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Experiences of the Supernatural
The Three Paths of the Soul to Christ
GA 143

3 February 1912, Wrocław

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Experiences of the Supernatural, tr. SOL
  1. Erfahrungen des Übersinnlichen, 4th ed.

4. Anthroposophie Als Empfindungs-, Erkenntnis- und Lebensgehalt

4. Anthroposophy as the Content of Sensation, Knowledge, and Life

[ 1 ] Es wird vielleicht gut sein, wenn wir heute, da wir so selten zusammenkommen können, Fragen berühren, bei denen sich Anthroposophie unmittelbar berührt mit dem Leben. Es wird recht oft an den Anthroposophen die Frage herantreten: Wie verhält sich Anthroposophie zu dem, der noch nicht in der Lage ist, durch ein hellsichtiges Bewußtsein hineinzublicken in die geistigen Welten? — Denn im wesentlichen ist ja dieser geisteswissenschaftliche Inhalt der Mitteilungen empfangen, entnommen und mitgeteilt worden aus den Forschungen des hellsichtigen Bewußtseins.

[ 1 ] Since we are able to meet so rarely these days, it might be a good idea to address questions where anthroposophy directly intersects with life. Anthroposophists are often asked: What is the relationship of anthroposophy to those who are not yet able to look into the spiritual worlds through clairvoyant consciousness? — For, essentially, the content of Spiritual Science has been received, derived, and communicated from the research of clairvoyant consciousness.

[ 2 ] Es muß hierbei immer und immer wieder betont werden, daß alles, was da an Tatsachen und Zusammenhängen aus hellsichtiger Erkenntnis erforscht und mitgeteilt werden kann, mit dem gesunden Menschenverstand eingesehen werden muß. Denn wenn die durch hellseherisches Bewußtsein gefundenen Dinge einmal da sind, so können sie begriffen und verstanden werden mit der jedem natürlichen Menschen eingeprägten Logik, wenn nur die Beurteilung vorurteilsfrei genug dabei vorgeht.

[ 2 ] It must be emphasized time and again that all facts and connections that can be investigated and communicated through clairvoyant insight must be understood using common sense. For once the things discovered through clairvoyant consciousness are present, they can be grasped and understood using the logic inherent in every natural human being, provided that the assessment is conducted without prejudice.

[ 3 ] Darüber hinaus kann aber noch gefragt werden: Gibt es denn nichts, gibt es denn nicht gewisse Tatsachen im normalen Menschenleben, gewisse Erlebnisse dieses normalen Menschenlebens, die von vornherein hinweisen auf die Behauptung der geistigen Forschung, daß unserer physischen Welt und allen ihren Erscheinungen eine geistige Welt zugrunde liegt? — Nun, es gibt schon im gewöhnlichen Leben viele solche Tatsachen, von denen wir sagen können, der Mensch wird sie niemals begreifen können — obgleich er sie hinnehmen muß —, wenn er nichts weiß von dem Bestande einer geistigen Welt.

[ 3 ] Furthermore, one might ask: Are there not certain facts in ordinary human life, certain experiences of this ordinary human life, that point from the outset to the assertion of spiritual research that a spiritual world underlies our physical world and all its phenomena? — Well, there are indeed many such facts in ordinary life of which we can say that a person will never be able to comprehend them—even though they must accept them—if they know nothing of the existence of a spiritual world.

[ 4 ] Heute wollen wir im Beginne unserer Betrachtungen hinweisen auf zwei Tatsachen des gewöhnlichen normalen Bewußtseins im Menschenleben, die einfach etwas Unerklärliches sein müssen, wenn der Mensch nicht die Tatsache des Vorhandenseins einer geistigen Welt annimmt. Wovon gesprochen werden soll, sind zwei Tatsachen, die der Mensch ja allerdings als etwas Alltägliches kennt, aber die er in der Regel gar nicht in das richtige Licht rückt; denn wenn er das täte, dann würde irgendeine Notwendigkeit für eine materialistische Weltanschauung nicht vorliegen. Wenn wir somit zunächst die eine der beiden Tatsachen uns vor die Seele führen wollen, so sei es die folgende, und es geschehe in der Weise, daß wir an sehr gewöhnliche Ereignisse des gewöhnlichen Lebens anknüpfen.

[ 4 ] Today, as we begin our reflections, we wish to point out two facts of ordinary, normal consciousness in human life that simply must be regarded as inexplicable unless one accepts the existence of a spiritual world. What we are to discuss are two facts that people certainly know as part of everyday life, but which they generally fail to view in the proper light; for if they did, there would be no need for a materialistic worldview. If we therefore wish to first bring one of these two facts to mind, let it be the following, and let us do so by drawing on very ordinary events of everyday life.

[ 5 ] Wenn ein Mensch vor eine Tatsache hingestellt wird, die er sich nicht erklären kann mit denjenigen Begriffen, die er sich bis dahin angeeignet hat, so geschieht es, daß er sich in Verwunderung setzt. In der Tat, um ein ganz konkretes Beispiel zu gebrauchen, müßte doch derjenige, der zum erstenmal ein Automobil oder eine Eisenbahn fahren sieht — wenn auch das bald sogar im Inneren Afrikas nichts Ungewöhnliches mehr sein wird —, im höchsten Grade erstaunt sein, weil in seiner Seele etwa folgender Denkinhalt vor sich geht: Nach allem, was mir bisher entgegengetreten ist, erscheint es mir doch unmöglich, daß etwas über die Erde brausen kann, ohne daß da etwas vorgespannt ist, was dieses zieht. Dennoch aber sehe ich, daß es daherbraust, ohne gezogen zu werden! Das ist erstaunlich. — Also das, was der Mensch noch nicht kennt, ruft Verwunderung hervor, und was er schon gesehen hat, ruft keine Verwunderung mehr hervor. Nur solche Dinge, die der Mensch nicht anknüpfen kann an das, was er schon erlebt hat, verwundern. Diese Tatsache des gewöhnlichen Lebens wollen wir einmal fest im Auge behalten.

[ 5 ] When a person is confronted with a fact that he cannot explain using the concepts he has acquired up to that point, he is filled with wonder. In fact, to use a very concrete example, anyone seeing a car or a train in motion for the first time—even though this will soon no longer be unusual even in the heart of Africa—must be astonished to the highest degree, because the following train of thought is taking place in their mind: Based on everything I have encountered so far, it seems impossible to me that something could race across the earth without something pulling it. Yet I see that it races along without being pulled! That is astonishing. — Thus, what humanity does not yet know evokes wonder, and what it has already seen no longer evokes wonder. Only those things that humanity cannot connect to what it has already experienced are surprising. Let us keep this fact of ordinary life firmly in mind.

[ 6 ] Und nun können wir sie zusammenhalten mit einer anderen Tatsache, die auch sehr merkwürdig ist. Der Mensch wird nämlich im täglichen Leben vor sehr viele Dinge gestellt, die er noch nie gesehen hat und die er dennoch hinnimmt, ohne daß er erstaunt. Zahlreiche derartige Ereignisse gibt es. Was sind das für Ereignisse? Nun, es würde doch zum Beispiel gewiß etwas sehr Erstaunliches sein, wenn es der Mensch im gewöhnlichen Zusammenhange der Dinge erlebte, daß er plötzlich, während er bisher ruhig auf dem Stuhle gesessen hätte, anfinge, durch den Schornstein in die Luft zu fliegen. Das wäre in der Tat sehr erstaunlich, aber wenn das im Traume auftritt, dann macht er das mit, ohne daß er sich wundert. Und noch viel tollere Sachen erleben wir im Traume, denen gegenüber wir gar nicht erstaunt sind, obgleich sie sich gar nicht anknüpfen lassen an die täglichen Ereignisse. Im Wachen sind wir schon erstaunt, wenn jemand einmal einen hohen Luftsprung tut, und im Traume fliegen wir und sind gar nicht erstaunt. Da stehen wir vor der Tatsache, daß wir im Wachen verwundert sind über Dinge, die wir noch nicht erlebten, während wir im Traum gar nicht in Erstaunen geraten.

[ 6 ] And now we can link this to another fact that is also quite remarkable. In daily life, people are confronted with many things they have never seen before, yet they accept them without being surprised. There are numerous such events. What kind of events are these? Well, it would certainly be something very astonishing, for example, if a person were to experience in the ordinary course of things that, while sitting quietly in a chair, they suddenly began to fly up through the chimney into the air. That would indeed be very astonishing, but when it happens in a dream, he goes along with it without being surprised. And we experience even more incredible things in dreams, at which we are not at all surprised, even though they cannot be linked to everyday events. When awake, we are already surprised if someone takes a high leap into the air, yet in a dream we fly and are not surprised at all. Here we are faced with the fact that, when awake, we are surprised by things we have not yet experienced, whereas in a dream we are not surprised at all.

[ 7 ] Die zweite Tatsache, auf welche wir heute zur Einleitung unserer Betrachtungen die Aufmerksamkeit richten wollen, ist die Frage nach dem Gewissen. Bei dem, was der Mensch tut — und bei einem fein empfindenden Menschen schon, wenn der Mensch denkt —, regt sich in uns etwas, was wir Gewissen nennen. Von dem, was die Ereignisse draußen bedeuten, ist das Gewissen eigentlich ganz unabhängig. Denn wir könnten beispielsweise etwas getan haben, das uns vielleicht recht nützlich wäre, und dennoch könnte diese Tat von unserem Gewissen verurteilt werden. Bei der Regung des Gewissens aber fühlt jeder Mensch, daß da in die Beurteilung einer Tat etwas hineinfließt, das nichts zu tun hat mit deren Nützlichkeit. Es ist wie eine Stimme, die in uns spricht: Du hättest das eigentlich tun — oder: Du hättest es nicht tun sollen! — Da stehen wir vor der Tatsache des Gewissens, und wir wissen, wie stark die warnende Macht des Gewissens sein kann und wie es uns verfolgen kann im Leben, und wir wissen auch, daß man das Vorhandensein des Gewissens nicht ableugnen kann.

[ 7 ] The second fact to which we wish to draw attention today as an introduction to our reflections is the question of conscience. In whatever a person does—and in a highly sensitive person, even when a person thinks—something stirs within us that we call conscience. Conscience is actually quite independent of what external events signify. For we might, for example, have done something that would perhaps be quite useful to us, and yet this act could be condemned by our conscience. But when conscience stirs, every person feels that something flows into the judgment of an act that has nothing to do with its usefulness. It is like a voice speaking within us: You really should have done that—or: You shouldn’t have done that!—There we stand before the reality of conscience, and we know how powerful the warning force of conscience can be and how it can haunt us throughout life, and we also know that one cannot deny the existence of conscience.

[ 8 ] Nun verfolgen wir wiederum die Tatsache des Traumes, daß wir da die sonderbarsten Sachen machen, die, wenn wir sie im Wachen täten, uns die fürchterlichsten Gewissensbisse machen würden. Jeder kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß er im Traume Dinge tut ohne die geringste Regung des Gewissens. Dinge, die, wenn er sie im Wachen täte, seine Gewissensstimme erklingen lassen würden. Also die beiden Tatsachen, die Tatsache des Staunens und der Verwunderung und die Tatsache des Gewissens, sind merkwürdigerweise im Traume ausgeschaltet. Solche Dinge läßt der Mensch im gewöhnlichen Leben zwar unbeachtet vorübergehen, dennoch aber leuchten sie tief hinein in die Untergründe unseres Daseins.

[ 8 ] Now let us consider the fact that in dreams we do the strangest things, things that, if we did them while awake, would cause us the most terrible pangs of conscience. Everyone can confirm from their own experience that they do things in a dream without the slightest twinge of conscience—things that, if done while awake, would cause their conscience to speak out. Thus, these two facts—the fact of wonder and amazement and the fact of conscience—are, strangely enough, suspended in dreams. Although people let such things pass unnoticed in ordinary life, they nevertheless shine deep into the depths of our existence.

[ 9 ] Um diese Dinge ein wenig zu beleuchten, möchte ich noch auf eine andere Tatsache hinweisen, welche weniger das Gewissen als die Verwunderung betrifft. Im alten Griechenland ist der Satz aufgekommen, daß alles Philosophieren von dem Staunen, von der Verwunderung ausgeht. Die Empfindung, die in diesem Satze liegt — und gemeint ist die Empfindung, die die alten Griechen dabei hatten —, sie kann man in den älteren Zeiten der griechischen Entwickelung nicht nachweisen; sie findet sich erst von einem gewissen Zeitpunkt ab in der Geschichte der Philosophie. Das liegt daran, daß die älteren Zeiten noch nicht so empfunden haben. Woher kommt es denn, daß just im alten Griechenland von einer bestimmten Zeit an es aufkommt, festzustellen, daß wir erstaunt sind? Nun, wir hatten ja soeben gesehen, daß wir erstaunen über das, was nicht hineinpaßt in unser bisheriges Leben. Aber wenn wir nur dieses Erstaunen haben, das Erstaunen des gewöhnlichen Lebens, so liegt darin noch nichts Besonderes, nicht mehr als eben gerade das Staunen über das Nichtgewohnte. Wer über Automobil und Eisenbahn erstaunt, ist noch nicht gewöhnt, das zu sehen, und sein Staunen ist nichts anderes als das Staunen über das Nichtgewohnte. Viel verwunderlicher als das Staunen über Automobil und Eisenbahn, als das Staunen über das Nichtgewohnte, ist die Tatsache, daß der Mensch auch anfangen kann sich zu verwundern über das Gewohnte. Da ist zum Beispiel die Tatsache, daß die Sonne jeden Morgen aufgeht. Diejenigen Menschen, die mit dem gewöhnlichen Bewußtsein an diese Tatsache gewöhnt sind, erstaunen nicht darüber. Aber wenn es ein Erstaunen gibt über die alltäglichen Dinge, die man zu sehen gewöhnt ist, dann entsteht Philosophie und Erkenntnis. Die erkenntnisreicheren Menschen sind diejenigen, welche Verwunderung haben können über Dinge, die der gewöhnliche Mensch hinnimmt. Erst in diesem Falle wird man ein erkenntnisstrebender Mensch, und aus diesem Grunde haben die alten Griechen den Satz geprägt: Alles Philosophieren kommt vom Staunen.

[ 9 ] To shed a little light on these matters, I would like to point out another fact that concerns not so much the conscience as a sense of wonder. In ancient Greece, the saying arose that all philosophy stems from wonder, from amazement. The sentiment underlying this statement—and I mean the sentiment the ancient Greeks had in mind—cannot be traced back to the earlier periods of Greek development; it first appears at a certain point in the history of philosophy. This is because people in earlier times did not yet feel this way. How is it, then, that it was precisely in ancient Greece, from a certain time onward, that the realization arose that we are amazed? Well, we have just seen that we are amazed by what does not fit into our life up to that point. But if we have only this amazement—the amazement of ordinary life—there is still nothing special about it, no more than mere wonder at the unfamiliar. Those who are amazed by automobiles and railroads are not yet accustomed to seeing them, and their amazement is nothing other than amazement at the unfamiliar. Far more astonishing than the wonder at automobiles and railroads, than the wonder at the unfamiliar, is the fact that a person can also begin to marvel at the familiar. There is, for example, the fact that the sun rises every morning. Those people who, with their ordinary consciousness, are accustomed to this fact, are not amazed by it. But when there is wonder at the everyday things one is accustomed to seeing, then philosophy and insight arise. The more insightful people are those who can marvel at things that the ordinary person takes for granted. Only in this case does one become a person striving for insight, and for this reason the ancient Greeks coined the phrase: All philosophy comes from wonder.

[ 10 ] Wie ist es nun mit dem Gewissen? Wiederum ist es interessant, daß das Wort «Gewissen» — also offenbar der Begriff, denn erst wenn eine Vorstellung von etwas auftaucht, taucht auch das Wort auf — im alten Griechenland auch nur von einer gewissen Zeit an zu finden ist. Es gibt keine Möglichkeit, in der älteren griechischen Literatur, ungefähr zu Äschylos’ Zeiten, ein Wort zu finden, welches mit dem Wort «Gewissen» zu übersetzen wäre. Dagegen finden wir ein solches bei den jüngeren Schriftstellern Griechenlands, zum Beispiel bei Euripides. Somit kann man wie mit Fingern darauf hinweisen, daß ebenso wie das Staunen über das Gewohnte auch das Gewissen etwas ist, wovon der Mensch erst von einem gewissen Zeitpunkt des alten Griechenlands an etwas wußte. Was später von einem gewissen Zeitpunkt an als Gewissensregungen eintrat, das war bei den Griechen der alten Zeit etwas ganz anderes. In den älteren Zeiten geschah es nicht, daß Gewissenspein eintrat, wenn der Mensch etwas Unrechtes getan hatte. Damals hatten die Menschen ein ursprüngliches, elementares Hellsehen, und wenn wir nur kurze Zeit zurückgehen würden vor die christliche Zeitrechnung, dann würden wir finden, daß alle Menschen dieses ursprüngliche Hellsehen noch hatten. Wenn da der Mensch etwas Unrechtes getan hatte, gab es keine Gewissensregung, sondern es erschien für das alte Hellsehen eine dämonische Gestalt, die ihn peinigte, und diese Gestalten bezeichnete man mit den Namen Erinnyen und Furien. Erst dann, als die Menschen die Fähigkeit, diese dämonischen Gestalten zu sehen, verloren hatten, da bekamen sie, wenn sie etwas Unrechtes getan hatten, die Fähigkeit, das Gewissen als ein inneres Erlebnis zu fühlen.

[ 10 ] What, then, about conscience? It is interesting to note that the word “conscience”—that is, the concept itself, since a word only emerges once a mental image of something has taken shape—is found in ancient Greece only from a certain point in time onward. There is no way to find a word in older Greek literature, from around the time of Aeschylus, that could be translated as “conscience.” In contrast, we find such a word among the later Greek writers, for example in Euripides. Thus one can point out quite clearly that, just as with wonder at the familiar, conscience is something of which human beings only became aware from a certain point in ancient Greece onward. What later emerged as pangs of conscience from a certain point onward was something entirely different for the Greeks of antiquity. In earlier times, it did not happen that pangs of conscience arose when a person had done something wrong. Back then, people possessed a primal, elemental clairvoyance, and if we were to go back just a short time before the Christian era, we would find that all people still possessed this primal clairvoyance. If a person had done something wrong, there was no pangs of conscience; instead, a demonic figure appeared to the ancient clairvoyance that tormented them, and these figures were called the Erinyes and the Furies. It was only then, when people had lost the ability to see these demonic figures, that they acquired, when they had done something wrong, the ability to feel the conscience as an inner experience.

[ 11 ] Wir müssen uns nun fragen, was uns solche Tatsachen zeigen und was da eigentlich vor sich geht bei der alltäglichen Tatsache des Erstaunens, wie sie zum Beispiel ein Wilder aus unkultivierter Gegend Afrikas erleben würde, den man nach Europa versetzt und der nun hier Eisenbahnen und Automobile fahren sehen würde. Sein eintretendes Erstaunen setzt voraus, daß da in sein menschliches Leben etwas hineintritt, was früher nicht da war, etwas, was er früher anders gesehen hat.

[ 11 ] We must now ask ourselves what such facts reveal to us and what is actually happening in the everyday experience of astonishment, as, for example, a native from an uncultivated region of Africa might experience it—someone who has been brought to Europe and now sees trains and automobiles in motion. His resulting astonishment presupposes that something is entering his human life that was not there before, something he used to see differently.

[ 12 ] Wenn nun gerade der vorgerückte Mensch den Drang hat, sich vieles zu erklären, sich Alltägliches zu erklären, weil er auch über Alltägliches zu staunen vermag, so setzt das in gleicher Weise voraus, daß er früher die Sache anders gesehen hat. Niemand würde zu einer anderen Erklärung des Sonnenaufganges gekommen sein als eben zu derjenigen des bloßen Augenscheines, daß die Sonne aufgeht, wenn nicht in seiner Seele die Empfindung liegt, daß er es früher anders gesehen habe. Aber, so könnte man einwenden, den Sonnenaufgang sehen wir doch von frühester Jugend an in der gleichen Weise sich abspielen, und wäre es da nicht geradezu tölpelhaft, darüber in Erstaunen zu geraten? — Dafür gibt es keine andere Erklärung als diese, daß, wenn wir dennoch darüber in Erstaunen geraten, wir es früher in einem anderen Zustande einmal anders erlebt haben müssen als heute, als jetzt in diesem Leben. Denn wenn eben die Geisteswissenschaft sagt, daß der Mensch zwischen der Geburt und einem vorhergehenden Leben in einem anderen Zustand vorhanden war, so haben wir in der Tatsache des Erstaunens über einen so alltäglichen Vorgang wie denjenigen des gewohnten Sonnenaufgangs nichts anderes als einen Hinweis auf diesen früheren Zustand, in welchem der Mensch auch diesen Sonnenaufgang wahrgenommen hat, aber in einer anderen Weise, ohne körperliche Organe. Da hat er alles dieses mit Geistesaugen und mit Geistesohren wahrgenommen. Und in dem Augenblicke, wo er dunkel fühlend sich sagt: Du stehst gegenüber der aufgehenden Sonne, gegenüber dem brausenden Meer, gegenüber der sprossenden Pflanze, und du bist erstaunt! — liegt in dem Erstaunen die Erkenntnis, es einmal anders wahrgenommen zu haben als mit dem leiblichen Auge. Es sind eben seine geistigen Organe, mit denen er das geschaut hatte, bevor er hereingetreten ist in die physische Welt. Er fühlt nun dunkel, daß es doch anders ausschaut, als er es früher gesehen hat. Das war und kann nur gewesen sein vor der Geburt. Diese Tatsachen nötigen uns anzuerkennen, daß eine Erkenntnis überhaupt nicht möglich wäre, wenn der Mensch in dieses Leben nicht aus einem vorhergehenden übersinnlichen Dasein einträte. Sonst gäbe es keine Erklärung für das Staunen und für die dadurch bedingte Erkenntnis. Natürlich erinnert sich der Mensch nicht in klaren Vorstellungen an das, was er vorgeburtlich anders erlebte, aber wenn es auch gedanklich nicht klar ist, so tritt es eben im Gefühl auf. Nur durch die Einweihung kann es als klare Erinnerung mitgebracht werden.

[ 12 ] If the more advanced person feels the urge to explain many things to himself, to explain the everyday, because he is also capable of marveling at the everyday, this presupposes in the same way that he previously viewed the matter differently. No one would have arrived at any explanation of the sunrise other than the mere visual impression that the sun is rising, were it not for the feeling in his soul that he had once seen it differently. But, one might object, we have seen the sunrise unfold in the same way from our earliest youth, and would it not be downright foolish to be amazed by it? — There is no other explanation for this than that, if we are nevertheless amazed by it, we must have once experienced it differently in a previous state than we do today, than we do now in this life. For if Spiritual Science says that the human being existed in a different state between birth and a previous life, then in the very fact of being astonished by such an everyday occurrence as the familiar sunrise, we have nothing other than an indication of this earlier state, in which the human being also perceived this sunrise, but in a different way, without physical organs. There he perceived all this with spiritual eyes and spiritual ears. And in the moment when, feeling in the dark, he says to himself: You stand before the rising sun, before the roaring sea, before the sprouting plant, and you are amazed! — in that amazement lies the realization that he once perceived it differently than with the physical eye. It is precisely his spiritual organs with which he had seen this before he entered the physical world. He now senses vaguely that it looks different from how he had seen it before. That was, and could only have been, before birth. These facts compel us to acknowledge that such insight would not be possible at all if the human being did not enter this life from a preceding supersensible existence. Otherwise, there would be no explanation for the amazement and for the insight it brings about. Of course, the human being does not recall in clear mental images what he experienced differently before birth, but even if it is not clear in thought, it does arise in feeling. Only through initiation can it be brought forth as a clear memory.

[ 13 ] Wir wollen nun auf die Tatsache eingehen, warum wir im Traum nicht erstaunen. Da müssen wir zunächst die Frage beantworten, was der Traum denn eigentlich ist. Der Traum ist ein altes Erbstück aus früheren Inkarnationen. Die Menschen haben in früheren Inkarnationen andere Bewußtseinszustände hellseherischer Art durchgemacht. Im weiteren Verlauf der Entwickelung hat jedoch der Mensch die Fähigkeit, hellseherisch in die geistig-seelische Welt hineinzuschauen, verloren. Es war ein dämmerhaftes Hellsehen, und die Entwickelung ging aus dem früheren dämmerhaften Hellsehen allmählich zu unserem jetzigen klaren Wachbewußtsein hin, das sich in der physischen Welt entfalten konnte, um dann, wenn es voll entwickelt ist, wieder hinaufzusteigen in die geistig-seelischen Welten mit den Fähigkeiten, die der Mensch mit dem Ich sich in dem Wachbewußtsein erworben hat. Was aber hat sich denn der Mensch damals im alten Hellsehen erworben? Davon ist etwas zurückgeblieben, und das ist eben der Traum. Der Traum unterscheidet sich aber von dem alten Hellsehen dadurch, daß er ein Erlebnis des jetzigen Menschen ist, und dieser jetzige Mensch hat ein Bewußtsein ausgebildet, das den Drang nach Erkenntnis enthält. Der Traum als Rest eines früheren Bewußtseins enthält nicht den Drang nach Erkenntnis, und deshalb empfindet der Mensch den Unterschied zwischen Wachbewußtsein und Traumbewußtsein. Aber, was früher im alten dämmerhaften Hellsehen nicht darinnen war, das Staunen, das kann auch heute nicht hinein in das Traumbewußtsein. Das Erstaunen, die Verwunderung kann nicht hinein in den Traum, aber wir haben es im Wachbewußtsein, wenn wir zu der äußeren Welt hingewendet sind. Im Traum ist der Mensch nicht in der äußeren Welt; der Traum ist ein Hineingestelltsein in die geistige Welt, da erlebt der Mensch nicht die:Dinge der physischen Welt. Aber gerade gegenüber der physischen: Welt hat sich der Mensch das Erstaunen angelernt. Im Traum:nimmt er alles so hin, wie er es im alten Hellsehen hingenommen hat. Damals konnte er auch das so hinnehmen, weil die geistigen Gestaltem kamen und ihm zeigten, was er Gutes oder Böses getan hatte; deswegen brauchte der Mensch damals die Verwunderung nicht. So zeigt uns gerade der Traum durch das, wie er ist, daß er ein Erbstück aus alten Zeiten ist, wo es noch kein Erstaunen gegenüber den alltäglichen Dingen gab und noch kein Gewissen.

[ 13 ] Let us now consider why we are not surprised in our dreams. To do so, we must first answer the question of what a dream actually is. A dream is an ancient legacy from past incarnations. In past incarnations, human beings experienced other states of consciousness of a clairvoyant nature. In the course of further development, however, human beings lost the ability to look into the spiritual-soul world clairvoyantly. It was a twilight-like clairvoyance, and evolution gradually progressed from this earlier twilight-like clairvoyance toward our present clear waking consciousness, which was able to unfold in the physical world, only to then, once fully developed, ascend once more into the spiritual-soul worlds with the abilities that human beings have acquired through the “I” in waking consciousness. But what, then, did the human being acquire back then in the old clairvoyance? Something of that has remained, and that is precisely the dream. The dream, however, differs from the old clairvoyance in that it is an experience of the present human being, and this present human being has developed a consciousness that contains the urge for knowledge. The dream, as a remnant of an earlier consciousness, does not contain the urge for knowledge, and that is why the human being perceives the difference between waking consciousness and dream consciousness. But what was not present in the old, twilight-like clairvoyance—that sense of wonder—cannot enter into dream consciousness even today. Amazement, wonder, cannot enter the dream, but we have it in waking consciousness when we are turned toward the outer world. In a dream, a person is not in the outer world; a dream is a state of being placed within the spiritual world, where a person does not experience the things of the physical world. But it is precisely in relation to the physical world that a person has learned to feel wonder. In a dream, they accept everything just as they accepted it in the old clairvoyance. Back then, they could accept things that way because spiritual beings came and showed them what good or evil they had done; that is why people back then did not need a sense of wonder. Thus, the dream itself, through its very nature, shows us that it is a legacy from ancient times, when there was still no sense of wonder regarding everyday things and no conscience yet.

[ 14 ] Da stehen wir nun an dem Punkte, wo wir uns fragen, weshalb es denn notwendig gewesen sei, daß der Mensch, wenn er schon einmal hellsichtig war, es nicht bleiben konnte. Weshalb ist er heruntergestiegen? Haben ihn die Götter etwa in nutzloser Weise heruntergejagt? — Nun, es ist tatsächlich so, daß der Mensch das, was im Erstaunen liegt, und das, was im Gewissen liegt, nie hätte erlangen können, wenn er nicht heruntergestiegen wäre. Damit er sich Erkenntnis und Gewissen aneignen konnte, ist der Mensch heruntergestiegen; denn er kann sie sich nur erwerben, wenn er von diesen Geisteswelten eine Weile getrennt ist. Und er hat sich Erkenntnis und Gewissen hier unten erworben, um mit ihnen wieder hinaufsteigen zu können.

[ 14 ] Here we are, at the point where we ask ourselves why it was necessary that human beings, having once been clairvoyant, could not remain so. Why did they descend? Did the gods perhaps chase them down for no good reason? — Well, the fact is that human beings could never have attained what lies in wonder and what lies in conscience if they had not descended. Human beings descended so that they might acquire knowledge and conscience; for they can only acquire them if they are separated from these spiritual worlds for a time. And he has acquired knowledge and conscience down here so that he might ascend again with them.

[ 15 ] Geisteswissenschaft zeigt uns, daß der Mensch jedesmal zwischen dem Tode und einer neuen Geburt eine gewisse Zeitspanne in einer rein geistigen Welt durchlebt. Zuerst nach dem Tode erleben wir die Kamalokazeit, den Zustand im läuternden Ort der Begierden in der Seelenwelt, wo der Mensch sozusagen erst halb in der geistigen Welt steht, weil er da noch auf seine Triebe und Sympathien herunterblickt und dadurch noch angezogen wird von dem, was ihn mit der physischen Welt verband. Dann erst, wenn diese Kamalokazeit ausgelöscht ist, erlebt er ganz das rein geistige Leben oder Devachan.

[ 15 ] Spiritual Science shows us that between death and a new birth, a person always spends a certain period of time in a purely spiritual world. Immediately after death, we experience the Kamaloka period, the state in the purifying realm of desires within the soul world, where the human being stands, so to speak, only halfway into the spiritual world, because there he still looks down upon his instincts and sympathies and is thereby still drawn to what connected him to the physical world. Only then, when this Kamaloka period has been extinguished, does he fully experience the purely spiritual life, or Devachan.

[ 16 ] Wenn der Mensch in diese rein geistige Welt eintritt, was erlebt er denn da? Wie erlebt sie ein jeder Mensch? Nun, schon eine ganz gewöhnliche Verstandesüberlegung zeigt, daß es zwischen dem Tode und der neuen Geburt in unserer Umgebung ganz anders aussehen muß als hier bei uns im physischen Leben. Hier sehen wir Farben, weil wir Augen haben; hier hören wir Töne, weil wir Ohren haben. Aber wenn wir nach dem Tode im geistigen Dasein keine Augen, keine Ohren haben, dann können wir diese Farben, diese Töne nicht wahrnehmen. Wir sehen und hören ja hier schon schlecht oder gar nicht, wenn wir keine guten Augen und Ohren haben. Für den, der nur ein wenig darüber nachdenkt, sollte das selbstverständlich sein. Es ist ganz klar, daß wir uns die geistige Welt ganz anders vorzustellen haben als die Welt, in der wir zwischen Geburt und Tod hier leben. Wie diese Welt sich verändern muß, wenn wir die Pforte des Todes überschreiten, davon können Sie sich eine Vorstellung machen an einem kleinen Vergleich, den wir anstellen wollen. Nehmen wir einmal an, der Mensch sieht ein Lamm und einen Wolf. Der Mensch kann dieses Lamm und diesen Wolf wahrnehmen mit all den Wahrnehmungsorganen, die ihm im physischen Leben zur Verfügung stehen. Da sieht er eben dieses Lamm als materielles Lamm und den Wolf als materiellen Wolf. Auch andere Lämmer und Wölfe erkennt er wieder und nennt sie Lamm und Wolf. Er hat dann ein Begriffsbild vom Lamm und auch ein solches vom Wolf. Man könnte nun sagen und man sagt es auch: Das Begriffsbild des Tieres ist nicht sichtbar, das lebt im Tiere darinnen; man sieht materiell eigentlich nicht, was das Wesen von Lamm und Wolf ist. Man bildet sich Vorstellungen vom Wesen des Tieres; aber das Wesen des Tieres ist ja unsichtbar.

[ 16 ] When a person enters this purely spiritual world, what does he or she experience there? How does each person experience it? Well, even a very ordinary intellectual consideration shows that between death and the new birth, our surroundings must look quite different from what they do here in our physical life. Here we see colors because we have eyes; here we hear sounds because we have ears. But if, after death in the spiritual realm, we have no eyes, no ears, then we cannot perceive these colors, these sounds. After all, even here we see and hear poorly or not at all if we do not have good eyes and ears. For anyone who thinks about it even a little, this should be self-evident. It is quite clear that we must imagine the spiritual world very differently from the world in which we live here between birth and death. You can get a mental image of how this world must change when we pass through the gate of death by means of a small comparison we wish to make. Let us suppose that a person sees a lamb and a wolf. A person can perceive this lamb and this wolf with all the sensory organs available to them in physical life. There they see this lamb as a material lamb and the wolf as a material wolf. They also recognize other lambs and wolves and call them lamb and wolf. They then have a conceptual image of the lamb and also one of the wolf. One could now say—and indeed one does say—that the conceptual image of the animal is not visible; it lives within the animal; one does not actually see, in a material sense, what the essence of the lamb and the wolf is. One forms mental images about the essence of the animal; but the essence of the animal is, after all, invisible.

[ 17 ] Es gibt Theoretiker, die der Ansicht sind, daß das, was wir uns an Begriffen von Wolf und Lamm bilden, nur in uns lebe, und daß das mit dem Wolf und dem Lamm selbst nichts zu tun habe. Einen Mann, der solches behauptet, sollte man veranlassen, einen Wolf so lange Zeit mit Lämmern zu füttern, bis nach wissenschaftlichen Forschungen alle materiellen Teilchen des Wolfskörpers sich erneuert haben, der Wolf also ganz aus Lamm-Materie aufgebaut sei. Und nun sollte dieser Mann einmal sehen, ob aus dem Wolf ein Lamm geworden ist! Wenn es sich herausstellt, daß der Wolf kein Lamm geworden ist, so ist erwiesen, daß das, was Objekt «Wolf» ist, sich unterscheidet von dem materiellen Wolf, und daß das Objektive am Wolfe über das Materielle hinausgeht.

[ 17 ] There are theorists who believe that the concepts we form of the wolf and the lamb exist only within us, and that they have nothing to do with the wolf and the lamb themselves. A man who makes such a claim should be made to feed a wolf with lambs for so long that, according to scientific research, all the material particles of the wolf’s body have been renewed, so that the wolf is entirely composed of lamb matter. And now this man should see whether the wolf has become a lamb! If it turns out that the wolf has not become a lamb, then it is proven that what is the “wolf” as an object differs from the material wolf, and that the objective aspect of the wolf transcends the material.

[ 18 ] Dieses Unsichtbare, was man sich im gewöhnlichen Leben nur als einen Begriff bildet, das sieht man nach dem Tode. Nicht die weiße Farbe des Lammes sieht man da und nicht die Töne, die das Lamm von sich gibt, hört man da, sondern das schaut man, was als das unsichtbar Waltende im Lamme wirkt, das ebenso wirklich ist und das da ist für den, der in der geistigen Welt lebt. An derselben Stelle, an der das Lamm steht, steht auch ein real Geistiges, das man dann nach dem Tode sieht. Und so ist es mit allen Erscheinungen der physischen Umwelt. Man sieht die Sonne anders, den Mond anders, alles anders; und davon bringt man etwas mit, wenn man durch die Geburt ins neue Dasein tritt. Und wenn einen hierdurch dann die Empfindung ergreift, man habe das einmal ganz anders gesehen, dann kommt mit dem Staunen, mit der Verwunderung die Erkenntnis herunter.

[ 18 ] This invisible reality, which in ordinary life we can only conceive of as an abstract concept, is what we see after death. It is not the white color of the lamb that one sees there, nor the sounds the lamb makes that one hears there, but rather one beholds what works as the invisible force within the lamb—a force that is just as real and that is present for those who live in the spiritual world. In the very same place where the lamb stands, there also stands a real spiritual entity that one then sees after death. And so it is with all phenomena of the physical environment. One sees the sun differently, the moon differently, everything differently; and one brings something of this with oneself when one enters the new existence through birth. And when one is then seized by the feeling that one once saw things quite differently, then, along with the astonishment and wonder, the realization comes down.

[ 19 ] Ein anderes ist es, wenn man die Handlung eines Menschen betrachtet. Da kommt das Gewissen hinzu. Wollen wir wissen, was das ist, so müssen wir auf eine Tatsache des Lebens achten, die feststellbar ist, ohne daß man Hellsehen entwickelt hat. Man muß da auf den Moment des Einschlafens achtgeben. Das kann man lernen ohne alles Hellsehen, und was dabei erlebt werden kann, könnte jeder Mensch erleben. Wenn man im Begriff ist einzuschlafen, da verlieren zuerst die Dinge ihre scharfen Konturen, die Farben erblassen, die Töne werden nicht nur schwächer, sondern es ist, als ob sie fortgehen, weit weggehen; wie aus der Ferne kommen sie, wie ein Sich-Entfernen kann man sich dieses Schwächerwerden erklären. Das ganze Weniger-deutlichWerden der sinnlichen Welt ist eine Verwandlung, wie wenn Nebel eintreten. Es werden dann auch die Glieder schwerer. Man fühlt in ihnen etwas, was man vorher im Wachen nicht an den Gliedern gefühlt hatte, es ist, als ob sie ein Gewicht, eine Schwere erhielten. Im Tageswachen, wenn man sich darüber Rechenschaft gäbe, sollte man eigentlich die Empfindung haben, daß das Bein, wenn man so dahingeht, oder die Hand, die man so erhebt, für uns selbst kein Gewicht hat. Man sollte sich eigentlich sagen: Wenn ich so gehe und meine Hand hebe, so hat meine Hand kein Gewicht. Warum hat die Hand kein Gewicht? Weil das Glied zu meinem Körper gehört. Denken wir uns nun, daß wir in jeder Hand einen Zentner tragen, weshalb fühlen wir den Zentner als Gewicht? Die Hand gehört zu mir, deswegen verspüren wir nicht ihre Schwere; aber der Zentner ist außer mir, und weil er nicht zu mir gehört, hat er Gewicht. Denken wir uns den Fall, ein Marswesen würde herunterkommen auf die Erde, ohne daß ihm von den Dingen der Erde etwas bekannt wäre, und das erste, was dieses Marswesen erblicken würde, wäre ein Mensch, der in jeder Hand ein Gewicht hielte. Das Marswesen würde zunächst der Meinung sein müssen, daß die beiden Gewichte zu dem Menschen gehören so, als ob sie ein Teil seiner Hände, ein Teil des ganzen Menschen wären. Wenn es dann später die Vorstellung aufnehmen müßte, daß der Mensch einen Unterschied empfindet zwischen Zentner und Hand, so müßte es erstaunt sein. Es ist wirklich so, daß wir nur das als Gewicht erst empfinden, was außer uns ist. Wenn der Mensch also beim Einschlafen seine Glieder als schwer zu empfinden beginnt, so ist das ein Anzeichen, daß der Mensch aus seinem Körper herauskommt, aus seinem physischen Leib hinausgeht.

[ 19 ] It is a different matter when one considers a person’s actions. That is where conscience comes into play. If we want to know what that is, we must pay attention to a fact of life that can be observed without having developed clairvoyance. One must pay attention to the moment of falling asleep. This can be learned without any clairvoyance, and what can be experienced in this process is something every person could experience. When one is about to fall asleep, things first lose their sharp contours, colors fade, and sounds not only grow weaker but seem to drift away, far away; they come as if from a distance, and this fading can be explained as a kind of receding. The entire process of the sensory world becoming less distinct is a transformation, as if a mist were settling in. The limbs also become heavier. One feels something in them that one had not felt in the limbs while awake; it is as if they were taking on a weight, a heaviness. In waking life, if one were to reflect on it, one should actually have the sensation that the leg, as one walks along, or the hand, as one raises it, has no weight for us. One should actually say to oneself: When I walk like this and raise my hand, my hand has no weight. Why does the hand have no weight? Because the limb belongs to my body. Now let us imagine that we are carrying a hundredweight in each hand; why do we feel the hundredweight as a weight? The hand belongs to me, which is why we do not feel its heaviness; but the hundredweight is outside of me, and because it does not belong to me, it has weight. Let us imagine the case of a Martian coming down to Earth without knowing anything about earthly things, and the first thing this Martian would see would be a human holding a weight in each hand. The Martian would initially have to assume that the two weights belong to the human, as if they were a part of his hands, a part of the whole human. If it were then later to form a mental image of the human being perceiving a difference between a hundredweight and a hand, it would be astonished. It is truly the case that we only perceive as weight that which is outside of us. So when a person, upon falling asleep, begins to feel their limbs as heavy, this is a sign that the person is emerging from their body, stepping out of their physical form.

[ 20 ] Es kommt nun auf eine feine Beobachtung an, die in dem Augenblick des Schwerwerdens der Glieder angestellt werden kann. Eine ganz merkwürdige Empfindung tritt hierbei auf. Sie besteht darin, daß sie zu uns spricht: Das hast du getan, das hast du unterlassen. — Wie ein lebendiges Gewissen treten so die Taten des verflossenen Tages heraus. Und wenn darinnen etwas ist, was wir nicht billigen können, dann wälzen wir uns auf unserem Lager und können nicht einschlafen. Wenn wir aber zufrieden sein können mit unseren Taten, da kommt beim Einschlafen ein seliger Augenblick, in dem der Mensch sich sagt: O könnte es doch immer so bleiben! — Und dann kommt ein Ruck das ist, wenn der Mensch heraustritt aus seinem physischen und ätherischen Leib, und dann ist der Mensch in der geistigen Welt.

[ 20 ] What matters now is a subtle observation that can be made at the very moment when our limbs begin to grow heavy. A most peculiar sensation arises at this point. It consists in the fact that it speaks to us: “You did this; you failed to do that.” — Like a living conscience, the deeds of the past day come to the fore. And if there is something in them that we cannot approve of, then we toss and turn in our bed and cannot fall asleep. But if we can be satisfied with our deeds, then as we fall asleep there comes a blissful moment in which one says to oneself: Oh, if only it could always remain this way! — And then comes a jolt—that is when a person steps out of their physical and etheric body, and then the person is in the spiritual world.

[ 21 ] Wir wollen den Augenblick, in welchem wir die Erscheinung haben, die wie ein lebendiges Gewissen auftritt, genauer ins Auge fassen. Ohne daß der Mensch eigentlich die Kraft hat, irgend etwas Vernünftiges zu tun, wälzt er sich auf seinem Lager herum. Das ist ein ungesunder Zustand, er verhindert ihn am Einschlafen. Das fällt in den Augenblick, wo wir beim Einschlafen den physischen Plan zu verlassen im Begriff sind, um hinaufzugehen in eine andere Welt, die aber nicht aufnehmen will das, was wir «schlechtes Gewissen» nennen. Der Mensch kann nicht einschlafen, weil er zurückgestoßen wird von der Welt, in die er beim Einschlafen eintreten soll. Daher bedeutet der Ausspruch: eine Handlung in bezug auf sein Gewissen zu betrachten — nichts anderes, als eine Vorahnung zu haben davon, wie man als Mensch in Zukunft sein soll, um in die geistige Welt eintreten zu können.

[ 21 ] Let us take a closer look at the moment when we experience this phenomenon, which appears like a living conscience. Without actually having the strength to do anything sensible, the person tosses and turns in bed. This is an unhealthy state; it prevents him from falling asleep. This occurs at the moment when, as we fall asleep, we are about to leave the physical plane to ascend into another world, which, however, does not wish to accept what we call a “guilty conscience.” The person cannot fall asleep because they are repelled by the world into which they are supposed to enter upon falling asleep. Therefore, the saying: to consider an action in relation to one’s conscience—means nothing other than having a premonition of how one should be as a human being in the future in order to be able to enter the spiritual world.

[ 22 ] So haben wir im Staunen einen Ausdruck für das, was wir früher gesehen haben, und so ist das Gewissen der Ausdruck für ein späteres Schauen in der geistigen Welt. Das Gewissen gibt an, ob wir zurückschrecken werden, oder ob wir beseligt sein werden, wenn wir im Devachan unsere Handlungen werden schauen können. So ist das Gewissen ein Vorgefühl prophetischer Art, wie wir unsere Taten nach dem Tode erleben werden.

[ 22 ] Thus, in wonder we find an expression of what we have seen in the past, and thus conscience is the expression of a later vision in the spiritual world. Conscience indicates whether we will recoil or be blissful when we are able to see our actions in Devachan. Thus, conscience is a prophetic foreboding of how we will experience our deeds after death.

[ 23 ] Erstaunen und Erkenntnistrieb einerseits und Gewissen andererseits, sie sind lebendige Zeichen der geistigen Welt. Man kann diese Erscheinungen nicht erklären, wenn man nicht die geistigen Welten zur Erklärung heranzieht. Es wird derjenige Mensch leichter geneigt sein, Anthroposoph zu werden, der gegenüber den Tatsachen der Welt so empfinden kann, daß ihn Ehrfurcht ankommt; Ehrfurcht und Verwunderung vor den Tatsachen der Welt. Gerade die entwickelteren Seelen sind es, die sich immer mehr und mehr verwundern können. Je weniger man sich verwundern kann, desto weniger vorgerückt ist die betreffende Seele. Nun ist es ja so, daß der Mensch demjenigen, was er am Tage erlebt — den alltäglichen Erscheinungen des Lebens —, weit weniger Verwunderung entgegenstellt, als es zum Beispiel der Fall ist, wenn er den Sternenhimmel in seiner Pracht bewundert. Aber die eigentlich höhere Entwickelung der Seele beginnt dann erst, wenn man sich über die kleinste Blume, über das kleinste Blumenblatt, über das unscheinbarste Käferchen oder Würmchen so wundern kann wie über die größten kosmischen Vorgänge. Es ist im Grunde genommen ganz merkwürdig mit diesen Dingen. Im allgemeinen wird der Mensch leicht bewogen werden, eine Erklärung solcher Dinge zu verlangen, die ihn sensationell berühren. Die Umwohner eines Vulkans zum Beispiel werden nach Erklärung der Ursachen vulkanischer Ausbrüche verlangen, weil die Menschen dort auf solche Sachen besonders aufmerksam sein müssen und daher auch mehr Aufmerksamkeit aufwenden als bei alltäglichen Vorgängen. Und auch die Menschen, die fern von Vulkanen wohnen, verlangen darüber eine Erklärung, weil diese Ereignisse auch für sie überraschend und sensationell sind. Aber wenn ein Mensch mit einer so gearteten Seele ins Leben tritt, daß er über alles staunt, weil er von allem, was ihn umgibt, etwas Geistiges ahnt, so ist er über den Vulkan nicht besonders mehr erstaunt als etwa über die kleinen Bläschen und Kraterchen, die er in der Tasse Milch oder Kaffee seines Frühstückstisches bemerkt. Genauso interessiert ist er über das Kleine wie über das Große. |

[ 23 ] A sense of wonder and the drive for knowledge on the one hand, and conscience on the other—these are living signs of the spiritual world. One cannot explain these phenomena without drawing upon the spiritual worlds for an explanation. A person who is able to feel such awe in the face of the facts of the world—awe and wonder at the facts of the world—will be more readily inclined to become an anthroposophist. It is precisely the more developed souls who are able to feel wonder more and more deeply. The less one is able to marvel, the less advanced the soul in question is. Now it is the case that people respond with far less wonder to what they experience during the day—the everyday phenomena of life—than is the case, for example, when they admire the starry sky in all its splendor. But the truly higher development of the soul begins only when one can marvel at the smallest flower, the smallest petal, the most inconspicuous little beetle or worm just as much as at the greatest cosmic events. It is, in fact, quite remarkable with these things. In general, people are easily moved to demand an explanation for such things that strike them as sensational. The inhabitants of a volcanic region, for example, will demand an explanation of the causes of volcanic eruptions, because people there must be particularly attentive to such things and therefore pay more attention to them than to everyday occurrences. And even people who live far from volcanoes demand an explanation for them, because these events are also surprising and sensational to them. But if a person enters life with a soul of such a nature that they marvel at everything, because they sense something spiritual in everything that surrounds them, then they are no more particularly astonished by the volcano than, say, by the tiny bubbles and little craters they notice in the cup of milk or coffee on their breakfast table. They are just as interested in the small as in the large. |

[ 24 ] Überall mit der Verwunderung hinkommen zu können, das ist eine Erinnerung an das Schauen vor der Geburt. Überall mit dem Gewissen hinkommen zu können zu unseren Taten, das heißt, die lebendige Ahnung haben, daß jede Tat, die wir vollbringen, uns in der Zukunft in einer anderen Gestalt erscheinen wird. Menschen, die so fühlen, sind mehr als andere dazu prädestiniert, an die Geisteswissenschaft heranzukommen.

[ 24 ] To be able to arrive everywhere with a sense of wonder—that is a reminder of the way of seeing before birth. To be able to go everywhere with a conscience regarding our actions—that is, to have the vivid intuition that every deed we perform will appear to us in the future in a different form. People who feel this way are more predestined than others to approach Spiritual Science.

[ 25 ] Nun leben wir ja in einer Zeit, in der gewisse Dinge sich enthüllen, die nur durch die Geisteswissenschaft sich erklären lassen. Gewisse Dinge trotzen jeder anderen Erklärung. Und solchen Dingen gegenüber verhalten sich die Menschen recht verschieden. In unserer Zeit haben wir ja zweifellos viele Menschencharaktere zu beobachten, doch werden uns innerhalb der verschiedensten Charakternuancen hauptsächlich zwei Naturen entgegentreten.

[ 25 ] We are now living in a time when certain things are coming to light that can only be explained through Spiritual Science. Certain things defy any other explanation. And people react quite differently to such things. In our time, we undoubtedly observe many different human characters, yet within the wide variety of character nuances, we will encounter mainly two types of nature.

[ 26 ] Wir können die einen als sinnige Naturen, als zur Betrachtung neigende Naturen bezeichnen, die überall Erstaunen fühlen können und überall das Gewissen sich regen fühlen. So manches Leid, so manche düstere, melancholische Stimmung kann unter unbefriedigter Erklärungssehnsucht sich in der Seele ablagern. Ein zartes Gewissen kann das Leben sehr erschweren. Aber auch eine andere Art von Menschen ist in der Gegenwart vorhanden. Sie will nichts wissen von einer solchen Erklärung der Welt. Für sie ist es schrecklich langweilig, was da alles vorgebracht wird an Erklärungen der Dinge aus geistiger Forschung, und sie leben lieber robust darauf los, als daß sie nach Erklärungen verlangen, und wenn man nur anfängt von Erklärungen zu sprechen, da fangen sie auch schon an zu gähnen. Und das ist gewiß wahr, daß bei so gearteten Naturen das Gewissen sich weniger regt als bei den anderen. Wie aber kommt es, daß solche Charaktergegensätze sich zeigen? Geisteswissenschaft ist geneigt, darauf einzugehen, woher es kommt, daß der eine Charakterzug durch seine Sinnigkeit mit dem Durst nach Erkenntnis sich auszeichnet, während der andere darauf ausgeht, das Leben nur zu genießen, ohne nach Erklärung zu verlangen.

[ 26 ] We can describe some people as sensitive souls, as those inclined to contemplation, who are capable of feeling wonder everywhere and whose conscience is stirred everywhere. So much suffering, so many gloomy, melancholic moods can settle in the soul amid an unsatisfied longing for explanation. A sensitive conscience can make life very difficult. But there is also another kind of person present today. They want nothing to do with such an explanation of the world. To them, all the explanations of things put forward by spiritual research are terribly boring, and they would rather live life to the fullest than seek explanations; and as soon as one begins to speak of explanations, they start yawning. And it is certainly true that in such natures the conscience is less stirred than in the others. But how is it that such character contrasts arise? Spiritual Science is inclined to explore why one character trait is distinguished by its sensuality and thirst for knowledge, while the other is directed toward simply enjoying life without seeking explanations.

[ 27 ] Wenn man mit den Mitteln der geistigen Forschung den Umfang der menschlichen Seele prüft- und man kann nur einzelne Andeutungen machen, da man viele Stunden brauchte, um ausführlicher darauf einzugehen —, so findet man, daß viele Menschen von denen, die mit sinnigem Leben begabt sind, die gar nicht leben können ohne sich aufzuklären, in früheren Verkörperungen so gelebt haben, daß sie unmittelbar in der Seele etwas gewußt haben von der Tatsache der Wiederverkörperung. Es gibt ja auch heute noch zahlreiche Menschen auf der Erde, die davon wissen und denen die Wiederverkörperung eine absolute Tatsache ist. Man denke nur an die Asiaten. Also solche Menschen, die in der Gegenwart ein sinniges Leben haben, schließen ihr jetziges Leben an — wenn auch nicht unmittelbar —, aber sie schließen es dennoch an ein anderes Leben einer vorhergehenden Verkörperung an, wo sie von der Wiederverkörperung etwas wußten.

[ 27 ] When one examines the scope of the human soul through spiritual research—and one can only offer a few hints here, since it would take many hours to go into this in greater detail— one finds that many people who are endowed with a meaningful life—who cannot live at all without seeking enlightenment—have lived in previous incarnations in such a way that they had a direct inner knowledge in their souls of the fact of reincarnation. Even today, there are still numerous people on Earth who know this and for whom reincarnation is an absolute fact. One need only think of the Asians. Thus, such people who lead a meaningful life in the present connect their current life—albeit not directly—but they nevertheless connect it to another life in a previous incarnation, where they knew something of reincarnation.

[ 28 ] Aber die anderen, robusteren Menschennaturen, sie kommen aus solchen Leben herüber, in denen man nichts gewußt hat von früheren Erdenleben. Bei ihnen ist kein Drang vorhanden, sich viel mit Gewissen zu belasten über die Taten ihres Lebens, noch auch sich viel um Erklärungen zu kümmern. So geartet sind bei uns im Abendlande sehr viele Menschen, und es ist eben der Charakter der abendländischen Kultur, daß die Menschen sozusagen vergessen haben ihre früheren Erdenleben. Ja, sie haben sie vergessen; aber wir stehen mit der Kultur an einem Wendepunkt, wo die Erinnerung wieder aufleben wird an die vergangenen Erdenleben. Daher gehen diejenigen Menschen, welche heute leben, einer solchen Zukunft entgegen, die man als ein Wiederherstellen des Zusammenhanges mit der geistigen Welt charakterisieren kann.

[ 28 ] But the other, more robust types of people come from lives in which they knew nothing of previous earthly lives. They feel no urge to burden their consciences with the deeds of their lives, nor do they concern themselves much with explanations. There are very many people of this sort among us in the West, and it is precisely the character of Western culture that people have, so to speak, forgotten their past lives on Earth. Yes, they have forgotten them; but we stand at a turning point in our culture where the memory of past earthly lives will be revived. Therefore, the people living today are moving toward a future that can be characterized as a restoration of the connection with the spiritual world.

[ 29 ] Heute ist es noch bei wenigen Menschen der Fall, aber es wird ganz gewiß noch im Laufe des 20. Jahrhunderts eine allgemeine Eigenschaft der Menschen werden. Und das wird so sein: Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe dieses oder jenes getan, und es plagte ihn hinterher das böse Gewissen. So ist es jetzt. Später aber, wenn der geistige Zusammenhang sich wieder herstellen wird, dann wird der Mensch, wenn er dieses oder jenes getan hat, den Drang empfinden, sich wie mit zugebundenen Augen etwas zurückzubewegen von seiner Tat. Und da wird dem Menschen auftauchen wie ein Bild, wie eine Art Traumbild, aber doch wie ein ganz lebendiges Traumbild etwas, das wegen seiner Tat in Zukunft zu geschehen hat. Und die Menschen werden sich, wenn sie dieses Bild erleben, sagen, etwa so: Ja, ich bin es, der das erlebt, aber das habe ich doch noch nicht erlebt, was ich da sehe!

[ 30 ] Für alle Menschen, die nichts von Geisteswissenschaft gehört haben, wird das etwas Furchtbares sein. Diejenigen Menschen aber, die sich vorbereitet haben auf das, was an alle herantreten wird, werden sich sagen: Ja, das habe ich zwar noch nicht erlebt, aber ich werde es noch in der Zukunft erleben als karmischen Ausgleich für das, was ich soeben getan habe.

[ 29 ] Today this is still the case for only a few people, but it will certainly become a common trait among people in the course of the 20th century. And this is how it will be: Let us suppose that a person has done this or that, and afterward is plagued by a guilty conscience. That is how it is now. Later, however, when the spiritual connection is restored, a person who has done this or that will feel the urge to move back from their deed, as if with their eyes bound. And then something will appear to the person—like an image, like a kind of dream image, yet a very vivid dream image—of what is destined to happen in the future because of their deed. And when people experience this image, they will say to themselves something like this: Yes, it is I who am experiencing this, but I have not yet experienced what I see there!

[ 30 ] For all people who have never heard of Spiritual Science, this will be something terrible. But those people who have prepared themselves for what is to come to everyone will say to themselves: “Yes, I have not yet experienced this, but I will experience it in the future as karmic compensation for what I have just done.”

[ 31 ] Wir stehen jetzt wie in einem Vorhof der Zeit, wo der karmische Ausgleich im prophetischen Traumbild dem Menschen erscheinen wird. Und nun denken Sie sich dieses Erleben im Laufe der Zeit immer gesteigerter und gesteigerter werdend, dann haben Sie den Zukunftsmenschen, der schauen wird, wie seine Taten karmisch gerichtet werden.

[ 31 ] We now stand, as it were, in the threshold of a time when karmic balance will be revealed to humanity in a prophetic vision. And now imagine this experience becoming ever more intense as time goes on; then you have the human being of the future, who will witness how his deeds are judged karmically.

[ 32 ] Wodurch tritt denn so etwas ein, daß die Menschen fähig werden, diesen karmischen Ausgleich zu sehen? Das hängt zusammen mit der Tatsache, daß die Menschen früher kein Gewissen gehabt haben, sondern daß sie nach schlechten Taten von den Furien gequält wurden. Das war altes Hellsehen, das ist vergangen. Dann kam die Zeit, wo sie die Furien nicht mehr sahen, die mittlere Zeit, wo aber das, was die Furien früher verrichteten, innerlich als Gewissen auftrat. Und nun kommen wir allmählich an eine Zeit heran, in der wir wieder etwas sehen werden, und zwar den karmischen Ausgleich. Daß der Mensch einmal das Gewissen erworben hat, das befähigt ihn, nunmehr bewußt in die geistige Welt zu schauen.

[ 32 ] What, then, causes people to become capable of seeing this karmic balance? It has to do with the fact that people used to have no conscience; instead, after committing evil deeds, they were tormented by the Furies. That was the clairvoyance of old; it has passed away. Then came the time when they no longer saw the Furies—the middle age—but what the Furies had once done now manifested inwardly as a conscience. And now we are gradually approaching a time when we will see something again, namely karmic balance. The fact that human beings have acquired a conscience enables them to now consciously look into the spiritual world.

[ 33 ] Wenn gewisse Menschen in der Gegenwart sinnige Naturen wurden dadurch, daß sie in früheren Verkörperungen Kräfte erworben haben, die im Staunen als Erinnerung an frühere Leben sich offenbaren, so werden auch die heutigen Menschen in die nächsten Inkarnationen Kräfte mitnehmen, wenn sie heute ein Wissen von den geistigen Welten erwerben. Aber denen, die sich jetzt gesträubt haben, eine Erklärung von dem Gesetz der Inkarnationen aufzunehmen, wird es im Gegenteil recht übel ergehen in der zukünftigen Welt. Für diese Seelen wird das eine furchtbare Tatsache sein. Heute stehen wir gerade in einem Zeitalter, wo die Menschen noch auskommen im Leben, auch wenn sie keine Erklärungen des Lebens haben mit Beziehung auf die geistigen Welten. Aber dieses Zeitalter, welches die kosmischen Mächte sozusagen einmal erlaubt haben, das hört wieder auf, und zwar so, daß die Menschen, die keinen Zusammenhang mit der geistigen Welt haben, im nächsten Leben so aufwachsen werden, daß ihnen die Welt, in die sie bei der nächsten Verkörperung wieder hineingeboren werden, unverständlich ist. Und wenn sie dann weiter das ihnen unverständlich gewesene physische Dasein im Tode wieder verlassen, dann werden sie nach ihrem Tode auch kein Verständnis mehr haben für die geistige Welt, in die sie hineinwachsen. Es ist ja selbstverständlich, daß sie hineinkommen in die geistige Welt, aber begreifen werden sie sie nicht. Sie befinden sich dann eben in einer Umgebung, die sie nicht begreifen und die ihnen so vorkommt, als ob sie nicht zu ihnen gehörte, und die sie so quält, wie ein böses Gewissen nur quälen kann. Und wenn sie dann wieder in eine neue Verkörperung hineinkommen, ist es ebenso schlimm; denn da werden sie allerlei Triebe und Leidenschaften haben und in diesen werden sie, weil sie kein Erstaunen entwickeln können, wie in Illusionen und Halluzinationen leben. Die Materialisten der heutigen Zeit sind es, die einer Zukunft entgegengehen, wo sie von Halluzinationen und Illusionen in furchtbarer Weise werden gequält werden; denn, was der Mensch heute in diesem Leben denkt, das erlebt er dann als Illusion und Halluzination.

[ 33 ] If certain people in the present have become perceptive souls because they acquired powers in earlier incarnations that manifest themselves in wonder as memories of past lives, then today’s people will also carry these powers into their next incarnations if they acquire knowledge of the spiritual worlds today. But those who have now resisted accepting an explanation of the law of incarnations will, on the contrary, fare quite badly in the future world. For these souls, this will be a terrible reality. Today we are in an age where people can still get by in life even if they have no explanations for life in relation to the spiritual worlds. But this age, which the cosmic powers have, so to speak, permitted for a time, is coming to an end—and in such a way that people who have no connection with the spiritual world will grow up in their next life in such a way that the world into which they are reborn in their next incarnation will be incomprehensible to them. And when they then leave the physical existence that was incomprehensible to them upon death, they will no longer have any understanding of the spiritual world into which they are growing after their death. It goes without saying that they will enter the spiritual world, but they will not comprehend it. They will then find themselves in an environment they do not understand, which seems to them as though it does not belong to them, and which torments them as only a guilty conscience can. And when they then enter a new incarnation, it is just as bad; for there they will have all manner of drives and passions, and in these they will live, as if in illusions and hallucinations, because they are unable to develop a sense of wonder. It is the materialists of today who are heading toward a future where they will be tormented in a terrible way by hallucinations and illusions; for what a person thinks in this life today, they will then experience as an illusion and a hallucination.

[ 34 ] Man kann sich das schon recht real vorstellen. Nehmen wir beispielsweise an, es gehen heute zwei Menschen auf der Straße zusammen. Es sei ein Materialist und ein Nichtmaterialist. Dieser sagt zum Beispiel zu jenem etwas über die geistige Welt. Der andere aber sagt oder denkt: Ach, das ist ja Unsinn! Das sind ja nur Illusionen! — Ja, für diesen sind es Illusionen, aber für jenen, der die Äußerung über die geistige Welt machte, sind es keine Illusionen. Schon nach dem Tode werden für den Materialisten die Folgen eintreten und erst recht dann noch später bei dem nächsten Erdenleben. Da wird es dann für ihn so sein, daß er die geistigen Welten als quälend empfindet, so daß sie ihm ein lebendiger Vorwurf sind. In seiner Kamalokazeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt wird er sozusagen keinen Unterschied empfinden zwischen Kamaloka und Devachan. Und wenn er wieder geboren ist, und die geistige Welt tritt vor ihn hin in der geschilderten Weise, dann erscheint sie ihm als etwas Unwirkliches, als Illusion, als Halluzination.

[ 34 ] One can form a clear mental image of this. Let’s take, for example, two people walking down the street together today. Let’s say one is a materialist and the other is a non-materialist. The non-materialist says something to the materialist about the spiritual world. The materialist, however, says or thinks: “Oh, that’s nonsense! Those are just illusions!” — Yes, for the latter they are illusions, but for the one who spoke about the spiritual world, they are not illusions. The consequences will begin for the materialist as soon as he dies, and even more so later on in his next earthly life. Then it will be the case for him that he finds the spiritual worlds tormenting, so that they are a living reproach to him. During his time in Kamaloka between death and rebirth, he will, so to speak, perceive no difference between Kamaloka and Devachan. And when he is reborn, and the spiritual world appears before him in the manner described, it will seem to him like something unreal, an illusion, a hallucination.

[ 35 ] Geisteswissenschaft ist nichts, was unsere bloße Neugier befriedigen soll. Nicht, weil wir in bezug auf die übersinnliche Welt bloß neugieriger sind als andere Leute, sitzen wir hier zusammen, sondern weil wir mehr oder weniger ahnen, daß die Menschen der Zukunft gar nicht werden leben können ohne Geisteswissenschaft. Alle anderen Bestrebungen, die diese Tatsache nicht berücksichtigen, gehen der Dekadenz entgegen. Nun, es ist ja so eingerichtet, daß diejenigen, die sich heute sträuben, Geisteswissenschaft anzunehmen, in späteren Verkörperungen noch Gelegenheit haben werden, an sie heranzukommen. Vorposten aber müssen sein. Menschen, die durch ihr Karma schon heute Sehnsucht haben nach Geisteswissenschaft, haben dadurch Gelegenheit, Vorposten zu werden. Diese Gelegenheit tritt an sie heran, eben weil sie Vorposten sein müssen und werden müssen.

[ 35 ] Spiritual Science is not something intended merely to satisfy our curiosity. We are not gathered here simply because we are more curious about the supersensible world than other people, but because we sense, to a greater or lesser extent, that the people of the future will not be able to live at all without Spiritual Science. All other endeavors that do not take this fact into account are heading toward decadence. Well, it is arranged in such a way that those who resist accepting Spiritual Science today will still have the opportunity to approach it in later incarnations. But there must be outposts. People who, through their karma, already long for Spiritual Science today have the opportunity to become outposts. This opportunity comes to them precisely because they must be and will become outposts.

[ 36 ] Die anderen Menschen werden mehr aus dem allgemeinen Menschheitskarma heraus die Sehnsucht nach Geisteswissenschaft entstehen sehen.

[ 36 ] Other people will see the longing for Spiritual Science arise more from the general karma of humanity.