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Der irdische und der kosmische Mensch
GA 133

23 Oktober 1911, Berlin

Erster Vortrag

[ 1 ] Da wir uns nach einer längeren Sommerpause wieder hier in diesem Zweig zusammenfinden, so darf vielleicht mit ein paar Worten wenigstens über dasjenige gesprochen werden, was das anthroposophische Leben während einer solchen Sommerpause betrifft, und insbesondere über das, was uns das anthroposophische Leben während dieser letzten Sommerpause gebracht hat, die ja für unser engeres mitteleuropäisches spirituelles Leben keineswegs bedeutungslos verlaufen ist. Sie wissen, daß von den Zeiten an, da wir uns hier zuletzt zusammenfanden, um dann die Sommerpause eintreten zu lassen, die Vorbereitungen begannen für die Münchener Veranstaltung. Diese beginnt gewöhnlich mit einer dramatischen Aufführung, die im Geiste unserer spirituellen Bewegung gehalten ist. Und wir waren in der Lage, in den letzten Jahren diese dramatischen Aufführungen auszubauen! Wir haben zunächst eine solche dramatische Vorstellung einem Münchener Vortragszyklus vorangeschickt, waren dann in der Lage, im vorigen Jahre zwei solcher Vorstellungen voranzuschicken, und in diesem Jahre konnten wir es mit dreien versuchen. Es ist immer in der verschiedensten Beziehung selbstverständlich ein Wagnis mit diesen Vorführungen verbunden. Aber dank der, man darf sagen, allseitigen Opferwilligkeit derjenigen, die sich an diesen künstlerischen anthroposophischen Veranstaltungen beteiligen können, ist es uns gelungen, gerade nach dieser Richtung hin einen Anfang zu machen, denn als etwas anderes als einen Anfang können wir die Sache vorläufig nicht bezeichnen, den Anfang einer Sache, die ja wohl ihre Fortsetzung finden wird als wichtiger Einschlag des anthroposophischen Lebens, wenn wir alle in diesen unsern physischen Leibern nicht mehr werden dabei sein können. Aber zu solchen Dingen, die bereits über den engsten Kreis des persönlichsten Wirkens hinaus gedacht sind, muß ja immer ein Anfang gemacht werden. Und die, welche sich zunächst daran beteiligen, haben es nötig — um der nötigen Bescheidenheit wie auch um der nötigen Kraft willen —, das Bewußtsein zu haben, daß man es mit einem Anfang zu tun hat. Wir verbinden ja diese Aufführungen immer mit einem Vortragszyklus, welcher nicht nur allerlei Mitglieder unserer Gesellschaft vereinigt, sondern auch allerlei Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Strömung, die, man darf jetzt sagen, von allen möglichen europäischen Ländern sich bei der Münchener Veranstaltung einfinden. Was insbesondere in diesem Jahre auffallend sein kann, das werden für den, der äußerlich und innerlich in die Sachen hineinzuschauen sich bemüht, zwei Dinge sein. Das eine ist gerade die Art, wie wir denken, das anthroposophische Leben zunächst in die Kunst hineinzutragen. Denn das liegt uns ja so sehr am Herzen, daß das spirituelle Leben in alle Lebenszweige und Äußerungen des Daseins hineingetragen werde. Daß es uns so wichtig scheint, es in die Kunst hineinzutragen, das ist, daß Geisteswissenschaft nicht eine bloße abstrakte Theorie und Lehre sein will, sondern hineingetragen werden soll ins unmittelbare Leben, damit sie sozusagen praktisch wirken könne. Es ist dabei wohl auffällig gerade bei den Münchener Vorstellungen, daß die Geisteswissenschaft nicht in äußerlicher Weise durch allerlei Ausdenken und Ausklügeln dieses bewirken will, sondern daß von ihrem unmittelbaren Leben auch wieder etwas Leben ausgehen kann für das künstlerische Wirken. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie in München mit einer innigen Hingabe und mit wachsendem Verständnis die Anthroposophen, welche als Teilnehmer dabei sind, sich in die Sache finden. Das zeigt sich aber auch darin, daß wir im Jahre 1909 eine Vorstellung, im vorigen Jahre zwei, und in diesem Jahre, trotz großer Schwierigkeiten, sogar drei Vorstellungen vorbereiten konnten. Wenn Sie auf die Dinge selbst eingehen, so werden Sie aus einem Werke, wie es die «Prüfung der Seele» ist, ersehen können, wie das, was okkultistische Beobachtung ist, sehr wohl in derselben Weise zu künstlerischen Darstellungen verwertet werden kann, wie das, was die äußeren Beobachtungen des Lebens sind. Kurz, ich könnte sehr viel sprechen, wenn über den inneren Nerv der Sache gesprochen werden soll.

[ 2 ] Was besonders in München auffällt, ist der stets wachsende Zudrang zu unsern Veranstaltungen. Und der bewirkt, daß wir sowohl bei den künstlerischen Unternehmungen — namentlich aber auch beim geisteswissenschaftlichen Vortragszyklus — den Raummangel in einer ganz ausgiebigen Weise verspüren. Bei dem Vortragszyklus ist dieser Raummangel ja auch äußerlich so zu spüren, daß sich die Teilnehmer durch die Hitze im Saale recht sehr unbehaglich fühlen. Nun würde ja natürlich ein leichter Einwand der sein, daß man sagt, dann nehme man einfach einen größeren Saal. Aber mit diesem größeren Saal nehmen hat es auch seine Schwierigkeit. Die Geisteswissenschaft erfordert, wie Sie alle wissen, doch eine gewisse Intimität. Und so wenig es möglich ist, daß man in Wahrheit einen alten griechischen Dramatiker in einem Zirkus aufführen kann — nach sicheren Nachrichten soll es ja auch in der Gegenwart zwar geschehen sein, aber nur der Mangel an jeglichem Kunstverständnis kann dahin führen, daß es in weiteren Kreisen Zustimmung oder sogar Zuspruch finden kann; man muß sich darüber wundern; aber auf der anderen Seite ist es wieder nicht zu verwundern, wenn man weiß, wie wenig Künstlerisches in unserer Zeit ist, daß so etwas für möglich gehalten wird —, also so wenig möglich es ist, in einem Zirkus einen alten griechischen Dramatiker aufzuführen, in einem so großen Raume wie einem Zirkus schon, aber nicht in einem «Zirkus», ebensowenig geht dies mit der Geisteswissenschaft: sie kann schon auch in einem alten griechischen Theater getrieben werden, aber nicht in einem endlos bis zum Zirkusmäßigen geführten Saal. Und ich muß offen gestehen, statt daß wir jetzt in Berlin von dem Architektenhaussaal, der mir das Maximum an Größe scheint, übergehen zu einem Saal, der größer ist, würde ich viel lieber einen solchen Vortrag im Architektenhause zweimal halten, als einmal in einem größeren Saal. Das sind Dinge, die doch so sehr mit dem inneren, intimen Wesen der Geisteswissenschaft zusammenhängen, daß sie vielleicht heute noch nicht eingesehen werden, die aber doch, wenn alles, was in der Geisteswissenschaft enthalten ist, in die verschiedenen Lebenszweige sich verbreitet, eingesehen werden können.

[ 3 ] Was nun die Unternehmungen in München betrifft, so ist es ja nicht anders möglich, wenn durch alles, was man in einem kleinen Saale tun kann, etwas erreicht werden soll, was anthroposophisch ist, als daß unser anthroposophisches Leben uns dazu führen muß, uns unsern Innenraum selber zu schaffen. Das hat zu dem Gedanken geführt, in München einen großen Bau aufzuführen, der uns gestattet, wirklich auch für die Bedürfnisse des Münchener Zyklus ein eigenes Haus zu haben. Wie viel Glück wir damit haben werden, das werden die nächsten Zeiten zeigen. Denn es ist ganz sicher, wenn wir in die Lage kommen werden, den Münchener Bau aufzuführen, daß wir ihn bald aufführen müssen, weil wir sonst um die schönsten Früchte unseres Wirkens doch kommen werden, aus dem einfachen Grunde, weil es dann möglich sein wird, gerade in den nächsten Jahren in der entsprechenden Weise zu wirken, wenn wir die Räumlichkeit dazu haben. Daß damit etwas erreicht werden kann, wenn wir in der Lage sind, den Raum selber zu bauen, das haben wir nicht nur bei kleinen Anfängen gesehen, sondern jetzt wieder, wo der Stuttgarter Zweig sich das erste mitteleuropäische anthroposophische Haus aufgeführt hat. Und die, welche bei der Eröffnung anwesend waren, werden sich hinlänglich davon überzeugt haben, was ein im anthroposophischen Sinne weihevoller Innenraum wirklich zu bedeuten hat, und wie es etwas ganz anderes ist, wenn man in einen solchen Raum hineinkommt als sonst in einen Saal, ganz abgesehen von den einzelnen Feinheiten, die ich auseinandersetzte, als ich in Stuttgart sprach über die Bedeutung der Farbe, der Raumesbegrenzung und so weiter für die Pflege okkulter Erkenntnis in einem solchen Raum. Haben wir es doch gesehen, daß diese Vertiefung, die wir auf dem Gebiete der Anthroposophie anstreben, doch in einem gewissen Sinne zahlreiche Ohren, zahlreiche Herzen und Seelen schon in Mitteleuropa findet und wahrscheinlich auch weiter hinaus immer mehr und mehr finden wird. Wir haben gesehen, wie leicht allerdings in unserer Zeit — wir haben es ja immer wieder und wieder sehen müssen — sozusagen die Sehnsucht Platz greifen kann, auf bequeme Art sich Überzeugungen und Erkenntnisse von den geistigen Welten zu verschaffen. Ich glaube, wenn so Vortragszyklus auf Vortragszyklus gefolgt ist und immer mehr zugemutet wurde dem Denken, dem gefühlsmäßigen Sich-Vertiefen, der Ausbreitung der Kenntnis der einzelnen Gebiete des Lebens, auch des okkulten Lebens, dann werden es eine große Anzahl von denjenigen, die mit uns gestrebt haben, manchmal schon empfunden haben, daß wir hier gerade in der Strömung des spirituellen Lebens, die wir die unsrige nennen, es gar zu bequem den Menschen nicht machen. Und wenn wir alles betrachten, was im Laufe der Zeit, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, aufgespeichert worden ist — und es ist, manchmal wirklich zu meinem Schrecken, viel aufgespeichert an unserem Büchertisch hier an Zyklen und Schriften —, was alles da im Laufe der Jahre zusammengekommen ist und was im Grunde genommen der, welcher wirklich die Strömung, die wir die unsrige nennen, in einer intimen Beziehung kennenlernen will, sich doch ein wenig ansehen muß, wenn wir das bedenken, dann werden wir uns sagen können: Bequem machen wir es niemandem, der in die geistige Welt hineingehen will. — Aber dennoch, es hat sich im Laufe der Jahre immer mehr und mehr gezeigt, daß wir das Ohr, das Herz, die Seele der Menschen, so weit wir zu ihnen kommen, schon zu finden in der Lage sind. Wenn auch in einer sonderbaren Weise, die jetzt nicht weiter erörtert werden soll, zum Beispiel der Kongreß der europäischen Sektionen in Genua nicht zustande gekommen ist, so hat sich nicht etwa herausgestellt, daß wir unsererseits, weil nun dieser Kongreß nicht zustande gekommen ist, sozusagen feiern konnten. Es hätte sich ja denken lassen, daß, nachdem der Kongreß ausgefallen ist — in letzter Stunde wurde dies angekündigt, über die Ursachen und Gründe davon später —, daß wir hätten feiern können. Aber es stellte sich gleich heraus, wie nötig es war, diese Zeit anders anzuwenden, so daß Vorträge hineinfielen während der Zeit des Genueser Kongresses in Lugano, Locarno, Mailand, Neuchâtel und Bern. So waren wir immerhin in der Lage, wenigstens in dieser Zeit auf einem Boden zu wirken, auf dem zu wirken es vielleicht sonst in der nächsten Zeit schwierig geworden wäre. Und wenn ich zum Beispiel bedenke, daß eben in Neuchâtel eine Loge sich zusammengeschlossen hat, die das Bedürfnis hatte, geradezu sich zu benennen nach dem Namen einer großen geistigen, spirituellen Individualität, auf den Namen des Christian Rosenkreutz, und das Bedürfnis hatte, intime Dinge über denselben zu hören — die ich in der nächsten Zeit auch hier zum Vortrag bringen werde —, wenn ich bedenke, daß, um über Christian Rosenkreutz zu sprechen, immerhin alles nötig war, was wir im Laufe der Jahre zusammengetragen haben an okkulten Wahrheiten, um diese einzigartige Individualität zu verstehen, und daß dennoch ein inniges Bedürfnis vorhanden war, über diese Individualität etwas Intimeres zu hören, so muß gesagt werden: Es ist gelungen, uns geisteswissenschaftlich zu vertiefen, obwohl wir es denjenigen, die mit uns arbeiten, nicht gerade bequem gemacht haben. — Und wie leicht machen wir es trotzdem denjenigen, die wirklich zu einem Vertiefen kommen wollen, wie leicht machen wir es! Wir dürfen es, ohne zu überheben, sagen, daß wir es leicht machen.

[ 4 ] Denken Sie zum Beispiel über das Faktum nach! Es ist von mir immer wieder und wieder betont worden, daß wir innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung das okkulte Ideal als die Grundlage unseres ganzen anthroposophischen Lebens ansehen müssen: Es gibt in Wirklichkeit nur einen Okkultismus, nur eine okkulte Wahrheit. Es kann nicht in Wahrheit einen östlichen und einen westlichen Okkultismus geben. Das wäre ebenso gescheit, als wenn man eine östliche und eine westliche Mathematik unterscheiden würde. Aber es kann das eine oder das andere Problem, die eine oder die andere Frage, durch die Eigentümlichkeit der Menschen besser im Osten oder besser im Westen durch die okkulte Forschung gepflegt werden. Daher müssen wir sagen: Was sich auf jene große Erscheinung bezieht, die wir nun seit Jahren hier als die Christus-Erscheinung bezeichnen, ist ein Ergebnis der okkulten Forschungen der letzten Jahrhunderte innerhalb der europäischen esoterischen Schulen, der europäischen Pflegestätten des Okkultismus. Alles, was gesagt worden ist im Laufe der Jahre über die Individualität, die wir Jesus von Nazareth nennen, was über die zwei Jesusknaben gesagt worden ist, über die Einkehr des Christus in den Leib des Jesus von Nazareth in dem Zeitpunkt, der markiert wird durch die Johannestaufe im Jordan, was über das Mysterium von Golgatha gesagt ist und was jetzt wieder in Karlsruhe gesagt worden ist über das Mysterium der Auferstehung, alles das sind einmal Wahrheiten, die gar nicht heute verkündet werden könnten, wenn nicht seit der Mitte des 12. Jahrhunderts bis in unsere Tage herein die okkulten Forschungen des Abendlandes gepflegt worden wären. Und dennoch, man kann das Christentum nicht verstehen, ohne diese Wahrheiten zu haben. Man kann zum Beispiel das Christentum wirklich nicht verstehen, ohne Verständnis für die Auferstehung zu haben, und wenn man ein noch so großer Theologe ist. Wer heute so redet wie die modernen Theologen, kann das Christentum nicht verstehen. Denn, was könnten sie anfangen zum Beispiel mit dem Worte des Paulus: «Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch vergeblich euer Glaube»? Kurz, gibt es kein Verständnis der Auferstehung, so gibt es kein Verständnis des Christentums! Aber auf der anderen Seite muß man wieder bedenken, daß die äußere Vernunft, ob man sie anwendet auf die Geisteswissenschaft oder auf die Naturwissenschaft, nun einmal die Eigentümlichkeit hat, daß sie an solche Sachen, wie die Auferstehung, nicht herankommen kann. Der moderne Denker sagt: Ich muß einen Strich durch mein ganzes Gedankengebäude machen, wenn ich an die Auferstehung und an das, was im Johannes-Evangelium geschildert ist, wirklich glauben sollte! — Das haben zahlreiche Menschen aus ihrem Bewußtsein heraus gesagt. Daher ist es notwendig, daß der Okkultismus über diese Tatsachen im Abendlande seine Aufschlüsse gibt. Gerade diese Tatsachen, die sich auf die Mysterien des Abendlandes, des Christentums beziehen, hat die orientalisierende Richtung des Okkultismus, insofern sie äußerlich bekannt werden kann, nicht. Denn warum? Die Menschen drüben in Asien, mit Ausnahme der Gegenden um Kleinasien, interessiert doch der Christus nicht, hat sie nicht interessiert. Sie haben nicht das Bedürfnis, nach seiner Wesenheit zu fragen, hatten es durch die ganzen Jahrhunderte und Jahrtausende nicht. So daß es in Indien und Tibet wunderbare okkulte Lehren gibt über die Wesenheit zum Beispiel des Buddha oder der Bodhisattva; aber es hat niemanden besonders interessiert, über die Wesenheit des Christus nachzudenken oder gar okkult nachzuforschen. Daher kann man unmöglich von den orientalischen Richtungen der Theosophie verlangen, daß sie über den Christus etwas wissen.

[ 5 ] Als die theosophische Bewegung ins Leben trat, da hat, wie Sie alle wissen, für dieselbe Ungeheures Helena Petrowna Blavatsky gewirkt. Wodurch hat sie Ungeheures gewirkt? Etwa dadurch, daß damals die «drei Grundsätze» der Theosophischen Gesellschaft aufgestellt worden sind, die heute noch immer auf den Aufnahmescheinen stehen? Dadurch ganz gewiß nicht, daß man gesagt hat: Es muß eine Gesellschaft geben, welche die «allgemeine Menschenliebe » pflegt! — Denn solcher gibt es viele, und jeder normal denkende Mensch wird die Pflege der allgemeinen Menschenliebe als etwas ansehen, was verbreitet werden soll. Wodurch H.P. Blavatsky so stark gewirkt hat, das ist, daß durch sie eine so große Menge von okkulten Wahrheiten in die Welt gedrungen ist. Und wer die «Entschleierte Isis» und die dann Jahre danach erschienene «Secret Doctrine» nimmt, der wird sich sagen: Trotz allem, was dagegen einzuwenden ist, enthalten diese Werke eine Unsumme von Wahrheiten, von denen bis dahin niemand im geistigen Leben, außer denen, die eine Initiation genossen haben, eine Ahnung hatte. Und wenn auch Frau Blavatsky ein unlogischer, unordentlicher Kopf war und Dinge ausgedacht hat, die neben den Mitteilungen hoher Meister stehen und nicht dort stehen sollten — das zu erörtern, würde jetzt zu weit führen —, wenn sie auch eine leidenschaftliche Natur war und oftmals gesprochen hat, wie es nicht geht — denn es geht im Okkultismus nicht, daß man so leidenschaftlich und so unsystematisch spricht —, wenn man auch sagen könnte, daß es gut wäre, die «Entschleierte Isis» zu nehmen und sie systematisch und logisch anzuordnen, oder aus der «Secret Doctrine » fünf Sechstel herauszunehmen und das andere Sechstel in einer ordentlichen Weise zu redigieren, so muß man doch in dem theosophischen Leben auf das Positive gehen und sagen: Es ist da etwas Gewaltiges in das okkulte Leben hereingekommen.

[ 6 ] Aber wie stehen denn die Dinge in Wahrheit? In Wahrheit stehen sie so, daß H.P.Blavatsky in der Zeit, als sie die « Entschleierte Isis » schrieb, eine Art rosenkreuzerischer Inspiration hatte. In der «Entschleierten Isis» stehen — bis auf die Fehler des Rosenkreuzertums ganz große rosenkreuzerische Wahrheiten, und was darin bedeutsam ist, das ist eigentlich alles rosenkreuzerisch. Ich sagte, bis auf dieFehler des Rosenkreuzertums! Denn das alte Rosenkreuzertum hatte zum Beispiel nicht die Möglichkeit, die Wahrheiten der Reinkarnation und des Karma einzusehen; denn die Wahrheiten über Reinkarnation und Karma hatte das Rosenkreuzertum des 13., 14., 15. Jahrhunderts nicht. Das war etwas, was für das Abendland erst später erobert werden konnte. Frau Blavatsky hat in der « Entschleierten Isis » auch nicht eine einigermaßen hinreichende Lehre von Reinkarnation und Karma, sie hat alle Fehler des Rosenkreuzertums sogar übernommen. Dann kam es so, daß Frau Blavatsky durch Dinge, die heute zu besprechen zu weit führen würde, abgekommen war von den Einflüssen, die aus dem Rosenkreuzertum kamen, und eingefangen wurde von einer orientalisierenden ’Theosophie. Daraus ist dann die «Geheimlehre» hervorgegangen, die in bezug auf alles, was nicht christlich ist, große Wahrheiten enthält, in bezug auf alles aber, was christlich ist, höchst Unsinniges. So daß in bezug auf alle Religionen und Weltanschauungssysteme der Welt, außer dem Judentum und dem Christentum, die Blavatskysche Geheimlehre sehr zu brauchen ist, aber was sich darin findet in bezug auf das Judentum und Christentum, ist gar nicht zu brauchen, weil H.P.Blavatsky in ein Feld hineinkam, wo man diese Wahrheiten nicht gepflegt hat. Damit hängt nun die ganze Richtung zusammen, welche die theosophische Bewegung später genommen hat. Sie wurde unzulänglich, diese theosophische Bewegung, für das Begreifen des Christentums. Und an einem Fall — an unserem wichtigen Fall — lassen Sie es mich klarmachen, was unzulänglich ist an der theosophischen Bewegung für das Begreifen des Christentums.

[ 7 ] Die höchste Individualität, außer den höchsten Initiierten, die auch im Orientalismus nicht anders reden als wir, ist für den orientalischen Okkultismus die Individualität des Bodhisattva. Ein solcher Bodhisattva war jene Individualität, die dann etwa fünf Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung zu der nächsten Würde aufgestiegen ist, die man nun wieder im Orientalismus begreift. So daß wir es damit zu tun haben, daß jener Bodhisattva, welcher der Sohn des Königs Suddhodana war, im neunundzwanzigsten Jahre zum Buddha geworden ist. Mit dem Buddha-Werden ist für jeden, der das Wesen des Buddhabekenntnisses versteht, das verbunden, daß die betreffende Wesenheit nicht mehr, nach dem physischen Leben, in welchem sie der Buddha geworden ist, auf der Erde wiedererscheinen kann. Also der Bodhisattva wird Buddha. Dann kommt er nicht mehr in einem gewöhnlichen Leib nach den Gesetzen der Reinkarnation auf die Erde. Aber er hat einen Nachfolger. In dem Augenblick, als der Bodhisattva die Erleuchtung empfing und zum Buddha aufstieg, hatte er gleichsam einen Nachfolger zum Bodhisattva ernannt. Dieser nächste Bodhisattva wird nun immer als Mensch, als hervorragender Mensch erscheinen, bis er selber zur Buddhawürde aufsteigt. Nun wird es jeder Bekenner des Orientalismus als eine Wahrheit betrachten, daß genau fünftausend Jahre nach der Erleuchtung des Gautama Buddha unter dem Bodhibaum der nachfolgende Bodhisattva zur Buddhawürde aufsteigen und als Maitreya-Buddha erscheinen wird. Das ist dreitausend Jahre nach unserer Zeit. So daß bis dahin in den verschiedensten Inkarnationen, die da kommen werden, ein Bodhisattva leben wird, der immer wieder und wieder auf der Erde erscheinen wird, der aber erst zur Buddhawürde aufsteigen wird dreitausend Jahre nach unserer Zeit, und dann auf der Erde ein großer Lehrer sein wird.

[ 8 ] Das ist die höchste Individualität, zu der sich die orientalisierende okkulte Lehre erhebt. Dadurch, daß Frau Blavatsky gewissermaßen eingefangen worden ist von der orientalisierenden Richtung, war das Verständnis, das man für die Dinge erlangen konnte, begrenzt durch die orientalischen Begriffe. Nun wollte man aber auch den Europäern eine Art Verständnis für das Christentum geben. Aber man war nicht imstande, mit den orientalisierenden Begriffen wirklich das Christentum zu verstehen. Man kam nur bis zur Bodhisattva- und BuddhaIndividualität. Die Folge davon war, daß auch die Hellseher nur bis zu einer Bodhisattva-Individualität kamen. Eine solche aber war vorhanden in einer Individualität, welche hundertfünf Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat in dem Jeshu ben Pandira, der zu den Essäern in einer besonderen Beziehung gestanden hat, der Schüler gehabt hat, unter anderen auch denjenigen, der dann das Matthäus-Evangelium vorbereitet hat. Eine solche Bodhisattva-Individualität, die der Nachfolger war des Gautama Buddha, war in jenem Jeshu ben Pandira verkörpert. Von demselben spricht nun die orientalisierende Theosophie. Und es ist nun für den hellseherischen Blick gerade so, als ob hundertfünf Jahre nach dem Jeshu ben Pandira in der Welt nichts Besonderes geschehen wäre. Nehmen Sie H.P. Blavatsky. Sie richtete ihren okkulten Blick hin auf den Punkt, wo Jeshu ben Pandira gelebt hat; sie sah, daß darin eine große Bodhisattva-Individualität verkörpert war, aber weil ihr okkultes Auge durch das Einfangen in eine orientalisierende Theosophie begrenzt war, so konnte sie nicht sehen, daß hundertfünf Jahre danach der Christus da war. Kurz, sie wußte über den Christus nur das, was man im Abendlande über ihn sagte, und daraus bildete sich die Idee, es habe überhaupt nicht ein Christus gelebt, das sei alles Schwindel, sondern es habe nur hundertfünf Jahre vor unserer Zeitrechnung ein Jeshu ben Pandira gelebt, der gesteinigt und dann an einem Baum aufgehängt worden ist, der also nicht gekreuzigt worden ist. Dieser Jeshu ben Pandira wird nun so beschrieben, als wenn er der Jesus von Nazareth gewesen wäre. Das ist aber eine vollständige Verwechslung. Und über den wirklichen Jesus von Nazareth, welcher der Träger des Christus gewesen ist, wird überhaupt nichts gesagt; den usurpiert man und nennt den, welcher hundertfünf Jahre früher da war, den «Christus». Weil man ihm einen europäischen Namen geben will, nennt man ihn Christus.

[ 9 ] Wir aber müssen sagen: Man sieht in jener Strömung einfach nicht, was die Christus-Wesenheit ist. In dem Augenblicke, wo man auf so etwas aufmerksam machen muß, ist man natürlich in einer unangenehmen Lage; das läßt sich nicht leugnen. Denn warum? Da muß ich schon sagen: Für jeden, der die eine oder die andere Wissenschaft kennt, gibt es Dinge, über die man streiten kann. — Aber es gibt doch solche Dinge, über die man nicht streiten kann, wo man, wenn der andere etwas anderes meint, sich sagen muß: Dann weiß er eben nicht, worum es sich handelt. — Nur kann man als ein außerordentlich hochmütiger Mensch angesehen werden, wenn man sagt: Das verstehst du nicht! — In dieser unangenehmen Lage sind wir, daß wir denen, die über den Jeshu ben Pandira wie von dem Christus sprechen, nicht zustimmen können. Sie sind eben nicht so weit, es zu verstehen. Es ist unangenehm, das sagen zu müssen, aber es ist so. Daher kann man es ihnen nicht verdenken, wenn sie von jener Wesenheit, welche sie ja auch anerkennen, so reden, als ob sie sich immer wieder im Fleische inkarnieren könnte. Denn von jener Wesenheit, die als die Christus-Wesenheit nur einmal im Fleische erscheinen konnte, haben sie keinen Begriff. Und nun nehmen Sie das «Esoterische Christentum » von Annie Besant in die Hand, lesen Sie es genauer, als man in Theosophenkreisen gewohnt ist zu lesen: es wird eine Individualität darin geschildert, die hundertfünf Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat; es wird nur der Fehler gemacht, daß sie als «Christus » bezeichnet wird. Nehmen wir nun an, irgendeine Persönlichkeit, zum Beispiel die, welche das genannte Buch geschrieben hat, wollte nun sagen: Im 20. Jahrhundert erscheint in irgendeinem Menschen, im Fleische der, den sie damals beschrieben hat im « Esoterischen Christentum », — dann wäre dagegen gar nichts einzuwenden als nur, von unserem Standpunkte aus, das, was jemand zu hören bekäme, der nach Indien ginge und dort sagte: Der Buddha wird wieder inkarniert. — Denn da würde ihm gesagt werden: Du bist eben ein ganz ungebildeter Europäer. Von Buddha wissen wir alle, daß er nicht wieder im Fleische erscheinen kann; da verstehst du nichts von dem Buddhismus. — Dasselbe müssen wir aber auch für uns Europäer in Anspruch nehmen, wenn jemand sagte, der Christus wird ein zweites Mal inkarniert. Dem würden wir antworten müssen: Das verstehst du nicht, denn die wirkliche Erkenntnis der Christus-Wesenheit zeigt uns, daß diese Wesenheit eine solche ist, welche nur einmal in einem fleischlichen Leibe erscheinen kann! — Das sind Verständnisse einer Sache, sagen wir verschiedenen Niveaus. Da gibt es dann kein Mißverständnis.

[ 10 ] Ich frage: Worauf beschränkt sich das, was uns von irgendeiner orientalisierenden theosophischen Richtung trennen könnte? Leugnen wir, daß hundertfünf Jahre vor unserer Zeitrechnung ein Mensch gelebt hat, der wegen Gotteslästerung gesteinigt und danach an einem Baum aufgehängt worden ist? Nein, wir leugnen es nicht. Oder leugnen wir, daß in dieser Wesenheit eine große Individualität verborgen war? Das leugnen wir nicht. Wir leugnen auch nicht, daß diese Wesenheit sich im 20. Jahrhundert wieder inkarnieren kann. Wir anerkennen es. Gibt es also irgendeinen realen Punkt, wo wir leugnen würden, was in der anderen Strömung charakterisiert wird? Nur den, daß wir sagen müssen: Der, welcher von uns der Christus genannt wird, den kennt ihr nicht, ihr nennt nur einen anderen so.— Wir aber müssen uns das Recht vorbehalten, daß wir das richtigstellen dürfen. Sonst ist es nur eine Sache der Nomenklatur. Nur das eine gibt es nicht, daß ihr ausdrücklich sagt, daß nichts dagewesen wäre von dem, wovon wir, als am Ausgangspunkte unserer Zeitrechnung geschehen, reden. Denn da setzen wir hin unsere beiden Jesusknaben, die Johannestaufe im Jordan, das Mysterium von Golgatha. Davon redet ihr nichts! Wir dürfen doch das Recht haben, davon etwas zu wissen, wovon ihr nichts wißt. Denn sonst würde man dekretieren: Was wir nicht wissen, darf kein anderer wissen; denn das ist alles falsch, was wir nicht wissen. — In dieser Beziehung stehen wir auf dem Boden, daß wir gar nicht negieren, und wenn etwas negiert wird, so ist es von der anderen Seite.

[ 11 ] So ließe sich sehr leicht jedes Mißverständnis beseitigen, das irgendwie aufgeworfen werden kann. Daher ist es im Grunde genommen nie möglich, daß auf unserem Boden ein Mißverständnis entsteht, und es gibt auch keines. Nur müssen wir das Recht haben, daß wir okkulte Forschungen, die es einfach auf jenem Boden nicht gibt, weil man nichts von ihnen weiß, und die gerade das Problem des Westens unendlich vertiefen, heranbringen zum theosophischen Leben. So sehen wir, daß es in einem wichtigen Punkte, wenn guter Wille vorhanden ist, gar nicht notwendig ist, daß irgendwelche Disharmonien innerhalb der theosophischen Strömung herauskommen. Dazu ist allerdings guter Wille notwendig, guter Wille nicht etwa dahingehend, daß man irgendeine Wahrheit verleugnet, die man als die richtige anerkennen kann. Das wäre nicht guter Wille, sondern Verleugnung der Wahrheit. Aber guter Wille muß insofern vorhanden sein, daß man vernünftig ist. Denn, wodurch entstehen verschiedene Meinungen? Etwa dadurch, daß eine Sache von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet wird, oder auch vielleicht dadurch, daß sie von verschiedenen Höhen aus betrachtet wird? Ist das der Fall, dann wird der andere aber auch den Grund nicht angeben können. Und dann handelt es sich darum, daß man die Sache einsieht und Nachsicht hat.

[ 12 ] Das ist das, was ich gerade am heutigen Tage, wo wir das erste Mal wieder beisammen sind, anführen muß als etwas, was wenigstens für uns feststehen muß und was angeführt wurde zum Beweise dafür, wie leicht es gerade innerhalb unserer Strömung ist, klar zu sehen, wenn man klar sehen will. Deshalb dürfen wir sagen: Wir haben es gar nicht nötig, irgend jemandem Opposition zu machen, wir können es ruhig abwarten, bis man uns Opposition macht. — Wir können ruhig weiterarbeiten und würden diese Sache nicht hervorheben, würden auch heute hier davon nicht gesprochen haben, wenn nicht unsere Freunde dadurch beirrt würden, daß man sagt: Die Theosophen sind ganz uneinig untereinander. — Sobald man auf die Dinge eingeht, kommt man vielleicht auf die höchst unbequeme Sache, daß man sagen muß: Man weiß auf der anderen Seite gewisse Dinge nicht. — Das kann einem den Stempel des Hochmutes aufdrücken, und das wird man schon zuweilen auf sich nehmen müssen, wenn man sich sonst dessen bewußt ist, daß man im Ernst demütig und bescheiden sein kann. Das war es auch, was in dem letzten Jahr notwendig war herauszuarbeiten als das, was wirklich an Fortschritt zu verzeichnen ist in der okkulten Arbeit seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, wie es zum Beispiel dargestellt ist in dem Buche «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit». Diese Ergebnisse, die seit jener Zeit vorhanden sind, werden überhaupt kaum von irgendeiner anderen Strömung erwähnt als von der unsrigen. Daher dürfen wir sagen, daß wir die Unbequemlichkeit, auf die fortschrittlichsten okkulten Ergebnisse einzugehen, unserer okkulten Richtung schon einmal auferlegen. Und wir dürfen es als ein gutes Ergebnis unserer Sommerarbeit betrachten, daß zum Beispiel bei der Begründung des Arbeitszweiges in Neuchâtel das Bedürfnis bestand, den größten Lehrer des Christentums, Christian Rosenkreutz, in seinen verschiedenen Inkarnationen und in seiner Eigentümlichkeit einmal genauer kennenzulernen.

[ 13 ] Ich selber habe heute vorgebracht, was vorgebracht worden ist, damit jeder von Ihnen die Möglichkeit hat, darüber Auskunft zu geben, wie die Sachen eigentlich liegen, wenn jemand von der anderen Seite sagt: Hier wird gesagt, der Christus inkarniere sich im 20. Jahrhundert wieder; dort wird gesagt, der Christus komme nur als geistige Wesenheit. Das sind zwei verschiedene Standpunkte. — Nein, man darf nicht dabei stehenbleiben, daß es zwei verschiedene Standpunkte sind, sondern man muß betonen — auch auf der anderen Seite —, daß man dort von jener Wesenheit spricht, welche hundertfünf Jahre vor unserer Zeitrechnung gesteinigt worden ist. Wenn aber zum Beispiel in dem letzten Buche von Annie Besant, «Ein Wandel der Welt», alle Dinge verwischt werden und nicht darauf aufmerksam gemacht wird, daß der Name Christus nur usurpiert wird, wenn also ein krasser Widerspruch besteht zwischen dem «Esoterischen Christentum» und dem «Wandel der Welt», so sind das doch Dinge, auf die man hinweisen muß, damit nicht jemand glaube, in dem neuen Buche von Annie Besant sei von dem Christus die Rede. Denn sonst müßte Annie Besant sagen, sie mache durch das «Esoterische Christentum» einen dicken Strich und der Inhalt wäre nicht mehr richtig. Denn, wenn der Inhalt richtig wäre, so wird eben darin von einer Wesenheit gesprochen, die hundertfünf Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat und nicht in einer gewissen Weise im Beginne unserer Zeitrechnung, wie wir von dem Christus Jesus sprechen.

[ 14 ] So ist das Charakteristische unserer Strömung dies, daß wir bis zu der neuesten Zeit mit unseren Mitteilungen über die okkulten Forschungsergebnisse hinaufgehen. Daher ist es auch in gewisser Beziehung, wenn auch unbewußt, eine Art Verleumdung, wenn wir — nicht von uns selbst, sondern von Außenstehenden — «Rosenkreuzer» genannt werden. Es ist in gewisser Beziehung eine Art Verleumdung; wenigstens erinnert es, wenn Außenstehende uns «Rosenkreuzer» nennen, an eine niedliche Sache, die sich in einer mitteldeutschen Stadt auf dem Markt abgespielt hat, wo gesagt wurde, man wisse doch, daß der und der ein Phlegmatiker sei. Was, sagte da jemand, der soll ein Phlegmatiker sein? Ich weiß doch, daß er ein Metzger ist und nicht ein Phlegmatiker! — Aber dieselbe Logik, daß man, wenn man ein Metzger ist, kein Phlegmatiker sein kann, liegt zugrunde, wenn man sagen würde: Die Strömung, in der wir leben, sei keine theosophische, sondern eine «rosenkreuzerische». Warum pflegen wir rosenkreuzerische Prinzipien? Weil es rosenkreuzerische Pflegestätten des Okkultismus gegeben hat, und weil wir rosenkreuzerische Ergebnisse, die da sind, die gepflegt worden sind, aufnehmen müssen in unsere theosophische Strömung hinein, wie wir unbefangen über Brahmanismus, Orientalismus, über älteres und neueres Christentum gesprochen haben. Ich glaube nicht, daß in vielen anderen theosophischen Zweigen als bei uns, wie dies geschehen ist, zum Beispiel gesprochen worden ist über die mexikanischen Gottheiten Quetsalkoatl und Tezkatlipoka. So aber werden neben all den übrigen Dingen auch die rosenkreuzerischen okkulten Ergebnisse aufgenommen. Das ist ganz natürlich, wenn man es nicht verschmäht, okkulte Dinge aufzunehmen. Und wenn wir ein gut Stück von Symbolen haben, die aus dem Rosenkreuzertum genommen sind, so rührt das davon her, daß solche Dinge auf das Gemüt und Herz des modernen Menschen am besten wirken. So sind wir gerade deshalb moderne Theosophen, weil wir es nicht verschmähen, die modernsten Forschungstesultate aufzunehmen. Oder hat vielleicht jemand schon einmal gehört, daß ich die Anrede gebraucht habe: Meine lieben «rosenkreuzerischen » Freunde? — Gerade weil wir auf dem allgemeinen Boden der Theosophie stehen, geschehen solche Dinge. Daher ist es eine unbewußte Verleumdung, wenn unsere Bewegung belegt wird mit der Bezeichnung «rosenkreuzerisch». Mit diesen Dingen muß man Nachsicht haben.

[ 15 ] Unsere Aufgabe wird sich nun in diesem Winter besonders darauf beziehen, Lehren, Wahrheiten, die wir früher empfangen haben, noch mehr zu vertiefen. So möchte ich namentlich, um den Boden vorzubereiten und demnächst auch hier über Christian Rosenkreutz sprechen zu können, über die dreifache Gliederung des Menschen und ihre wirklichen Gründe sprechen, insofern der Mensch ein solcher ist, der intellektuelle, ästhetische und moralische Impulse aufnehmen kann. Wir werden diese Dinge sehr tief in den okkulten Untergründen suchen müssen und die Lehren, welche wir zum Beispiel empfangen haben über die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, gerade dadurch zur Vertiefung bringen, daß wir den intellektuellen, den ästhetischen und den moralischen Menschen betrachten.