Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143
14 January 1912, Winterthur
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Experiences of the Supernatural, tr. SOL
2. Die menschlichen Seelenbetätigungen im Wandel der Zeiten
2. Human Spiritual Activities Through the Ages
[ 1 ] Es wird vielleicht heute gut sein, wenn wir eine Betrachtung anstellen über geisteswissenschaftliche Fragen, welche dem einen und anderen Dienste leisten können, wenn es sich darum handelt, die Geisteswissenschaft nach außen hin zu verteidigen. Denn gerade dann, wenn man das erste Mal an einem Orte zusammentrifft, wo sozusagen wiederum eine Art von Anfangs- oder Ausgangspunkt der geisteswissenschaftlichen Bewegung in Aussicht genommen werden soll, ist es ganz gut, sich manches vor die Seele zu führen von den moralischen Fragen, die oftmals an uns herantreten, besonders wenn wir selber schon in diesem oder jenem Zweige arbeiten und dann vor Menschen stehen, die ohne Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft hineinkommen und etwas wissen wollen, was vielleicht dazu führen könnte, sie zu einer Überzeugung oder wenigstens zu einem Verhältnis gegenüber der Geisteswissenschaft zu bringen.
[ 1 ] It might be a good idea today to reflect on some questions in the field of Spiritual Science that could be of use to some of us when it comes to defending Spiritual Science to the outside world. For it is precisely when one first gathers in a place where, so to speak, a kind of starting point or foundation for the Spiritual Science movement is to be established that it is quite helpful to bring to mind some of the moral questions that often come our way, especially when we ourselves are already working in this or that branch and then stand before people who enter without any familiarity with the Spiritual Science and want to know something that might lead them to a conviction or at least to a relationship with the Spiritual Science.
[ 2 ] Da muß sich ja Geisteswissenschaft berufen auf übersinnliche, auf geistige Erfahrung. Und so wie uns heute die Botschaft der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung gebracht wird, ist sie eine Erzählung, eine Erzählung von demjenigen, was der Geistesforscher — dadurch, daß er seine Seele zu einem Instrumente gemacht hat, um in der geistigen Welt zu forschen — offenbaren kann und was für ihn eine solche Gewißheit hat, wie für die äußere Anschauung die Tatsache, daß es Rosen oder Tische und Stühle gibt, also eine unmittelbare Anschauungsgewißheit.
[ 2 ] Spiritual Science must, of course, draw upon supersensible, spiritual experience. And just as the message of the worldview of Spiritual Science is conveyed to us today, it is a narrative, a narrative of what the spiritual researcher—by making his soul an instrument for research in the spiritual world — and which holds for him the same certainty as the fact that there are roses or tables and chairs holds for external perception, that is, a certainty of direct perception.
[ 3 ] Aber was geht das uns an, die wir eine solche unmittelbare Anschauungsgewißheit nicht haben? — möchten die anderen fragen. Für uns kann es doch nur dazu führen, daß wir das glauben, was der Geistesforscher sagt. — Nun ist von mir immer betont worden, daß die Sache nicht so liegt. Zwar können die Dinge der höheren Welt nur dadurch gewußt werden, daß man in diese eindringt; aber wenn sie dann nur logisch dargestellt werden, ist es so, daß jeder sie begreifen kann, wenn er seine Vernunft in richtiger Weise anwendet, so daß er sich sagen kann: Alles, was da gesagt wird, stimmt mit den Tatsachen mehr überein als alles, was durch eine andere Philosophie gesagt wird. — Wir können also unsere Vernunft ruhig anwenden und finden, daß aus der Logik, die den Dingen zugrunde liegt, die Sache schon begriffen werden kann. Zwar ist es nicht so leicht, aber es kommt doch dazu, daß auch der Nichtschauende sich eine ganz gegründete Überzeugung bilden kann.
[ 3 ] But what does that matter to us, who do not have such direct, intuitive certainty? — the others might ask. For us, it can only lead to our believing what the spiritual researcher says. — Now, I have always emphasized that this is not the case. It is true that the things of the higher world can only be known by entering into them; but once they are presented logically, anyone can understand them if they apply their reason correctly, so that they can say to themselves: Everything that is said here corresponds more closely to the facts than anything said by any other philosophy. — We can therefore confidently apply our reason and find that the matter can already be understood from the logic underlying these things. Admittedly, it is not so easy, but it does come to pass that even the non-seer can form a well-founded conviction.
[ 4 ] Für die eigentlichen Beweise wird das natürlich nicht ausreichen, was man den Außenstehenden sagen kann. Aber wenn man gewisse Dinge, die jeder wissen kann, nimmt und vergleicht mit dem, was der Geistesforscher sagt, dann können wir im Grunde schon recht weit kommen. Nehmen wir nur eine ganz elementare geisteswissenschaftliche Wahrheit, die Wahrheit, daß der Mensch aus vier Gliedern besteht, dem physischen Leib, dem Äther- und dem Astralleib und dem, was wir das Ich nennen. Von diesen vier Gliedern kennt die äußere Welt ja nur den physischen Leib, und es steht natürlich jedem frei, abzuleugnen, daß es so etwas wie einen Ätherleib oder einen Astralleib oder das Ich gibt.
[ 4 ] Of course, this won’t be enough to serve as actual proof—that is, to convince outsiders. But if we take certain things that anyone can know and compare them with what the spiritual researcher says, we can actually get quite far. Let us take just one very basic truth of Spiritual Science: the truth that the human being consists of four members—the physical body, the etheric body, the astral body, and what we call the I. Of these four members, the outer world knows only the physical body, and everyone is of course free to deny that there is such a thing as an etheric body, an astral body, or the ego.
[ 5 ] Man kann zwar sagen: Jeder spricht vom Ich; aber widerlegt wird es doch. Das Ich ist wie eine Art Flamme, die durch den Brennstoff des Physisch-Leiblichen wie ein Docht verzehrt wird. — So hat man den Philosophen Bergson widerlegen wollen, der sich auf die Fortdauer des Ich beruft.
[ 5 ] One might say: Everyone speaks of the self; yet this is refuted. The self is like a kind of flame that is consumed by the fuel of the physical body, just as a wick is. — This is how people have sought to refute the philosopher Bergson, who invokes the continuity of the self.
[ 6 ] Wir können aber sehen, wie das Ich einzelne Vorstellungen überlebt. Jeder Tag zeigt ja das, indem in jeder Nacht das Ich ausgelöscht ist, nicht als etwas ununterbrochen Fortdauerndes erlebt werden kann.
[ 6 ] However, we can see how the self survives individual mental images. Every day demonstrates this, since the self is extinguished every night and cannot be experienced as something that continues uninterrupted.
[ 7 ] Man könnte ja hinnehmen, daß diese übersinnlichen Glieder geleugnet werden können; aber eines wird der Mensch nicht leugnen können, nämlich, daß er in sich selbst dreierlei innere Erlebnisse wahrnimmt. Das eine ist, daß er in seiner Seele Vorstellungen erlebt. Denn ein jeder weiß, wenn er sich einen Gegenstand ansieht und sich dann umwendet und noch den Eindruck davon hat, dann hat er eine Vorstellung erlebt. Das zweite, was der Mensch erlebt, und was er unterscheiden muß von seinen Vorstellungen, das sind die Gemütsbewegungen: Lust und Leid, Freude und Schmerz, Sympathie und Antipathie. Und ein drittes kann der Mensch nicht leugnen: daß er Willensimpulse hat.
[ 7 ] One might accept that these supersensible elements can be denied; but there is one thing a person cannot deny, namely, that they perceive three kinds of inner experiences within themselves. The first is that they experience mental images in their soul. For everyone knows that when they look at an object and then turn away but still retain an impression of it, they have experienced a mental image. The second thing a person experiences—and which they must distinguish from their mental images—are the emotions: pleasure and sorrow, joy and pain, sympathy and antipathy. And there is a third thing a person cannot deny: that they have impulses of will.
[ 8 ] Nehmen wir die Vorstellungswelt: Der Mensch kann sich eine Vorstellung machen, indem er die Welt der Wahrnehmungen auf sich wirken läßt. Er kann sich auch Vorstellungen machen, indem er einen Roman liest, denn der Mensch hat auch, indem er etwas liest, Vorstellungen. Sie alle wissen, daß der Mensch es in bezug auf seine Vorstellungen manchmal schwer und manchmal weniger schwer hat. Die Vorstellungen, denen sich der Mensch instinktiv gern hingibt, wirken anders als diejenigen, denen er sich mit Widerwillen hingibt oder die ihm Schwierigkeiten machen. Sie alle wissen, daß eine schwierige Rechnung eine andere Wirkung auf Ihre Vorstellungsart macht als ein Roman. Wir merken, daß wir müde werden vom Vorstellungsleben, wenn es uns Anstrengung macht. Das kann um so weniger bezweifelt werden, da es ein Mittel ist, um leichter einzuschlafen. Es müssen aber nicht Vorstellungen sein, die uns besonders irritieren, auch nicht solche, die Sorgen machen, sondern solche, die für uns schwierig sind. Jedenfalls das eine kann jeder Mensch an sich erleben: daß er äußerlich verhältnismäßig leicht einschläft, wenn er sich vor dem Einschlafen mit einer solchen Vorstellungswelt durchdringt, an die ihn das Pflichtgefühl binder.
[ 8 ] Let’s take the realm of imagination: A person can form a mental image by allowing the world of perceptions to take effect on them. They can also form mental images by reading a novel, for a person also forms mental images when they read something. You all know that people sometimes find it difficult and sometimes less difficult to form mental images. The mental images to which people instinctively give themselves over have a different effect than those to which they give themselves over with reluctance or which cause them difficulty. You all know that a difficult calculation has a different effect on your imagination than a novel. We notice that we grow weary of our imaginative life when it requires effort. This can be all the more certain, since it is a means of falling asleep more easily. However, it need not be mental images that particularly irritate us, nor those that cause worry, but rather those that are difficult for us. In any case, there is one thing every person can experience for themselves: that they fall asleep relatively easily on the outside if, before falling asleep, they immerse themselves in a world of mental images to which a sense of duty binds them.
[ 9 ] Nehmen wir jetzt die Gemütsbewegungen. Lust und Leid, Freude und Schmerz, Sorgen, Bekümmernis und dergleichen sind etwas, was uns unter Umständen für solche Momente äußerlich Schwierigkeiten machen kann. Ein Mensch, der schwer mitgenommen ist von seinen Gemütsbewegungen, schläft schwer ein. Selbst freudige Erfahrungen werden ihn verhindern, ruhig einzuschlafen.
[ 9 ] Let us now consider emotional states. Pleasure and sorrow, joy and pain, worries, grief, and the like are things that, under certain circumstances, can make it difficult for us to fall asleep. A person who is deeply affected by their emotions has trouble falling asleep. Even joyful experiences will prevent them from falling asleep peacefully.
[ 10 ] Wenn man auf solche Dinge achtgibt, wird man bald bemerken, daß Gemütsbewegungen ein größeres Hemmnis als Vorstellungen beim Übergehen in den Schlafzustand geben, und insbesondere Gemütsbewegungen, die zusammenhängen mit den intensivsten Interessen des Ich. Wenn der Mensch ein besonderes Ereignis, das ihn erwartet, vor sich hat, schläft er oft wochenlang nicht. Versuchen Sie es nur einmal: Ein Ereignis, das mit einer gewissen Sicherheit eintreten muß, zum Beispiel das Auftreten eines Kometen — wenn Sie nicht gerade ein Astronom sind, der sein Ich-Interesse dabei hat —, das wird Sie recht gut einschlafen lassen. Den Astronomen nicht, weil er gerechnet hat und sorgenvoll wartet, ob seine Rechnung stimmt.
[ 10 ] If one pays attention to such things, one will soon notice that emotional stirrings pose a greater obstacle to falling asleep than mental images, and in particular those emotional stirrings associated with the ego’s most intense interests. When a person has a particular event awaiting them, they often cannot sleep for weeks. Just try it once: an event that is bound to occur with a certain degree of certainty—for example, the appearance of a comet—will put you to sleep quite easily, unless you happen to be an astronomer with a personal stake in the matter. Not the astronomer, however, because he has made his calculations and is waiting anxiously to see if they are correct.
[ 11 ] Nun können wir noch von einer anderen Seite diese Gemütsbewegungen ins Auge fassen. Wir können ja in einer gewissen Beziehung den Schlaf mit dem Hellseherischen des Menschen in Zusammenhang bringen. Der Schlafzustand ist ein solcher, daß der Mensch bewußtlos ist. Hellsehen ist nur: von geistigem Licht durchdrungenes Schlafen, bewußtes Schlafen, wenn wir so definieren dürfen. Es müßte also günstig sein für die hellseherischen Zustände, wenn man von allen Gemütsbewegungen frei ist, und ungünstig, wenn man von solchen erfüllt ist. Das kann man durch manches, was man auch äußerlich wissen kann, bestätigt finden, zum Beispiel an Nostradamus, der im 16. Jahrhundert ein bedeutender Hellseher von der Art war, daß er prophetisches Hellsehen besaß, so daß selbst die reinen Historiker nicht zweifeln können, daß sich Ereignisse, die er in Verse gebracht, erfüllten und die, wenn man vergleicht, zeigen, daß er ganz wunderbare Angaben gemacht hat. Selbst vom Historiker Kemmerich ist das anerkannt, weil es sich nicht leugnen läßt. Kemmerich selbst erzählt, daß er sich ganz andere Aufgaben gestellt hatte: er wollte nur den Beweis liefern, daß die Gesundheitsverhältnisse für den Menschen sich seit dem 16. Jahrhundert gebessert haben. Und da kam er dazu, sich mit Nostradamus zu beschäftigen.
[ 11 ] Now we can consider these emotional states from another perspective. In a certain sense, we can indeed link sleep to a person’s clairvoyant abilities. The state of sleep is one in which a person is unconscious. Clairvoyance is simply: sleep permeated by spiritual light, conscious sleep, if we may define it that way. It would therefore be conducive to clairvoyant states if one were free from all emotional stirrings, and unfavorable if one were filled with them. This can be confirmed by various things that can also be known from external sources, for example in the case of Nostradamus, who in the 16th century was a significant clairvoyant of the kind who possessed prophetic clairvoyance, so that even pure historians cannot doubt that events he put into verse came to pass and which, when compared, show that he made quite marvelous predictions. Even the historian Kemmerich acknowledges this, because it cannot be denied. Kemmerich himself recounts that he had set himself quite different tasks: he merely wanted to provide proof that health conditions for humans have improved since the 16th century. And that is how he came to study Nostradamus.
[ 12 ] Wenn wir Nostradamus verfolgen, so ist es interessant, seine Lebensverhältnisse ins Auge zu fassen. Er war ein Mensch, der solche hellseherischen Kräfte besaß, die auf Anlage beruhen, so daß sie bei der ganzen Familie sich fanden. Bei ihm aber kamen sie in besonderer Weise herauf dadurch, daß er ein hingebungsvoller, wunderbarer Arzt war. Großartiges hat er besonders bei einer Pestepidemie in der Provence geleistet. Aber dann kam auf, daß man sagte, er sei ein geheimer Calvinist. Das schadete ihm so, daß er nicht anders konnte, als seine ärztliche Praxis aufzugeben. Was das heißt, muß man verstehen! Die Kräfte sind doch in der Persönlichkeit! Die Physiker finden: Wenn irgendwo Kräfte in der Natur sich auflösen, dann werden sie anderweitig verwertet. — Nur auf geistigen Gebieten, da wollen die Menschen so etwas nicht wissen. Wenn nun der Mensch solche Kräfte entwickelt in seinem Beruf, so segensreich entfaltet wie dieser als Arzt, so müssen solche Kräfte, die da frei werden, anderweitig sich kundtun. Und sie wandelten sich bei Nostradamus alle in hellseherische Kräfte um, weil er ein gewisses ursprüngliches Hellsehen hatte, wie es auch Paracelsus hatte.
[ 12 ] When we examine Nostradamus, it is interesting to consider his life circumstances. He was a man who possessed clairvoyant powers rooted in a natural predisposition, so much so that they were found throughout his entire family. In his case, however, they manifested themselves in a special way because he was a devoted, remarkable physician. He performed great deeds, particularly during a plague epidemic in Provence. But then it came to light that people said he was a secret Calvinist. This harmed him so much that he had no choice but to give up his medical practice. One must understand what that means! The powers are, after all, in the personality! Physicists find that when forces in nature dissipate in one place, they are utilized elsewhere. — But in spiritual realms, people don’t want to hear about such things. If a person develops such powers in their profession—and unfolds them as beneficially as this man did as a physician—then those powers that are released must manifest themselves elsewhere. And in Nostradamus’s case, they all transformed into clairvoyant powers, because he possessed a certain innate clairvoyance, just as Paracelsus did.
[ 13 ] Nun sehen Sie: da schildert uns gerade Nostradamus recht schön, wie er dazu kam, zukünftige Ereignisse vorauszusehen. Er hatte ein Laboratorium. Das war aber kein Laboratorium, wie es die Chemiker haben. Es war ein Raum, ein Zimmer, neben seiner Wohnung, mit einem Glasdach. Von dort betrachtete er den Gang der Gestirne, ließ die Umformung der Sternbilder auf seine Seele wirken. Und da kamen ihm diejenigen Dinge, die er von der Zukunft sagen konnte. Das ergab sich als eine Intuition. Das sprang aus seinem Gemüte heraus. Aber damit ihm solche Dinge kamen, mußte er ganz frei sein von Kummer und Sorgen und Gemütsaufregungen. Da haben wir ein Beispiel, wie beim Hellsehen, ebenso wie beim gesunden Schlaf, ein Freisein von Gemütsbewegungen da sein muß.
[ 13 ] Now look: Nostradamus is actually describing quite beautifully how he came to foresee future events. He had a laboratory. But it was not a laboratory like the ones chemists have. It was a room, a chamber, next to his apartment, with a glass roof. From there he observed the course of the stars, allowing the shifting of the constellations to affect his soul. And that is where the things he could say about the future came to him. It arose as an intuition. It sprang from his mind. But for such things to come to him, he had to be completely free of sorrow, worry, and emotional agitation. Here we have an example of how, in clairvoyance just as in sound sleep, one must be free of emotional turmoil.
[ 14 ] Jetzt gehen wir weiter und erkundigen uns über den Zusammenhang des Menschen mit seinen Willensimpulsen, sofern als diese Willensimpulse einen Zusammenhang haben mit dem Moralischen. Betrachten wir wiederum den Moment des Einschlafens. Es ist dies ein wichtiger Moment für den Menschen, denn wie uns die Geisteswissenschaft sagt, geht er da über in die astralische Welt.
[ 14 ] Now let us move on and examine the relationship between human beings and their impulses of will, insofar as these impulses of will are connected to morality. Let us again consider the moment of falling asleep. This is an important moment for human beings, for, as Spiritual Science tells us, it is then that they pass into the astral world.
[ 15 ] Betrachten wir die moralischen Impulse in diesem Moment des Einschlafens. Um diese zu beobachten, muß man schon große Aufmerksamkeit auf solche Vorgänge wenden. Diejenigen Menschen, die so achtgeben, machen folgende Erfahrung: Es rückt also heran der Moment des Einschlafens. Während vorher das Auge klar gesehen hatte, werden nun die Umrisse der Gegenstände unbestimmter. Etwas wie Nebel legt sich darüber. Es ist, wie wenn der Mensch sich abgeschlossen fühlen würde von der Umgebung. Auch im physischen Leib tritt in bezug auf ein bestimmtes Etwas eine Veränderung ein: man kann nicht mehr die Glieder bewegen. Einer Kraft, der sie früher folgten, können sie nicht mehr folgen. Im weiteren bemerkt der Mensch, daß er sich so fühlt, daß er wie ganz von selber gewisse Dinge, die man als Willensimpulse bezeichnen muß, sich vor die Seele gerückt fühlt. Wie eine Einheit treten vor ihm auf die Dinge, die er gemacht hat; die er so gemacht hat, daß er sich keine Vorwürfe zu machen braucht. Und er empfindet eine ungeheure Seligkeit über alles, was er gut gemacht hat. Durch gute Geister sind die Menschen davor geschützt, daß das Schlimme so vor die Seele tritt. Seligkeit zu empfinden über das Gute, das verrichtet worden ist, kann natürlich nicht auftreten, wenn nichts Gutes verrichtet worden ist. Aber so schlimm sind ja die Menschen im allgemeinen nicht, daß sie gar nichts Gutes tun.
[ 15 ] Let us consider the moral impulses at this moment of falling asleep. To observe them, one must pay close attention to such processes. Those who pay such attention have the following experience: The moment of falling asleep is approaching. Whereas the eye had seen clearly before, the outlines of objects now become more indistinct. Something like a mist settles over them. It is as if the person were feeling cut off from their surroundings. A change also occurs in the physical body with regard to a certain aspect: one can no longer move one’s limbs. They can no longer follow a force they once followed. Furthermore, the person notices that they feel as though certain things—which must be described as impulses of the will—are brought before the soul of their own accord. The things they have done appear before them as a unity; things they have done in such a way that they need not reproach themselves. And they feel an immense bliss over everything they have done well. Through good spirits, people are protected from the evil that might otherwise come before the soul. To feel bliss over the good that has been done cannot, of course, occur if nothing good has been done. But people are generally not so bad that they do nothing good at all.
[ 16 ] Wer achtgibt, empfindet, wie etwas auftritt wie ein Gedanke, der dunkel und doch deutlich vor der Seele bleibt: Ach, könnte dieser Augenblick festgehalten werden, ach, könnte das immer so bleiben! Dann kommt ein Ruck, und das Bewußtsein ist verschwunden.
[ 16 ] Those who pay attention sense how something arises like a thought that remains obscure yet distinct before the soul: Oh, if only this moment could be captured, oh, if only it could remain this way forever! Then comes a jolt, and consciousness vanishes.
[ 17 ] Während die guten Impulse Seligkeit hervorrufen und das Einschlafen fördern, hindern es schlechte Impulse noch mehr als Gemütsbewegungen. Über Gewissensbissen schläft ein Mensch außerordentlich schwer ein. Willensimpulse sind unter Umständen ein noch schlimmeres Hindernis als Gemütsbewegungen, um einzutreten in die geistige Welt, in die wir eintreten sollen. Das Vorstellungsleben macht es verhältnismäßig leicht, die Gemütsbewegungen schon schwerer, und am allerwenigsten lassen uns Gewissensbisse über Handlungen, über die wir uns Vorwürfe machen können, eintreten in die geistige Welt.
[ 17 ] While positive impulses bring about a sense of bliss and promote sleep, negative impulses hinder it even more than emotional turmoil. A person finds it extremely difficult to fall asleep when plagued by remorse. Under certain circumstances, impulses of the will can be an even greater obstacle than emotional stirrings to entering the spiritual world into which we are meant to enter. The life of the imagination makes it relatively easy; emotional stirrings make it more difficult; and remorse over actions for which we may reproach ourselves prevents us most of all from entering the spiritual world.
[ 18 ] Gewöhnlich halten die Vorstellungen, das heißt unsere Vorstellungen, Wache; indem wir die Bilder des Tages an uns vorüberziehen lassen, schlafen wir gewöhnlich ganz gut ein. Wenn aber Empfindungen hinzukommen, so sind diese eine weniger gute Wache; wir schlafen unter Erregung weniger gut ein. Am meisten aber halten Wache über unseren Schlaf, daß wir am besten ins Devachan kommen, die Willensimpulse, die Willensimpulse, die uns zu moralischen Taten geführt haben. Wenn wir in unserer Rückschau an einen Punkt kommen, der uns mit Befriedigung, mit moralischer Genugtuung über eine gute Tat erfüllt, in der unser Willensimpuls zum Ausdruck gekommen ist, dann ist der Moment der Seligkeit da, der uns hinüberträgt ins Devachan.
[ 18 ] Usually, our mental images—that is, our thoughts—keep watch over us; as we let the day’s images pass before our eyes, we usually fall asleep quite easily. But when sensations come into play, they are a less reliable sentinel; we fall asleep less easily when we are agitated. But what keeps watch over our sleep most of all, ensuring that we enter Devachan most successfully, are the impulses of the will—the impulses of the will that have led us to moral deeds. When, in our review, we come to a point that fills us with satisfaction, with moral satisfaction over a good deed in which our volitional impulse has found expression, then the moment of bliss is there, which carries us over into Devachan.
[ 19 ] Wenn man beachtet, was die Geisteswissenschaft sagt, so wird man finden, daß schon Übereinstimmung herrscht zwischen diesen Beobachtungen und dem, was hellseherisch gefunden wird. Denn Geisteswissenschaft sagt uns: Der Mensch gehört mit seinem Ätherleib der astralischen Welt an. Dadurch, daß er mit dem Ätherleib der astralischen Welt angehört, lebt er in seinen Vorstellungen als in etwas, was der physischen Welt gar nicht eigen ist. Die physische Welt gibt uns Wahrnehmungen. Aber von ihnen müssen wir uns abwenden, und dann bleibt uns noch etwas: Vorstellungen. Sie sind schon etwas Übersinnliches. Diese Vorstellungen hat der Mensch dadurch, daß die Kräfte der Astralwelt in seinen Ätherleib hineinreichen, so daß der Mensch durch seine Vorstellungen in einem gewissen Zusammenhang mit der Astralwelt steht. Zweitens sagt uns die Geisteswissenschaft: Gemütsbewegungen sind etwas, was nicht bloß Zusammenhang hat mit der astralischen Welt, sondern auch mit einer höheren; denn die Gemütsbewegungen hat der Mensch auch im Zusammenhang mit dem unteren Devachan. Drittens lehrt Geisteswissenschaft und aller Okkultismus: Durch das moralische Wirken der Willensimpulse steht der Mensch mit der höheren Devachanwelt, der Welt des sogenannten formlosen Devachan in Verbindung.
[ 19 ] If one considers what Spiritual Science tells us, one will find that there is already a correspondence between these observations and what is discovered through clairvoyance. For Spiritual Science tells us: Through his etheric body, the human being belongs to the astral world. Because he belongs to the astral world through his etheric body, he lives in his mental images as in something that is not at all characteristic of the physical world. The physical world gives us perceptions. But we must turn away from them, and then something remains: mental images. They are already something supersensible. Human beings have these mental images because the forces of the astral world reach into their etheric body, so that through their mental images, human beings stand in a certain connection with the astral world. Secondly, Spiritual Science tells us: emotional stirrings are something that is connected not only with the astral world, but also with a higher one; for human beings also experience emotional stirrings in connection with the lower Devachan. Thirdly, Spiritual Science and all occultism teach that through the moral effects of the impulses of the will, human beings are connected to the higher Devachan world, the world of the so-called formless Devachan.
[ 20 ] So weisen in dem Menschen diese drei Arten des Seelenlebens auf drei Arten des Zusammenhanges mit den höheren Welten hin. Vergleichen Sie das, was so im gewöhnlichen Leben erlebt wird, mit dem, was die Geisteswissenschaft sagt. Es stimmt zusammen. Vorstellungen sind zum Einschlafen nicht hemmend; denn wir müssen durch sie in die astralische Welt kommen. Dagegen um in die Devachanwelt zu kommen, müssen wir solche Gemütsbewegungen haben, die uns in eine höhere Geisteswelt kommen lassen. Durch eine solche Gemütsbewegung, welche uns herumwälzen läßt auf dem Lager, können wir nicht zum Einschlafen kommen. Die Welt der moralischen Willensimpulse bedeutet unseren Zusammenhang mit der höheren Devachanwelt. Da werden wir erst recht nicht eingelassen, wenn wir nicht solche Willensimpulse haben, über die wir uns keine Vorwürfe zu machen brauchen. Wir können also zum wirklichen Schlafen nicht kommen, wenn wir Gewissensbisse haben. Wir werden da ausgesperrt. Und die geschilderte Seligkeit, die wir empfinden über eine gute Tat, ist wie ein äußeres Zeichen dafür: Du darfst in die Devachanwelt hinein. — Kein Wunder, daß die Menschen dies als Seligkeit empfinden, in der sie immer leben möchten. Sie fühlen sich da verwandt mit der höheren Devachanwelt, so daß sie da bleiben möchten. Wenn der Mensch nicht Hellseher ist, kann er sich keine andere Vorstellung von diesen höchsten Zuständen machen als das Einschlafensgefühl, das da eintritt als Seligkeit und moralische Empfindung.
[ 20 ] Thus, in human beings, these three types of soul life point to three types of connection with the higher worlds. Compare what is experienced in ordinary life with what Spiritual Science teaches. They correspond. Mental images do not hinder sleep; for we must enter the astral world through them. On the other hand, to enter the Devachan world, we must have emotional stirrings that allow us to enter a higher spiritual world. Such emotional stirrings, which cause us to toss and turn in bed, prevent us from falling asleep. The world of moral volitional impulses signifies our connection with the higher Devachan world. We will certainly not be admitted there if we do not have such volitional impulses about which we need not reproach ourselves. We cannot, therefore, fall into true sleep if we have pangs of conscience. We are barred from entering there. And the bliss described, which we feel upon performing a good deed, is like an outward sign of this: You may enter the Devachan world. — No wonder that people experience this as a bliss in which they would always like to live. They feel a kinship there with the higher Devachan world, so that they wish to remain there. Unless a person is a clairvoyant, they can form no other mental image of these highest states than the sensation of falling asleep, which occurs there as bliss and a moral feeling.
[ 21 ] So können wir dem Menschen zeigen: Du hast dein Seelenleben in dir. Was du vorstellst, zeigt sich so, daß es dich in Zusammenhang bringt mit einem Höheren, und zwar so, daß es dir am leichtesten wird, in die höhere Welt zu kommen; es ist verwandt mit dem Astralischen. Was der Mensch so auslebt, ist wie ein Schatten der höheren Welt. Gemütsempfindungen trennen uns schon mehr, weil durch sie der Mensch mit der niederen Devachanwelt zusammenhängt; Willensimpulse hingegen trennen uns noch mehr, denn sie hängen mit der höheren Devachanwelt zusammen.
[ 21 ] In this way, we can show people: You have your inner life within you. The mental image you create manifests itself in such a way that it connects you to a higher realm, and does so in a way that makes it easiest for you to enter the higher world; it is related to the astral realm. What a person experiences in this way is like a shadow of the higher world. Emotional feelings separate us even more, because through them a person is connected to the lower Devachan world; impulses of the will, on the other hand, separate us even further, for they are connected to the higher Devachan world.
[ 22 ] Das ganze steht aber noch in Zusammenhang mit anderen Tatsachen: Das, was nach dem Tode im Kamaloka am wirksamsten ist, sind die Gemütsbewegungen und moralischen Impulse. Vorstellungen über die Sinneswelt sterben ab, nur die von Übersinnlichem kann der Mensch mitnehmen. Dagegen verfolgen uns die Gemütsbewegungen nach dem Tode ganz gewaltig und bleiben. Denn sie sind es, die uns eine gewisse Zeit im Kamaloka halten. Zum Beispiel ein Mensch, der ganz schlecht wäre, würde durch seine Gewissensbisse zwischen Tod und neuer Geburt überhaupt nicht ins Devachan hinaufkommen können, sondern müßte sich ohne das wieder inkarnieren. Ohne moralische Regungen würde er nicht hinaufkommen in die höhere Devachanwelt; er würde in kurzer Zeit wiederkommen und nachholen müssen. Da er keine guten Gemütsbewegungen hatte, ist ihm auch das niedere Devachan verschlossen.
[ 22 ] However, all of this is connected to other facts: what is most influential in the Kamaloka after death are emotional states and moral impulses. Mental images of the sensory world fade away; only those of the supersensory realm can a person carry with them. In contrast, emotional stirrings pursue us with great intensity after death and remain. For it is they that keep us in the Kamaloka for a certain time. For example, a person who was entirely wicked would, due to his pangs of conscience, be unable to ascend to Devachan at all between death and rebirth, but would have to reincarnate without having done so. Without moral impulses, he would not ascend to the higher Devachan world; he would return shortly and have to make up for it. Since he had no good emotions, even the lower Devachan is closed to him.
[ 23 ] So können wir vergleichen und zeigen, daß wir eine Anschauung von den Tatsachen des gewöhnlichen Lebens, des gewöhnlichen Seelenlebens gewinnen können, wenn wir sie erklären durch das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 23 ] In this way, we can compare and demonstrate that we can gain an understanding of the facts of ordinary life and the ordinary life of the soul when we explain them through what Spiritual Science has to say.
[ 24 ] Anknüpfen möchte ich an das eben Gesagte eine andere Tatsache, die Ihnen wichtig erscheinen wird, wenn Sie den geistigen Blick lenken auf die Tatsache der Lehre von der Reinkarnation, von den wiederholten Erdenleben. Wenn wir wiederholt auf Erden uns verkörpern, so muß das doch einen gewissen Zweck haben. Es würde die Entwickelung ja keinen Zweck haben, wenn wir dadurch nicht etwas erleben würden! Was hat es für einen Sinn, daß man sich wiederverkörpert? Durch die Tatsachen der geistigen Anschauung kommen wir dazu, zu sehen, wie sehr verschieden das menschliche Leben in den verschiedenen Zeitaltern ist. Denken wir zurück an die alten Zeiten, als man Griechisch oder Latein gesprochen und das getan hat, was damals üblich war! Was man heute verlangt: daß man Kinder in die Schule schickt, das kam erst spät auf. Während man heute in einem Analphabeten einen ungebildeten Menschen sieht, war das früher nicht so. Sonst müßte unsere Statistik zum Beispiel Wolfram von Eschenbach einen ungebildeten Menschen nennen. Etwas anderes, was man heute nicht als Bildung ansieht, hatte man zum Beispiel im alten Rom: Da wußte jeder römische Bürger — auch der sein Feld mit dem Pfluge durchzog — genau den Inhalt der Zwölftafelgesetze und vieles andere, was mit der Gestaltung des bürgerlichen Staates zusammenhängt. Der Römer hatte nicht nötig, um jede Kleinigkeit zum Rechtsanwalt zu rennen. — Das ist ein Beispiel. Wenn diese großen Verschiedenheiten gekannt würden, so würde es den Menschen vergehen zu fragen, warum wir immer wieder als Kinder inkarniert werden müssen; das sei doch nicht nötig! Nein, so ist es nicht! Jedesmal, wenn wir wiederkommen, hat sich die Kultur so verändert, daß wir wieder etwas. lernen müssen. Also: Wir sind geboren gewesen in ganz anderen Verhältnissen, und es ist durchaus nötig, immer wieder zu kommen, bis die Erde an ihrem Ziel angekommen sein wird.
[ 24 ] I would like to follow up on what I just said with another fact that will seem important to you when you turn your spiritual gaze to the doctrine of reincarnation, of repeated earthly lives. If we repeatedly incarnate on Earth, there must surely be a certain purpose to it. After all, evolution would serve no purpose if we did not experience something through it! What is the point of reincarnation? Through spiritual insight, we come to see how vastly different human life is across the various ages. Let us think back to ancient times, when people spoke Greek or Latin and did what was customary back then! What is required today—sending children to school—only emerged much later. While today we view an illiterate person as uneducated, that was not the case in the past. Otherwise, our statistics would, for example, have to classify Wolfram von Eschenbach as an uneducated person. Something else that is not considered education today was, for example, common in ancient Rome: there, every Roman citizen—even the one plowing his field—knew exactly the content of the Twelve Tables and much else related to the structure of the civil state. The Roman had no need to run to a lawyer over every little thing. — That is one example. If these great differences were known, people would stop asking why we must be reincarnated as children again and again; surely that isn’t necessary! No, that is not the case! Every time we return, culture has changed so much that we must learn something new. So: We were born into entirely different circumstances, and it is absolutely necessary to keep coming back until the Earth has reached its destination.
[ 25 ] Nun unterscheiden wir dieses, was der Mensch in den aufeinanderfolgenden Kulturen werden kann, am besten, wenn wir wissen, daß die verschiedenen Eigenschaften, die heute aufgezählt wurden als inneres Seelenleben, in der äußeren Kultur sich nach und nach entwickeln. In unserer Zeit findet man als Charakteristisches, daß von den aufgezählten Impulsen der größte Wert auf die Vorstellungen gelegt wird. Wir leben in einer Kultur des Vorstellungslebens. Der Intellekt wird entwickelt. In der griechischen und römischen Kultur hat man nicht so viel gedacht, dafür aber mehr wahrgenommen, als es die heutigen Menschen tun. Etwas Komisches, aber gleichzeitig etwas Großartiges liegt in dem, was sich Hebbel, der Dramatiker, in sein Notizbuch schrieb: Nehmen wir an, daß Plato wiedergeboren würde; dann würde er ein Gymnasiast und müßte in der griechischen Sprache den Plato lesen, und der Gymnasiallehrer ist furchtbar unzufrieden, weil er den Plato nicht versteht, prügelt ihn. — Das wollte Hebbel dramatisieren. Nun, das ist auf der einen Seite recht komisch, aber auf der anderen recht begreiflich. Denn wahr ist, daß heute der Gymnasiallehrer viel mehr vorstellt als selbst der große Philosoph Plato zu seiner Zeit. Man sieht nur die Welt in gewisser Weise heute kurzsichtig an. Der heutige Bauer denkt mehr, als der griechische Philosoph gedacht hat. Dagegen wurde dazumal das Wahrnehmungsvermögen viel mehr ausgebildet. Der Mensch hing mit der ganzen Natur zusammen. Die Wahrnehmung war da dasselbe, was jetzt bei uns die Vorstellung ist. Heute wird ja das Wahrnehmen gar nicht mehr gelernt, nur von denen, die eine Schulung durchmachen. Es ist durchaus möglich, daß einer in dem, was er laboratoriumsmäßig lernt, weit kommt, und doch draußen sehr unerfahren ist, den Weizen nicht vom Roggen unterscheiden kann. So daß wir sagen können, daß die Menschen heute viel Vorstellungsvermögen haben, damals aber im Wahrnehmen geschult wurden. Daher können wir zwei Epochen unterscheiden: eine Epoche der Wahrnehmungen und eine der Vorstellungen. Dann wird eine dritte folgen, durch die werden die Gemütsbewegungen ausgebildet sein, die heute nur nebenher gehen. Ein Mensch, der beginnt, eine gewisse Entwickelung durchzumachen, muß in der Tat schon vorausnehmen, was allgemeine Menschenkultur in späterer Zeit werden soll. Er muß also die Gemütsbewegungen fördern. Da kann es leicht vorkommen, daß irgendein Mensch den Anfang gemacht hat mit der Ausbildung seiner Gemütsbewegungen nach höheren Welten hin und dann in Berührung mit den anderen Menschen die Vorstellungskultur hat. Dann wird er die Beobachtung machen, daß einmal das Richtige, ein andermal das Falsche gefühlt wurde. Ein bloß intellektueller Mensch wird aus logischen Gründen das Richtige annehmen und das Falsche abweisen. Es wird lange dauern, bis eine höhere Kulturstufe kommen wird, in der man gegenüber dem Richtigen ein Wohlgefallensgefühl und gegenüber dem Unrichtigen ein Mißfallensgefühl empfinden wird. Das gibt einem dann Sicherheit gegenüber dem wahren und falschen Wesen; denn verlangt wird nicht nur eine Vorstellung von wahrem und falschem Wesen. Da haben wir nicht lange zu tun, um eine Sache zu beweisen, da wir sie im Nu erfassen. Heute müssen wir beweisen, entwickeln. Dann wird man nicht mehr zu beweisen brauchen, sondern zu gefallen. Daher wird auf die Wahrnehmungskultur der Griechen und die Vorstellungskultur unserer Zeit eine Seelenkultur folgen, wenn wir uns wieder inkarnieren. Dann folgt noch eine Kultur in bezug auf die Impulse; dann werden die Willensimpulse eine große Ausbildung erfahren. Diejenigen Menschen, die da inkarniert werden, werden verfolgen, was sozusagen ein sokratisches Ideal ist. Wäre das nicht, so könnte ein Mensch, der noch so klug ist, ein idealer Schurke sein; umsonst hätte Hamlet auf seine Schreibtafel geschrieben, daß einer lächeln und immer lächeln und doch ein ausgemachter Schurke sein kann.
[ 25 ] We can best distinguish what a human being can become across successive cultures if we recognize that the various qualities listed today as aspects of inner spiritual life develop gradually within external culture. A characteristic feature of our time is that, of the impulses listed, the greatest value is placed on the mental images. We live in a culture of the imaginative life. The intellect is developed. In Greek and Roman culture, people did not think as much, but they perceived more than people do today. There is something comical, yet at the same time something magnificent, in what the playwright Hebbel wrote in his notebook: Let us suppose that Plato were to be reborn; he would then be a college student and would have to read Plato in Greek, and the high school teacher, terribly dissatisfied because he does not understand Plato, would beat him. — That is what Hebbel wanted to dramatize. Well, on the one hand that is quite funny, but on the other quite understandable. For it is true that today the high school teacher creates a much more extensive mental image than even the great philosopher Plato did in his time. It’s just that today we view the world in a somewhat short-sighted way. Today’s farmer thinks more deeply than the Greek philosopher ever did. In contrast, back then, the faculty of perception was far more highly developed. Human beings were connected to the whole of nature. Perception was then what a mental image is for us now. Today, perception is hardly taught at all, except to those who undergo specialized training. It is quite possible for someone to go far in what they learn in a laboratory setting, yet remain very inexperienced in the outside world, unable to distinguish wheat from rye. So we can say that people today have a great deal of imagination, whereas back then they were trained in perception. Therefore, we can distinguish two epochs: an epoch of perceptions and one of mental images. Then a third will follow, through which the emotional responses will be developed that today are merely incidental. A person who begins to undergo a certain development must, in fact, already anticipate what general human culture is to become in later times. He must therefore foster these emotional responses. It can easily happen that a person has begun to develop their emotional responses toward higher worlds and then, in contact with other people, encounters the culture of ideas. They will then observe that sometimes the right thing was felt, and at other times the wrong thing. A purely intellectual person will, for logical reasons, accept the right thing and reject the wrong. It will be a long time before a higher cultural stage arrives in which one feels a sense of pleasure toward what is right and a sense of displeasure toward what is wrong. This then gives one certainty regarding true and false nature; for what is required is not merely a mental image of true and false nature. We do not have to spend much time proving a matter, since we grasp it in an instant. Today we must prove and develop. Then there will be no need to prove, but rather to please. Therefore, the culture of perception of the Greeks and the culture of imagination of our time will be followed by a culture of the soul when we incarnate again. Then a culture relating to impulses will follow; then the impulses of the will will undergo a great development. Those people who will incarnate there will pursue what is, so to speak, a Socratic ideal. Were it not so, a person, no matter how clever, could be an ideal scoundrel; Hamlet would have written in vain on his tablet that one can smile and always smile and yet be a complete scoundrel.
[ 26 ] Auf die Epoche der Gemütsbewegungen folgt eine Epoche ausgeprägter Moralität. Da wird sich, wie die okkulten Forschungen zeigen, noch ein ganz besonderer Fall darstellen. Nehmen wir an, es würden die Leute immer klüger und klüger werden. Man kann es werden nach der Art der heutigen Vorstellungsweise. Man kann sogar seine Klugheit brauchen, um böse Taten zu inszenieren. Aber merkwürdigerweise wird in unserer übernächsten Epoche dieses stattfinden, daß Schlechtigkeit der Willensimpulse lähmend wirken wird auf die Intellektualität! Das wird das Eigentümliche der moralistischen Kulturepoche sein, daß die Immoralität die Kraft haben wird, die Intellektualität abzutöten. Ein Mensch dieser Epoche muß sich deshalb so weiter entwickeln, daß er mit seiner Moralität seiner Intellektualität nachkommen muß. Wir können also sagen: Wir haben die griechischrömische Kultur als Zeit der Wahrnehmungskultur, die unsrige als Zeit der intellektuellen. Dann kommt die Zeit der Gefühlskultur und darauf die Zeit der eigentlichen Moralität.
[ 26 ] The era of emotional upheavals will be followed by an era of pronounced morality. As occult research shows, a very special situation will arise then. Let us suppose that people were to become wiser and wiser. One can become so, according to today’s way of thinking. One can even use one’s cleverness to orchestrate evil deeds. But strangely enough, in the epoch two from now, what will happen is that the wickedness of the will impulses will have a paralyzing effect on intellectuality! This will be the peculiar feature of the moralistic cultural epoch: that immorality will have the power to kill intellectuality. A person of this epoch must therefore develop in such a way that their morality keeps pace with their intellectuality. We can thus say: We have the Greco-Roman culture as the age of perceptual culture, our own as the age of intellectual culture. Then comes the age of emotional culture, and following that, the age of true morality.
[ 27 ] Nun ist es interessant zu beobachten, wie ein wichtiger Impuls auf die Menschen wirkt in diesen aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Da müssen wir uns auf das vorher Gesagte beziehen, daß das Wahrnehmungsvermögen uns verbindet mit dem Physischen, das Vorstellungsvermögen mit dem Astralischen, die Gemütsbewegungen mit dem niederen Devachan und die Moralität mit dem höheren Devachan.
[ 27 ] It is interesting to observe how a significant impulse affects people during these successive cultural epochs. Here we must refer to what was said earlier, namely that the faculty of perception connects us to the physical, the faculty of imagination to the astral, the emotions to the lower Devachan, and morality to the higher Devachan.
[ 28 ] Wenn also an den Menschen ein Impuls herankommen sollte im Griechen- und Römertum, dann war der Mensch geschult, besonders wahrzunehmen das, was äußerlich herantritt. Daher tritt der Impuls des Christus-Ereignisses als äußere Wahrnehmung in die Welt. Jetzt leben wir in der Kultur der Vorstellungen. Daher wird unsere Kulturepoche ihr Ziel erreichen dadurch, daß man Christus wissen wird als etwas, was aus der astralischen Welt heraus wahrgenommen wird als innere Vorstellung. Als Äthergestalt wird er sich kundgeben aus der Astralwelt heraus. In der nächsten Epoche, in der Zeit der Gemütsbewegungen, wird der Mensch ganz besonders seine Gemütsbewegungen kundgeben, um den Christus astral zu sehen. Und dann in der Moralitätsepoche wird sich der Christus kundgeben als das Höchste, was der Mensch erleben kann: als ein Ich, das hereinleuchtet aus der oberen Devachanwelt.
[ 28 ] If, then, an impulse were to approach human beings in Greek and Roman times, they were trained to perceive especially that which approaches from the outside. Therefore, the impulse of the Christ event enters the world as an external perception. Now we live in the culture of mental images. Therefore, our cultural epoch will reach its goal through the fact that Christ will be known as something perceived from the astral world as a mental image. As an etheric figure, he will reveal himself from the astral world. In the next epoch, the epoch of emotional movements, human beings will express their emotional movements in a very special way in order to see Christ astral. And then, in the epoch of morality, Christ will reveal himself as the highest thing a human being can experience: as an I that shines in from the higher Devachan world.
[ 29 ] Also auch die Wahrnehmung des Christus wird sich fortentwickeln. In seinen Vorstellungen, in seinen Imaginationen wird der Mensch jetzt auf natürliche Weise wahrnehmen den Christus.
[ 29 ] Thus, the perception of Christ will also continue to evolve. In their mental images and imaginations, people will now perceive Christ in a natural way.
[ 30 ] So sehen wir aus diesen Darstellungen, daß der Mensch eine gewisse Übereinstimmung finden kann zwischen dem, was Geisteswissenschaft sagt, und dem, was in der Welt geschieht — vorausgesetzt, daß der Mensch ihm etwas entgegenbringt.
[ 30 ] From these descriptions, we can see that a person can find a certain correspondence between what Spiritual Science says and what happens in the world—provided that the person responds to it in kind.
[ 31 ] Das sind Punkte, wie sie für eine lokale Vereinigung berührt werden können, um irgend etwas von den zahlreichen Fragen zu beantworten, durch die der Mensch an die geistige Welt herankommen kann.
[ 31 ] These are the kinds of issues that a local association might address in order to answer some of the many questions through which people can approach the spiritual world.
