welt abzuleugnen, sondern es war für ihn auch klar, daß doch kein so großer Unterschied war zwischen physischen Menschen und Geistwesen, die der geistigen Welt angehören. Er wußte: mit einem Menschen kann man verkehren durch Zeichen, indem man die ersten Elemente der menschlichen Ursprache verwendet, mit den Geistern auch, aber so, daß der Verkehr des Menschen mit den Geistern in einer ähnlichen Weise geschieht wie mit den Menschen.

[ 9 ] Von diesem unmittelbaren Wissen eines Zusammenhanges des Menschen mit der geistigen Welt hat sich selbstverständlich über die atlantische Katastrophe hin wenig erhalten. Es war die nachatlantische Zeit im wesentlichen dazu berufen, im Menschen den Sinn für das Erdendasein auszubilden für alles, was man durch die Ausbildung der physischen Werkzeuge, des Leibes, gewinnen kann, so daß das selbstverständliche Zusammenleben mit der geistigen Welt sehr bald im Laufe der nachatlantischen Zeit verschwand. Aber was für das normale Bewußtsein verschwindet, das erhält sich im atavistischen Hellsehen, in Momenten, wo die Seele besonders mit sich selber ist. Man möchte sagen: Was früher Erfahrung ist, was die Seele durchmacht, indem sie den Blick in die geistige Umwelt richtet, das wird später wiedergeboten, aber als Phantasie wiedergeboren. Nehmen wir an, es würde irgendein Volk der nachatlantischen Zeit geben, das ganz besonders dadurch ausgezeichnet wäre, daß es am allermeisten noch zurückbehalten hätte von den Eigentümlichkeiten und Kräften der atlantischen Zeit. Natürlich würde dieses Volk in der nachatlantischen Zeit nicht atlantische Erlebnisse haben können. Aber in seiner Phantasie müßte etwas auftreten, was seine Phantasie unterscheidet von dem, was die Phantasie weniger zurückgebliebener Reste atlantischer Rassen sind, die sich neu gebildet haben. Die tonangebenden Rassen der nachatlantischen Zeit werden daher weniger erstehen lassen diesen selbstverständlichen Umgang des Menschen mit der geistigen Welt. Ein Volk dagegen, das dadurch ganz besonders charakteristisch ist, daß es wie hereingebracht hat in die nachatlantische Zeit, was man in diese hereinbringen kann als Seelenverfassung aus der atlantischen Zeit, ein solches Volk muß ganz andere Nachwirkungen zeigen in der Seele als die eigentlichen nachatlantischen Rassen. Bei einem Volke, das so charakterisiert werden könnte im Sinne der okkulten Weltauffassung, daß es nicht zu den fortschreitenden Rassen gehört, sondern wie ein Zurückgebliebenes aus den alten atlantischen Rassen sich darstellt, bei ihm müßten wir vermuten, daß die Phantasie, die erzählt vom Zusarmmmenhange der Menschenwelt und der Gespensterwelt, in einer ganz anderen Weise wirkt als bei andern Völkern. Bei einem solchen Volke könnten wir vermuten, daß in einer grotesken Weise in der Phantasie so etwas auftreten wird, wie wenn das Wesen eines Sternes plötzlich den Entschluß faßt, sich als Sohn eines Menschen zu verkörpern, der diesem Sterne Wohltaten erwiesen hat, wie es in unserer ersten novellistischen Geschichte erzählt ist, wo wir sehen, daß ein Sternwesen als Sohn des befreundeten Menschen geboren wird, der mit dem geistigen Wesen, das der Sohn des Donnergottes ist, eine Weile auf der Erde herumgegangen ist. Und auf der andern Seite sehen wir an der zweiten Erzählung, daß ein ganz sanfter Übergang ist zu dem Verlieben mit dem Geistwesen da oben, und daß ein solches Wesen dann nicht auf dem gewöhnlichen Wege der Menschenwerdung heruntersteigt, sondern sich auswählt einen toten Körper und sich so herunterbegibt. Das ist so, wie wenn eine atlantische Seele, die oft gesehen hat, wie ein Mensch heruntersteigt und irdische Substanz annimmt, sich verirrt hätte in einen Körper, der gar nicht der nachatlantischen Zeit angemessen ist, sondern der atlantischen Zeit, wo man nicht geboren werden brauchte in der jetzigen Weise, sondern einfach die Erdenmaterie annahm. In diesem Sinne könnten wir solche Erzählungen als eine Nachwirkung früherer Zustände auffassen. Wir würden uns also bei einer Rasse, die Überbleibsel früherer atlantischer Rassen wäre, über solche Erzählungen nicht wundern. Und interessant ist es, daß eine Reihe solcher Erzählungen, die ganz denselben Charakter tragen wie die angeführten, von Martin Buber gesammelt und unter dem Titel «Chinesische Geister- und Liebesgeschichten» erschienen sind. Das zeigt, daß wirklich das der Fall ist, was vermutet werden darf nach dem, was uns die okkulte Wissenschaft zeigt, wenn es auch nur Traditionen sind.

[ 10 ] So sehen wir, wie wir alles, was uns in der Welt entgegentritt, lichtvoll beleuchten können, wenn wir nur Geduld haben, um die intimeren Zusammenhänge der Weltenentwickelung wirklich ins Auge zu fassen. Die Menschen der Gegenwart werden vielfach mit Staunen vor solchen Dingen stehen. Begreifen werden sie dieselben aber erst, wenn sie sehen, daß so etwas für den, der die intimeren Zusammenhänge der Menschheitsentwickelung erfaßt, eben einfach selbstverständlich ist. Man wird Geisteswissenschaft nicht etwa dadurch besser und besser begreifen, daß man pedantisch logische Beweise fordert, denn Beweise sind nur für den gut, der die Behauptungen glauben will, Beweise sind nur für den da, der sie als «Beweise» glauben kann. Man braucht aber einfach nicht an die Beweise zu glauben, dann erspart man es sich, an die Behauptungen zu glauben! Geisteswissenschaft wird sich in die Seelen dadurch einleben, daß sich immer mehr und mehr zeigen wird, wie bis in die geheimsten Winkel der geistigen und auch der materiellen Kultur die Gesetze, deren Erkenntnis nur auf okkultem Wege gewonnen werden kann, immer mehr und mehr Raum gewinnen. Die Weistümer werden sich dadurch einleben, daß immer mehr und mehr Menschen die Geduld haben werden, zu verfolgen, wie alles, was man zusammenzutragen vermag aus der Welt, um es in das Licht einer geistigen Weltanschauung zu rücken, durchaus zusammenstimmt, und wie auf diese Weise die Dinge erst ihre volle Beleuchtung und ihre wahre Erklärung erfahren können, während sie sonst unverstanden bleiben.

[ 11 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, werden wir sagen können: Die nachatlantische Kultur hat ihre besondere Aufgabe; diese nämlich, daß allmählich von der Menschheit, welche ihre Zeit in der rechten Weise versteht, die Erkenntnisse, die Willensbetätigungen und die Gemütsverfassungen angeeignet werden, die mit Hilfe der leiblichen Werkzeuge angeeignet werden können. In dieser Beziehung wird immer weiter- und weitergeschritten werden können. Mit diesem Weiterschreiten steht man im Grunde genommen drinnen in der Entwickelung, die begonnen hat eben mit der Kultur der heiligen indischen Rishis bis zum Herabsteigen des Christus-Impulses in unsere Menschheit. Daneben aber ist vieles enthalten, was wie gebundenes, altes spirituelles Gut in der Menschheit vorhanden ist. War ja die europäische Menschheit im höchsten Grade schon verwundert darüber, daß unmittelbare spirituelle Einblicke in die Welt der europäischen Menschheit zukamen, als erschlossen werden konnten die Weistümer Indiens oder des alten Persiens: die Krishna- oder Brahmankultur, die Kultur des alten Zarathustra und so weiter. Mehr als in den späteren Erzeugnissen der Erkenntnis war naturgemäß das spirituelle Element in den älteren Kulturen vorhanden. Und als man vom Abendlande aus mit diesen älteren Kulturen bekannt wurde, da wirkten sie verblüffend, zum Beispiel als sie erschlossen wurden von der deutschen Geistesentwickelung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, etwa in der Weise, wie Friedrich Schlegel das Indertum erschlossen hat, oder wie später das Persertum erschlossen worden ist. Das wirkte so verblüffend, daß wir, wenn wir dies berücksichtigen, philosophische Richtungen verstehen, auf welche die orientalische Philosophie einen tiefen Einfluß genommen hat, wie zum Beispiel bei Schopenhauer oder Eduard von Hartmann. Da haben wir das erste Erstaunen des Abendlandes gegenüber dem, was wie eine gebundene Spiritualität in diesen älteren Kulturen erhalten ist. Wir stehen jetzt einer andern Epoche gegenüber, der Epoche, in welcher noch eine ganz andere gebundene Spiritualität das Abendland wird in Verwunderung setzen können, nämlich diejenige Spiritualität, die zwar durchaus nicht der Mission der nachatlantischen Menschheit angehört, die ihr aber wie ein Erbgut von früher geblieben ist, die verhüllt war bis in unsere Epoche herein innerhalb des dem Abendlande recht unbekannten chinesischen Geisteslebens. Und es wird nur eines Umstandes bedürfen, um sozusagen das, was da geschehen wird, geradezu zum Überwältiger zu machen der europäisch abendländischen Geisteskultur, so daß diese etwa ihre eigentliche Mission, ihre eigentliche Bedeutung und Aufgabe würde vergessen können. Es wird der Mensch, der immer mehr und mehr in die Zukunft hineinlebt, sich klarmachen müssen, daß auf unserem Erdenrund gebundenes Geistesgut, spirituelle Erkenntnis, die aus der alten atlantischen Zeit zurückgeblieben ist, in einem viel höheren Maße noch vorhanden ist, als beim Bekanntwerden der alten Brahman- und Zarathustrakultur aufgetaucht ist, die herausentbunden werden wird, wenn einmal das Chinesentum frei werden wird in seiner geistigen Kultur. Dann wird zweierlei notwendig werden für den Menschen, welcher der Zukunft entgegenlebt. Man wird erkennen, daß da ein bedeutender Strom spirituellen Lebens herausfließen muß, der in einer wunderlichen Weise die Menschen auch äußerlich unterrichten wird von dem, wovon sie sich ja allerdings unterrichten könnten, wenn sie in das spirituelle Leben eindringen wollten auf dem Wege, den die Geisteswissenschaft eröffnet. Wenn aber der weitaus größte Teil der Menschheit gegenüber dem, was die Geisteswissenschaft der Menschheit bieten kann — um jetzt einen Ausdruck zu gebrauchen, den unser verehrter Freund Michael Bauer bei unserer Generalversammlung für einen andern Zweck gebraucht hat —, in Schlafhaubigkeit verbleiben wird, so wird einmal, wenn sich, in einer allerdings nicht für das europäisch abendländische Bewußtsein geeigneten Weise, spirituelles Geistesgut aus dem Chinesentum herausergießen wird, dieser Teil der Menschheit dadurch verblüfft sein und wird sehen, daß sich eine solche Kultur nicht begreifen läßt mit dem philiströsen pedantischen Stile des Abendlandes, sondern nur, wenn man sich hineinvertieft in das, was aufgebaut ist auf der alten Chinesenkultur, was als alte Taokultur vorhanden war. Die Geisteswissenschaft ist diesen Leuten oft aus dem Grunde unangenehm, weil man sich mit ihr so befassen muß, daß man an sie glaubt. Die aber, welche sich der Schlafhaubigkeit weiter befleißigen, sie werden verblüfft sein, sie werden sich aber auch wohl fühlen, wenn ihnen manches aus der Geisteswissenschaft entgegentritt als entbundenes Chinesentum, als ein Erbgut aus der alten atlantischen Zeit. Dann werden sie sogar das haben, daß sie werden sagen können: Wir brauchen ja nicht daran zu glauben, denn, was historisch geblieben ist, das studiert man, weil es interessant ist! — So machen es die Philologen, die Archäologen. Man braucht nicht daran zu glauben, man hat es, indem man es studiert, und ist enthoben, an die Dinge zu «glauben». Aber was da frei wird, das wird noch auf andere Weise wirken: es wird durch seine Macht, durch seine Selbstverständlichkeit, durch seine Größe wirken, es wird verblüffen, es wird schockieren. Es wird sich über das, was sich die Menschheit in der christlichen Kultur erobert hat, so ergießen, daß man gegenüber dem, was da kommen wird an eingerosteter, an einchinesisierter Kultur, die richtige Perspektive, den richtigen Standpunkt wird haben wollen. Das wird so sein, daß man sich sagt: Diese Spiritualität war da, sie bedeutete einstmals die geistige Kultur unserer Erde. Aber eine jede Zeit hat ihre eigene Mission, und die europäisch abendländische Kultur hat die Aufgabe, aus dem Umkreise des Weltendaseins alles dasjenige herauszusaugen, was herausgesaugt werden kann aus dem Geistigen, so daß dieses Geistige sich zeigt trotz und hinter der sinnlichen Welt, hinter dem, was Augen sehen und Hände greifen können und was sich uns darstellt als Offenbarung aus den geistigen Welten. Man wird verstehen müssen, daß eine andere Mission aus der andern Zeit da ist, und daß wir feststehen müssen auf dem Boden, den das Christentum gezimmert hat.

[ 12 ] Das ist das, was den andern Standpunkt geben wird. So wird man freudig aufnehmen, was aus den alten Zeiten herüberlebt, aber man wird es durchglänzen, durchleben mit dem, was aus der neueren Zeit, aus der nachatlantischen christlichen Kultur in den Seelen sich allmählich erhoben hat. Die Schwachen aber werden sagen: Wir nehmen die Spiritualität da, wo sie uns gebracht wird, denn wir wollen nur den sensationellen Einblick haben in die geistigen Welten! — So wird es vielleicht gewisse neuartige Theosophen geben, die da sagen werden: Die Wahrheit ruht nicht bei dem tief erfaßten Christus-Prinzip, sondern in dem, was die Chinesen erhalten haben, was wiedererscheint, wenn sie die in die untersten Schichten der Seele hinabgezogenen atlantischen Weistümer wieder hervorbringen. — Und es wird sich vielleicht eine neue Geheimlehre über Europa ergießen, die abgeschrieben ist aus den chinesischen Wahrheiten und die dann sagen wird: Hätte doch diese moderne Theosophie eine Art von Muster an einer solchen Theosophie, die ihre Aufgabe nicht darin gesehen hat, den Quell des spirituellen Lebens herauszuholen aus der christlichen Mystik und der christlichen Liebe, sondern die abgeschrieben hat, und dazu noch recht mangelhaft, die Weistümer des alten Indien, etwas verbrämt mit den Weistümern des alten Ägypten. — Und die Schwachen, sie könnten ebenso gierig nach dem Chinesentum ausschauen, wie die Schwachen ausschauen nach dem, was, wie sie glauben, das alte oder auch das neue Indertum an Spiritualität eröffnet. Liegt doch auch für den Europäer jenseits gewisser Wasser China ebensogut fern, wie Indien fern liegt. Und wenn man den Menschen erzählen wird, daß in China mit Hilfe von Kräften, die jetzt wieder entbunden sind, gewisse Offenbarungen stattgefunden haben, so wird das vielleicht den Menschen glaubhafter erscheinen, als daß so etwas in Berlin stattgefunden hätte.

[ 13 ] Wenn wir dies bedenken, werden wir das richtige Gleichgewicht finden zwischen dem freudigen Aufnehmen desjenigen, was der Menschheit erhalten ist aus älteren spirituellen Zeitaltern, und dem Feststehen auf demjenigen Boden, zu dem es die Menschheit gebracht hat im Laufe der Zeitenentwickelung. Daß man dieses Gleichgewicht beachtet, daß dieses Gleichgewicht wirklich ins Auge gefaßt wird, das ist und wird sein die immerwährende Sorge derjenigen Geistesbewegung, die wir die unsrige nennen. Daher ist es einfach eine Unwahrheit, wenn irgendwo gesagt wird, daß wir verleugnen oder außer acht lassen würden, was zum Beispiel an indischer Spiritualität sich darbietet. Das ist eine Unwahrheit. Und wer unsere Geistesbewegung mitgemacht hat, der weiß, daß dies eine Unwahrheit ist. Und traurig wäre es, wenn solche Unwahrheiten wie Charakteristiken unserer Bewegung etwa draußen in der Welt Platz greifen könnten. Mit gegensätzlichen Meinungen wird man leicht fertig; die gleichen sich leicht aus. Mit dem aber, was unrichtig dargestellt wird, kann man Mißverständnis auf Mißverständnis hervorrufen, denn es ist das Eigenartige des Mißverständnisses, daß es fortzeugend neue Mißverständnisse gebiert. Aus diesem Gesichtspunkte heraus muß es für uns die erste Aufgabe sein, da, wo wir selber auf den Standpunkt uns stellen, zu dem es die abendländische Entwickelung gebracht hat, uns bewußt zu sein, inwiefern dieser Standpunkt seine Berechtigung hat gegenüber den andern Entwickelungsphasen der Menschheitsentwickelung. Auf der andern Seite müssen wir aber darauf bedacht sein, daß alle Charakteristiken, die wir liefern über andere Phasen der Menschheitsentwickelung, über andere Spiritualität, auf ehrlicher, wahrhafter Darstellung fußen. Und immer wieder und wieder soll es betont werden, weil es sich einleben soll in die Herzen der Theosophen: Wenn auch vieles wird hinuntersinken von dem, was wir erobern konnten an geistiger Einsicht, der durchdringende Charakter wird bleiben. Und nach dem sollen wir hinarbeiten, daß, was auch vor unserem geistigen Auge auftauchen mag, wie sich uns auch die Dinge darstellen mögen, wir alles durchsetzt sein lassen von dem Streben nach Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit! Und wenn man in der Zukunft vielleicht gar nichts anderes wird sagen können in bezug auf das einzelne, das hier gefunden worden ist, als: manches ist verbessert worden, manches ist gar nicht geblieben, aber ein Beispiel ist geliefert, daß auch auf okkultem Gebiete, auf dem Gebiete der geistigen Forschung, nicht immerdar hineinzuspielen brauchen Scharlatanerie und Humbug in ernste Forschung, sondern daß trotz allem Streben nach okkultem Wissen dieses durchzogen sein kann von Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit: dafür ist ein Beispiel geliefert worden — wenn man das von unserer Bewegung wird sagen können, dann ist für die Entwickelung der spirituellen und eigentlichen okkulten Bewegung mit unserer Bewegung Gutes geleistet worden. Und es wird von uns vielleicht als unser schönstes Bewußtsein anerkannt werden dürfen, daß wir nichts, nichts einlassen wollen, von dem man nicht in der Zukunft wird so sprechen können, wie es eben angedeutet worden ist.