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Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143

15 January 1912, Zurich

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Experiences of the Supernatural, tr. SOL
  1. Erfahrungen des Übersinnlichen, 4th ed.

3. Der Weg der Erkenntnis und sein Zusammenhang mit der moralischen Natur des Menschen

3. The Path to Knowledge and Its Connection to Human Morality

[ 1 ] Die Aufeinanderfolge von Vorträgen, die wir heute und morgen haben, könnte vielleicht einmal dazu benutzt werden, um Dinge zu besprechen, welche ähnlich sind; nur daß man sie das eine Mal bespricht, wie sie geeigneterweise besprochen werden sollen für Mitglieder, für solche Freunde, welche eine gewisse Zeit sich innerhalb eines Zweiges damit beschäftigt haben, die Gesichtspunkte, von denen wir ausgehen, bei ihrer Weltbetrachtung zugrunde zu legen, während dann morgen beim öffentlichen Vortrag ähnliche Dinge und ähnliche Ausgangspunkte in Betracht kommen sollen, aber so, wie sie mehr geeignet sind für diejenigen, die sozusagen unmittelbar vom Außenleben her, noch wenig mit der Geisteswissenschaft bekannt, an diese Bewegung herankommen.

[ 1 ] The series of lectures we have today and tomorrow could perhaps be used to discuss matters that are similar; except that we will discuss them once in a way that is appropriate for members—for those friends who have spent some time within a branch working to base their view of the world on the perspectives from which we proceed—while tomorrow, during the public lecture, similar topics and similar starting points will be considered, but in a way that is more suitable for those who, so to speak, are approaching this movement directly from the outside world and are still unfamiliar with Spiritual Science.

[ 2 ] Heute soll gleichsam der Ausgangspunkt genommen werden von dem, was eine sehr bekannte Forderung ist für alle diejenigen, welche nicht nur in der Geisteswissenschaft allein, sondern vielleicht auch in der Entwickelung ihres inneren Menschen vorwärtskommen wollen. Es wird ja immer wieder und wiederum betont, daß für die innere Entwickelung eines Menschen — damit diese vielleicht dahin führt, daß er selber Erlebnisse haben kann in der geistigen Welt — die Reinheit und das Liebevolle der Ziele und Absichten von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Wir könnten vielleicht, wenn auch in einer gewissen Beziehung einseitig — aber alles, was man sagt, muß ja einseitig sein —, sagen: Ein Geistesforscher, oder überhaupt jemand, der hinaufkommen will in die geistigen Welten und irgendwie selber etwas finden will von diesen geistigen Welten, muß vor allen Dingen eine bestimmte Seeleneigenschaft haben. Diese Eigenschaft der Seele muß so sein, daß er sympathisiert, und zwar energisch sympathisiert mit dem Guten, mit dem Edlen, mit dem Schönen, und daß er gewissermaßen Abneigung empfindet gegenüber dem Bösen, dem Häßlichen. Die Reinheit der moralischen Seelennatur, sie wird ja in bezug auf den Weg in die geistigen Welten immer wieder gefordert und wir könnten wohl sagen: Für ein wirklich im Sinne unserer gegenwärtigen Zeit gelegenes Hinaufsteigen in die geistigen Welten ist ein völliges Durchdrungensein der Seele von wahren, moralischen Absichten und Zielen durchaus nötig. Wir werden nachher hören, daß es allerdings möglich ist, zu hellseherischen Kräften auch ohne diese Grundbedingungen zu kommen; aber hellseherische Kräfte sich zu erwerben ohne die eben charakterisierten Grundbedingungen, hat immer etwas Bedenkliches.

[ 2 ] Today we shall, as it were, take as our starting point what is a well-known requirement for all those who wish to make progress not only in Spiritual Science alone, but perhaps also in the development of their inner being. It is, after all, emphasized time and again that for a person’s inner development—so that this may lead to their being able to have experiences in the spiritual world—the purity and loving nature of their goals and intentions are of very special importance. We might perhaps say—albeit in a certain sense one-sidedly, though everything one says must necessarily be one-sided—that a spiritual researcher, or indeed anyone who wishes to ascend into the spiritual worlds and somehow discover something of these worlds for themselves, must above all possess a certain quality of soul. This quality of the soul must be such that the person sympathizes—and indeed sympathizes energetically—with the good, the noble, and the beautiful, and that they feel, so to speak, an aversion to the evil and the ugly. The purity of the moral nature of the soul is, after all, repeatedly required in relation to the path into the spiritual worlds, and we might well say: For an ascent into the spiritual worlds that is truly in keeping with the spirit of our present age, a complete permeation of the soul with true, moral intentions and goals is absolutely necessary. We shall hear later that it is indeed possible to attain clairvoyant powers even without these basic conditions; but acquiring clairvoyant powers without the basic conditions just described always has something questionable about it.

[ 3 ] Um das einzusehen, wollen wir uns jetzt einmal klarmachen, was wir eigentlich unter der moralischen Natur des Menschen verstehen können. Wir werden veranlaßt, von der moralischen Natur des Menschen zu sprechen, wenn wir auf der einen Seite zunächst die Antriebe ins Auge fassen, die dem Menschen zum Handeln, zum Wollen oder Wünschen von der Außenwelt her kommen. Wenn der Mensch durch irgend etwas, was zu seinen natürlichen Bedürfnissen gehört, etwa Hunger oder Durst, veranlaßt wird, diese oder jene Handlung vorzunehmen oder auch nur diese oder jene Handlung zu wünschen oder zu wollen, so sagen wir bekanntlich nicht, daß solches Wünschen oder Wollen moralische Handlungen seien. Selbstverständlich brauchen sie deshalb nicht unmoralisch zu sein. Aber wenn ein Stein zur Erde fällt, so ist das auch keine moralische Handlung und wir fühlen uns überhaupt nicht veranlaßt, die Moralität als Maßstab anzulegen. Ebensowenig fühlen wir uns veranlaßt, von Moral zu sprechen, wenn der Mensch die natürlichen Anforderungen seines Organismus durch Essen und Trinken befriedigt. Wir fühlen uns auch nicht veranlaßt, von Moralität zu sprechen, wenn der Mensch irgendwo eine schöne Blume oder etwas anderes Schönes sieht, und, weil das Betreffende einen schönen, wohlgefälligen Eindruck macht, dadurch veranlaßt wird, es zu begehren, es zu verlangen. Da sprechen wir auch nicht von Moralität.

[ 3 ] To understand this, let us first clarify what we actually mean by the moral nature of human beings. We are led to speak of the moral nature of human beings when, on the one hand, we first consider the impulses that come to human beings from the external world, prompting them to act, to will, or to desire. When a person is prompted by something that is part of their natural needs—such as hunger or thirst—to perform this or that action, or even merely to desire or will this or that action, we do not, as is well known, say that such desiring or willing constitutes moral actions. Of course, this does not mean they are necessarily immoral. But when a stone falls to the ground, that is not a moral act either, and we feel no inclination whatsoever to apply morality as a standard. Nor do we feel inclined to speak of morality when a person satisfies the natural needs of their body by eating and drinking. Nor do we feel compelled to speak of morality when a person sees a beautiful flower or something else beautiful somewhere and, because the object in question makes a beautiful, pleasing impression, is thereby prompted to desire it, to want it. In that case, too, we do not speak of morality.

[ 4 ] Wann sprechen wir eigentlich von Moralität bei der menschlichen Natur? Doch erst dann, wenn nicht solche äußeren Veranlassungen, wie Hunger und Durst oder das Wohlgefühl, das irgendein Gegenstand in uns erregt, die Veranlassung sind, dieses oder jenes zu tun, sondern wenn die Veranlassung aus dem innersten Kern unseres Wesens heraus wie ein Befehl erfolgt, ein Befehl aus unserem Inneren, der unabhängig ist von der äußeren Veranlassung. Wir werden insbesondere gewahr den Unterschied, der da liegt zwischen diesem Moralischen und dem, ich sage jetzt nicht Unmoralischen, sondern dem moralisch Gleichgültigen, wenn wir in Betracht ziehen, wie wir durch die äußere Veranlassung vielleicht dieses oder jenes tun können, das wir dann nicht tun, weil der innere Befehl, den wir einen moralischen Impuls nennen, dagegen spricht.

[ 4 ] When, exactly, do we speak of morality in relation to human nature? Only then, when it is not external stimuli such as hunger and thirst or the sense of well-being that some object arouses in us that prompt us to do this or that, but when the impulse arises from the innermost core of our being like a command—a command from within us that is independent of external stimuli. We become particularly aware of the difference that lies between this moral and what I will not call immoral, but rather morally indifferent, when we consider how, through external motivation, we might be able to do this or that, which we then do not do because the inner command—which we call a moral impulse—speaks against it.

[ 5 ] Nehmen wir zum Beispiel den ganz naheliegenden, trivialen Fall, daß irgend jemand eine mächtige Neigung hat, zuviel zu trinken. Dann würde er, wenn er in der Lage dazu wäre, eben trinken. Oder er kann aber auch einer inneren Stimme folgen, die nichts zu tun hat mit der Neigung, sondern die entgegengesetzt ist dieser äußeren Veranlassung und die sagt: Das soll nicht sein, was durch die äußere Veranlassung geschehen will! — Da sehen wir, daß in uns etwas sprechen kann, was der äußeren Veranlassung widerspricht. Alles nun, was gleichkommt einem solchen Widersprechen und innerem Verurteilen unserer Handlungen, nennen wir ein Moralisches. Von einem moralischen Handeln können wir also nur dann sprechen, wenn wir von allen äußeren Eindrücken, von allem, wozu wir durch Äußeres gezwungen sind, absehen und nur hinsehen auf das, was aus unserem Inneren heraus spricht. Dadurch ragt ja der Mensch über die Tierheit hinaus, daß er so etwas in seinem Inneren hören kann, was über die Veranlassung von außen geht, was sogar dieser Veranlassung von außen widersprechen kann.

[ 5 ] Let’s take, for example, the very obvious, trivial case of someone who has a strong inclination to drink too much. Then, if he were in a position to do so, he would simply drink. Or he might also follow an inner voice that has nothing to do with that inclination, but which is opposed to this external impulse and says: What the external impulse seeks to bring about must not be! — Here we see that something within us can speak that contradicts the external impulse. Now, we call everything that amounts to such a contradiction and inner condemnation of our actions “moral.” We can therefore speak of moral action only when we disregard all external impressions, everything to which we are compelled by external factors, and look only to what speaks from within us. It is precisely this ability to hear within oneself something that transcends external impulses—something that can even contradict these external impulses—that elevates humanity above the animal realm.

[ 6 ] Wir müssen empfinden, daß wir in der Moralität etwas haben, was durch sich selbst wahr ist. Das ist der wesentliche Grundzug aller moralischen Impulse, daß sie durch sich selbst wahr sind, und die äußeren Verhältnisse nichts beitragen können, wenn irgendeine Handlung als moralisch oder unmoralisch bezeichnet werden soll. Wenn wir scheinbar irgend etwas auf äußere Veranlassung hin doch als moralisch bezeichnen, so geben wir uns oftmals bei einer solchen Bezeichnung einer Illusion hin. Würde man zum Beispiel sagen: Der Mensch richtet sich so ein, daß er in bezug auf Essen und Trinken nicht bloß Hunger und Durst folgt, sondern dem Grundsatz, daß nun einmal notwendig sei, seinen Organismus zu pflegen, um sich in der Außenwelt zu erhalten, so daß man da doch die äußeren Erfordernisse des Lebens als die maßgebenden Impulse ansehen könne, so wäre das eine Illusion. Nur wenn wir zu dem äußeren hinzufügen können den inneren Impuls: daß es richtig und gut ist, daß der Mensch sich auf Erden erhält, und zwar nicht nur um der äußeren Aufgabe, sondern um der inneren Aufgabe des Menschen willen, die daraus folgen kann, nur dann ist Moralität gegeben; sonst ist sie nur eine scheinbare. Das Kennzeichen für das, was moralisch ist, ist also, daß der Impuls nicht von der Außenwelt veranlaßt wird, sondern rein den Kräften unserer Seele entspringt. Nun könnte natürlich jemand sagen: Es gibt aber doch auch böse Stimmen in unserem Inneren; wir folgen doch oft Impulsen, die wir deutlich als innere Impulse erkennen und die durchaus nicht solche sind, die wir als moralische bezeichnen können. Da kann man sagen aber wir können dieses Kapitel gerade heute nicht eingehend besprechen, weil wir uns heute eine andere Aufgabe stellen —: Wenn der Mensch solchen scheinbar inneren Impulsen folgt, die schlecht, die böse sind, so folgt er in Wahrheit nicht sich selbst, sondern er folgt Impulsen, deren Ursprung er nicht kennt und die er verwechselt mit solchen, die von innen kommen. Wir kennen ja alle aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen die luziferischen Kräfte. Die kommen nicht von innen, sondern gewissermaßen von außen, indem sich die luziferischen Wesenheiten in unserem Astralleib und nicht in unserem Ich festgesetzt haben, so daß wir, wenn wir das Moralische so definieren, zahlreichen Widersprüchen ausgesetzt sind. Wenn wir genauer auf das eingehen, werden wir als das Charakteristische des Moralischen finden, daß alle moralischen Impulse aus unserem innersten Wesenskern aufsteigen müssen. Da können wir das, was uns sozusagen moralisch gefällt, unser moralisches Wohlgefallen hervorruft, uns mit Entzücken, mit Enthusiasmus erfüllen kann, gleichsam als Ideal hinstellen für das, wobei der Mensch so ganz bei sich selbst, so ganz in seinem Inneren ist. Und wenn es schon im gewöhnlichen Leben außerordentlich nützlich und notwendig ist, daß der Mensch sich klarmacht, daß er nur bei den moralischen Urteilen ganz bei sich selbst ist, oder bei Urteilen, welche in ähnlicher Weise entstehen, so ist dieses für den praktischen Okkultismus geradezu eine Grundforderung. Sie muß anerkannt werden als Grundsatz des Okkultisten. Es kommt darauf an, daß alle Ereignisse bei ihm nach dem Muster der moralischen Impulse ablaufen, daß nichts geschieht in der Seele, wenn man in den höheren Erkenntnispfad eintritt, was nicht nach dem Muster eines wirklichen moralischen Impulses geschieht.

[ 6 ] We must feel that morality contains something that is true in and of itself. This is the essential characteristic of all moral impulses: that they are true in and of themselves, and that external circumstances can contribute nothing when an action is to be described as moral or immoral. If we nevertheless seem to label something as moral due to external influences, we are often succumbing to an illusion in doing so. If one were to say, for example: Human beings organize themselves in such a way that, with regard to eating and drinking, they do not merely follow hunger and thirst, but the principle that it is simply necessary to care for their organism in order to sustain themselves in the external world, so that one might regard the external necessities of life as the decisive impulses—this would be an illusion. Only if we can add to the external the inner impulse—that it is right and good for a person to sustain themselves on earth, and not merely for the sake of the external task but for the sake of the inner task of the person that may follow from it—only then is morality present; otherwise, it is merely an illusion. The hallmark of what is moral is thus that the impulse is not prompted by the external world, but springs purely from the forces of our soul. Now, of course, someone might say: But there are also evil voices within us; we often follow impulses that we clearly recognize as inner impulses and that are by no means such that we can call them moral. One might say—but we cannot discuss this chapter in depth today, because we have set ourselves a different task today—that when a person follows such seemingly inner impulses that are bad or evil, they are in truth not following themselves, but rather impulses whose origin they do not know and which they confuse with those that come from within. We are all familiar, from our Spiritual Science observations, with the Luciferic forces. These do not come from within, but rather, in a sense, from without, in that the Luciferic beings have established themselves in our astral body and not in our ego, so that when we define the moral in this way, we are exposed to numerous contradictions. If we examine this more closely, we will find that the characteristic feature of morality is that all moral impulses must arise from the innermost core of our being. Here we can hold up as an ideal, so to speak, that which morally appeals to us, which evokes our moral delight, which can fill us with rapture and enthusiasm—that in which the human being is so completely at one with themselves, so completely within their inner self. And while it is already extraordinarily useful and necessary in ordinary life for a person to realize that they are fully at one with themselves only in moral judgments, or in judgments that arise in a similar way, this is an absolute fundamental requirement for practical occultism. It must be recognized as a principle of the occultist. It is essential that all events in him unfold according to the pattern of moral impulses, that nothing happens in the soul when one enters the higher path of knowledge that does not occur according to the pattern of a genuine moral impulse.

[ 7 ] Bedeutsam ist, daß der Mensch, der praktischer Okkultist werden, der den Erkenntnispfad gehen will, sich vornehmen soll, nichts auszuführen, von dem er nicht sagen kann: Wenn ich es vergleiche mit dem, was im menschlichen Inneren ist, was ich als moralisch bezeichne, muß beides ähnlich sein. — Der Erkenntnispfad darf auf keiner Stufe abweichen von dem, was sich dem moralischen Verhalten des Menschen ähnlich erweist. Die Ähnlichkeit des Erkenntnispfades mit den moralischen Impulsen geht sogar bis in die Einzelheiten. Das soll an einem ganz bestimmten Beispiel klargemacht werden.

[ 7 ] It is important that a person who wishes to become a practical occultist and walk the path of knowledge resolve not to do anything about which they cannot say: When I compare it with what is within the human being—what I call morality—the two must be similar. — At no stage may the path of knowledge deviate from what proves to be similar to human moral behavior. The similarity between the path of knowledge and moral impulses extends even into the details. This will be made clear by means of a very specific example.

[ 8 ] Es ist, so wie die Menschen nun einmal in der Gegenwart sind, mit der Moralität etwas ganz Besonderes. Im Grunde sind eben die Zehn Gebote doch noch das Bedeutendste unter unseren Gesetzen. Die Zehn Gebote sind, wenn wir näher darauf eingehen, in einer ganz besonderen Weise aufgebaut. Von den zehn sind nur drei so gebaut, daß es heißt: Du sollst etwas tun. — Die anderen sieben sind so gebaut, daß man sagt: Du sollst nicht! — Daraus geht hervor, daß die Weltenmächte viel mehr Notwendigkeit sehen, den Menschen moralische Gesetze zu geben, die sagen: Du sollst etwas nicht tun —, als solche, die sagen: Du sollst etwas tun. — Denn das, was geboten wird, nicht zu tun, verhält sich zu dem, was geboten wird, zu tun, wie sieben zu drei. Wir können also sagen: Die Moralität muß im allgemeinen in der Menschennatur so wirken, daß sie sich besonders auf den Standpunkt stellt, — zu sagen: Du sollst etwas nicht.

[ 8 ] Given the way people are today, there is something quite unique about morality. Ultimately, the Ten Commandments are still the most significant of our laws. If we examine them more closely, we see that the Ten Commandments are structured in a very particular way. Of the ten, only three are formulated in such a way that they say: “You shall do something.” — The other seven are formulated in such a way that they say: “You shall not!” — This shows that the world powers see a much greater necessity in giving people moral laws that say: “You shall not do something”—than those that say: “You shall do something.” — For what is commanded not to do stands to what is commanded to do as seven to three. We can therefore say: Morality must generally operate in human nature in such a way that it particularly takes the position of saying: “You shall not do something.”

[ 9 ] Wir können dies Verhältnis sieben zu drei in den Zehn Geboten näher vergleichen. Wenn wir die sieben betrachten, die besagen: Du sollst etwas nicht tun —, so beziehen sich diese alle auf Dinge der äußeren Welt, auf das, was man nicht tun soll in der physischen Welt; dagegen beziehen sich die drei Gebote, die das «Du sollst» enthalten, eigentlich auf dasjenige, was über die physische Welt hinausgeht. Da heißt es: Du sollst an einen einzigen Gott glauben —, Du sollst den Namen dieses Gottes nicht mißbrauchen — und so weiter. Daraus sehen wir, daß in bezug auf die eigentlich geistigen Angelegenheiten der Seele die Gebote positiv sind; dagegen haben alle Gebote, welche sich auf eigentliches moralisches Verhalten im äußeren physischen Leben beziehen, ein «Du sollst nicht». Wenn wir nämlich auch vermeinen, das vierte Gebot «Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest auf Erden» sei positiv, so spüren wir doch, daß es im Grunde genommen einen stark negativen Charakter hat, wie die anderen sechs Gebote auch. Es ist eine Art Übergangsgebot, das sich zwar auf die physische Welt bezieht, aber gleichwohl von dieser physischen Welt schon hinaufführt in die geistige Welt. Auch das können wir bis ins kleinste nachweisen, möchte ich sagen, denn bei allen älteren Völkern lag der sogenannte Ahnendienst der Religion zugrunde, und in den Vorfahren, den Vorvätern war zugleich ein Göttliches gegeben. Insofern war die Verehrung der Ahnen, von denen die unmittelbaren Vorfahren nur ein Spezialfall sind, eine Art Übergang von der Sinnenwelt zu der höheren Welt. Aber insbesondere wurde dieses vierte Gebot doch auf die unmittelbare physische Welt, auf das Verhältnis der Kinder zu den Eltern bezogen. In bezug auf die Eltern können wir dieses Gebot erfüllen, wir können fühlen, daß das vierte Gebot zunächst in positiver Weise gegeben ist, daß es aufgerichtet ist über den Menschen, um zu verhüten, daß etwas geschieht. Bei den ersten Geboten ist der Gegenstand, auf den hingedeutet ist, in der physischen Welt noch gar nicht vorhanden.

[ 9 ] We can examine this seven-to-three ratio more closely in the Ten Commandments. If we consider the seven that state: “Thou shalt not do something”—these all refer to things of the outer world, to what one ought not to do in the physical world; in contrast, the three commandments that contain the “Thou shalt” actually refer to that which transcends the physical world. They state: “You shall believe in one God”—“You shall not misuse the name of this God”—and so on. From this we see that, with regard to the truly spiritual matters of the soul, the commandments are positive; in contrast, all commandments that relate to actual moral behavior in external physical life contain a “You shall not.” For even if we might think that the fourth commandment, “You shall honor your father and your mother, that your days may be long upon the earth,” is positive, we nevertheless sense that it essentially has a strongly negative character, just like the other six commandments. It is a kind of transitional commandment that, while referring to the physical world, nevertheless leads upward from this physical world into the spiritual world. We can prove this down to the smallest detail, I would say, for in all ancient peoples the so-called ancestor cult formed the basis of religion, and in the ancestors, the forefathers, there was at the same time something divine. In this respect, the veneration of the ancestors—of whom the immediate forebears are only a special case—was a kind of transition from the sensory world to the higher world. But in particular, this fourth commandment was nevertheless related to the immediate physical world, to the relationship of children to their parents. With regard to parents, we can fulfill this commandment; we can feel that the fourth commandment is initially given in a positive sense, that it is established over human beings to prevent something from happening. In the case of the first commandments, the object to which they refer does not yet exist in the physical world.

[ 10 ] Durch die Struktur dieses Zehn-Gebote-Wesens wird uns hingedeutet auf das, was einen wesentlichen Grundzug der Moral in der sinnlichen Welt ausmacht: daß die moralischen Impulse widersprechen dürfen demjenigen, was der Mensch tun würde, wenn er bloß den Antrieben der physischen Welt folgte. Damit wird für den Erkenntnispfad, der nach dem Muster der moralischen Impulse aufgebaut werden muß, deutlich gesagt: Wir müssen auf dem okkulten Erkenntnispfad unser ganzes Erkennen moralisieren, unsere sonst bloß theoretischen Erkenntnisgesetze müssen innerliche Moralgesetze werden. — Es muß also dasjenige, was sich vorzugsweise auf den physischen Plan bezieht, wenn der Mensch durch innere Erkenntnis der Dinge ihm gegenübersteht, so werden, daß er das, was unmittelbar vor ihm sich ausbreitet, auslöscht, daß er sagt: Ich lösche es aus, so wie die niederen Neigungen ausgelöscht werden, wenn das moralische «Du sollst nicht» ruft. — In der Tat wird aus diesem Grunde in jeder wahrhaften Schilderung des Erkenntnispfades darauf hingewiesen, daß man durch Veredelung der moralischen Impulse die Erkenntniskräfte am sichersten in die höhere Welt hinaufhebt. Das drückt sich schon in allen Einzelheiten aus. Nehmen wir an, wir hätten irgendeine Pflanze. Was können wir zunächst als äußeren Impuls bezeichnen, der von ihr ausgeht? Nehmen wir das Blatt der Pflanze. Da können wir als äußeren Impuls bezeichnen, daß die Blätter auf uns grün wirken. So sind in der physischen, sinnlichen Welt zum Beispiel die Rosenblätter grün. Nehmen wir nun an, es würde von demjenigen, der als praktischer Okkultist wirklich zur höheren Erkenntnis gelangen wollte, gefordert, daß er sich nach dem Muster moralischer Erkenntnisse bilden sollte, so müßten die meisten Bilder so entstehen, daß er sich dieses grüne Blatt vorhält und gegenüber der Grünheit der Pflanze der innere Impuls erwacht: Du sollst nicht grün sein. — Es müßte möglich sein, daß wir das grüne Blatt mit einer solchen Sehkraft anschauen, daß der äußere Impuls nicht wirkt, daß ebenso, wie vor dem moralischen Urteil die schlechte Neigung erlischt, die Grünheit des Blattes durch eine andere, sagen wir, hellseherische Kraft erlischt. In der Tat, wenn der Mensch in richtiger Weise, so wie es beschrieben ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»?, seine hellseherischen Kräfte entwickelt, dann lernt er das grüne Blatt anschauen und, so wie moralische Urteile schlechte Neigungen auslöschen, so erlischt die nur für den physischen Plan geltende Grünheit des Blattes. Und wo sonst Grünheit erscheint, haben wir gegenüber dem hellseherischen Vermögen in diesem Falle eine hellrosenrote oder eine der Pfirsichblüte ähnliche Farbe. Die erscheint dann, wenn wir durch unsere hellseherische Kraft wegschaffen können, was in der Maja ist, was auf dem physischen Plan ist. So schaffen wir durch die hellseherische Kraft das, was auf dem physischen Plan ist, weg und lösen das aus, was als ein Übersinnliches dem Sinnlichen zugrunde liegt. So können wir sagen: Das Betreten des Erkenntnispfades geschieht wirklich so wie das moralische Erleben des Menschen. Es wirkt das Gegenüberstellen der übersinnlichen und der sinnlichen Welt gerade so, wie der moralische Impuls auf die unmoralischen Neigungen wirkt. Wenn man dagegen die Rosen selber anschauen würde, etwa diese Rose hier, die auf dem physischen Plan so ein sattes Rot hat, so würde man für diese Rose ein helleuchtendes, durchsichtiges Grün erkennen, für die hellere Rose eine Art sattes Grün, mit einer etwas blauen Nuance.

[ 10 ] The structure of this Ten-Commandments-like entity points us toward what constitutes an essential feature of morality in the sensory world: that moral impulses may contradict what a person would do if they merely followed the impulses of the physical world. This clearly states, for the path of knowledge that must be built according to the pattern of moral impulses: We must moralize all our knowledge on the occult path of knowledge; our otherwise merely theoretical laws of knowledge must become inner moral laws. — Thus, that which pertains primarily to the physical plane must, when a person confronts it through inner knowledge of things, become such that they erase what lies directly before them, so that they say: I erase it, just as the lower inclinations are erased when the moral “Thou shalt not” calls out. — Indeed, for this reason, every true description of the path of knowledge points out that the surest way to raise the powers of knowledge into the higher world is through the refinement of moral impulses. This is already expressed in every detail. Let us suppose we have some plant. What can we first describe as an external impulse emanating from it? Let us take the leaf of the plant. There we can describe as an external impulse the fact that the leaves appear green to us. Thus, in the physical, sensory world, for example, rose petals are green. Now let us suppose that it were required of someone who, as a practical occultist, truly wished to attain higher knowledge, that they should educate themselves according to the pattern of moral insights; then most images would have to arise in such a way that they hold up this green leaf and, in contrast to the greenness of the plant, the inner impulse awakens: You shall not be green. — It must be possible for us to look at the green leaf with such vision that the external impulse does not take effect, so that just as the evil inclination is extinguished before the moral judgment, the greenness of the leaf is extinguished by another, let us say, clairvoyant power. Indeed, if a person develops their clairvoyant powers in the correct manner, as described in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, then they learn to look at the green leaf, and just as moral judgments extinguish evil inclinations, so the greenness of the leaf—which applies only to the physical plane—is extinguished. And where greenness would otherwise appear, we have, in this case, a pale rose-red or a color similar to that of a peach blossom in relation to the clairvoyant faculty. This appears when we are able to remove through our clairvoyant power what is in maya, what is on the physical plane. Thus, through clairvoyant power, we remove what is on the physical plane and bring forth what, as the supersensible, underlies the sensible. So we can say: Entering the path of knowledge truly occurs just as the moral experience of the human being does. The juxtaposition of the supersensible and the sensible worlds works precisely as the moral impulse works upon immoral inclinations. If, on the other hand, one were to look at the roses themselves—for example, this rose here, which has such a rich red on the physical plane—one would perceive a bright, translucent green for this rose, and for the lighter rose, a kind of rich green with a slightly blue nuance.

[ 11 ] So haben wir in einem einzelnen Fall gesehen, daß okkulte Urteile, die dem hellseherischen Schauen entsprechen, so aufgebaut sind seelisch, wie die moralischen Urteile, die das auslöschen, was unmoralisch ist. Daraus können wir schließen, daß das, was wir an unserem Ausgangspunkt gesagt haben, erhärtet wird. Wir müssen ja, um zu höheren Erkenntnissen zu kommen, lernen, aller physischen, äußeren Welt gegenüber die unmittelbaren Eindrücke auszulöschen, die Maja verschwinden zu machen, so daß sich etwas anderes an die Stelle der Maja setzt. Nun lernt man bekanntlich eine Sache am besten, wenn man sie sich durch Dinge einprägt, die dem zu Lernenden ähnlich sind. Kein Mensch wird, um zu lernen, sich an Dingen üben, die mit dem betreffenden Gegenstand nichts zu tun haben. Ich habe nie gehört, daß einer Mathematiker wird dadurch, daß er spazierengeht, einfach weil dies nicht etwas Ähnliches ist. So wird man sich solche seelischen Vermögen, welche moralischen Impulsen ähnlich sind, nur aneignen können, wenn man sich an dem übt, was der Mensch schon im gewöhnlichen Leben hat. Das Hellsehen hat er noch nicht, das ist etwas, was langsam und mühsam erworben werden muß. Aber der Mensch hat immer die Möglichkeit, so in seiner Seele Einkehr zu halten, daß er sich frägt: Welche Dinge finde ich moralisch gut und welche moralisch verwerflich? — Die meisten Menschen handeln ja nicht deshalb nicht moralisch, weil sie nicht wissen, was moralisch ist, sondern nur, weil ihre Neigungen, Triebe, Begierden oder Leidenschaften ihrer moralischen Erkenntnis widersprechen. Dann, wenn wir uns so erforscht haben, können wir zurückgehen auf etwas, was wir in uns entdecken, wie die Zustimmung zu dem, was wir moralisch nennen können. Und wenn wir uns nun üben in dieser Meditation, indem wir uns fragen: Wie können wir uns dieses oder jenes in der Welt nach unserem moralischen Urteil denken? — und uns Bilder schaffen und uns in diese versenken, so werden wir in unserer Seele Dinge und Gefühlsgewohnheiten erleben — sie werden in unserer Seele wirklich reifen —, die verwandt sind den Hellseherkräften.

[ 11 ] Thus, in a single case, we have seen that occult judgments, which correspond to clairvoyant perception, are structured psychologically in the same way as moral judgments, which eliminate what is immoral. From this we can conclude that what we said at the outset is confirmed. For we must, in order to attain higher insights, learn to erase the immediate impressions of the physical, external world, to make maya disappear, so that something else takes the place of maya. Now, as is well known, one learns a subject best by committing it to memory through things that are similar to what is to be learned. No one, in order to learn, will practice on things that have nothing to do with the subject in question. I have never heard of anyone becoming a mathematician simply by going for a walk, because this is not a similar activity. Thus, one can only acquire such spiritual faculties, which are similar to moral impulses, by practicing with what a person already has in ordinary life. They do not yet possess clairvoyance; that is something that must be acquired slowly and laboriously. But a person always has the opportunity to look inward in their soul and ask themselves: Which things do I find morally good, and which morally reprehensible? — Most people do not act immorally because they do not know what is moral, but only because their inclinations, drives, desires, or passions contradict their moral insight. Then, once we have examined ourselves in this way, we can return to something we discover within ourselves, such as an affirmation of what we can call moral. And if we now practice this meditation by asking ourselves: How can we conceive of this or that in the world according to our moral judgment? — and create images and immerse ourselves in them, then we will experience things and emotional habits in our soul — they will truly mature in our soul — that are akin to clairvoyant powers.

[ 12 ] Also das nächste, was der Mensch tun kann, um die hellseherischen Kräfte wachzurufen, ist, daß die Moralität und die Handlungen eins werden. Dies ist die beste Schulung für die hellseherischen Kräfte. Deshalb wird immer betont, daß man eigentlich durch nichts anderes als durch Erhöhung des moralischen Charakters zu den hellseherischen Kräften kommen sollte.

[ 12 ] So the next thing a person can do to awaken their clairvoyant powers is to ensure that their morality and their actions become one. This is the best training for clairvoyant powers. That is why it is always emphasized that one should actually attain clairvoyant powers through nothing other than the elevation of one’s moral character.

[ 13 ] Fassen wir das ins Auge, so werden wir ja allerdings uns die Frage vorlegen müssen: Gibt es denn nicht vielleicht auch andere Wege zum hellsichtigen Schauen? Wir sehen doch vielfach, daß Menschen zu hohen Graden hellseherischen Vermögens kommen, die auf uns gar keinen besonders moralischen Eindruck machen, so daß wir von ihnen nicht annehmen können, daß sie zuerst ihre Moral, ihr Wohl- und Mißfallen, ihren Enthusiasmus am moralischen Urteil gepflegt haben. Wir sehen, daß Leute, die durch allerlei anderes hellseherische Kräfte entwickelt haben, gewisse schlimme Eigenschaften zeigen, die sie früher nicht oder kaum gehabt haben; zum Beispiel wahre Lügenhälse werden, wenn sie anfangen, hellseherische Kräfte zu entwickeln. - Ja, zuweilen wird es eine ganz gefährliche Sache für den Charakter eines Menschen, namentlich wenn er zur Hellhörigkeit kommt. Hellsichtigkeit ist noch nicht so gefährlich wie Hellhörigkeit. Wie stimmt das zusammen mit dem, was gesagt worden ist? Nun, es ist ja, wie Sie sich vielleicht erinnern, in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» überall an den entscheidenden Stellen darauf hingewiesen, daß der Weg zur Erkenntnis der höheren Welten so, wie es heute charakterisiert worden ist, gehalten sein muß. Aber es ist ebenso zweifellos, daß es auch andere Wege gibt. Diesen Weg muß man nur in der richtigen Weise studieren, dann wird man bald einsehen, warum Eigenschaften auftreten können, wie sie eben charakterisiert wurden. Wir müssen uns klar sein, daß wir zunächst in uns haben den geistig-seelischen Wesenskern, den wir zusammenfassen in seinem Mittelpunkt, wenn wir «Ich» oder «Ich bin» sagen. Dieser geistig-seelische Wesenskern ist eingebettet in den Astral-, Äther- und physischen Leib. So wie der Mensch jetzt in der Welt lebt, leben wir eigentlich, wenn wir innerlich leben, in unserem Ich; denn alle Seelentätigkeiten sind bei dem wachen Menschen mit dem Ich in irgendeiner Weise verknüpft, erscheinen gleichsam alle auf dem Hintergrunde des Ich.

[ 13 ] If we consider this, we will indeed have to ask ourselves: Are there not perhaps other paths to clairvoyance? We often see that people who attain a high degree of clairvoyant ability do not make a particularly moral impression on us, so that we cannot assume that they first cultivated their morality, their sense of right and wrong, or their enthusiasm for moral judgment. We see that people who have developed clairvoyant powers through all sorts of other means exhibit certain bad qualities that they previously had little or none of; for example, they become outright liars when they begin to develop clairvoyant powers. — Yes, at times it becomes a very dangerous thing for a person’s character, especially when they develop clairaudience. Clairvoyance is not yet as dangerous as clairaudience. How does this fit in with what has been said? Well, as you may recall, in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, it is pointed out at every crucial point that the path to knowledge of the higher worlds must be followed as it has been characterized today. But it is equally certain that there are other paths as well. One need only study this path in the right way, and one will soon see why qualities can arise such as those just described. We must be clear that we first have within us the spiritual-soul core of our being, which we summarize in its center when we say “I” or “I am.” This spiritual-soul core is embedded in the astral, etheric, and physical bodies. Just as human beings now live in the world, we actually live—when we live inwardly—in our “I”; for all soul activities in the waking human being are linked in some way to the “I,” appearing, as it were, against the background of the “I.”

[ 14 ] Ich habe öfters ein selbsterlebtes Beispiel angeführt von einem meiner Schulkameraden, der schon als junger Schüler durchaus ein materialistischer Denker war und sagte: Wenn wir denken und wenn wir fühlen, da haben wir es nur zu tun mit Vorgängen im Gehirn; vermöge der Bewegungen unseres Gehirns denken und fühlen wir. Er entwickelte schon damals ganz materialistische Theorien: Wie soll man vom Ich, vom Wesenskern sprechen? Das Gehirn ist es, das fühlt, will und denkt! — Ich erwiderte ihm: Ja, warum lügst du dann in einem fort und sagst immer: Ich denke, ich fühle, ich will, wenn du weißt, daß dein Gehirn das tut? — Natürlich könnte man sagen, das sei ein billiger, trivialer Einwand; aber worauf es ankommt, ist, daß er richtig, erheblich und unmittelbar gültig ist. Wir leben eben vom Aufwachen bis zum Einschlafen in Zusammenhang mit unserem Ich und können unser Ich von gar nichts, was wir denken, fühlen oder wollen, abtrennen. Nun ist das, was wir so innerlich erleben und was durchaus mit unserem Ich verknüpft ist, wie eingebettet in den astralischen, ätherischen und physischen Leib. Diese Leiber erleben wir nicht unmittelbar im normalen Leben. Aus dem Astralleib tauchen allerlei verborgene, unerklärliche Dinge herauf, aber was darin vorgeht, ist dem Menschen unbekannt, so wie demjenigen, der nur das obere Wellenspiel des Meeres betrachtet, unbekannt ist, was in den Tiefen vorgeht. Der Mensch soll nur einmal das Leben beobachten und sehen, wie unbekannt das ist, was im Verborgenen des Lebens vorgeht.

[ 14 ] I have often cited a personal example involving one of my schoolmates, who was already quite a materialist even as a young student and used to say: When we think and when we feel, we are dealing only with processes in the brain; it is through the activity of our brain that we think and feel. Even back then, he was developing thoroughly materialistic theories: How can one speak of the ‘I,’ of the core of one’s being? It is the brain that feels, wills, and thinks! — I replied to him: “Well, then why do you keep lying and always say, ‘I think, I feel, I will,’ when you know that your brain is doing that?” — Of course, one could say that this is a cheap, trivial objection; but what matters is that it is correct, significant, and immediately valid. From the moment we wake up until we fall asleep, we live in connection with our ego and cannot separate our ego from anything we think, feel, or will. Now, what we experience inwardly in this way—and which is thoroughly linked to our ego—is as if embedded in the astral, etheric, and physical bodies. We do not experience these bodies directly in normal life. All manner of hidden, inexplicable things emerge from the astral body, but what goes on within it is unknown to the human being, just as what goes on in the depths is unknown to one who merely observes the surface ripples of the sea. One need only observe life once to see how unknown is what goes on in the hidden depths of life.

[ 15 ] Da haben wir zum Beispiel ein Kind, das im siebenten Lebensjahre nur einmal erlebte, daß es vom Vater oder der Mutter ungerecht behandelt worden ist. Das hatte eine gewisse Aufregung beim Kinde zur Folge, die man aber nicht beachtete, weil das für die äußere Welt scheinbar sehr bald verschwunden ist. Es ist aber nur in den Astralleib hinuntergestiegen; da unten wogt und treibt es. Das Kind lebt weiter bis zum sechzehnten, siebzehnten Jahre. Es ist auf der Schule. Da kommt irgend etwas vor, der Lehrer macht dieses oder jenes. Ein anderes Kind hätte sich darüber nur aufgeregt, aber dieses Kind begeht Selbstmord! Wer das Leben dieses Kindes nur äußerlich betrachtet, wird allerlei Zeug reden über die Gründe, die es zum Selbstmord veranlaßten. Nur wer das Leben in seinen Tiefen betrachtet, da wo es wogt und treibt, im Astralleib, der wird wissen, daß zu den wichtigsten Ursachen das Erlebnis der Ungerechtigkeit im siebenten Jahre gehörte. Das lebt da unten im Verborgenen fort und wird nur heraufgerissen durch das Vorkommnis in der Schule; wäre das nicht dagewesen, so wäre der Selbstmord nicht vorgekommen.

[ 15 ] For example, there is a child who, at the age of seven, experienced just once being treated unfairly by his father or mother. This caused a certain amount of distress in the child, but it was ignored because, to the outside world, it seemed to disappear very quickly. But it has merely descended into the astral body; down there it swirls and churns. The child lives on until the age of sixteen or seventeen. He is in school. Then something happens; the teacher does this or that. Another child would have merely been upset by it, but this child commits suicide! Anyone who views this child’s life only superficially will say all sorts of things about the reasons that led to the suicide. Only those who look at life in its depths, where it surges and churns, in the astral body, will know that one of the most important causes was the experience of injustice in the seventh year. That lives on down there in secret and is only brought to the surface by the incident at school; had that not happened, the suicide would not have occurred.

[ 16 ] Was unmittelbar unter der Schwelle des Bewußtseins sich abspielt, wenn der Astralleib Erlebnisse der unmittelbaren Gegenwart hat, nicht einmal darüber haben wir Gewißheit, noch viel weniger darüber, wie der Astralleib in seiner Struktur, in seiner Formation aufgebaut, zusammengesetzt ist, was seine Elemente, seine Wesenheiten sind. Da sind wir eingebettet in dem, was uns geistig-seelische Mächte, die wir als die Hierarchien kennen, einorganisiert haben. Da unten im Astralleib sind viele Kräfte, wie in der Tiefe des Meeres viele sind, die man nicht sehen kann, wenn man nur das Gekräusel der Oberfläche bemerkt. Und wie das Gekräusel der Oberfläche sich verhält zu dem, was unten im Meer ist, so verhält sich das bewußte Ich zu dem, was unten im Astralleib vorgeht. Da muß schon der Taucher kommen, der untertauchen kann in diese Welt des Astralleibes, und dieser Taucher ist eben nur der Hellseher.

[ 16 ] We have no certainty even about what takes place immediately below the threshold of consciousness when the astral body experiences the immediate present, much less about how the astral body is structured and composed in its formation, or what its elements and entities are. There we are embedded in what the spiritual-soul forces, known to us as the Hierarchies, have organized within us. Down there in the astral body are many forces, just as there are many in the depths of the sea that cannot be seen when one notices only the ripples on the surface. And just as the ripples on the surface relate to what lies beneath the sea, so does the conscious ego relate to what is happening down in the astral body. Here the diver must come, who can dive down into this world of the astral body, and this diver is none other than the clairvoyant.

[ 17 ] In einem noch höheren Maße ist das beim Ätherleib der Fall; da haben wir noch verborgenere Tiefen. Und erst beim physischen Leib! Den hat zwar der Mensch von außen vor sich, aber über den hat er die geringste Gewalt und da vermag er eigentlich nur, was der Magen will. Wenn er wählen müßte, ob er einen schlimmen Magen bekämpfen soll oder unmoralische Neigungen, so würde er alle moralischen Bemühungen beiseitestellen und sich um einen gesunden Magen bemühen. Der physische Leib ist Gesetzen unterstellt, die der Mensch nicht in seinem bewußten Ich hat, die er sich von außen in der Maja aneignet. Astral-, Äther- und physischer Leib sind mit Kräften durchsetzt von den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Das aber hindert nicht, daß diese heraufspielen in das bewußte Ich, daß aus den verborgenen Tiefen des Menschenwesens die Kräfte zufließen, heraufspielen in das bewußte Ich, wie wir es ja in dem Falle des Kindes gesehen haben, der wirklich passiert ist. Vom siebenten Jahre an war im Astralleib durch die Erscheinung der Ungerechtigkeit eine Kraft ausgelöst worden, die dann heraufspielte in das Bewußtsein, als der Lehrer den Lappen nahm, mit dem man die Tafel abwischt, und dem Jungen, der inzwischen sechzehn Jahre alt geworden war, einen Schlag ins Gesicht gegeben hatte. Der verläßt das Klassenzimmer, findet zufällig das Chemiezimmer offen, geht hinein und nimmt Gift. Mit allen Mitteln der psychologischen Wissenschaft könnte man nachweisen, wie durch die Gewalt dessen, was da unten im Astralleib war, die Sache heraufgespielt worden ist.

[ 17 ] This is even more true of the etheric body; there we find even more hidden depths. And what about the physical body! Although a person has it right in front of them, they have the least control over it, and in that regard they can really only do what the stomach wants. If he had to choose between fighting an upset stomach or immoral inclinations, he would set aside all moral efforts and strive for a healthy stomach. The physical body is subject to laws that the human being does not possess in his conscious ego, but which he acquires from the outside in maya. The astral, etheric, and physical bodies are permeated with forces from the beings of the higher hierarchies. But this does not prevent these forces from rising up into the conscious ego, from the hidden depths of the human being, flowing up into the conscious ego, as we have indeed seen in the case of the child, which actually happened. From the age of seven, the appearance of injustice had triggered a force in the astral body that then played up into consciousness when the teacher took the cloth used to wipe the blackboard and struck the boy, who had by then turned sixteen, in the face. He leaves the classroom, happens to find the chemistry lab open, goes inside, and takes poison. Using all the methods of psychological science, one could demonstrate how the matter was brought to the surface by the force of what was down there in the astral body.

[ 18 ] Es kann aber auch das, was da unten in dem Menschen vorhanden ist, durch gewisses Verhalten ins bewußte Ich heraufgezogen werden. Wir könnten durch das bewußte Ich Kräfte aus dem Astralleib heraufpumpen und dadurch in den Besitz von hellseherischen, das heißt, übersinnlichen Kräften im Bewußtsein kommen. Da pumpen wir aber aus dem, was uns die Götter gegeben haben, gleichsam Kräfte herauf. Das ist in der Tat etwas, was vielfach in Büchern, die Anweisung geben, einen Erkenntnispfad zu betreten, anempfohlen wird. Sehr häufig ist es so, daß diejenigen, die solche Bücher schreiben, auch keine Ahnung haben von dem wahren Vorgang, weil diese Dinge gar nicht mit der Gewissenhaftigkeit gemacht werden, mit der sie gemacht werden müssen. Nun ist es aber zu begreifen, daß die Kräfte, die von höheren Hierarchien unserem astralischen, ätherischen und physischen Leib eingeflößt sind, dahin gehören. Pumpen wir sie herauf, so entziehen wir etwas unserer Organisation; wir nehmen dem, was uns die Götter gegeben haben, etwas weg, wir schwächen uns dadurch. Die Schwächung kann sich so zeigen, daß die von den Göttern eingeflößte Wahrhaftigkeit Schaden nimmt. In einem solchen Grade werden diese Kräfte, die den Menschen früher verhindert haben zu lügen, heraufgepumpt, daß er nun anfängt zu lügen. Hier ist der große Unterschied zwischen dieser Art, zu hellseherischen Kräften zu kommen, und der vorher geschilderten, wie Sie sie Ja konsequent durchgeführt finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Worauf stützt sich diese Art? Eben darauf, daß auf dem Erkenntnispfade nichts entwickelt wird, das nicht nach dem Muster des rein moralischen Urteils ausgeführt wird. Dieses fließt aber niemals aus dem Astralleib, sondern es muß erworben werden wie etwas, was wie eine innere Stimme aufsteigt in dem bewußten Ich. Denn, was nicht ein bewußtes Ich hat, können wir nicht als ein moralisches Wesen ansprechen. Wir sprechen von Moralität nur bei einem Wesen, das in der Lage ist, aus dem mit seinem inneren Wesen verknüpften Wesenskern Impulse aufsteigen zu lassen.

[ 18 ] However, what lies within the human being can also be drawn up into the conscious ego through certain behaviors. Through the conscious ego, we could draw forces up from the astral body and thereby acquire clairvoyant—that is, extrasensory—powers in our consciousness. In doing so, however, we are, as it were, drawing up forces from what the gods have given us. This is, in fact, something that is frequently recommended in books that provide instructions for embarking on a path of knowledge. Very often, those who write such books have no idea of the true process, because these things are not done with the conscientiousness with which they must be done. Now, however, it must be understood that the forces instilled into our astral, etheric, and physical bodies by higher hierarchies belong there. If we pump them up, we deprive our organism of something; we take away something from what the gods have given us, and thereby weaken ourselves. This weakening can manifest in such a way that the truthfulness instilled by the gods is damaged. These forces, which previously prevented a person from lying, are pumped up to such an extent that he now begins to lie. Herein lies the great difference between this method of attaining clairvoyant powers and the one described earlier, as you will find it consistently applied in my treatise “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” On what is this method based? Precisely on the fact that nothing is developed on the path of knowledge that is not carried out according to the pattern of purely moral judgment. This, however, never flows from the astral body, but must be acquired as something that rises like an inner voice within the conscious ego. For we cannot address as a moral being that which does not possess a conscious ego. We speak of morality only in the case of a being that is capable of allowing impulses to rise from the core of its being, which is linked to its inner essence.

[ 19 ] Nun sollen aber außer den moralischen Kräften solche aufsteigen, welche die Seele hinaufführen in die höhere Welt. Wenn diese nun nicht aus unserem Astralleib kommen sollen, so können sie überhaupt nicht aus uns selber kommen. Sie können unmöglich aus uns selber kommen, denn, was aus uns selber kommt, müßte aus dem bewußten Ich kommen. Aber außer den moralischen Impulsen steigen beim Menschen höchstens die ästhetischen Urteile, die über das Schöne entscheiden, und in gewissem Sinne mathematische Urteile aus dem bewußten Ich herauf. Aus dem Astralleib sollen die Dinge aber nicht heraufgepumpt werden; woher können sie also nur kommen? Aus der übersinnlichen Welt, in welche wir hineingestellt sind und welche allerdings unsere drei Leiber hervorgebracht hat. Aber nicht aus diesen drei Leibern selber müssen diese Kräfte kommen. Es muß also nicht der Umweg durch die drei Leiber gewählt werden, sondern ein Weg, der uns unmittelbar in Zusammenhang bringt mit den geistigen Reichen, mit den Wesenheiten der Hierarchien, so daß unmittelbar in uns diese Kräfte der höheren Welt einfließen. Wir müssen also einen Zugang zu diesen Welten haben, durch die höhere Kräfte in unsere Seelen fließen können. Dazu ist nötig, daß alle höhere Erkenntnis mit etwas anderem als mit der gewöhnlichen Erkenntnis in Verbindung ist. Mit der gewöhnlichen Erkenntnis kommt man nicht in die höheren Welten hinein. Um in die höheren Welten hineinzukommen, ist eine ganz bestimmte Grundstimmung der Seele notwendig. Das ist das erste, was selbst schon die alten griechischen Philosophen betont haben: Jemand, der bloß gut denken kann, der bloß intellektuell, durch bloßes Denken und Philosophieren die Dinge auffassen will, kann nicht in die geistigen Welten kommen. Man muß von etwas anderem ausgehen. Bevor man einer Sache erkennend gegenübersteht, muß man ihr in anderer Weise gegenüberstehen.

[ 19 ] Now, however, in addition to the moral forces, there must arise those that lead the soul upward into the higher world. If these are not to come from our astral body, then they cannot come from within ourselves at all. They cannot possibly come from within ourselves, for whatever comes from within us would have to come from the conscious “I.” But apart from moral impulses, at most only aesthetic judgments—which decide on beauty—and, in a certain sense, mathematical judgments rise up in human beings from the conscious ego. Yet these things are not to be drawn up from the astral body; so where can they possibly come from? From the supersensible world into which we are placed and which, indeed, has brought forth our three bodies. But these forces need not come from these three bodies themselves. We must therefore not take the roundabout route through the three bodies, but rather a path that brings us into direct connection with the spiritual realms, with the beings of the hierarchies, so that these forces of the higher world flow directly into us. We must therefore have access to these worlds through which higher forces can flow into our souls. For this, it is necessary that all higher knowledge be connected with something other than ordinary knowledge. Ordinary knowledge does not lead into the higher worlds. To enter the higher worlds, a very specific fundamental mood of the soul is necessary. This is the first thing that even the ancient Greek philosophers emphasized: someone who can merely think well, who seeks to grasp things merely intellectually, through mere thinking and philosophizing, cannot enter the spiritual worlds. One must start from something else. Before one approaches a thing with the intention of knowing it, one must approach it in a different way.

[ 20 ] Alle Erkenntnis beginnt mit dem Staunen, und nur wer von dem Staunen, von dem Verwundern ausgeht, ist auf dem Wege zur richtigen Erkenntnis. Alles, dem wir nicht erst als Staunende, als Verwunderte gegenübergestanden haben, kann überhaupt nicht zum Erkenntnispfade führen. Lassen Sie alle Pädagogik deklamieren, daß man ausgehen müsse von der Anschauung; wenn nicht erst Staunen, Verwundern da ist, bleibt es beim bloßen intellektuellen Erkennen. Staunen ist das erste, was man haben muß.

[ 20 ] All knowledge begins with wonder, and only those who start from wonder and amazement are on the path to true knowledge. Anything we have not first encountered with a sense of wonder and amazement cannot lead to the path of knowledge at all. Let all pedagogy proclaim that one must start from perception; if there is not first wonder and amazement, it remains mere intellectual recognition. Wonder is the first thing one must have.

[ 21 ] Das zweite, was uns in die geistige Welt eintreten läßt, ist, daß wir verehren lernen. Ein Verehren dessen, was durch den Gegenstand wirkt. Eine Erkenntnis, die nicht so verknüpft ist mit der Seele, daß die Seele den Erkenntnispfad in dem Sinne geht, daß sie zuerst lebt in Staunen und in Verehrung dessen, was sich durch den Gegenstand kundgibt, kommt über eine intellektuelle Erkenntnis nicht hinaus.

[ 21 ] The second thing that allows us to enter the spiritual world is that we learn to revere. A reverence for that which works through the object. A realization that is not so closely linked to the soul—such that the soul walks the path of knowledge in the sense that it first lives in wonder and reverence for that which reveals itself through the object—does not go beyond intellectual knowledge.

[ 22 ] Das dritte ist, sich in Harmonie zu fühlen mit dem Weltgeschehen. Dazu gibt ja die geisteswissenschaftliche Lehre viele Mittel insbesondere dadurch, daß wir die Karmaidee mit allem Lebensernst in uns tragen. Es ist ein weiter Weg von der Überzeugung vom Karma im Menschenleben bis dahin, daß sie zum wahren Lebensernst wird. Wenn wir wirklich überzeugt sind von Karma, dann dürfen wir, wenn uns jemand eine Ohrfeige gibt, nicht sagen: Mir ist das unsympathisch, daß du mir diese Ohrfeige gibst! —, sondern man müßte sagen: Wer hat mir eigentlich diese Ohrfeige gegeben? Ich selber, denn ich habe in meinem früheren Leben irgendeinmal etwas getan, was die Veranlassung gewesen ist, daß der andere mir diese Ohrfeige gibt, und ich habe nicht die geringste Ursache, ihm zu sagen, er tue mir Unrecht, sondern ich habe mir in gewisser Weise einen Automaten hingestellt. — Nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit dem Weltgeschehen sich befinden, das ist das dritte. Das Evangelium selbst gibt eine entsprechende Lehre: So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dann biete den anderen auch dar. — Wenn man weiß, daß man durch Karma die Ursache in sich zu suchen hat, wenn man erkennt, wie nur sich auslebt, was man durch eigene Willkür, durch eigene Schuld hervorgerufen hat, so kommt man zu dem Sich-in-EinklangWissen mit dem Weltenprozeß. Das ist das dritte.

[ 22 ] The third is to feel in harmony with world events. The Spiritual Science teachings offer many means to achieve this, particularly by carrying the idea of karma within us with all the seriousness of life. It is a long way from merely believing in karma in human life to the point where it becomes a true, serious part of life. If we are truly convinced of karma, then when someone slaps us, we must not say: “I don’t like that you’re slapping me!” — but rather we should ask: “Who actually gave me this slap?” I myself, for in a past life I must have done something at some point that caused the other person to slap me, and I have not the slightest reason to tell him he is wronging me; rather, I have, in a sense, set up a machine for myself. — To be in harmony with world events, not in conflict with them—that is the third point. The Gospel itself teaches this: If someone strikes you on your right cheek, then offer the other one as well. — When one knows that one must seek the cause within oneself through karma, when one recognizes how one is merely living out what one has brought about through one’s own willfulness, through one’s own fault, then one comes to a sense of harmony with the world process. That is the third.

[ 23 ] Und das vierte ist: Völlige Hingabe an den Weltenprozeß, sich so betrachten, wie wenn man eigentlich nur ein Glied davon wäre. So daß wir vier Eigenschaften aufzählen können, mit welchen wir uns zur Außenwelt, zur Außenseite des Lebens stellen können: Erstens bewundern, staunen, zweitens verehren, drittens sich im Einklang wissen mit dem Weltenprozeß, viertens sich völlig hingeben an diesen Weltenprozeß.

[ 23 ] And the fourth is: complete surrender to the process of the world, viewing oneself as if one were merely a part of it. Thus, we can list four qualities with which we can relate to the outside world, to the outer side of life: First, to admire and marvel; second, to revere; third, to know oneself to be in harmony with the world process; and fourth, to surrender completely to this world process.

[ 24 ] Indem wir diese Eigenschaften entwickeln, machen wir unsere Seele offen, öffnen sie so, daß hineinfließen können jene Kräfte, die gleichsam jungfräulich herausfließen aus der geistigen Welt, Kräfte, die wir so einatmen wie frische Gebirgsluft, nachdem wir vorher irgendwelche durch andere Organismen verbrauchte Luft eingeatmet haben. So sehen wir, welch ein großer Unterschied ist zwischen dem, was sozusagen durch Gnade gegeben werden kann durch die höheren Hierarchien selbst, und dem, was wir uns so aneignen, daß wir aus dem, was sie in unsere Organisation an Kräften legen, etwas heraufpumpen. Durch eine solche Betrachtung lernen wir wahrhaftig unterscheiden zwei Wege, die beide zu wirklichem Hellsehen führen. Aber der eine Weg führt zum Hellsehen dadurch, daß der Mensch sich den Wesenheiten der höheren Hierarchien unmittelbar entgegenserzit.

[ 24 ] By developing these qualities, we open our soul, opening it in such a way that those forces can flow into it—forces that, as it were, flow forth virginally from the spiritual world—forces that we breathe in like fresh mountain air after having previously breathed in air that has been used up by other organisms. Thus we see what a great difference there is between what can be given, so to speak, by grace through the higher hierarchies themselves, and what we acquire by drawing up something from the forces they place within our organism. Through such contemplation, we truly learn to distinguish between two paths, both of which lead to true clairvoyance. But one path leads to clairvoyance through the human being’s direct encounter with the beings of the higher hierarchies.

[ 25 ] So wie der Mensch als moralisches Wesen dasteht, war er nicht immer. Solange der Mensch erst ausgebildet hatte den Astralleib, den Ätherleib und den physischen Leib, konnte man von moralischen Impulsen nicht reden. Wir sprechen von alten Sonnenmenschen, die sich den Ätherleib aneigneten, und von Mondenmenschen, die hinzubekamen den Astralleib. Aber es gab während dieser Entwickelungsperioden nirgends ein Reich der Moralität. Das ist die Erdenmission, daß zu dem, was der Mensch sonst erleben kann, die Moralität hinzutritt. Das ist die Aufgabe für die Aneignung solcher Kräfte, die in die geistige Welt führen: der Mensch muß sich über das hinausentwickeln, was er sich angeeignet hat im Laufe der Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung. Aus alledem kann entnommen werden, daß, weil es ja unmittelbar durch die Vernunft nachgewiesen werden kann, man nicht sagen darf, daß der Mensch sich den angebotenen Erkenntnispfaden ganz urteilslos anvertrauen kann, der schwarzen Magie ebenso wie den moralischen Impulsen. Man muß sich nur darauf einlassen, durch die Vernunft zu prüfen. Man versuche nur, durch die heutige Beschreibung richtig darauf einzugehen, so wird sich das Gesagte als wahr erweisen, so daß, wenn man solche Maßstäbe an die Beschreibung von Erkenntnispfaden anlegt, man sie wirklich ohne weiteres unterscheiden kann. Und es ist wichtig, daß der Mensch lerne, sich zu sagen: Für mich ist die Schilderung eines Erkenntnispfades, bei dem nicht alles nach dem Muster eines moralischen Impulses ist, von vornherein verdächtig. — Der Mensch, der nicht als verdächtig ansieht einen Pfad, der im Widerspruch stünde mit dem, was man tatsächlich als moralische Impulse empfinden kann, der die Notwendigkeit der moralischen Impulse nicht fühlen kann, müßte es sich dann selber zuschreiben, wenn er in Gefahr geriete. Deshalb war es durchaus nicht unnötig, unter den Betrachtungen, die gepflegt werden können, auch einmal diese Betrachtung vorzunehmen, denn es ist ja ganz richtig und gut, daß derjenige, der sich heute für Geisteswissenschaft interessiert, nicht nur die Dinge, die erforscht sind, hinnimmt, sondern sich auch in gewisser Weise bekanntmacht damit, wie die Dinge gefunden werden. Nehmen wir an, einer will Geisteswissenschaft annehmen, aber den Erkenntnispfad selbst nicht betreten für diese Inkarnation. Auch für ihn ist es nützlich, wenn er sich eine Vorstellung davon macht, wie die Erkenntnisse gewonnen werden. Er kann darüber eine Ansicht gewinnen, so wie ein Chemiker eine Wahrheit annimmt, weil er sich das Experiment beschreiben läßt, durch welches die betreffenden Erkenntnisse gewonnen werden, auch wenn er das Experiment selber nicht gemacht har.

[ 25 ] Human beings have not always existed as moral beings. As long as humans had only developed the astral body, the etheric body, and the physical body, one could not speak of moral impulses. We speak of ancient Sun beings who acquired the etheric body, and of Moon beings who acquired the astral body. But during these periods of development, there was no realm of morality anywhere. It is the mission of the Earth that morality be added to what human beings can otherwise experience. This is the task for acquiring the powers that lead into the spiritual world: human beings must develop beyond what they have acquired in the course of Saturn, Sun, and Moon development. From all this it can be inferred that, since it can be demonstrated directly through reason, one must not say that human beings can entrust themselves entirely without judgment to the paths of knowledge offered to them, whether to black magic or to moral impulses. One need only be willing to examine them through reason. If one merely attempts to engage with today’s description in the right way, what has been said will prove to be true, so that when one applies such standards to the description of paths of knowledge, one can truly distinguish them without further ado. And it is important that one learn to say to oneself: For me, the description of a path of knowledge in which not everything follows the pattern of a moral impulse is suspect from the outset. — The person who does not regard as suspect a path that would contradict what one can actually perceive as moral impulses, who cannot feel the necessity of moral impulses, would then have only himself to blame if he were to find himself in danger. That is why it was by no means unnecessary to include this consideration among the reflections that can be made, for it is indeed quite right and good that those who are interested in Spiritual Science today should not merely accept the things that have been researched, but should also, in a certain sense, familiarize themselves with how these things are discovered. Let us suppose that someone wishes to accept Spiritual Science but does not wish to embark on the path of knowledge itself in this incarnation. It is also useful for them to form a mental image of how the insights are gained. They can form an opinion about it, just as a chemist accepts a truth because they have the experiment described to them through which the relevant insights are gained, even if they have not performed the experiment themselves.

[ 26 ] Nun ist es ja in unserer Zeit besonders notwendig für den, der den Weg zur höheren Erkenntnis gehen will, die Dinge zu beobachten, die heute charakterisiert worden sind; denn wir leben in einem Zeitalter, wo der Mensch durch höhere Mächte aufgerufen wird, immer selbständiger und selbständiger zu werden. In den Zeiten, die verflossen sind bis zum Mysterium von Golgatha, war es so, daß dem Menschen ohne sein Zutun in gewisser Weise hellseherische Kräfte zuflossen; das war wie eine Erbschaft aus menschlichen Urzeiten. Aber seit dem Mysterium von Golgatha lebt der Mensch so, daß er sich bewußt zu den Dingen stellen muß. Daher ist es notwendig, daß der Mensch lerne, gerade jene Stimmung in der Seele sich anzueignen, welche durch die vier Tugenden erreicht wird, durch die vier Kräfte: Staunen, Bewundern, Verehren, Harmonie empfinden mit dem Weltenprozeß, und sich dem Weltenprozeß hingeben, und daß er gerade durch die Entwickelung dieser Tugenden sich frei öffne jenen Einflüssen, die ihm aus den höheren Hierarchien zukommen können.

[ 26 ] Now, in our time, it is particularly necessary for those who wish to walk the path to higher knowledge to observe the things that have been described here; for we live in an age in which human beings are called upon by higher powers to become ever more and more independent. In the times that passed before the Mystery of Golgotha, clairvoyant powers flowed to human beings in a certain way without their own doing; this was like an inheritance from primeval times. But since the Mystery of Golgotha, human beings have lived in such a way that they must consciously engage with things. Therefore, it is necessary for human beings to learn to cultivate precisely that mood of the soul which is attained through the four virtues, through the four powers: wonder, admiration, reverence, feeling harmony with the world process, and surrendering to the world process; and that, precisely through the development of these virtues, they freely open themselves to those influences that may come to them from the higher hierarchies.

[ 27 ] Nun gibt es eine Möglichkeit, sozusagen wie aus den fundamentalsten Seelenimpulsen heraus sich in eine solche Stimmung der Welt gegenüber zu versetzen wie in diesen vier Tugenden: Wenn wir immer wieder und wiederum in der Seele uns dem Gedanken hingeben, daß wir, so wie wir dastehen in der Welt, wie wir hineinverwoben sind in die Welt der Maja, der großen Illusion, mit dieser Maja, dieser Illusion, die ihren Ursprung immer in der geistigen Welt hat, entsprungen sind aus den göttlichen Kräften. Daß wir in der Welt der Maja, der Illusion leben, das hindert nicht, daß wir uns in der Welt voll Maja und Illusion den geistigen Kräften hingeben, denen sie entsprungen ist. Maja ist gleich dem Leben in dem Wellenspiel, das auf dem Meere ist, aber es wird doch aufgeworfen von dem Meere und wird gebildet aus der Substanz des Meeres. So wahrhaftig wie das Wellenspiel aus der Welt des Meeres, der Schaum ein Gebilde aus der Substanz des Meeres ist, so erhebt sich die Welt der Maja aus dem geistigen Untergrunde, so daß wir sagen können: Wenn wir auch eingesponnen sind in diese Welt der Illusionen, so sind wir doch aus dem Göttlichen hervorgegangen. — Das drückt die abendländische Esoterik aus mit den Worten: Aus dem Göttlichen sind wir geboren — Ex deo nascimur.

[ 27 ] Now there is a way, so to speak, to attune ourselves to the world from the most fundamental impulses of the soul, as embodied in these four virtues: If we repeatedly and again and again surrender in our souls to the thought that, just as we stand in the world, just as we are woven into the world of maya, the great illusion, we have sprung from the divine forces together with this maya, this illusion, which always has its origin in the spiritual world. The fact that we live in the world of maya, of illusion, does not prevent us from surrendering ourselves, in this world full of maya and illusion, to the spiritual forces from which it sprang. Maya is like life in the play of waves upon the sea, yet it is still thrown up by the sea and formed from the substance of the sea. Just as truly as the play of waves arises from the world of the sea, and the foam is a formation made of the substance of the sea, so the world of maya rises from the spiritual depths, so that we can say: Even though we are entangled in this world of illusions, we have nevertheless emerged from the Divine. — This is expressed in Western esotericism with the words: We are born of the Divine — Ex deo nascimur.

[ 28 ] Und ein zweites ist die fundamentale Empfindung, daß wir nicht diejenigen Kräfte heraufpumpen dürfen, welche die göttlichen Mächte in unseren Astral-, Äther- und physischen Leib verlegt haben, sondern daß wir uns unmittelbar der geistigen Welt hingeben, hinsterben müssen an die Welt. Das tun wir durch die vier Tugenden: Staunen und Verwundern, Verehren, Harmonie und Hingabe empfinden an den Weltenprozeß. Das sind eben Dinge, die uns immer tiefer in die Stimmung hineinbringen, welche die abendländische Esoterik so ausdrückt: In dem Christus sterben wir — In Christo morimur.

[ 28 ] And a second point is the fundamental realization that we must not draw upon those forces that the divine powers have placed within our astral, etheric, and physical bodies, but rather that we must surrender ourselves directly to the spiritual world, and let ourselves die into that world. We do this through the four virtues: feeling wonder and amazement, reverence, harmony, and devotion to the world process. These are precisely the things that draw us ever deeper into the mood that Western esotericism expresses as follows: In Christ we die — In Christo morimur.

[ 29 ] Da geht uns dann die Hoffnung auf, daß wir der Erweckung in der geistigen Welt entgegengehen, daß uns Kräfte aufgehen, die uns da neu gespendet werden, wie sie einstmals geschenkt wurden dem astralischen Leib. Durch den Heiligen Geist werden wir wiederum erweckt werden, werden wir wieder in die geistige Welt versetzt, so daß der Mensch wieder hinaufkommen kann in die höhere Welt: Per spiritum sanctum reviviscimus.

[ 29 ] Then hope dawns within us that we are moving toward awakening in the spiritual world, that powers will dawn within us which will be bestowed upon us anew there, just as they were once bestowed upon the astral body. Through the Holy Spirit we shall be awakened anew, we shall be restored to the spiritual world, so that the human being may once again ascend into the higher world: Per spiritum sanctum reviviscimus.

[ 30 ] Wir sollen wissen, daß eine jede für die heutige Zeit richtige Esoterik alle Methoden verbannen muß, welche aus den niederen Leibern in das Ich heraufpumpen die Kräfte, die zur höheren Erkenntnis führen sollen; denn dadurch sind wir gesund, daß diese Kräfte unten bleiben. Ein falscher esoterischer Pfad ist es, wenn wir uns benebeln in dieser oder jener Weise und dann gewisse Dinge für richtig halten, einfach weil wir uns die Kräfte heraufgepumpt haben, die uns, wenn sie an ihrem Orte blieben, nicht erlauben würden, diese Dinge für richtig zu halten. Das sind ernste Angelegenheiten, die dazu führen, erst richtig zu verstehen, warum in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Kräfte zur Entwickelung der hellseherischen Fähigkeiten unmittelbar in der Gegend unseres Kehlkopfes lokalisiert sind. Es sind das im höchsten Sinne moralische Fähigkeiten, die auch in der Buddha-Lehre als der achtgliedrige Pfad dargestellt werden. Bis zu einem gewissen Grade sind sie moralische; im weiteren führen sie den Menschen hinauf zu einer Durchmoralisierung auch unserer Erkenntnis, zu einer Imprägnierung derselben mit dem, was sonst bloß in unserer Moral ist.

[ 30 ] We must understand that any esotericism appropriate for our time must banish all methods that draw up into the I, from the lower bodies, the forces intended to lead to higher knowledge; for we are healthy precisely because these forces remain below. It is a false esoteric path when we cloud our minds in one way or another and then consider certain things to be correct simply because we have drawn up the forces that, had they remained in their proper place, would not allow us to consider these things correct. These are serious matters that lead us to truly understand why, in the text “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”, the forces for the development of clairvoyant abilities are localized directly in the region of our larynx. These are, in the highest sense, moral abilities, which are also presented in the Buddha’s teaching as the Eightfold Path. To a certain extent, they are moral; furthermore, they lead the human being upward toward a moralization of our very knowledge, toward an impregnation of it with that which is otherwise found only in our morality.