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The Rudolf Steiner Archive

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Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143

29 Dezember 1912, Köln

14. Novalis als Verkünder des Spirituell zu Erfassenden Christus-Impulses

[ 1 ] Wenn wir in solcher Art die Herzensklänge hören unseres lieben Novalis, durch die er so innig zu künden wußte von der Sendung des Christus, fühlen wir etwas von Rechtfertigung für unsere Geistesströmung, denn wir fühlen das aus einer Persönlichkeit, wie ihre ganze Art tief verwachsen ist mit allen Weltenrätseln und Weltgeheimnissen, fühlen, wie aus ihr heraustönt etwas wie Sehnsucht nach jenen geistigen Welten, die der neuere Mensch suchen muß eben durch diejenige Weltanschauung, nach welcher wir hinstreben. Es ist etwas Wunderbares, sich zu versenken in Herz und Seele eines solchen Menschen, wie Novalis einer war. Wie er herauswuchs aus einer Tiefe des abendländischen Geisteslebens, selber tief in seinem ganzen Erfassen der Sehnsuchten nach der geistigen Welt. Und wenn wir dann so auf uns wirken lassen, wie er in dieser seiner Inkarnation in sein jugendliches Herz hereinströmen ließ die Geisteswelten, und wie ihm durchleuchtet wurden diese Geisteswelten von dem Christus-Impuls, dann empfinden wir dies wie eine Aufforderung an unsere eigenen Seelen, unsere eigenen Herzen, mit ihm zu streben nach demjenigen, was ihm wie ein hehres Licht vorglänzte unablässig, dem er entgegenlebte sein kurzes diesmaliges Dasein. Und wir fühlen, wie er war einer der Propheten der neueren Zeit in dieser Inkarnation für dasjenige, was wir suchen wollen in den Geisteswelten, fühlen auch, wie wir zu diesem Suchen am besten begeistert werden können durch jene Begeisterung, die im Herzen, in der Seele eines Novalis lebte und die da ihm ward aus dem innigen Durchdrungensein mit dem Christus-Impuls. Und wir dürfen gerade im jetzigen Augenblick unseres Strebens, da wir auf der einen Seite die Anthroposophische Gesellschaft begründen, die alle menschlichen Rätsel in sich schließen soll, in dem gegenwärtigen Augenblick, in dem wir auf der anderen Seite auch betrachten wollen im Zusammenhang mit dem Christus-Impuls das Licht, das aus dem Orient herüber so glanzvoll strahlt, wir dürfen uns in diesem Augenblick verbinden mit dem, was als ein Ausdruck des Christus-Impulses in dieser Seele des Novalis lebte.

[ 2 ] Wir wissen, daß es einstmals im hebräischen Altertum ertönte als große Prophezeiung und als das bedeutsame, aus der Schöpfung herausquellende Elias-Wort. Wir wissen, daß es der Impuls war, der gegenwärtig war, als herunterstieg die kosmische Christus-Wesenheit in den Leib des Jesus von Nazareth. Wir wissen, daß es derselbe Impuls war, der dazumal prophetisch vorherverkündete das, was einverleibt werden soll der Menschheitsentwickelung. Wir wissen, daß es derselbe Impuls war, der in Raffaels Seele hinzauberte vor die menschlichen Anblicke die unendlichen Geheimnisse des Christentums. Und sehnsüchtig und Rätsel empfindend wenden wir uns der wiederverkörperten Seele des Elias, des Täufers Johannes, des Raffael in Novalis zu und fühlen mit dieser Seele, wie all ihr geistiges Vibrieren durchzieht und durchglüht die Sehnsucht nach einem neuen Geistesleben der Menschen, und fühlen dann den Mut und fühlen, daß uns etwas von der Kraft kommt, entgegenzuleben diesem neuen Geistesleben der Menschheit. Oh, warum ist er denn hineingeboren, dieser Novalis, in die neuere Zeit, prophetisch vorherzuverkünden den spirituell zu erfassenden Christus-Impuls? War es doch um ihn herum in seinem geistigen Horizont wie ein Aufleben der großen geistigen Strömungen der Gesamtmenschheit. Heraus wuchs er, Novalis, aus dem Kreise, in dem das geistige Leben selber erglühte, wie eine Erstverkündigung theosophisch-anthroposophischer Weltanschauung des Abendlandes. Im Glanze der Goethe-Sonne, der Schiller-Sonne reifte diese dem Christus-Impuls entgegenwebende und -sehnende Seele heran.

[ 3 ] Was lebte für eine Geistesströmung in Goethe? Wie drückt sich die Geistessonne durch Goethe aus und strahlt hin auf Novalis, den jungen Zeitgenossen Goethes? Aus Spinozas Weltanschauung hatte Goethe gesucht herauszuempfinden alles dasjenige, was seine glühend heißen Leidenschaften beruhigen, beseligen und dem Geiste zuwenden konnte. Aus Spinozas umfassender Weltanschauung heraus hatte Goethe gesucht den Ausblick in die Weltenweiten und zu den geistigen Wesenheiten, welche diese Weltenweiten durchweben und hereinstrahlen in die Menschenseele, so daß diese menschliche Seele die Natur und ihre eigenen Rätsel lösen kann, indem sie empfindet und erkennt das Dasein, das in allen Wesen und Welten lebt und webt. Zur Reinheit und Anschauung sich aufzuschwingen aus dem, was er aus Spinoza haben konnte, so strebte Goethe. So fühlte er etwas von jener monotheistischen Weltanschauung im spirituellen Sinne, die uns schon herüberklingt und aufleuchter aus dem alten Vedenworte; und man kann in schönster Weise zusammenklingen hören, wenn man nur darauf eingehen will, Goethes wie sich erneuerndes Welten-Vedenwort mit der warmen Begeisterung, die aus Novalis aufklingt, in dem Christus-Geheimnis der Welt. Licht strömt uns aus Goethes Vedenwort, Liebe und Wärme strömt in das Licht, wenn wir des Novalis christuskündende Worte sich ergießen fühlen in Goethes lichtvolle Worte. Und wenn wir an anderer Stelle Goethe erfassen, da wo Goethe mit voller Wahrung der Welten-Einheitserkenntnis anerkennt einer jeden Seele Selbständigkeit im Leibnizschen Sinne, dann weht uns nicht in Worten von Goethe aus an, doch aber der Gesinnung nach die abendländische Monadenlehre, die ein Wiedererklingen ist der Sankhyaphilosophie. Heranreifte in all dem, was so wie ein Wiedererklingen der Sankhyaphilosophie das damalige Weimar, das damalige Jena erlebte, heranreifte mit seinem Christus zugewandten Herzen Novalis. Und man fühlt zuweilen einen solchen Geist, der in neuzeitlicher Nuance durchdrungen ist von Sankhyagesinnung wie Fichte in seiner Sprödigkeit, man fühlt, wie er gemildert wird zum wahren Geiste der Zeit, wenn man neben ihn und ihn annehmend in hingebungsvoller Begeisterung sich Novalis denkt. Man hört auf der einen Seite Fichtes merkwürdige Erneuerung des alten Inderwortes, daß die Welt, wie sie uns umgibt, nur ein Traum ist und das Denken, wie es gewöhnlich ist, ein Traum von diesem Traum ist, Wirklichkeit aber die Menschenseele, die ihren Willen ergießt als Kraft in diese Traumeswelt. So Fichtes wieder erneuerte Vedantaworte. Daneben Novalis’ Zuversicht. Oh, er fühlt diese Zuversicht etwa so: Ja, ein Traum das physische Dasein, das Denken ein Traum vom Traume, aber aus diesem Traum erquillt alles dasjenige, was die Menschenseele als ihr Wertvollstes erfühlt und empfindet und im Fühlen und Empfinden geistig tun kann. Und aus dem Traume des Lebens erschafft aus dem christusbegeisterten Ich die Seele des Novalis magischen Idealismus, wie er ihn nennt, das heißt, geistgetragenen Idealismus. Und wir fühlen, wie fast harmonischer, als es im Weltentraum sonst sein kann, sich etwas verbindet, wenn wir des Novalis liebevolle Seele stehen sehen neben einem weiteren Geistesheroen seiner Zeit, anhörend, wie Schiller versucht, die Welt zu begeistern mit seinem Idealismus, und wie Novalis, indem er Schillers ethischen Idealismus malt, aus dem Herzen, das in ihm selbst christusbegeistert ist, verkündet seinen magischen Idealismus. Wie tief spricht es doch zu unserer Seele, dieses, was wir das Gutsein, das innerste abendländische innige Gutsein des Novalis nennen möchten, wenn er einmal über Schiller begeistert schreibt. Da drückt sich die ganze Güte einer Menschenseele, die ganze Liebefähigkeit einer Menschenseele aus, wenn wir auf uns wirken lassen ein solches Novalis-Wort, wie Novalis es aussprach, um Schiller zu loben für das, was dieser Schiller ihm war, für das, was er der Menschheit war. Um dieses Lob auszusprechen, sagt Novalis etwa das Folgende:

[ 4 ] Wenn sie vernehmen können in den Geisteshöhen, die begierdelosen Wesen, die wir Geister nennen, solches Wort und solches Menschenwissen, wie sie von Schiller strömen, dann mögen wohl auch diese begierdelosen Wesen, die wir Geister nennen, einmal von dem Wunsche erfüllt werden, herabzusteigen in die Menschenwelt und hier verkörpert zu werden, um zu wirken in wahrer Menschheitsentwickelung, die aufnehmen darf solches Wissen, wie es von einer solchen Persönlichkeit strömt. .

[ 5 ] Liebe Freunde! Welches Herz so verehren, welches Herz so lieben kann, das ist ein Musterherz für alle diejenigen, die sich ergeben wollen dieser Empfindung von echter, wahrer, hingebungsvoller Verehrung und Liebe. Solches Herz kann auch in einfachster Weise aussprechen dasjenige, was die Geheimnisse der Welt und der Menschenseele sind. Deshalb hat auch manches Wort, das aus Novalis’ Munde kommt, den Wert, als ob es wiederklingen ließe dasjenige, was aus der dreifachen Menschenströmung zum Geiste hin in allen Zeiten so sehnsuchtsvoll und zuweilen auch so lichtvoll hat erklingen dürfen. So steht er vor uns, dieser kaum das dreißigste Jahr erreichende Novalis, dieser wiedergeborene Raffael, dieser wiedergeborene Johannes, dieser wiedergeborene Elias; so steht er vor uns, und so dürfen wir ihn selber verehren, so kann er unter vielen einer der Vermittler sein, die uns den Weg lehren, wie wir zu den Geistesoffenbarungen, die wir erstreben in unserer geistigen Weltanschauungsströmung, hinzufinden können das rechte Herz, die rechte Liebe, den rechten Enthusiasmus, die rechte Hingebung, damit es uns gelingen möge, dasjenige, was wir herunterholen wollen aus hehren Geisteshöhen, auch fließen zu lassen in die einfachsten Menschenseelen. Denn, was auch der eine oder andere wird sagen mögen über das Schwerverständliche der neueren Geistesforschung, Lügen strafen wird diese Schwerverständlichkeit gerade das einfache Herz, das einfache Gemüt; denn sie werden verstehen, was aus geistigen Höhen heruntergeholt wird durch dasjenige, was wir in unserer Geistesströmung suchen. Den Weg aus geistigen Höhen sollen wir finden nicht nur zu jenen, die ein gewisses gelehrtes Geistesleben in irgendeiner Form auf sich haben wirken lassen, den Weg sollen wir suchen zu allen sehnenden Seelen, die nach Wahrheit und nach dem Geiste sich sehnen. Und wie unser Geleitwort sein soll das Goethe-Wort, das in seiner Einfachheit nur tief genug ergriffen werden muß: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit», so muß unser Strebensziel sein, so zu verwandeln das spirituelle Leben, das wir suchen und von dem wir hören, daß es durch die Gnade der spirituellen Mächte uns zuteil wird, so zu prägen dieses spirituelle Leben, daß es den Zugang findet zu allen, allen sehnenden Seelen. Das muß unser Bestreben sein. In Wahrheit wollen wir wirken und emsig darauf bedacht sein, den Weg zu finden zu allen suchenden Seelen, auf welchen Stufen ihrer Inkarnation sie auch stehen. Die Geheimnisse der Inkarnation sind tief, das zeigt uns ein solcher Inkarnationsweg wie der des Novalis gerade. Aber gerade er kann uns wie eine Art von Leitstern voranleuchten, so voranleuchten, daß wir, ihm empfindend folgend, zugleich den guten Willen haben, mit aller Anstrengung uns hinaufzuarbeiten zu ihm in der Erkenntnis, und auf der anderen Seite den lebensvollen Willen pflegen, mit der Erkenntnis heranzudringen an jedes Menschenherz, das in Wahrheit nach dem Geistigen sucht. So darf uns voranleuchten dasjenige, was Novalis selber so schön sagt und was uns auch wie eine Art von Motto sein kann für dasjenige, wozu wir uns entschlossen haben, am Ausgangspunkt der anthroposophischen Geistesströmung.

[ 6 ] Worte sind nicht mehr bloß Worte, wenn Geistesworte weltanschauungsgründend sind, dann werden diese Worte erleuchtend und erwärmend für die höchsten und für die einfachsten Seelen. Das muß unsere Sehnsucht sein. Das war auch Novalis’ Sehnsucht. Er drückt es aus in schönen Worten, die ich mit Abänderung nur eines einzigen Wortes am Schlusse dieser Worte anführen möchte und die da gesprochen sein sollen zu Ihren Herzen, meine lieben Freunde. Ich ändere dieses Wort bei Novalis, wenn auch vielleicht die Philister, die sich gerade freie Geister dünken, dann eben ein wenig erzürnt werden können. Und so sei denn unser Leitstern neben anderen Leitsternen auch dasjenige, was in Novalis’ schönen Worten liegt:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewigen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Herden-Wesen fort.