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Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143

14 Januar 1912, Winterthur

2. Die menschlichen Seelenbetätigungen im Wandel der Zeiten

[ 1 ] Es wird vielleicht heute gut sein, wenn wir eine Betrachtung anstellen über geisteswissenschaftliche Fragen, welche dem einen und anderen Dienste leisten können, wenn es sich darum handelt, die Geisteswissenschaft nach außen hin zu verteidigen. Denn gerade dann, wenn man das erste Mal an einem Orte zusammentrifft, wo sozusagen wiederum eine Art von Anfangs- oder Ausgangspunkt der geisteswissenschaftlichen Bewegung in Aussicht genommen werden soll, ist es ganz gut, sich manches vor die Seele zu führen von den moralischen Fragen, die oftmals an uns herantreten, besonders wenn wir selber schon in diesem oder jenem Zweige arbeiten und dann vor Menschen stehen, die ohne Bekanntschaft mit der Geisteswissenschaft hineinkommen und etwas wissen wollen, was vielleicht dazu führen könnte, sie zu einer Überzeugung oder wenigstens zu einem Verhältnis gegenüber der Geisteswissenschaft zu bringen.

[ 2 ] Da muß sich ja Geisteswissenschaft berufen auf übersinnliche, auf geistige Erfahrung. Und so wie uns heute die Botschaft der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung gebracht wird, ist sie eine Erzählung, eine Erzählung von demjenigen, was der Geistesforscher — dadurch, daß er seine Seele zu einem Instrumente gemacht hat, um in der geistigen Welt zu forschen — offenbaren kann und was für ihn eine solche Gewißheit hat, wie für die äußere Anschauung die Tatsache, daß es Rosen oder Tische und Stühle gibt, also eine unmittelbare Anschauungsgewißheit.

[ 3 ] Aber was geht das uns an, die wir eine solche unmittelbare Anschauungsgewißheit nicht haben? — möchten die anderen fragen. Für uns kann es doch nur dazu führen, daß wir das glauben, was der Geistesforscher sagt. — Nun ist von mir immer betont worden, daß die Sache nicht so liegt. Zwar können die Dinge der höheren Welt nur dadurch gewußt werden, daß man in diese eindringt; aber wenn sie dann nur logisch dargestellt werden, ist es so, daß jeder sie begreifen kann, wenn er seine Vernunft in richtiger Weise anwendet, so daß er sich sagen kann: Alles, was da gesagt wird, stimmt mit den Tatsachen mehr überein als alles, was durch eine andere Philosophie gesagt wird. — Wir können also unsere Vernunft ruhig anwenden und finden, daß aus der Logik, die den Dingen zugrunde liegt, die Sache schon begriffen werden kann. Zwar ist es nicht so leicht, aber es kommt doch dazu, daß auch der Nichtschauende sich eine ganz gegründete Überzeugung bilden kann.

[ 4 ] Für die eigentlichen Beweise wird das natürlich nicht ausreichen, was man den Außenstehenden sagen kann. Aber wenn man gewisse Dinge, die jeder wissen kann, nimmt und vergleicht mit dem, was der Geistesforscher sagt, dann können wir im Grunde schon recht weit kommen. Nehmen wir nur eine ganz elementare geisteswissenschaftliche Wahrheit, die Wahrheit, daß der Mensch aus vier Gliedern besteht, dem physischen Leib, dem Äther- und dem Astralleib und dem, was wir das Ich nennen. Von diesen vier Gliedern kennt die äußere Welt ja nur den physischen Leib, und es steht natürlich jedem frei, abzuleugnen, daß es so etwas wie einen Ätherleib oder einen Astralleib oder das Ich gibt.

[ 5 ] Man kann zwar sagen: Jeder spricht vom Ich; aber widerlegt wird es doch. Das Ich ist wie eine Art Flamme, die durch den Brennstoff des Physisch-Leiblichen wie ein Docht verzehrt wird. — So hat man den Philosophen Bergson widerlegen wollen, der sich auf die Fortdauer des Ich beruft.

[ 6 ] Wir können aber sehen, wie das Ich einzelne Vorstellungen überlebt. Jeder Tag zeigt ja das, indem in jeder Nacht das Ich ausgelöscht ist, nicht als etwas ununterbrochen Fortdauerndes erlebt werden kann.

[ 7 ] Man könnte ja hinnehmen, daß diese übersinnlichen Glieder geleugnet werden können; aber eines wird der Mensch nicht leugnen können, nämlich, daß er in sich selbst dreierlei innere Erlebnisse wahrnimmt. Das eine ist, daß er in seiner Seele Vorstellungen erlebt. Denn ein jeder weiß, wenn er sich einen Gegenstand ansieht und sich dann umwendet und noch den Eindruck davon hat, dann hat er eine Vorstellung erlebt. Das zweite, was der Mensch erlebt, und was er unterscheiden muß von seinen Vorstellungen, das sind die Gemütsbewegungen: Lust und Leid, Freude und Schmerz, Sympathie und Antipathie. Und ein drittes kann der Mensch nicht leugnen: daß er Willensimpulse hat.

[ 8 ] Nehmen wir die Vorstellungswelt: Der Mensch kann sich eine Vorstellung machen, indem er die Welt der Wahrnehmungen auf sich wirken läßt. Er kann sich auch Vorstellungen machen, indem er einen Roman liest, denn der Mensch hat auch, indem er etwas liest, Vorstellungen. Sie alle wissen, daß der Mensch es in bezug auf seine Vorstellungen manchmal schwer und manchmal weniger schwer hat. Die Vorstellungen, denen sich der Mensch instinktiv gern hingibt, wirken anders als diejenigen, denen er sich mit Widerwillen hingibt oder die ihm Schwierigkeiten machen. Sie alle wissen, daß eine schwierige Rechnung eine andere Wirkung auf Ihre Vorstellungsart macht als ein Roman. Wir merken, daß wir müde werden vom Vorstellungsleben, wenn es uns Anstrengung macht. Das kann um so weniger bezweifelt werden, da es ein Mittel ist, um leichter einzuschlafen. Es müssen aber nicht Vorstellungen sein, die uns besonders irritieren, auch nicht solche, die Sorgen machen, sondern solche, die für uns schwierig sind. Jedenfalls das eine kann jeder Mensch an sich erleben: daß er äußerlich verhältnismäßig leicht einschläft, wenn er sich vor dem Einschlafen mit einer solchen Vorstellungswelt durchdringt, an die ihn das Pflichtgefühl binder.

[ 9 ] Nehmen wir jetzt die Gemütsbewegungen. Lust und Leid, Freude und Schmerz, Sorgen, Bekümmernis und dergleichen sind etwas, was uns unter Umständen für solche Momente äußerlich Schwierigkeiten machen kann. Ein Mensch, der schwer mitgenommen ist von seinen Gemütsbewegungen, schläft schwer ein. Selbst freudige Erfahrungen werden ihn verhindern, ruhig einzuschlafen.

[ 10 ] Wenn man auf solche Dinge achtgibt, wird man bald bemerken, daß Gemütsbewegungen ein größeres Hemmnis als Vorstellungen beim Übergehen in den Schlafzustand geben, und insbesondere Gemütsbewegungen, die zusammenhängen mit den intensivsten Interessen des Ich. Wenn der Mensch ein besonderes Ereignis, das ihn erwartet, vor sich hat, schläft er oft wochenlang nicht. Versuchen Sie es nur einmal: Ein Ereignis, das mit einer gewissen Sicherheit eintreten muß, zum Beispiel das Auftreten eines Kometen — wenn Sie nicht gerade ein Astronom sind, der sein Ich-Interesse dabei hat —, das wird Sie recht gut einschlafen lassen. Den Astronomen nicht, weil er gerechnet hat und sorgenvoll wartet, ob seine Rechnung stimmt.

[ 11 ] Nun können wir noch von einer anderen Seite diese Gemütsbewegungen ins Auge fassen. Wir können ja in einer gewissen Beziehung den Schlaf mit dem Hellseherischen des Menschen in Zusammenhang bringen. Der Schlafzustand ist ein solcher, daß der Mensch bewußtlos ist. Hellsehen ist nur: von geistigem Licht durchdrungenes Schlafen, bewußtes Schlafen, wenn wir so definieren dürfen. Es müßte also günstig sein für die hellseherischen Zustände, wenn man von allen Gemütsbewegungen frei ist, und ungünstig, wenn man von solchen erfüllt ist. Das kann man durch manches, was man auch äußerlich wissen kann, bestätigt finden, zum Beispiel an Nostradamus, der im 16. Jahrhundert ein bedeutender Hellseher von der Art war, daß er prophetisches Hellsehen besaß, so daß selbst die reinen Historiker nicht zweifeln können, daß sich Ereignisse, die er in Verse gebracht, erfüllten und die, wenn man vergleicht, zeigen, daß er ganz wunderbare Angaben gemacht hat. Selbst vom Historiker Kemmerich ist das anerkannt, weil es sich nicht leugnen läßt. Kemmerich selbst erzählt, daß er sich ganz andere Aufgaben gestellt hatte: er wollte nur den Beweis liefern, daß die Gesundheitsverhältnisse für den Menschen sich seit dem 16. Jahrhundert gebessert haben. Und da kam er dazu, sich mit Nostradamus zu beschäftigen.

[ 12 ] Wenn wir Nostradamus verfolgen, so ist es interessant, seine Lebensverhältnisse ins Auge zu fassen. Er war ein Mensch, der solche hellseherischen Kräfte besaß, die auf Anlage beruhen, so daß sie bei der ganzen Familie sich fanden. Bei ihm aber kamen sie in besonderer Weise herauf dadurch, daß er ein hingebungsvoller, wunderbarer Arzt war. Großartiges hat er besonders bei einer Pestepidemie in der Provence geleistet. Aber dann kam auf, daß man sagte, er sei ein geheimer Calvinist. Das schadete ihm so, daß er nicht anders konnte, als seine ärztliche Praxis aufzugeben. Was das heißt, muß man verstehen! Die Kräfte sind doch in der Persönlichkeit! Die Physiker finden: Wenn irgendwo Kräfte in der Natur sich auflösen, dann werden sie anderweitig verwertet. — Nur auf geistigen Gebieten, da wollen die Menschen so etwas nicht wissen. Wenn nun der Mensch solche Kräfte entwickelt in seinem Beruf, so segensreich entfaltet wie dieser als Arzt, so müssen solche Kräfte, die da frei werden, anderweitig sich kundtun. Und sie wandelten sich bei Nostradamus alle in hellseherische Kräfte um, weil er ein gewisses ursprüngliches Hellsehen hatte, wie es auch Paracelsus hatte.

[ 13 ] Nun sehen Sie: da schildert uns gerade Nostradamus recht schön, wie er dazu kam, zukünftige Ereignisse vorauszusehen. Er hatte ein Laboratorium. Das war aber kein Laboratorium, wie es die Chemiker haben. Es war ein Raum, ein Zimmer, neben seiner Wohnung, mit einem Glasdach. Von dort betrachtete er den Gang der Gestirne, ließ die Umformung der Sternbilder auf seine Seele wirken. Und da kamen ihm diejenigen Dinge, die er von der Zukunft sagen konnte. Das ergab sich als eine Intuition. Das sprang aus seinem Gemüte heraus. Aber damit ihm solche Dinge kamen, mußte er ganz frei sein von Kummer und Sorgen und Gemütsaufregungen. Da haben wir ein Beispiel, wie beim Hellsehen, ebenso wie beim gesunden Schlaf, ein Freisein von Gemütsbewegungen da sein muß.

[ 14 ] Jetzt gehen wir weiter und erkundigen uns über den Zusammenhang des Menschen mit seinen Willensimpulsen, sofern als diese Willensimpulse einen Zusammenhang haben mit dem Moralischen. Betrachten wir wiederum den Moment des Einschlafens. Es ist dies ein wichtiger Moment für den Menschen, denn wie uns die Geisteswissenschaft sagt, geht er da über in die astralische Welt.

[ 15 ] Betrachten wir die moralischen Impulse in diesem Moment des Einschlafens. Um diese zu beobachten, muß man schon große Aufmerksamkeit auf solche Vorgänge wenden. Diejenigen Menschen, die so achtgeben, machen folgende Erfahrung: Es rückt also heran der Moment des Einschlafens. Während vorher das Auge klar gesehen hatte, werden nun die Umrisse der Gegenstände unbestimmter. Etwas wie Nebel legt sich darüber. Es ist, wie wenn der Mensch sich abgeschlossen fühlen würde von der Umgebung. Auch im physischen Leib tritt in bezug auf ein bestimmtes Etwas eine Veränderung ein: man kann nicht mehr die Glieder bewegen. Einer Kraft, der sie früher folgten, können sie nicht mehr folgen. Im weiteren bemerkt der Mensch, daß er sich so fühlt, daß er wie ganz von selber gewisse Dinge, die man als Willensimpulse bezeichnen muß, sich vor die Seele gerückt fühlt. Wie eine Einheit treten vor ihm auf die Dinge, die er gemacht hat; die er so gemacht hat, daß er sich keine Vorwürfe zu machen braucht. Und er empfindet eine ungeheure Seligkeit über alles, was er gut gemacht hat. Durch gute Geister sind die Menschen davor geschützt, daß das Schlimme so vor die Seele tritt. Seligkeit zu empfinden über das Gute, das verrichtet worden ist, kann natürlich nicht auftreten, wenn nichts Gutes verrichtet worden ist. Aber so schlimm sind ja die Menschen im allgemeinen nicht, daß sie gar nichts Gutes tun.

[ 16 ] Wer achtgibt, empfindet, wie etwas auftritt wie ein Gedanke, der dunkel und doch deutlich vor der Seele bleibt: Ach, könnte dieser Augenblick festgehalten werden, ach, könnte das immer so bleiben! Dann kommt ein Ruck, und das Bewußtsein ist verschwunden.

[ 17 ] Während die guten Impulse Seligkeit hervorrufen und das Einschlafen fördern, hindern es schlechte Impulse noch mehr als Gemütsbewegungen. Über Gewissensbissen schläft ein Mensch außerordentlich schwer ein. Willensimpulse sind unter Umständen ein noch schlimmeres Hindernis als Gemütsbewegungen, um einzutreten in die geistige Welt, in die wir eintreten sollen. Das Vorstellungsleben macht es verhältnismäßig leicht, die Gemütsbewegungen schon schwerer, und am allerwenigsten lassen uns Gewissensbisse über Handlungen, über die wir uns Vorwürfe machen können, eintreten in die geistige Welt.

[ 18 ] Gewöhnlich halten die Vorstellungen, das heißt unsere Vorstellungen, Wache; indem wir die Bilder des Tages an uns vorüberziehen lassen, schlafen wir gewöhnlich ganz gut ein. Wenn aber Empfindungen hinzukommen, so sind diese eine weniger gute Wache; wir schlafen unter Erregung weniger gut ein. Am meisten aber halten Wache über unseren Schlaf, daß wir am besten ins Devachan kommen, die Willensimpulse, die Willensimpulse, die uns zu moralischen Taten geführt haben. Wenn wir in unserer Rückschau an einen Punkt kommen, der uns mit Befriedigung, mit moralischer Genugtuung über eine gute Tat erfüllt, in der unser Willensimpuls zum Ausdruck gekommen ist, dann ist der Moment der Seligkeit da, der uns hinüberträgt ins Devachan.

[ 19 ] Wenn man beachtet, was die Geisteswissenschaft sagt, so wird man finden, daß schon Übereinstimmung herrscht zwischen diesen Beobachtungen und dem, was hellseherisch gefunden wird. Denn Geisteswissenschaft sagt uns: Der Mensch gehört mit seinem Ätherleib der astralischen Welt an. Dadurch, daß er mit dem Ätherleib der astralischen Welt angehört, lebt er in seinen Vorstellungen als in etwas, was der physischen Welt gar nicht eigen ist. Die physische Welt gibt uns Wahrnehmungen. Aber von ihnen müssen wir uns abwenden, und dann bleibt uns noch etwas: Vorstellungen. Sie sind schon etwas Übersinnliches. Diese Vorstellungen hat der Mensch dadurch, daß die Kräfte der Astralwelt in seinen Ätherleib hineinreichen, so daß der Mensch durch seine Vorstellungen in einem gewissen Zusammenhang mit der Astralwelt steht. Zweitens sagt uns die Geisteswissenschaft: Gemütsbewegungen sind etwas, was nicht bloß Zusammenhang hat mit der astralischen Welt, sondern auch mit einer höheren; denn die Gemütsbewegungen hat der Mensch auch im Zusammenhang mit dem unteren Devachan. Drittens lehrt Geisteswissenschaft und aller Okkultismus: Durch das moralische Wirken der Willensimpulse steht der Mensch mit der höheren Devachanwelt, der Welt des sogenannten formlosen Devachan in Verbindung.

[ 20 ] So weisen in dem Menschen diese drei Arten des Seelenlebens auf drei Arten des Zusammenhanges mit den höheren Welten hin. Vergleichen Sie das, was so im gewöhnlichen Leben erlebt wird, mit dem, was die Geisteswissenschaft sagt. Es stimmt zusammen. Vorstellungen sind zum Einschlafen nicht hemmend; denn wir müssen durch sie in die astralische Welt kommen. Dagegen um in die Devachanwelt zu kommen, müssen wir solche Gemütsbewegungen haben, die uns in eine höhere Geisteswelt kommen lassen. Durch eine solche Gemütsbewegung, welche uns herumwälzen läßt auf dem Lager, können wir nicht zum Einschlafen kommen. Die Welt der moralischen Willensimpulse bedeutet unseren Zusammenhang mit der höheren Devachanwelt. Da werden wir erst recht nicht eingelassen, wenn wir nicht solche Willensimpulse haben, über die wir uns keine Vorwürfe zu machen brauchen. Wir können also zum wirklichen Schlafen nicht kommen, wenn wir Gewissensbisse haben. Wir werden da ausgesperrt. Und die geschilderte Seligkeit, die wir empfinden über eine gute Tat, ist wie ein äußeres Zeichen dafür: Du darfst in die Devachanwelt hinein. — Kein Wunder, daß die Menschen dies als Seligkeit empfinden, in der sie immer leben möchten. Sie fühlen sich da verwandt mit der höheren Devachanwelt, so daß sie da bleiben möchten. Wenn der Mensch nicht Hellseher ist, kann er sich keine andere Vorstellung von diesen höchsten Zuständen machen als das Einschlafensgefühl, das da eintritt als Seligkeit und moralische Empfindung.

[ 21 ] So können wir dem Menschen zeigen: Du hast dein Seelenleben in dir. Was du vorstellst, zeigt sich so, daß es dich in Zusammenhang bringt mit einem Höheren, und zwar so, daß es dir am leichtesten wird, in die höhere Welt zu kommen; es ist verwandt mit dem Astralischen. Was der Mensch so auslebt, ist wie ein Schatten der höheren Welt. Gemütsempfindungen trennen uns schon mehr, weil durch sie der Mensch mit der niederen Devachanwelt zusammenhängt; Willensimpulse hingegen trennen uns noch mehr, denn sie hängen mit der höheren Devachanwelt zusammen.

[ 22 ] Das ganze steht aber noch in Zusammenhang mit anderen Tatsachen: Das, was nach dem Tode im Kamaloka am wirksamsten ist, sind die Gemütsbewegungen und moralischen Impulse. Vorstellungen über die Sinneswelt sterben ab, nur die von Übersinnlichem kann der Mensch mitnehmen. Dagegen verfolgen uns die Gemütsbewegungen nach dem Tode ganz gewaltig und bleiben. Denn sie sind es, die uns eine gewisse Zeit im Kamaloka halten. Zum Beispiel ein Mensch, der ganz schlecht wäre, würde durch seine Gewissensbisse zwischen Tod und neuer Geburt überhaupt nicht ins Devachan hinaufkommen können, sondern müßte sich ohne das wieder inkarnieren. Ohne moralische Regungen würde er nicht hinaufkommen in die höhere Devachanwelt; er würde in kurzer Zeit wiederkommen und nachholen müssen. Da er keine guten Gemütsbewegungen hatte, ist ihm auch das niedere Devachan verschlossen.

[ 23 ] So können wir vergleichen und zeigen, daß wir eine Anschauung von den Tatsachen des gewöhnlichen Lebens, des gewöhnlichen Seelenlebens gewinnen können, wenn wir sie erklären durch das, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat.

[ 24 ] Anknüpfen möchte ich an das eben Gesagte eine andere Tatsache, die Ihnen wichtig erscheinen wird, wenn Sie den geistigen Blick lenken auf die Tatsache der Lehre von der Reinkarnation, von den wiederholten Erdenleben. Wenn wir wiederholt auf Erden uns verkörpern, so muß das doch einen gewissen Zweck haben. Es würde die Entwickelung ja keinen Zweck haben, wenn wir dadurch nicht etwas erleben würden! Was hat es für einen Sinn, daß man sich wiederverkörpert? Durch die Tatsachen der geistigen Anschauung kommen wir dazu, zu sehen, wie sehr verschieden das menschliche Leben in den verschiedenen Zeitaltern ist. Denken wir zurück an die alten Zeiten, als man Griechisch oder Latein gesprochen und das getan hat, was damals üblich war! Was man heute verlangt: daß man Kinder in die Schule schickt, das kam erst spät auf. Während man heute in einem Analphabeten einen ungebildeten Menschen sieht, war das früher nicht so. Sonst müßte unsere Statistik zum Beispiel Wolfram von Eschenbach einen ungebildeten Menschen nennen. Etwas anderes, was man heute nicht als Bildung ansieht, hatte man zum Beispiel im alten Rom: Da wußte jeder römische Bürger — auch der sein Feld mit dem Pfluge durchzog — genau den Inhalt der Zwölftafelgesetze und vieles andere, was mit der Gestaltung des bürgerlichen Staates zusammenhängt. Der Römer hatte nicht nötig, um jede Kleinigkeit zum Rechtsanwalt zu rennen. — Das ist ein Beispiel. Wenn diese großen Verschiedenheiten gekannt würden, so würde es den Menschen vergehen zu fragen, warum wir immer wieder als Kinder inkarniert werden müssen; das sei doch nicht nötig! Nein, so ist es nicht! Jedesmal, wenn wir wiederkommen, hat sich die Kultur so verändert, daß wir wieder etwas. lernen müssen. Also: Wir sind geboren gewesen in ganz anderen Verhältnissen, und es ist durchaus nötig, immer wieder zu kommen, bis die Erde an ihrem Ziel angekommen sein wird.

[ 25 ] Nun unterscheiden wir dieses, was der Mensch in den aufeinanderfolgenden Kulturen werden kann, am besten, wenn wir wissen, daß die verschiedenen Eigenschaften, die heute aufgezählt wurden als inneres Seelenleben, in der äußeren Kultur sich nach und nach entwickeln. In unserer Zeit findet man als Charakteristisches, daß von den aufgezählten Impulsen der größte Wert auf die Vorstellungen gelegt wird. Wir leben in einer Kultur des Vorstellungslebens. Der Intellekt wird entwickelt. In der griechischen und römischen Kultur hat man nicht so viel gedacht, dafür aber mehr wahrgenommen, als es die heutigen Menschen tun. Etwas Komisches, aber gleichzeitig etwas Großartiges liegt in dem, was sich Hebbel, der Dramatiker, in sein Notizbuch schrieb: Nehmen wir an, daß Plato wiedergeboren würde; dann würde er ein Gymnasiast und müßte in der griechischen Sprache den Plato lesen, und der Gymnasiallehrer ist furchtbar unzufrieden, weil er den Plato nicht versteht, prügelt ihn. — Das wollte Hebbel dramatisieren. Nun, das ist auf der einen Seite recht komisch, aber auf der anderen recht begreiflich. Denn wahr ist, daß heute der Gymnasiallehrer viel mehr vorstellt als selbst der große Philosoph Plato zu seiner Zeit. Man sieht nur die Welt in gewisser Weise heute kurzsichtig an. Der heutige Bauer denkt mehr, als der griechische Philosoph gedacht hat. Dagegen wurde dazumal das Wahrnehmungsvermögen viel mehr ausgebildet. Der Mensch hing mit der ganzen Natur zusammen. Die Wahrnehmung war da dasselbe, was jetzt bei uns die Vorstellung ist. Heute wird ja das Wahrnehmen gar nicht mehr gelernt, nur von denen, die eine Schulung durchmachen. Es ist durchaus möglich, daß einer in dem, was er laboratoriumsmäßig lernt, weit kommt, und doch draußen sehr unerfahren ist, den Weizen nicht vom Roggen unterscheiden kann. So daß wir sagen können, daß die Menschen heute viel Vorstellungsvermögen haben, damals aber im Wahrnehmen geschult wurden. Daher können wir zwei Epochen unterscheiden: eine Epoche der Wahrnehmungen und eine der Vorstellungen. Dann wird eine dritte folgen, durch die werden die Gemütsbewegungen ausgebildet sein, die heute nur nebenher gehen. Ein Mensch, der beginnt, eine gewisse Entwickelung durchzumachen, muß in der Tat schon vorausnehmen, was allgemeine Menschenkultur in späterer Zeit werden soll. Er muß also die Gemütsbewegungen fördern. Da kann es leicht vorkommen, daß irgendein Mensch den Anfang gemacht hat mit der Ausbildung seiner Gemütsbewegungen nach höheren Welten hin und dann in Berührung mit den anderen Menschen die Vorstellungskultur hat. Dann wird er die Beobachtung machen, daß einmal das Richtige, ein andermal das Falsche gefühlt wurde. Ein bloß intellektueller Mensch wird aus logischen Gründen das Richtige annehmen und das Falsche abweisen. Es wird lange dauern, bis eine höhere Kulturstufe kommen wird, in der man gegenüber dem Richtigen ein Wohlgefallensgefühl und gegenüber dem Unrichtigen ein Mißfallensgefühl empfinden wird. Das gibt einem dann Sicherheit gegenüber dem wahren und falschen Wesen; denn verlangt wird nicht nur eine Vorstellung von wahrem und falschem Wesen. Da haben wir nicht lange zu tun, um eine Sache zu beweisen, da wir sie im Nu erfassen. Heute müssen wir beweisen, entwickeln. Dann wird man nicht mehr zu beweisen brauchen, sondern zu gefallen. Daher wird auf die Wahrnehmungskultur der Griechen und die Vorstellungskultur unserer Zeit eine Seelenkultur folgen, wenn wir uns wieder inkarnieren. Dann folgt noch eine Kultur in bezug auf die Impulse; dann werden die Willensimpulse eine große Ausbildung erfahren. Diejenigen Menschen, die da inkarniert werden, werden verfolgen, was sozusagen ein sokratisches Ideal ist. Wäre das nicht, so könnte ein Mensch, der noch so klug ist, ein idealer Schurke sein; umsonst hätte Hamlet auf seine Schreibtafel geschrieben, daß einer lächeln und immer lächeln und doch ein ausgemachter Schurke sein kann.

[ 26 ] Auf die Epoche der Gemütsbewegungen folgt eine Epoche ausgeprägter Moralität. Da wird sich, wie die okkulten Forschungen zeigen, noch ein ganz besonderer Fall darstellen. Nehmen wir an, es würden die Leute immer klüger und klüger werden. Man kann es werden nach der Art der heutigen Vorstellungsweise. Man kann sogar seine Klugheit brauchen, um böse Taten zu inszenieren. Aber merkwürdigerweise wird in unserer übernächsten Epoche dieses stattfinden, daß Schlechtigkeit der Willensimpulse lähmend wirken wird auf die Intellektualität! Das wird das Eigentümliche der moralistischen Kulturepoche sein, daß die Immoralität die Kraft haben wird, die Intellektualität abzutöten. Ein Mensch dieser Epoche muß sich deshalb so weiter entwickeln, daß er mit seiner Moralität seiner Intellektualität nachkommen muß. Wir können also sagen: Wir haben die griechischrömische Kultur als Zeit der Wahrnehmungskultur, die unsrige als Zeit der intellektuellen. Dann kommt die Zeit der Gefühlskultur und darauf die Zeit der eigentlichen Moralität.

[ 27 ] Nun ist es interessant zu beobachten, wie ein wichtiger Impuls auf die Menschen wirkt in diesen aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Da müssen wir uns auf das vorher Gesagte beziehen, daß das Wahrnehmungsvermögen uns verbindet mit dem Physischen, das Vorstellungsvermögen mit dem Astralischen, die Gemütsbewegungen mit dem niederen Devachan und die Moralität mit dem höheren Devachan.

[ 28 ] Wenn also an den Menschen ein Impuls herankommen sollte im Griechen- und Römertum, dann war der Mensch geschult, besonders wahrzunehmen das, was äußerlich herantritt. Daher tritt der Impuls des Christus-Ereignisses als äußere Wahrnehmung in die Welt. Jetzt leben wir in der Kultur der Vorstellungen. Daher wird unsere Kulturepoche ihr Ziel erreichen dadurch, daß man Christus wissen wird als etwas, was aus der astralischen Welt heraus wahrgenommen wird als innere Vorstellung. Als Äthergestalt wird er sich kundgeben aus der Astralwelt heraus. In der nächsten Epoche, in der Zeit der Gemütsbewegungen, wird der Mensch ganz besonders seine Gemütsbewegungen kundgeben, um den Christus astral zu sehen. Und dann in der Moralitätsepoche wird sich der Christus kundgeben als das Höchste, was der Mensch erleben kann: als ein Ich, das hereinleuchtet aus der oberen Devachanwelt.

[ 29 ] Also auch die Wahrnehmung des Christus wird sich fortentwickeln. In seinen Vorstellungen, in seinen Imaginationen wird der Mensch jetzt auf natürliche Weise wahrnehmen den Christus.

[ 30 ] So sehen wir aus diesen Darstellungen, daß der Mensch eine gewisse Übereinstimmung finden kann zwischen dem, was Geisteswissenschaft sagt, und dem, was in der Welt geschieht — vorausgesetzt, daß der Mensch ihm etwas entgegenbringt.

[ 31 ] Das sind Punkte, wie sie für eine lokale Vereinigung berührt werden können, um irgend etwas von den zahlreichen Fragen zu beantworten, durch die der Mensch an die geistige Welt herankommen kann.