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Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143

15 Januar 1912, Zurich

3. Der Weg der Erkenntnis und sein Zusammenhang mit der moralischen Natur des Menschen

[ 1 ] Die Aufeinanderfolge von Vorträgen, die wir heute und morgen haben, könnte vielleicht einmal dazu benutzt werden, um Dinge zu besprechen, welche ähnlich sind; nur daß man sie das eine Mal bespricht, wie sie geeigneterweise besprochen werden sollen für Mitglieder, für solche Freunde, welche eine gewisse Zeit sich innerhalb eines Zweiges damit beschäftigt haben, die Gesichtspunkte, von denen wir ausgehen, bei ihrer Weltbetrachtung zugrunde zu legen, während dann morgen beim öffentlichen Vortrag ähnliche Dinge und ähnliche Ausgangspunkte in Betracht kommen sollen, aber so, wie sie mehr geeignet sind für diejenigen, die sozusagen unmittelbar vom Außenleben her, noch wenig mit der Geisteswissenschaft bekannt, an diese Bewegung herankommen.

[ 2 ] Heute soll gleichsam der Ausgangspunkt genommen werden von dem, was eine sehr bekannte Forderung ist für alle diejenigen, welche nicht nur in der Geisteswissenschaft allein, sondern vielleicht auch in der Entwickelung ihres inneren Menschen vorwärtskommen wollen. Es wird ja immer wieder und wiederum betont, daß für die innere Entwickelung eines Menschen — damit diese vielleicht dahin führt, daß er selber Erlebnisse haben kann in der geistigen Welt — die Reinheit und das Liebevolle der Ziele und Absichten von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Wir könnten vielleicht, wenn auch in einer gewissen Beziehung einseitig — aber alles, was man sagt, muß ja einseitig sein —, sagen: Ein Geistesforscher, oder überhaupt jemand, der hinaufkommen will in die geistigen Welten und irgendwie selber etwas finden will von diesen geistigen Welten, muß vor allen Dingen eine bestimmte Seeleneigenschaft haben. Diese Eigenschaft der Seele muß so sein, daß er sympathisiert, und zwar energisch sympathisiert mit dem Guten, mit dem Edlen, mit dem Schönen, und daß er gewissermaßen Abneigung empfindet gegenüber dem Bösen, dem Häßlichen. Die Reinheit der moralischen Seelennatur, sie wird ja in bezug auf den Weg in die geistigen Welten immer wieder gefordert und wir könnten wohl sagen: Für ein wirklich im Sinne unserer gegenwärtigen Zeit gelegenes Hinaufsteigen in die geistigen Welten ist ein völliges Durchdrungensein der Seele von wahren, moralischen Absichten und Zielen durchaus nötig. Wir werden nachher hören, daß es allerdings möglich ist, zu hellseherischen Kräften auch ohne diese Grundbedingungen zu kommen; aber hellseherische Kräfte sich zu erwerben ohne die eben charakterisierten Grundbedingungen, hat immer etwas Bedenkliches.

[ 3 ] Um das einzusehen, wollen wir uns jetzt einmal klarmachen, was wir eigentlich unter der moralischen Natur des Menschen verstehen können. Wir werden veranlaßt, von der moralischen Natur des Menschen zu sprechen, wenn wir auf der einen Seite zunächst die Antriebe ins Auge fassen, die dem Menschen zum Handeln, zum Wollen oder Wünschen von der Außenwelt her kommen. Wenn der Mensch durch irgend etwas, was zu seinen natürlichen Bedürfnissen gehört, etwa Hunger oder Durst, veranlaßt wird, diese oder jene Handlung vorzunehmen oder auch nur diese oder jene Handlung zu wünschen oder zu wollen, so sagen wir bekanntlich nicht, daß solches Wünschen oder Wollen moralische Handlungen seien. Selbstverständlich brauchen sie deshalb nicht unmoralisch zu sein. Aber wenn ein Stein zur Erde fällt, so ist das auch keine moralische Handlung und wir fühlen uns überhaupt nicht veranlaßt, die Moralität als Maßstab anzulegen. Ebensowenig fühlen wir uns veranlaßt, von Moral zu sprechen, wenn der Mensch die natürlichen Anforderungen seines Organismus durch Essen und Trinken befriedigt. Wir fühlen uns auch nicht veranlaßt, von Moralität zu sprechen, wenn der Mensch irgendwo eine schöne Blume oder etwas anderes Schönes sieht, und, weil das Betreffende einen schönen, wohlgefälligen Eindruck macht, dadurch veranlaßt wird, es zu begehren, es zu verlangen. Da sprechen wir auch nicht von Moralität.

[ 4 ] Wann sprechen wir eigentlich von Moralität bei der menschlichen Natur? Doch erst dann, wenn nicht solche äußeren Veranlassungen, wie Hunger und Durst oder das Wohlgefühl, das irgendein Gegenstand in uns erregt, die Veranlassung sind, dieses oder jenes zu tun, sondern wenn die Veranlassung aus dem innersten Kern unseres Wesens heraus wie ein Befehl erfolgt, ein Befehl aus unserem Inneren, der unabhängig ist von der äußeren Veranlassung. Wir werden insbesondere gewahr den Unterschied, der da liegt zwischen diesem Moralischen und dem, ich sage jetzt nicht Unmoralischen, sondern dem moralisch Gleichgültigen, wenn wir in Betracht ziehen, wie wir durch die äußere Veranlassung vielleicht dieses oder jenes tun können, das wir dann nicht tun, weil der innere Befehl, den wir einen moralischen Impuls nennen, dagegen spricht.

[ 5 ] Nehmen wir zum Beispiel den ganz naheliegenden, trivialen Fall, daß irgend jemand eine mächtige Neigung hat, zuviel zu trinken. Dann würde er, wenn er in der Lage dazu wäre, eben trinken. Oder er kann aber auch einer inneren Stimme folgen, die nichts zu tun hat mit der Neigung, sondern die entgegengesetzt ist dieser äußeren Veranlassung und die sagt: Das soll nicht sein, was durch die äußere Veranlassung geschehen will! — Da sehen wir, daß in uns etwas sprechen kann, was der äußeren Veranlassung widerspricht. Alles nun, was gleichkommt einem solchen Widersprechen und innerem Verurteilen unserer Handlungen, nennen wir ein Moralisches. Von einem moralischen Handeln können wir also nur dann sprechen, wenn wir von allen äußeren Eindrücken, von allem, wozu wir durch Äußeres gezwungen sind, absehen und nur hinsehen auf das, was aus unserem Inneren heraus spricht. Dadurch ragt ja der Mensch über die Tierheit hinaus, daß er so etwas in seinem Inneren hören kann, was über die Veranlassung von außen geht, was sogar dieser Veranlassung von außen widersprechen kann.

[ 6 ] Wir müssen empfinden, daß wir in der Moralität etwas haben, was durch sich selbst wahr ist. Das ist der wesentliche Grundzug aller moralischen Impulse, daß sie durch sich selbst wahr sind, und die äußeren Verhältnisse nichts beitragen können, wenn irgendeine Handlung als moralisch oder unmoralisch bezeichnet werden soll. Wenn wir scheinbar irgend etwas auf äußere Veranlassung hin doch als moralisch bezeichnen, so geben wir uns oftmals bei einer solchen Bezeichnung einer Illusion hin. Würde man zum Beispiel sagen: Der Mensch richtet sich so ein, daß er in bezug auf Essen und Trinken nicht bloß Hunger und Durst folgt, sondern dem Grundsatz, daß nun einmal notwendig sei, seinen Organismus zu pflegen, um sich in der Außenwelt zu erhalten, so daß man da doch die äußeren Erfordernisse des Lebens als die maßgebenden Impulse ansehen könne, so wäre das eine Illusion. Nur wenn wir zu dem äußeren hinzufügen können den inneren Impuls: daß es richtig und gut ist, daß der Mensch sich auf Erden erhält, und zwar nicht nur um der äußeren Aufgabe, sondern um der inneren Aufgabe des Menschen willen, die daraus folgen kann, nur dann ist Moralität gegeben; sonst ist sie nur eine scheinbare. Das Kennzeichen für das, was moralisch ist, ist also, daß der Impuls nicht von der Außenwelt veranlaßt wird, sondern rein den Kräften unserer Seele entspringt. Nun könnte natürlich jemand sagen: Es gibt aber doch auch böse Stimmen in unserem Inneren; wir folgen doch oft Impulsen, die wir deutlich als innere Impulse erkennen und die durchaus nicht solche sind, die wir als moralische bezeichnen können. Da kann man sagen aber wir können dieses Kapitel gerade heute nicht eingehend besprechen, weil wir uns heute eine andere Aufgabe stellen —: Wenn der Mensch solchen scheinbar inneren Impulsen folgt, die schlecht, die böse sind, so folgt er in Wahrheit nicht sich selbst, sondern er folgt Impulsen, deren Ursprung er nicht kennt und die er verwechselt mit solchen, die von innen kommen. Wir kennen ja alle aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen die luziferischen Kräfte. Die kommen nicht von innen, sondern gewissermaßen von außen, indem sich die luziferischen Wesenheiten in unserem Astralleib und nicht in unserem Ich festgesetzt haben, so daß wir, wenn wir das Moralische so definieren, zahlreichen Widersprüchen ausgesetzt sind. Wenn wir genauer auf das eingehen, werden wir als das Charakteristische des Moralischen finden, daß alle moralischen Impulse aus unserem innersten Wesenskern aufsteigen müssen. Da können wir das, was uns sozusagen moralisch gefällt, unser moralisches Wohlgefallen hervorruft, uns mit Entzücken, mit Enthusiasmus erfüllen kann, gleichsam als Ideal hinstellen für das, wobei der Mensch so ganz bei sich selbst, so ganz in seinem Inneren ist. Und wenn es schon im gewöhnlichen Leben außerordentlich nützlich und notwendig ist, daß der Mensch sich klarmacht, daß er nur bei den moralischen Urteilen ganz bei sich selbst ist, oder bei Urteilen, welche in ähnlicher Weise entstehen, so ist dieses für den praktischen Okkultismus geradezu eine Grundforderung. Sie muß anerkannt werden als Grundsatz des Okkultisten. Es kommt darauf an, daß alle Ereignisse bei ihm nach dem Muster der moralischen Impulse ablaufen, daß nichts geschieht in der Seele, wenn man in den höheren Erkenntnispfad eintritt, was nicht nach dem Muster eines wirklichen moralischen Impulses geschieht.

[ 7 ] Bedeutsam ist, daß der Mensch, der praktischer Okkultist werden, der den Erkenntnispfad gehen will, sich vornehmen soll, nichts auszuführen, von dem er nicht sagen kann: Wenn ich es vergleiche mit dem, was im menschlichen Inneren ist, was ich als moralisch bezeichne, muß beides ähnlich sein. — Der Erkenntnispfad darf auf keiner Stufe abweichen von dem, was sich dem moralischen Verhalten des Menschen ähnlich erweist. Die Ähnlichkeit des Erkenntnispfades mit den moralischen Impulsen geht sogar bis in die Einzelheiten. Das soll an einem ganz bestimmten Beispiel klargemacht werden.

[ 8 ] Es ist, so wie die Menschen nun einmal in der Gegenwart sind, mit der Moralität etwas ganz Besonderes. Im Grunde sind eben die Zehn Gebote doch noch das Bedeutendste unter unseren Gesetzen. Die Zehn Gebote sind, wenn wir näher darauf eingehen, in einer ganz besonderen Weise aufgebaut. Von den zehn sind nur drei so gebaut, daß es heißt: Du sollst etwas tun. — Die anderen sieben sind so gebaut, daß man sagt: Du sollst nicht! — Daraus geht hervor, daß die Weltenmächte viel mehr Notwendigkeit sehen, den Menschen moralische Gesetze zu geben, die sagen: Du sollst etwas nicht tun —, als solche, die sagen: Du sollst etwas tun. — Denn das, was geboten wird, nicht zu tun, verhält sich zu dem, was geboten wird, zu tun, wie sieben zu drei. Wir können also sagen: Die Moralität muß im allgemeinen in der Menschennatur so wirken, daß sie sich besonders auf den Standpunkt stellt, — zu sagen: Du sollst etwas nicht.

[ 9 ] Wir können dies Verhältnis sieben zu drei in den Zehn Geboten näher vergleichen. Wenn wir die sieben betrachten, die besagen: Du sollst etwas nicht tun —, so beziehen sich diese alle auf Dinge der äußeren Welt, auf das, was man nicht tun soll in der physischen Welt; dagegen beziehen sich die drei Gebote, die das «Du sollst» enthalten, eigentlich auf dasjenige, was über die physische Welt hinausgeht. Da heißt es: Du sollst an einen einzigen Gott glauben —, Du sollst den Namen dieses Gottes nicht mißbrauchen — und so weiter. Daraus sehen wir, daß in bezug auf die eigentlich geistigen Angelegenheiten der Seele die Gebote positiv sind; dagegen haben alle Gebote, welche sich auf eigentliches moralisches Verhalten im äußeren physischen Leben beziehen, ein «Du sollst nicht». Wenn wir nämlich auch vermeinen, das vierte Gebot «Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest auf Erden» sei positiv, so spüren wir doch, daß es im Grunde genommen einen stark negativen Charakter hat, wie die anderen sechs Gebote auch. Es ist eine Art Übergangsgebot, das sich zwar auf die physische Welt bezieht, aber gleichwohl von dieser physischen Welt schon hinaufführt in die geistige Welt. Auch das können wir bis ins kleinste nachweisen, möchte ich sagen, denn bei allen älteren Völkern lag der sogenannte Ahnendienst der Religion zugrunde, und in den Vorfahren, den Vorvätern war zugleich ein Göttliches gegeben. Insofern war die Verehrung der Ahnen, von denen die unmittelbaren Vorfahren nur ein Spezialfall sind, eine Art Übergang von der Sinnenwelt zu der höheren Welt. Aber insbesondere wurde dieses vierte Gebot doch auf die unmittelbare physische Welt, auf das Verhältnis der Kinder zu den Eltern bezogen. In bezug auf die Eltern können wir dieses Gebot erfüllen, wir können fühlen, daß das vierte Gebot zunächst in positiver Weise gegeben ist, daß es aufgerichtet ist über den Menschen, um zu verhüten, daß etwas geschieht. Bei den ersten Geboten ist der Gegenstand, auf den hingedeutet ist, in der physischen Welt noch gar nicht vorhanden.

[ 10 ] Durch die Struktur dieses Zehn-Gebote-Wesens wird uns hingedeutet auf das, was einen wesentlichen Grundzug der Moral in der sinnlichen Welt ausmacht: daß die moralischen Impulse widersprechen dürfen demjenigen, was der Mensch tun würde, wenn er bloß den Antrieben der physischen Welt folgte. Damit wird für den Erkenntnispfad, der nach dem Muster der moralischen Impulse aufgebaut werden muß, deutlich gesagt: Wir müssen auf dem okkulten Erkenntnispfad unser ganzes Erkennen moralisieren, unsere sonst bloß theoretischen Erkenntnisgesetze müssen innerliche Moralgesetze werden. — Es muß also dasjenige, was sich vorzugsweise auf den physischen Plan bezieht, wenn der Mensch durch innere Erkenntnis der Dinge ihm gegenübersteht, so werden, daß er das, was unmittelbar vor ihm sich ausbreitet, auslöscht, daß er sagt: Ich lösche es aus, so wie die niederen Neigungen ausgelöscht werden, wenn das moralische «Du sollst nicht» ruft. — In der Tat wird aus diesem Grunde in jeder wahrhaften Schilderung des Erkenntnispfades darauf hingewiesen, daß man durch Veredelung der moralischen Impulse die Erkenntniskräfte am sichersten in die höhere Welt hinaufhebt. Das drückt sich schon in allen Einzelheiten aus. Nehmen wir an, wir hätten irgendeine Pflanze. Was können wir zunächst als äußeren Impuls bezeichnen, der von ihr ausgeht? Nehmen wir das Blatt der Pflanze. Da können wir als äußeren Impuls bezeichnen, daß die Blätter auf uns grün wirken. So sind in der physischen, sinnlichen Welt zum Beispiel die Rosenblätter grün. Nehmen wir nun an, es würde von demjenigen, der als praktischer Okkultist wirklich zur höheren Erkenntnis gelangen wollte, gefordert, daß er sich nach dem Muster moralischer Erkenntnisse bilden sollte, so müßten die meisten Bilder so entstehen, daß er sich dieses grüne Blatt vorhält und gegenüber der Grünheit der Pflanze der innere Impuls erwacht: Du sollst nicht grün sein. — Es müßte möglich sein, daß wir das grüne Blatt mit einer solchen Sehkraft anschauen, daß der äußere Impuls nicht wirkt, daß ebenso, wie vor dem moralischen Urteil die schlechte Neigung erlischt, die Grünheit des Blattes durch eine andere, sagen wir, hellseherische Kraft erlischt. In der Tat, wenn der Mensch in richtiger Weise, so wie es beschrieben ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»?, seine hellseherischen Kräfte entwickelt, dann lernt er das grüne Blatt anschauen und, so wie moralische Urteile schlechte Neigungen auslöschen, so erlischt die nur für den physischen Plan geltende Grünheit des Blattes. Und wo sonst Grünheit erscheint, haben wir gegenüber dem hellseherischen Vermögen in diesem Falle eine hellrosenrote oder eine der Pfirsichblüte ähnliche Farbe. Die erscheint dann, wenn wir durch unsere hellseherische Kraft wegschaffen können, was in der Maja ist, was auf dem physischen Plan ist. So schaffen wir durch die hellseherische Kraft das, was auf dem physischen Plan ist, weg und lösen das aus, was als ein Übersinnliches dem Sinnlichen zugrunde liegt. So können wir sagen: Das Betreten des Erkenntnispfades geschieht wirklich so wie das moralische Erleben des Menschen. Es wirkt das Gegenüberstellen der übersinnlichen und der sinnlichen Welt gerade so, wie der moralische Impuls auf die unmoralischen Neigungen wirkt. Wenn man dagegen die Rosen selber anschauen würde, etwa diese Rose hier, die auf dem physischen Plan so ein sattes Rot hat, so würde man für diese Rose ein helleuchtendes, durchsichtiges Grün erkennen, für die hellere Rose eine Art sattes Grün, mit einer etwas blauen Nuance.

[ 11 ] So haben wir in einem einzelnen Fall gesehen, daß okkulte Urteile, die dem hellseherischen Schauen entsprechen, so aufgebaut sind seelisch, wie die moralischen Urteile, die das auslöschen, was unmoralisch ist. Daraus können wir schließen, daß das, was wir an unserem Ausgangspunkt gesagt haben, erhärtet wird. Wir müssen ja, um zu höheren Erkenntnissen zu kommen, lernen, aller physischen, äußeren Welt gegenüber die unmittelbaren Eindrücke auszulöschen, die Maja verschwinden zu machen, so daß sich etwas anderes an die Stelle der Maja setzt. Nun lernt man bekanntlich eine Sache am besten, wenn man sie sich durch Dinge einprägt, die dem zu Lernenden ähnlich sind. Kein Mensch wird, um zu lernen, sich an Dingen üben, die mit dem betreffenden Gegenstand nichts zu tun haben. Ich habe nie gehört, daß einer Mathematiker wird dadurch, daß er spazierengeht, einfach weil dies nicht etwas Ähnliches ist. So wird man sich solche seelischen Vermögen, welche moralischen Impulsen ähnlich sind, nur aneignen können, wenn man sich an dem übt, was der Mensch schon im gewöhnlichen Leben hat. Das Hellsehen hat er noch nicht, das ist etwas, was langsam und mühsam erworben werden muß. Aber der Mensch hat immer die Möglichkeit, so in seiner Seele Einkehr zu halten, daß er sich frägt: Welche Dinge finde ich moralisch gut und welche moralisch verwerflich? — Die meisten Menschen handeln ja nicht deshalb nicht moralisch, weil sie nicht wissen, was moralisch ist, sondern nur, weil ihre Neigungen, Triebe, Begierden oder Leidenschaften ihrer moralischen Erkenntnis widersprechen. Dann, wenn wir uns so erforscht haben, können wir zurückgehen auf etwas, was wir in uns entdecken, wie die Zustimmung zu dem, was wir moralisch nennen können. Und wenn wir uns nun üben in dieser Meditation, indem wir uns fragen: Wie können wir uns dieses oder jenes in der Welt nach unserem moralischen Urteil denken? — und uns Bilder schaffen und uns in diese versenken, so werden wir in unserer Seele Dinge und Gefühlsgewohnheiten erleben — sie werden in unserer Seele wirklich reifen —, die verwandt sind den Hellseherkräften.

[ 12 ] Also das nächste, was der Mensch tun kann, um die hellseherischen Kräfte wachzurufen, ist, daß die Moralität und die Handlungen eins werden. Dies ist die beste Schulung für die hellseherischen Kräfte. Deshalb wird immer betont, daß man eigentlich durch nichts anderes als durch Erhöhung des moralischen Charakters zu den hellseherischen Kräften kommen sollte.

[ 13 ] Fassen wir das ins Auge, so werden wir ja allerdings uns die Frage vorlegen müssen: Gibt es denn nicht vielleicht auch andere Wege zum hellsichtigen Schauen? Wir sehen doch vielfach, daß Menschen zu hohen Graden hellseherischen Vermögens kommen, die auf uns gar keinen besonders moralischen Eindruck machen, so daß wir von ihnen nicht annehmen können, daß sie zuerst ihre Moral, ihr Wohl- und Mißfallen, ihren Enthusiasmus am moralischen Urteil gepflegt haben. Wir sehen, daß Leute, die durch allerlei anderes hellseherische Kräfte entwickelt haben, gewisse schlimme Eigenschaften zeigen, die sie früher nicht oder kaum gehabt haben; zum Beispiel wahre Lügenhälse werden, wenn sie anfangen, hellseherische Kräfte zu entwickeln. - Ja, zuweilen wird es eine ganz gefährliche Sache für den Charakter eines Menschen, namentlich wenn er zur Hellhörigkeit kommt. Hellsichtigkeit ist noch nicht so gefährlich wie Hellhörigkeit. Wie stimmt das zusammen mit dem, was gesagt worden ist? Nun, es ist ja, wie Sie sich vielleicht erinnern, in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» überall an den entscheidenden Stellen darauf hingewiesen, daß der Weg zur Erkenntnis der höheren Welten so, wie es heute charakterisiert worden ist, gehalten sein muß. Aber es ist ebenso zweifellos, daß es auch andere Wege gibt. Diesen Weg muß man nur in der richtigen Weise studieren, dann wird man bald einsehen, warum Eigenschaften auftreten können, wie sie eben charakterisiert wurden. Wir müssen uns klar sein, daß wir zunächst in uns haben den geistig-seelischen Wesenskern, den wir zusammenfassen in seinem Mittelpunkt, wenn wir «Ich» oder «Ich bin» sagen. Dieser geistig-seelische Wesenskern ist eingebettet in den Astral-, Äther- und physischen Leib. So wie der Mensch jetzt in der Welt lebt, leben wir eigentlich, wenn wir innerlich leben, in unserem Ich; denn alle Seelentätigkeiten sind bei dem wachen Menschen mit dem Ich in irgendeiner Weise verknüpft, erscheinen gleichsam alle auf dem Hintergrunde des Ich.

[ 14 ] Ich habe öfters ein selbsterlebtes Beispiel angeführt von einem meiner Schulkameraden, der schon als junger Schüler durchaus ein materialistischer Denker war und sagte: Wenn wir denken und wenn wir fühlen, da haben wir es nur zu tun mit Vorgängen im Gehirn; vermöge der Bewegungen unseres Gehirns denken und fühlen wir. Er entwickelte schon damals ganz materialistische Theorien: Wie soll man vom Ich, vom Wesenskern sprechen? Das Gehirn ist es, das fühlt, will und denkt! — Ich erwiderte ihm: Ja, warum lügst du dann in einem fort und sagst immer: Ich denke, ich fühle, ich will, wenn du weißt, daß dein Gehirn das tut? — Natürlich könnte man sagen, das sei ein billiger, trivialer Einwand; aber worauf es ankommt, ist, daß er richtig, erheblich und unmittelbar gültig ist. Wir leben eben vom Aufwachen bis zum Einschlafen in Zusammenhang mit unserem Ich und können unser Ich von gar nichts, was wir denken, fühlen oder wollen, abtrennen. Nun ist das, was wir so innerlich erleben und was durchaus mit unserem Ich verknüpft ist, wie eingebettet in den astralischen, ätherischen und physischen Leib. Diese Leiber erleben wir nicht unmittelbar im normalen Leben. Aus dem Astralleib tauchen allerlei verborgene, unerklärliche Dinge herauf, aber was darin vorgeht, ist dem Menschen unbekannt, so wie demjenigen, der nur das obere Wellenspiel des Meeres betrachtet, unbekannt ist, was in den Tiefen vorgeht. Der Mensch soll nur einmal das Leben beobachten und sehen, wie unbekannt das ist, was im Verborgenen des Lebens vorgeht.

[ 15 ] Da haben wir zum Beispiel ein Kind, das im siebenten Lebensjahre nur einmal erlebte, daß es vom Vater oder der Mutter ungerecht behandelt worden ist. Das hatte eine gewisse Aufregung beim Kinde zur Folge, die man aber nicht beachtete, weil das für die äußere Welt scheinbar sehr bald verschwunden ist. Es ist aber nur in den Astralleib hinuntergestiegen; da unten wogt und treibt es. Das Kind lebt weiter bis zum sechzehnten, siebzehnten Jahre. Es ist auf der Schule. Da kommt irgend etwas vor, der Lehrer macht dieses oder jenes. Ein anderes Kind hätte sich darüber nur aufgeregt, aber dieses Kind begeht Selbstmord! Wer das Leben dieses Kindes nur äußerlich betrachtet, wird allerlei Zeug reden über die Gründe, die es zum Selbstmord veranlaßten. Nur wer das Leben in seinen Tiefen betrachtet, da wo es wogt und treibt, im Astralleib, der wird wissen, daß zu den wichtigsten Ursachen das Erlebnis der Ungerechtigkeit im siebenten Jahre gehörte. Das lebt da unten im Verborgenen fort und wird nur heraufgerissen durch das Vorkommnis in der Schule; wäre das nicht dagewesen, so wäre der Selbstmord nicht vorgekommen.

[ 16 ] Was unmittelbar unter der Schwelle des Bewußtseins sich abspielt, wenn der Astralleib Erlebnisse der unmittelbaren Gegenwart hat, nicht einmal darüber haben wir Gewißheit, noch viel weniger darüber, wie der Astralleib in seiner Struktur, in seiner Formation aufgebaut, zusammengesetzt ist, was seine Elemente, seine Wesenheiten sind. Da sind wir eingebettet in dem, was uns geistig-seelische Mächte, die wir als die Hierarchien kennen, einorganisiert haben. Da unten im Astralleib sind viele Kräfte, wie in der Tiefe des Meeres viele sind, die man nicht sehen kann, wenn man nur das Gekräusel der Oberfläche bemerkt. Und wie das Gekräusel der Oberfläche sich verhält zu dem, was unten im Meer ist, so verhält sich das bewußte Ich zu dem, was unten im Astralleib vorgeht. Da muß schon der Taucher kommen, der untertauchen kann in diese Welt des Astralleibes, und dieser Taucher ist eben nur der Hellseher.

[ 17 ] In einem noch höheren Maße ist das beim Ätherleib der Fall; da haben wir noch verborgenere Tiefen. Und erst beim physischen Leib! Den hat zwar der Mensch von außen vor sich, aber über den hat er die geringste Gewalt und da vermag er eigentlich nur, was der Magen will. Wenn er wählen müßte, ob er einen schlimmen Magen bekämpfen soll oder unmoralische Neigungen, so würde er alle moralischen Bemühungen beiseitestellen und sich um einen gesunden Magen bemühen. Der physische Leib ist Gesetzen unterstellt, die der Mensch nicht in seinem bewußten Ich hat, die er sich von außen in der Maja aneignet. Astral-, Äther- und physischer Leib sind mit Kräften durchsetzt von den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Das aber hindert nicht, daß diese heraufspielen in das bewußte Ich, daß aus den verborgenen Tiefen des Menschenwesens die Kräfte zufließen, heraufspielen in das bewußte Ich, wie wir es ja in dem Falle des Kindes gesehen haben, der wirklich passiert ist. Vom siebenten Jahre an war im Astralleib durch die Erscheinung der Ungerechtigkeit eine Kraft ausgelöst worden, die dann heraufspielte in das Bewußtsein, als der Lehrer den Lappen nahm, mit dem man die Tafel abwischt, und dem Jungen, der inzwischen sechzehn Jahre alt geworden war, einen Schlag ins Gesicht gegeben hatte. Der verläßt das Klassenzimmer, findet zufällig das Chemiezimmer offen, geht hinein und nimmt Gift. Mit allen Mitteln der psychologischen Wissenschaft könnte man nachweisen, wie durch die Gewalt dessen, was da unten im Astralleib war, die Sache heraufgespielt worden ist.

[ 18 ] Es kann aber auch das, was da unten in dem Menschen vorhanden ist, durch gewisses Verhalten ins bewußte Ich heraufgezogen werden. Wir könnten durch das bewußte Ich Kräfte aus dem Astralleib heraufpumpen und dadurch in den Besitz von hellseherischen, das heißt, übersinnlichen Kräften im Bewußtsein kommen. Da pumpen wir aber aus dem, was uns die Götter gegeben haben, gleichsam Kräfte herauf. Das ist in der Tat etwas, was vielfach in Büchern, die Anweisung geben, einen Erkenntnispfad zu betreten, anempfohlen wird. Sehr häufig ist es so, daß diejenigen, die solche Bücher schreiben, auch keine Ahnung haben von dem wahren Vorgang, weil diese Dinge gar nicht mit der Gewissenhaftigkeit gemacht werden, mit der sie gemacht werden müssen. Nun ist es aber zu begreifen, daß die Kräfte, die von höheren Hierarchien unserem astralischen, ätherischen und physischen Leib eingeflößt sind, dahin gehören. Pumpen wir sie herauf, so entziehen wir etwas unserer Organisation; wir nehmen dem, was uns die Götter gegeben haben, etwas weg, wir schwächen uns dadurch. Die Schwächung kann sich so zeigen, daß die von den Göttern eingeflößte Wahrhaftigkeit Schaden nimmt. In einem solchen Grade werden diese Kräfte, die den Menschen früher verhindert haben zu lügen, heraufgepumpt, daß er nun anfängt zu lügen. Hier ist der große Unterschied zwischen dieser Art, zu hellseherischen Kräften zu kommen, und der vorher geschilderten, wie Sie sie Ja konsequent durchgeführt finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Worauf stützt sich diese Art? Eben darauf, daß auf dem Erkenntnispfade nichts entwickelt wird, das nicht nach dem Muster des rein moralischen Urteils ausgeführt wird. Dieses fließt aber niemals aus dem Astralleib, sondern es muß erworben werden wie etwas, was wie eine innere Stimme aufsteigt in dem bewußten Ich. Denn, was nicht ein bewußtes Ich hat, können wir nicht als ein moralisches Wesen ansprechen. Wir sprechen von Moralität nur bei einem Wesen, das in der Lage ist, aus dem mit seinem inneren Wesen verknüpften Wesenskern Impulse aufsteigen zu lassen.

[ 19 ] Nun sollen aber außer den moralischen Kräften solche aufsteigen, welche die Seele hinaufführen in die höhere Welt. Wenn diese nun nicht aus unserem Astralleib kommen sollen, so können sie überhaupt nicht aus uns selber kommen. Sie können unmöglich aus uns selber kommen, denn, was aus uns selber kommt, müßte aus dem bewußten Ich kommen. Aber außer den moralischen Impulsen steigen beim Menschen höchstens die ästhetischen Urteile, die über das Schöne entscheiden, und in gewissem Sinne mathematische Urteile aus dem bewußten Ich herauf. Aus dem Astralleib sollen die Dinge aber nicht heraufgepumpt werden; woher können sie also nur kommen? Aus der übersinnlichen Welt, in welche wir hineingestellt sind und welche allerdings unsere drei Leiber hervorgebracht hat. Aber nicht aus diesen drei Leibern selber müssen diese Kräfte kommen. Es muß also nicht der Umweg durch die drei Leiber gewählt werden, sondern ein Weg, der uns unmittelbar in Zusammenhang bringt mit den geistigen Reichen, mit den Wesenheiten der Hierarchien, so daß unmittelbar in uns diese Kräfte der höheren Welt einfließen. Wir müssen also einen Zugang zu diesen Welten haben, durch die höhere Kräfte in unsere Seelen fließen können. Dazu ist nötig, daß alle höhere Erkenntnis mit etwas anderem als mit der gewöhnlichen Erkenntnis in Verbindung ist. Mit der gewöhnlichen Erkenntnis kommt man nicht in die höheren Welten hinein. Um in die höheren Welten hineinzukommen, ist eine ganz bestimmte Grundstimmung der Seele notwendig. Das ist das erste, was selbst schon die alten griechischen Philosophen betont haben: Jemand, der bloß gut denken kann, der bloß intellektuell, durch bloßes Denken und Philosophieren die Dinge auffassen will, kann nicht in die geistigen Welten kommen. Man muß von etwas anderem ausgehen. Bevor man einer Sache erkennend gegenübersteht, muß man ihr in anderer Weise gegenüberstehen.

[ 20 ] Alle Erkenntnis beginnt mit dem Staunen, und nur wer von dem Staunen, von dem Verwundern ausgeht, ist auf dem Wege zur richtigen Erkenntnis. Alles, dem wir nicht erst als Staunende, als Verwunderte gegenübergestanden haben, kann überhaupt nicht zum Erkenntnispfade führen. Lassen Sie alle Pädagogik deklamieren, daß man ausgehen müsse von der Anschauung; wenn nicht erst Staunen, Verwundern da ist, bleibt es beim bloßen intellektuellen Erkennen. Staunen ist das erste, was man haben muß.

[ 21 ] Das zweite, was uns in die geistige Welt eintreten läßt, ist, daß wir verehren lernen. Ein Verehren dessen, was durch den Gegenstand wirkt. Eine Erkenntnis, die nicht so verknüpft ist mit der Seele, daß die Seele den Erkenntnispfad in dem Sinne geht, daß sie zuerst lebt in Staunen und in Verehrung dessen, was sich durch den Gegenstand kundgibt, kommt über eine intellektuelle Erkenntnis nicht hinaus.

[ 22 ] Das dritte ist, sich in Harmonie zu fühlen mit dem Weltgeschehen. Dazu gibt ja die geisteswissenschaftliche Lehre viele Mittel insbesondere dadurch, daß wir die Karmaidee mit allem Lebensernst in uns tragen. Es ist ein weiter Weg von der Überzeugung vom Karma im Menschenleben bis dahin, daß sie zum wahren Lebensernst wird. Wenn wir wirklich überzeugt sind von Karma, dann dürfen wir, wenn uns jemand eine Ohrfeige gibt, nicht sagen: Mir ist das unsympathisch, daß du mir diese Ohrfeige gibst! —, sondern man müßte sagen: Wer hat mir eigentlich diese Ohrfeige gegeben? Ich selber, denn ich habe in meinem früheren Leben irgendeinmal etwas getan, was die Veranlassung gewesen ist, daß der andere mir diese Ohrfeige gibt, und ich habe nicht die geringste Ursache, ihm zu sagen, er tue mir Unrecht, sondern ich habe mir in gewisser Weise einen Automaten hingestellt. — Nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit dem Weltgeschehen sich befinden, das ist das dritte. Das Evangelium selbst gibt eine entsprechende Lehre: So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dann biete den anderen auch dar. — Wenn man weiß, daß man durch Karma die Ursache in sich zu suchen hat, wenn man erkennt, wie nur sich auslebt, was man durch eigene Willkür, durch eigene Schuld hervorgerufen hat, so kommt man zu dem Sich-in-EinklangWissen mit dem Weltenprozeß. Das ist das dritte.

[ 23 ] Und das vierte ist: Völlige Hingabe an den Weltenprozeß, sich so betrachten, wie wenn man eigentlich nur ein Glied davon wäre. So daß wir vier Eigenschaften aufzählen können, mit welchen wir uns zur Außenwelt, zur Außenseite des Lebens stellen können: Erstens bewundern, staunen, zweitens verehren, drittens sich im Einklang wissen mit dem Weltenprozeß, viertens sich völlig hingeben an diesen Weltenprozeß.

[ 24 ] Indem wir diese Eigenschaften entwickeln, machen wir unsere Seele offen, öffnen sie so, daß hineinfließen können jene Kräfte, die gleichsam jungfräulich herausfließen aus der geistigen Welt, Kräfte, die wir so einatmen wie frische Gebirgsluft, nachdem wir vorher irgendwelche durch andere Organismen verbrauchte Luft eingeatmet haben. So sehen wir, welch ein großer Unterschied ist zwischen dem, was sozusagen durch Gnade gegeben werden kann durch die höheren Hierarchien selbst, und dem, was wir uns so aneignen, daß wir aus dem, was sie in unsere Organisation an Kräften legen, etwas heraufpumpen. Durch eine solche Betrachtung lernen wir wahrhaftig unterscheiden zwei Wege, die beide zu wirklichem Hellsehen führen. Aber der eine Weg führt zum Hellsehen dadurch, daß der Mensch sich den Wesenheiten der höheren Hierarchien unmittelbar entgegenserzit.

[ 25 ] So wie der Mensch als moralisches Wesen dasteht, war er nicht immer. Solange der Mensch erst ausgebildet hatte den Astralleib, den Ätherleib und den physischen Leib, konnte man von moralischen Impulsen nicht reden. Wir sprechen von alten Sonnenmenschen, die sich den Ätherleib aneigneten, und von Mondenmenschen, die hinzubekamen den Astralleib. Aber es gab während dieser Entwickelungsperioden nirgends ein Reich der Moralität. Das ist die Erdenmission, daß zu dem, was der Mensch sonst erleben kann, die Moralität hinzutritt. Das ist die Aufgabe für die Aneignung solcher Kräfte, die in die geistige Welt führen: der Mensch muß sich über das hinausentwickeln, was er sich angeeignet hat im Laufe der Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung. Aus alledem kann entnommen werden, daß, weil es ja unmittelbar durch die Vernunft nachgewiesen werden kann, man nicht sagen darf, daß der Mensch sich den angebotenen Erkenntnispfaden ganz urteilslos anvertrauen kann, der schwarzen Magie ebenso wie den moralischen Impulsen. Man muß sich nur darauf einlassen, durch die Vernunft zu prüfen. Man versuche nur, durch die heutige Beschreibung richtig darauf einzugehen, so wird sich das Gesagte als wahr erweisen, so daß, wenn man solche Maßstäbe an die Beschreibung von Erkenntnispfaden anlegt, man sie wirklich ohne weiteres unterscheiden kann. Und es ist wichtig, daß der Mensch lerne, sich zu sagen: Für mich ist die Schilderung eines Erkenntnispfades, bei dem nicht alles nach dem Muster eines moralischen Impulses ist, von vornherein verdächtig. — Der Mensch, der nicht als verdächtig ansieht einen Pfad, der im Widerspruch stünde mit dem, was man tatsächlich als moralische Impulse empfinden kann, der die Notwendigkeit der moralischen Impulse nicht fühlen kann, müßte es sich dann selber zuschreiben, wenn er in Gefahr geriete. Deshalb war es durchaus nicht unnötig, unter den Betrachtungen, die gepflegt werden können, auch einmal diese Betrachtung vorzunehmen, denn es ist ja ganz richtig und gut, daß derjenige, der sich heute für Geisteswissenschaft interessiert, nicht nur die Dinge, die erforscht sind, hinnimmt, sondern sich auch in gewisser Weise bekanntmacht damit, wie die Dinge gefunden werden. Nehmen wir an, einer will Geisteswissenschaft annehmen, aber den Erkenntnispfad selbst nicht betreten für diese Inkarnation. Auch für ihn ist es nützlich, wenn er sich eine Vorstellung davon macht, wie die Erkenntnisse gewonnen werden. Er kann darüber eine Ansicht gewinnen, so wie ein Chemiker eine Wahrheit annimmt, weil er sich das Experiment beschreiben läßt, durch welches die betreffenden Erkenntnisse gewonnen werden, auch wenn er das Experiment selber nicht gemacht har.

[ 26 ] Nun ist es ja in unserer Zeit besonders notwendig für den, der den Weg zur höheren Erkenntnis gehen will, die Dinge zu beobachten, die heute charakterisiert worden sind; denn wir leben in einem Zeitalter, wo der Mensch durch höhere Mächte aufgerufen wird, immer selbständiger und selbständiger zu werden. In den Zeiten, die verflossen sind bis zum Mysterium von Golgatha, war es so, daß dem Menschen ohne sein Zutun in gewisser Weise hellseherische Kräfte zuflossen; das war wie eine Erbschaft aus menschlichen Urzeiten. Aber seit dem Mysterium von Golgatha lebt der Mensch so, daß er sich bewußt zu den Dingen stellen muß. Daher ist es notwendig, daß der Mensch lerne, gerade jene Stimmung in der Seele sich anzueignen, welche durch die vier Tugenden erreicht wird, durch die vier Kräfte: Staunen, Bewundern, Verehren, Harmonie empfinden mit dem Weltenprozeß, und sich dem Weltenprozeß hingeben, und daß er gerade durch die Entwickelung dieser Tugenden sich frei öffne jenen Einflüssen, die ihm aus den höheren Hierarchien zukommen können.

[ 27 ] Nun gibt es eine Möglichkeit, sozusagen wie aus den fundamentalsten Seelenimpulsen heraus sich in eine solche Stimmung der Welt gegenüber zu versetzen wie in diesen vier Tugenden: Wenn wir immer wieder und wiederum in der Seele uns dem Gedanken hingeben, daß wir, so wie wir dastehen in der Welt, wie wir hineinverwoben sind in die Welt der Maja, der großen Illusion, mit dieser Maja, dieser Illusion, die ihren Ursprung immer in der geistigen Welt hat, entsprungen sind aus den göttlichen Kräften. Daß wir in der Welt der Maja, der Illusion leben, das hindert nicht, daß wir uns in der Welt voll Maja und Illusion den geistigen Kräften hingeben, denen sie entsprungen ist. Maja ist gleich dem Leben in dem Wellenspiel, das auf dem Meere ist, aber es wird doch aufgeworfen von dem Meere und wird gebildet aus der Substanz des Meeres. So wahrhaftig wie das Wellenspiel aus der Welt des Meeres, der Schaum ein Gebilde aus der Substanz des Meeres ist, so erhebt sich die Welt der Maja aus dem geistigen Untergrunde, so daß wir sagen können: Wenn wir auch eingesponnen sind in diese Welt der Illusionen, so sind wir doch aus dem Göttlichen hervorgegangen. — Das drückt die abendländische Esoterik aus mit den Worten: Aus dem Göttlichen sind wir geboren — Ex deo nascimur.

[ 28 ] Und ein zweites ist die fundamentale Empfindung, daß wir nicht diejenigen Kräfte heraufpumpen dürfen, welche die göttlichen Mächte in unseren Astral-, Äther- und physischen Leib verlegt haben, sondern daß wir uns unmittelbar der geistigen Welt hingeben, hinsterben müssen an die Welt. Das tun wir durch die vier Tugenden: Staunen und Verwundern, Verehren, Harmonie und Hingabe empfinden an den Weltenprozeß. Das sind eben Dinge, die uns immer tiefer in die Stimmung hineinbringen, welche die abendländische Esoterik so ausdrückt: In dem Christus sterben wir — In Christo morimur.

[ 29 ] Da geht uns dann die Hoffnung auf, daß wir der Erweckung in der geistigen Welt entgegengehen, daß uns Kräfte aufgehen, die uns da neu gespendet werden, wie sie einstmals geschenkt wurden dem astralischen Leib. Durch den Heiligen Geist werden wir wiederum erweckt werden, werden wir wieder in die geistige Welt versetzt, so daß der Mensch wieder hinaufkommen kann in die höhere Welt: Per spiritum sanctum reviviscimus.

[ 30 ] Wir sollen wissen, daß eine jede für die heutige Zeit richtige Esoterik alle Methoden verbannen muß, welche aus den niederen Leibern in das Ich heraufpumpen die Kräfte, die zur höheren Erkenntnis führen sollen; denn dadurch sind wir gesund, daß diese Kräfte unten bleiben. Ein falscher esoterischer Pfad ist es, wenn wir uns benebeln in dieser oder jener Weise und dann gewisse Dinge für richtig halten, einfach weil wir uns die Kräfte heraufgepumpt haben, die uns, wenn sie an ihrem Orte blieben, nicht erlauben würden, diese Dinge für richtig zu halten. Das sind ernste Angelegenheiten, die dazu führen, erst richtig zu verstehen, warum in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Kräfte zur Entwickelung der hellseherischen Fähigkeiten unmittelbar in der Gegend unseres Kehlkopfes lokalisiert sind. Es sind das im höchsten Sinne moralische Fähigkeiten, die auch in der Buddha-Lehre als der achtgliedrige Pfad dargestellt werden. Bis zu einem gewissen Grade sind sie moralische; im weiteren führen sie den Menschen hinauf zu einer Durchmoralisierung auch unserer Erkenntnis, zu einer Imprägnierung derselben mit dem, was sonst bloß in unserer Moral ist.