Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143
24 Dezember 1912, Berlin
13. Die Geburt des Erdenlichtes aus der Finsternis der Weihenacht
[ 1 ] Schön ist es, meine lieben Freunde, daß die Verhältnisse es gestatten, daß wir uns heute abend an diesem Festtage hier vereinigen können. Es gibt ja unter uns viele Freunde, welche an diesem Tage in einer gewissen Beziehung allein stehen, während selbstverständlich die weitaus größte Zahl das Fest der Liebe und des Friedens draußen im Kreise derjenigen zu feiern hat, mit denen sie sonst in der Welt verbunden sind. Doch ist es ja so selbstverständlich, daß auch wir anderen, die wir in einer solchen Weise nicht da oder dorthin gebunden sind, gerade durch die Geistesströmung, innerhalb welcher wir stehen, am allerwenigsten ausgeschlossen sind von der Teilnahme an dem Fest der Liebe und des Friedens. Was sollte denn auch in einem schöneren Sinne geeignet sein, uns am heutigen Abend zu vereinigen in der Atmosphäre, in der geistigen Luft von gegenseitiger Liebe und von unsere Herzen durchziehendem Frieden, als eine der Erforschung des Geistigen dienende Bewegung? Und auch insofern dürfen wir es als ein gutes Geschick bezeichnen, daß wir gerade in diesem Jahre an diesem Abend vereinigt sein können und dieses Fest durch eine kleine Betrachtung unseren Herzen naheführen können, aus dem Grunde dürfen wir es noch, da wir in diesem Jahre selber vor der Geburt desjenigen stehen, das uns, wenn wir es in der richtigen Weise verstehen, gar sehr am Herzen liegen muß: vor der Geburt unserer Anthroposophischen Gesellschaft. Wenn wir das große Ideal, das wir durch die Anthroposophische Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollen, in der richtigen Weise gelebt haben, und wenn wir geneigt sind, unsere Kräfte in der entsprechenden Weise für dieses große Ideal der Menschheit einzusetzen, so muß es uns nahe liegen, von diesem unserem geistigen Lichte oder Lichtesmittel die Gedanken schweifen zu lassen zu dem Aufgange des großen Lichtes der Menschheitsevolution auf der Erde, der durch diese Nacht der Liebe und des Friedens gefeiert wird, in welcher wir ja wirklich dasjenige, geistig oder seelisch, vor uns haben, was man nennen kann die Geburt des Erdenlichtes, des Lichtes, das aus der Finsternis der Weihenacht herausgeboren werden soll, das aber leuchten soll den Menschenseelen und den Menschenherzen für alles, was diese Menschenseelen und Menschenherzen nötig haben, um den Weg zu den geistigen Höhen hinauf zu finden, die durch die Erdenmission erstiegen werden sollen.
[ 2 ] Wenn wir uns ins Herz hineinschreiben wollen, was wir in dieser Weihenacht empfinden können, was ist es denn eigentlich?
[ 3 ] Es sollte sich in dieser Weihenacht in unsere Seele gießen die menschliche Grundempfindung von Liebe, die Grundempfindung davon, daß gegenüber allen anderen Kräften und Mächten und Gütern der Welt das Gut und die Kraft und die Macht der Liebe das Größte, das Intensivste, das Wirksamste ist. Ins Herz, in die Seele sollte sich die Empfindung davon ergießen, daß Weisheit etwas Großes ist — etwas Größeres noch die Liebe; daß Macht etwas Großes ist — etwas Größeres noch die Liebe. Aber so stark sollte sich die Empfindung von der Macht und der Kraft und der Stärke der Liebe in unsere Herzen gießen, daß von dieser Weihenacht etwas überströmen könnte in alle unsere Empfindungen des übrigen Jahres, so etwas überströmen, von dem wir sagen können, daß es etwa das ausdrückte, was wir immer fühlen: Wir müssen uns eigentlich schämen, wenn wir in irgendeiner Stunde des Jahres etwas tun, was nicht bestehen kann vor dem geistigen Hinblicke zu jener Nacht, in welcher wir die Allkraft der Liebe in unsere Herzen gießen wollen. Möchten die Tage, möchten die Stunden des Jahres so verlaufen können, daß wir uns nicht zu schämen brauchen vor der Empfindung, die wir in der Weihenacht in unsere Seelen hineingießen wollen!
[ 4 ] Wenn wir so empfinden und fühlen können, dann fühlen wir mit allen den Wesen, welche der Menschheit die Bedeutung der Weihenacht nahebringen wollten, die Bedeutung der Beziehung der Weihenacht zu dem ganzen Christus-Impuls innerhalb der Erdenevolution.
[ 5 ] Vor uns steht ja dieser Christus-Impuls, man kann sagen, in dreifacher Gestalt. Und bedeutungsvoll kann an dem Fest des Christus heute in dreifacher Gestalt der Christus-Impuls vor uns stehen. Die eine Gestalt gibt uns der Hinblick auf das Marthäus-Evangelium. Die Wesenheit, die geboren wird, oder deren Geburt wir in dieser Weihenacht feiern, sie tritt in die Menschheitsentwickelung so hinein, daß drei Spitzen der Menschheit, drei Vertreter der hohen Magie herbeikommen, um dem königlichen Wesen zu huldigen, das in die Menschheitsentwickelung eintritt. «Könige» im geistigen Sinne des Wortes, magische Könige kommen, dem großen Geistkönige zu huldigen, der da erscheint in der Gestalt, die er erlangen konnte dadurch, daß ein so hohes Wesen, wie es einst der Zarathustra war, seine Entwickelungsstadien durchmachte, um zu der Höhe jenes Geisteskönigs zu gelangen, dem die magischen Könige huldigen wollten. Und so steht der Geistkönig des Matthäus-Evangeliums vor unserem geistigen Blicke, daß er in die Menschheitsentwickelung hereinbringt einen unendlichen Quell der Güte und einen unendlichen Quell mächtiger Liebe, jener Güte und jener Liebe, vor der menschliche Bosheit sich zum Kampfe aufgerufen fühlt. Daher sehen wir in zweiter Weise den Geistkönig so in die Menschheitsentwickelung hereintreten, daß dasjenige, was die Feindschaft gegenüber dem Geisteskönig sein muß, sich aufgerufen fühlt in der Gestalt des Herodes, und daß der Geistkönig fliehen muß vor dem, was Feind ist der Geisteskönigschaft. So steht er vor unserem geistigen Blicke in majestätischer, magischer Glorie. Und vor unserer Seele taucht das wunderbare Bild des Geisteskönigs auf, des wiederverkörperten Zarathustra, der edelsten Blüte der Menschheitsentwickelung — wie sie durchgegangen ist von Inkarnation zu Inkarnation auf dem physischen Plan und die Weisheit eine Vollendung hat erreichen lassen —, umgeben von den drei magischen Geistkönigen, selber Blüten und Spitzen der Menschheitsentwickelung. Noch in anderer Gestalt kann der Christus-Impuls vor unsere Seele treten: wie er uns im Markus-Evangelium, im Johannes-Evangelium erscheint, wo wir gleichsam hingeführt werden zu dem kosmischen Christus-Impuls, der ausdrückt, wie der Mensch seinen ewigen Zusammenhang mit den großen kosmischen Kräften dadurch hat, daß wir durch das Verständnis des kosmischen Christus gewahr werden, wie in die Erdenentwickelung selber ein kosmischer Impuls durch das Mysterium von Golgatha hereingenommen wird. Noch als etwas unendlich Größeres und Gewaltigeres als der Geistkönig, der von den Magiern umgeben vor unserem geistigen Auge steht, tritt vor uns hin die mächtige kosmische Wesenheit, welche Besitz ergreifen will von dem Träger jenes Menschen, der da ist der Geisteskönig, die Blüte und Spitze der Erdentwickelung selber. Es ist im Grunde genommen nur der heutigen Menschen Kurzsichtigkeit, wenn nicht die ganze Größe und Macht des Einschnittes gefühlt wird, der in der Menschheitsentwickelung dadurch gegeben war, daß der Zarathustra zum Träger des kosmischen Christus-Geistes wurde, wenn nicht gefühlt wird die ganze Bedeutung desjenigen, was als «Christus-Träger» in jenem Momente der Menschheitsentwickelung vorbereitet wurde, den wir durch die christliche Weihenacht feiern. Ein etwas tieferes Hineingehen in die Menschheitsentwickelung zeigt uns überall, wie tief einschneidend in die ganze Erdevolution das Christus-Ereignis ist. Fühlen wir es durch eine einschlägige Betrachtung an diesem Abend, damit von dieser Betrachtung etwas ausstrahlen kann in unsere übrige anthroposophische Vertiefung und Versenkung.
[ 6 ] Vieles könnte dazu angeführt werden. Es könnte gezeigt werden, wie vor die Menschheit hintrat in Zeiten, die dem Spirituellen noch näherstanden, ein ganz neuer Geist gegenüber dem, der in der vorchristlichen Zeit in der Erdenentwickelung gewaltet und gewirkt hat. Eine Gestalt wurde zum Beispiel geschaffen, eine Gestalt, die aber gelebt hat, und die uns ausdrückt, wie es auf eine Seele der ersten christlichen Jahrhunderte gewirkt hat, wenn diese Seele sich erst noch ganz hineingestellt empfand in die alten heidnischen Geisteserkenntnisse, und dann empfand, wie sich alles in der Seele änderte, wenn sie mit den alten heidnischen Geisteserkenntnissen unbefangen und vorurteilsfrei sich dem Christus-Impuls entgegenstellte. — Wir verstehen heute immer mehr und mehr eine solche Gestalt wie die des Faust. Wir fühlen in dieser Gestalt, die ein neuerer Dichter, Goethe, sozusagen wiedererweckt hat, das Höchste von menschlichem Streben ausgedrückt, empfinden aber auch, wie die Möglichkeit tiefster Schuld in ihr ausgedrückt werden soll. Aber wenn man von allem absieht, was neuere dichterische Kraft an Künstlerischem geben kann, so kann man sagen: Tiefes und Bedeutungsvolles, das in einer Seele lebte, kann man fühlen, wenn man zum Beispiel sich vertieft in die Dichtung der griechischen Kaiserin Eudokia, die eine Wiederbelebung der alten Legende von Cyprianus geschaffen hat, welche einen Menschen schildert, der ganz in der alten heidnischen Götterwelt lebte und in sie verstrickt werden konnte, einen Menschen, der noch nach dem Mysterium von Golgatha ganz den alten heidnischen Geheimnissen, Kräften und Mächten hingegeben war. Schön ist jene Szene, in der geschildert wird, wie Cyprianus die Justina kennenlernt, die schon von dem Christus-Impuls berührt ist, die hingegeben ist jenen Mächten, die durch das Christentum dargestellt werden. Die Versuchung tritt an ihn heran, sie von ihrem Wege abzubringen, die Versuchung, sich zu diesem Zwecke der alten heidnischen Zaubermittel zu bedienen. Alles, was zwischen Faust und Gretchen spielt, spielt in dieser Atmosphäre des Kampfes alter heidnischer Impulse gegen den Christus-Impuls. Es nimmt sich, wenn wir von dem Spirituellen absehen, grandios noch aus in der Erzählung von dem alten Cyprianus und in der Versuchung, der er ausgesetzt war gegenüber der Christin Justina. Und wenn die Dichtung der Eudokia auch nicht besonders gut ist, so muß man doch sagen: Da steht das Erschütternde des Zusammenpralles der alten vorchristlichen Welt mit der christlichen Welt; da steht in Cyprianus ein Mensch, der sich noch fernstehend dem Christentum fühlt, der sich noch ganz hingegeben fühlt den alten heidnischen Götterkräften: es ist eine gewisse Gewalt in der Schilderung. Einige Stellen nur seien heute vorgeführt, wie Cyprianus sich fühlt gegenüber den Zauberkräften der vorchristlichen Geistesmächte. So hören wir von ihm in der Dichtung der Eudoksa:
Bekenner Christi, die ihr treu und warm
Im Herzen hegt den viel gepries’nen Heiland,
Seht meiner Tränen frischen Strom, und dann
Vernehmet, aus welchem Quell mein Kummer stammt.
Und ihr, die noch der finstre Wahn umstrickt
Der Götzenbilder, merkt auf das, was ich
Von ihrem Lug und Trug erzählen werde.
Denn nimmer hat ein Mensch gelebt, der so wie
Ich den falschen Göttern war ergeben
Und der Dämonen Art so gründlich kannte.
Ja, Cyprianus bin ich, den als Kind
Die Eltern dem Apollo dargebracht.
Es war des zarten Säuglings Wiegenlied
Gelärm der Orgien, wenn man das Fest
Des grausen Drachen feiert’. Siebenjährig
Ward ich geweiht dem Sonnengotte Mithras.
Ich wohnt’ in der erhab’nen Stadt Athen
Und ward ihr Bürger auch. Denn so gefiel’s
Den Eltern. Als ich zehn der Jahre zählte,
Hab ich Demeters Fackeln angezündet
Und mich versenkt in Koras Trauerklage.
Ich hegt’ der Pallas Schlange auf der Burg
Als Tempelknabe.Dann zum Waldgebirg Olympos stieg ich auf, wo Toren sich
Den lichten Wohnsitz sel’ger Götter denken.
Die Horen sah ich und den Schwarm der Winde,
Der Tage Chor, die phantasiebeflügelt
Mit Gaukelbildern durch das Leben ziehn.
Ich sah Gewühl von Geistern kampfentbrannt,
Und Hinterhalte voller List; von Spott
Und Lachen berstend die, und jene ganz
Von Schreck erstarrt. Die Reihen sah ich all’?
Der Göttinnen und Götter. Denn wohl vierzig
Und noch mehr Tage hab ich dort verweilt.
Es war mein Mahl, wenn Helios niedersank,
Der dichtbelaubten Wipfel Frucht. Wie
Als wären sie aus hoher Königsburg
Entsandt, durchziehn die Luft die Geisterboten,
Um dann zur Welt hinab zu steigen, wo
Die Menschheit sie mit tausend Übeln plagen.
Ich zählte fünfzehn Jahr’ und kannte schon
Die Wirkenskraft der Götter und der Geister,
Denn mich belehrten sieben Oberpriester.
Der Eltern Wille war’s, daß ich gewönne
Vor allem Wissenschaft, was ist auf Erden,
Im Reich der Lüfte und im tiefen Meer.
Ich hab’ durchforscht, was in der Menschenbrust
Verderben brütet, was im Kraute gärt,
Im Saft der Blume, was um müde Leiber
Als Siechtum schleicht, und was die bunte Schlange,
Der Fürst der Welt voll arger List erschafft,
Um Gottes ew’gen Ratschluß zu bestreiten.Ins schöne Land von Argos zog ich hin,
Das rossenährende. Das Fest der Eos,
Der weißgewand’gen Gattin des Tithonos,
Beging man grad, und dort ward ich ihr Priester.
Ich lernte kennen, was geschwisterlich
Die Luft und dieses Poles Rund durchzieht,
Was Wasser macht der Ackerflur verwandt,
Und was den Himmel trübt als Regenschauer.
[ 7 ] So hatte Cyprianus alles kennengelernt, was man kennenlernen konnte, wenn man sozusagen eingeweiht wurde in die vorchristlichen Mysterien. Oh, er schildert sie genau, diese Mächte, zu denen diejenigen aufblicken konnten, die mit den alten Einweihungsurkunden nur betraut waren in der Zeit, als diese alten Urkunden nicht mehr galten; er schildert sie hinreißend in ihrer nicht mehr in die Zeit hineingehörenden Furchtbarkeit.
Ich sah den Dämon selbst von Angesicht,
Nachdem ich ihn mit Opfern mir gewonnen;
Ich sprach zu ihm, und er erwidert’ mir
Mit Schmeichelworten. Meine Jugendschöne
Und mein Geschick zu seinen Werken rühmend,
Verhieß er mir die Herrschaft dieser Welt
Und gab mir Macht, den Geistern zu gebieten.
Er grüßte mich mit meinem Namen, als
Ich schied, und staunend sahn es seine Großen.
Sein Antlitz gleicht der Blume reinen Goldes;
Er trägt ein Diadem von Funkelsteinen
Und flammendes Gewand. Die Erde bebt,
Wenn er sich rührt. In dichten Reih’n umstehn
Speerträger seinen Thron, den Blick gesenkt.
So dünkt er sich ein Gott, so äfft er nach
Des Ew’gen Werke, den er frech bestreitet.
Doch machtlos schafft er nicht’'ge Schemen nur;
Denn der Dämonen Wesenheit ist Schein.
[ 8 ] Und wie die Versuchung ihm naht, wie das alles auf ihn wirkt, bevor er kennenlernt den Christus-Impuls, auch das wird uns geschildert.
Ich zog vom Land der Perser fort und kam
Nach Antiochia, der großen Stadt
Der Syrer; hier verübt’ ich Wunders viel
Von Zauberei und höllischer Magie.
Ein Jüngling sucht mich auf, Aglaidas,
Von Lieb’ entbrannt, und mit ihm viel Gefährten.
Ein Mädchen war’s, Justina ist ihr Name,
Für das er glüht’, und meine Knie umschlingend
Beschwor er mich, in seine Arme sie
Durch Zauberkunst zu ziehn. Und da zuerst
Ward mir des Däimons Ohnmacht offenbar.
Denn so viel Geisterscharen er beherrscht,
So viel entsandt er wider jene Jungfrau,
Und alle kehrten sie beschämt zurück.
Auch mich, Aglaidas’ Beförd’rer, machte
Justinas fromme Glaubenskraft zu Schanden;
Sie zeigte mir, wie eitel meine Kunst.
Manch schlummerlose Nacht durchwacht’ ich da
Und quälte mich mit Zaubereien ab.
Zehn Wochen lang bestürmt’ der Fürst der Geister
Das Herz der Jungfrau. Eros hatte, ach!
Nicht den Aglaidas allein verwundet,
Auch mich ergriff der Liebe Raserei.
[ 9 ] Und aus dieser Verwirrung, in die ihn die alte Welt gebracht hatte, wird Cyprianus geheilt durch den Christus-Impuls — es ist etwas wie eine Abschattung, nur in eine größere dichterische Gewalt getaucht, was wir dann in der Faust-Dichtung vor uns haben —, indem er den alten Zauber von sich wirft, um den Christus-Impuls in seiner ganzen Größe zu verstehen. — An einer solchen Gestalt zeigt sich uns so recht, wie in den ersten christlichen Jahrhunderten gefühlt wurde, was wir uns in zweifacher Gestalt, manches wiederholend, jetzt vor die Seele geführt haben.
[ 10 ] Eine dritte Gestalt, gleichsam ein dritter Aspekt des ChristusImpulses ist der, welcher uns so recht zeigen kann, wie wir durch das, was wir im ganzen Sinne des Wortes «Theosophie» nennen können, uns verbunden fühlen können mit allem, was menschlich ist. Das ist jener Aspekt, den einzig das Lukas-Evangelium schildert und der fortgewirkt hat in der Darstellung des Christus-Impulses, wie er vorbereitet wird durch das «Kind». In jener Liebe und Einfalt und zugleich Ohnmacht, wie uns das Kind Jesus im Lukas-Evangelium entgegentritt, war der Christus-Impuls geeignet, hingestellt zu werden vor alle Herzen. Alle konnten sich verwandt fühlen mit dem, was so einfach, so eben als Kind kindlich und doch so groß und gewaltig zu den Menschen sprach aus dem Kinde des Lukas-Evangeliums, das nicht dargestellt wird den magischen Königen, das dargestellt wird den armen Hirten des Feldes. Jenes Wesen des Matthäus-Evangeliums steht an der Spitze des Menschheitswerdens, und huldigend kommen geistige Könige, magische Könige. Das Kind des Lukas-Evangeliums steht in Einfachheit da, ausgeschlossen von der Menschheitsentwickelung, als Kind zunächst, von keinen Großen empfangen, aber empfangen von den Hirten des Feldes. Nicht so steht es drinnen im Menschheitswerden, das Kind des Lukas-Evangeliums, daß wir etwa im Lukas-Evangelium gleichsam selber darauf aufmerksam gemacht würden, wie die Bosheit der Welt sich aufgerufen fühlt gegen seine königliche Geistesmacht. Nein. Das aber tritt uns klar entgegen wenn auch nicht gleich des Herodes Gewalt und Bosheit uns entgegentritt —, daß das, was in diesem Kinde gegeben ist, so groß, so edel, so bedeutend ist, daß die Menschheit selber es nicht in ihre Reihen aufnehmen kann, daß es arm und verlassen von der Menschheitsentwickelung, wie in die Ecke geworfen erscheint und dadurch auf eine merkwürdige Weise seinen außermenschlichen, seinen göttlichen oder, was dasselbe ist, seinen kosmischen Ursprung uns zeigt. Und wie war dann dieses Lukas-Evangelium inspirierend für alle die, welche in zahlreichen künstlerischen und anderen Darstellungen Szenen, die eben durch das Lukas-Evangelium angeregt waren, immer wieder und wieder gegeben haben! Fühlen wir nicht gegenüber den anderen künstlerischen Darstellungen, daß jene künstlerischen Darstellungen, die Jahrhunderte hindurch durch das Lukas-Evangelium angeregt waren, uns den Jesus darstellen als ein Wesen, mit dem jeder Mensch, selbst der einfachste, sich verwandt fühlen könnte? Der einfachste Mensch lernte durch das, was durch den Lukas-Jesus-Knaben fortwirkte, das ganze Ereignis von Palästina wie ein Familienereignis fühlen, das ihn selber anging wie das Ereignis eines unmittelbar nahen Verwandten. Kein Evangelium hat so fortgewirkt wie das LukasEvangelium in seiner holdseligen Stimmung und Strömung, indem es der Menschenseele die Jesus-Wesenheit intim gemacht hat. Und doch, alles ist drinnen in dieser kindlichen Darstellung, alles, was drinnen sein soll in einem gewissen Aspekt des Christus-Impulses: daß das Höchste in der Welt, in der ganzen Welt, die Liebe ist; daß die Weisheit Großes ist, erstrebenswert ist, daß ohne Weisheit die Wesen nicht bestehen können, daß die Liebe aber etwas Größeres ist; daß die Macht und die Kraft, durch welche die Welt gezimmert ist, etwas Großes ist, ohne das die Welt nicht bestehen kann, daß die Liebe aber etwas Größeres ist. Derjenige fühlt nur den Christus-Impuls richtig, der auch das Höhere der Liebe gegenüber der Macht und der Stärke und der Weisheit fühlen kann. Weisheit müssen wir erstreben, vor allem als menschliche Geistindividualitäten, denn Weisheit gehört zu den göttlichen Impulsen der Welt. Und daß wir Weisheit erstreben müssen, daß Weisheit das heilige Gut sein muß, das uns vorwärtsbringt, das sollte ja gerade in der ersten Szene der «Prüfung der Seele» dargestellt werden, daß wir die Weisheit nicht versiegen lassen dürfen, daß wir sie pflegen müssen, um auf der Leiter der Menschheitsentwikkelung durch die Weisheit aufzusteigen. Aber überall, wo Weisheit ist, da ist ein Zweifaches: Weisheit der Götter, Weisheit der luziferischen Gewalten. Nahe kommt das Wesen, das nach Weisheit strebt, unter allen Bedingungen auch den Gegnern der Götter, der Schar des Lichtträgers, der Schar des Luzifer. Daher gibt es keine göttliche Allweisheit, weil der Weisheit immer gegenübersteht ein Opponent: der Luzifer.
[ 11 ] Und die Macht und die Kraft! Durch die Weisheit wird die Welt begriffen, durch die Weisheit wird sie erschaut, wird sie erleuchtet; durch die Macht und die Kraft wird die Welt gezimmert. Alles, was zustande kommt, es kommt zustande durch die Macht und die Kraft, welche in den Wesen ist, und wir würden uns ausschließen von der Welt, wenn wir nicht unseren Anteil suchten an der Macht und der Kraft der Welt. Wir sehen diese Macht und Kraft der Welt, wenn der Blitz durch die Wolken zuckt, wir nehmen sie wahr, wenn der Donner rollt, wenn der Regen sich aus den Himmelsräumen herunterergießt auf die Erde, um sie zu befruchten, oder wenn die Sonnenstrahlen niederschießen, um die in der Erde schlummernden Pflanzenkeime hervorzuzaubern. In den Naturkräften, die auf die Erde niederwirken, sehen wir diese Macht und Kraft heilbringend als Sonnenschein, als Regen- und Wolkenkräfte; aber auf der anderen Seite sehen wir diese Macht und Kraft zum Beispiel in den Vulkanen, wie gegen die Erde selbst sich erhebend: Himmelskraft gegen Himmelskraft. Und wir schauen hinein in diese Welt, und wir wissen: Wenn wir selber Wesen des Weltalls sein wollen, so muß etwas von ihnen auch in uns wirken, wir müssen unseren Anteil an der Macht und der Kraft haben. Dadurch stehen wir in der Welt drinnen: die göttlichen und die ahrimanischen Gewalten durchleben und durchzucken uns. Die Allmacht ist nicht allmächtig, denn immer hat sie ihren Gegner Ahriman gegen sich.
[ 12 ] Zwischen ihnen — zwischen der Macht und der Weisheit — steht die Liebe, und wir fühlen, wenn sie richtige Liebe ist, daß sie einzig und allein göttlich ist. Von Allmacht, Allstärke können wir reden wie von einem Ideal; aber ihr steht gegenüber Ahriman. Von Allweisheit kann man sprechen wie von einem Ideal; aber ihr gegenüber steht die Kraft des Luzifer. «All-Liebe» zu sagen, erscheint absurd, denn sie ist keiner Steigerung fähig, wenn wir sie richtig üben. Weisheit kann klein sein sie kann vergrößert werden; Macht kann klein sein — sie kann vergrößert werden. Daher kann als Ideal gelten Allweisheit und Allmacht. Weltenliebe — wir fühlen, daß der Begriff der All-Liebe von ihr ausgeschlossen sein muß; denn Liebe ist etwas Einziges.
[ 13 ] Gerade so wie im Lukas-Evangelium das Jesus-Kind vor uns hingestellt wird, so erscheint es uns als die Personifikation der Liebe; aber es erscheint uns als Personifikation der Liebe zwischen der Weisheit oder Allweisheit und Allmacht. Und im Grunde genommen erscheint es uns so, weil es eben Kind ist. Die Steigerung liegt nur darin, daß das Kind zu allem, was das Kind sonst hat, noch die Eigenschaft der Verlassenheit, des Hinausgeworfenseins in eine Menschheitsecke hat. Den Wunderbau des Menschen, wir sehen ihn schon im kindlichen Organismus veranlagt. Wo wir im weiten Weltenall das Auge hinwenden, es gibt nichts, das so sehr nur durch Weisheit zustande kommt wie dieser Wunderbau, der uns, noch dazu unverdorben, im kindlichen Organismus vor Augen tritt. Und so, wie im Kinde erscheint, was Aliweisheit im physischen Leibe ist, so erscheint sie dann auch an seinem Ätherleibe, wo die Weisheit von kosmischen Mächten sich ausdrückt, so im Astralleibe, und so im Ich. Wie ein Extrakt der Weisheit, so liegt das Kind da. Und wenn es gleichsam in eine Ecke geworfen ist, wie das Kind Jesus, dann fühlen wir: Abgesondert liegt ein Bild von Vollkommenheit da: die konzentrierte Weltenweisheit.
[ 14 ] Aber auch die Allmacht erscheint uns personifiziert, wenn das Kind so daliegt, wie es uns im Lukas-Evangelium geschildert wird. Wie es mit der Allmacht im Verhältnisse zu dem Kindesleib und dem Kindeswesen beschaffen ist, das fühlt der, der die ganze Kraft dessen in seiner Seele sich vergegenwärtigt, was göttliche Mächte und Naturkräfte vollbringen können. Man vergegenwärtige sich die Gewalt der Naturmächte und -kräfte nahe der Erde, wenn die Wetter walten; man vergegenwärtige sich die Naturmächte, die drunten in der Erde walten, stürmisch und bewegt; man denke sich das ganze Brodeln der Weltenmächte und Weltenkräfte, alles dessen, was von den guten Mächten und den ahrimanischen Mächten zusammenstürmt; man denke sich, wie es wütet und wühlt. Und nun denke man sich, daß alles, was so durcheinanderstürmt, von einem kleinen Plätzchen der Welt hinweggeschoben wird, damit an diesem kleinen Plätzchen der Wunderbau des Kinderkörpers liegen kann, um einen kleinen Körper auszusondern: denn geschützt muß der Kindeskörper sein; wäre er nur einen Augenblick der Gewalt der Naturmächte ausgesetzt, er würde hinweggefegt! Da fühlt man das Hineingestelltsein in die Allmacht. Und man fühlt jetzt, wie die Menschenseele empfinden kann, wenn sie unbefangen auf das hinschaut, was das Lukas-Evangelium also ausdrückt: Man gehe mit Weisheit heran an diese konzentrierte Weisheit des Kindes, man gehe mit der größten Menschenweisheit an sie heran: Spott und Torheit ist diese Weisheit! Denn so groß kann sie doch nie sein, wie die aufgewendete Weisheit war, damit der Kindesleib vor uns liegen kann. Die höchste Weisheit bleibt Torheit und muß scheu stehen vor diesem Kindesleib und verehren himmlische Weisheit, aber sie weiß, daß sie an jene nicht herankommen kann: Spott nur ist diese Weisheit, zurückgestoßen muß sie sich fühlen in ihrer eigenen Torheit.
[ 15 ] Nein, mit Weisheit kommen wir nicht an das heran, was uns als das Jesus-Wesen im Lukas-Evangelium hingestellt wird. Kommen wir mit Macht heran?
[ 16 ] Wir kommen nicht mit Macht heran. Denn Macht anzuwenden, hat nur einen Sinn, wo Gegenmacht sich geltend macht. Das Kind aber begegnet uns — ob wir viel, ob wir wenig Macht anwenden wollen — mit seiner Ohnmacht und spottet in seiner Ohnmacht unserer Macht! Denn es hätte keine Bedeutung, mit der Macht an das Kind heranzukommen, da es uns nichts als Ohnmacht entgegenstellt.
[ 17 ] Das ist das Wunderbare, daß uns der Christus-Impuls, indem er uns in seiner Vorbereitung in dem Kind Jesus hingestellt wird, gerade in dieser Weise im Lukas-Evangelium entgegentritt, daß wir, und wären wir noch so weise, mit unserer Weisheit nicht herankommen können, mit unserer Macht ebensowenig herankommen können. Alles, was uns sonst mit der Welt verbindet, es kann nicht herankommen an das Kind Jesus, wie es im Lukas-Evangelium geschildert wird. Eines kann nur herankommen — nicht Weisheit, nicht Macht: Liebe. Und diese in unbegrenzter Art dem kindlichen Wesen entgegenzubringen, das ist das einzig mögliche. Die Macht der Liebe, und die alleinige Rechtfertigung und die alleinige Bedeutung der Liebe, das ist es, was wir so tief fühlen können, wenn wir das Lukas-Evangelium auf unsere Seele wirken lassen.
[ 18 ] Wir leben in der Welt, und keiner darf der Impulse der Welt spotten. Es hieße seine Menschheit verleugnen und die Götter betrügen, wollte man nicht nach Weisheit streben. Jeder Tag und jede Stunde des Jahres ist gut angewendet, wo wir uns klar werden, daß es unsere Menschheitspflicht ist, nach Weisheit zu streben. Jeder Tag und jede Stunde des Jahres zwingen uns aber auch, daß wir gewahr werden, wie wir in die Welt hineingestellt sind und ein Spiel der Kräfte und Mächte der Welt sind, der die Welt durchpulsenden Allmacht. Aber einen Augenblick gibt es, wo wir es vergessen dürfen und uns dessen erinnern, was das Lukas-Evangelium vor uns hinstellt: wo wir des Kindes gedenken, das noch ohnmächtiger ist und noch weisheitsvoller als andere Menschenkinder, und dem gegenüber die höchste Liebe in ihrer Berechtigung sich darstellt, dem gegenüber die Weisheit stillestehen muß, dem gegenüber die Macht stillestehen muß.
[ 19 ] So können wir so recht fühlen, welche Bedeutung es hat, daß gerade dieses von den einfachen Hirten empfangene Christus-Kind als der dritte Aspekt des Christus-Impulses vor uns hingestellt wird: neben dem großen kosmischen Aspekt, neben dem geistköniglichen Aspekt der kindliche Aspekt. Der geistkönigliche Aspekt tritt an uns so heran, daß wir an die höchste Weisheit erinnert werden, und daß das Ideal höchster Weisheit vor uns hingestellt wird. Der kosmische Aspekt tritt so vor uns hin, daß wir wissen, daß durch ihn die ganze Richtung der Erdenentwickelung neu gestaltet wird. Höchste Macht durch den kosmischen Impuls zeigt sich vor uns, höchste Macht so groß, daß sie selbst den Tod besiegt. Was als Drittes hinzukommen muß zu Weisheit und Macht und sich in unsere Seele senken muß als das über die beiden Hinausgehende, es wird uns als das dargestellt, von dem die Menschheitsentwickelung auf der Erde, auf dem physischen Plane ausgeht. Und das hat genügt, um der Menschheit durch die immer wiederkehrende Darstellung der Jesus-Geburt in der Weihenacht die ganze Bedeutung der Liebe in der Welt- und MenschheitsentwickeJung nahezubringen. So ist es in der Weihenacht, daß vor uns hingestellt wird die Geburt des Jesus-Kindes, daß aber geboren werden kann in jeder Weihenacht durch den Anblick dieser Geburt des Jesus-Kindes in unserer Seele das Verständnis echter, wahrer, alles übertönender Liebe. Und wenn in der rechten Weise in der Weihenacht Verständnis der Empfindung der Liebe in unserer Seele erwacht, wenn wir diese Christus-Geburt feiern: das Erwachen der Liebe —, dann kann von jenem Augenblicke, den wir erleben, das ausstrahlen, was wir für die übrigen Tage und Stunden des Jahres brauchen, auf daß gesegnet und damit durchtränkt werde das, was wir an jedem Tage und in jeder Stunde des Jahres an Weisheit anstreben können.
[ 20 ] In einer merkwürdigen Weise hat gerade durch diese Betonung des Liebe-Impulses das Christentum sich schon in der Römerzeit in die Menschheitsentwickelung hineingestellt: daß etwas gefunden werden kann in den Menschenseelen, wo sich die Seelen einander nahekommen, indem sie nicht berühren, was die Welt den Menschen gibt, sondern was die Menschenseelen durch sich selber haben. Man hatte immer das Bedürfnis, ein solches Nahekommen der Menschheit in Liebe zu haben. Aber als das Mysterium von Golgatha herankam, wozu war es da in der römischen Welt geworden? Zu den Saturnalien war es geworden. In den Dezembertagen, vom siebzehnten ab, begannen die Saturnalien, wo die Rang- und Ständeunterschiede aufgehoben waren. Da stand nur der Mensch dem Menschen gegenüber, hoch und niedrig hörte auf, alles redete sich mit Du an. Was von der äußeren Welt kam, das war hinweggefegt. Aber zum Scherz und Spaß schenkte man dann auch den Kindern die «Saturnaliengeschenke», die dann später zu unseren Weihnachtsgeschenken wurden. Daß man zum Scherz, zum Spaß, seine Zuflucht nehmen muß, wenn man über die sonst herrschenden Unterscheidungen hinauskommen will, dazu war das alte Römertum gekommen.
[ 21 ] Mitten hinein stellte sich um diese Zeit das Neue, wo die Menschen nicht den Scherz und den Spaß, sondern das Höchste in ihrer Seele, das Geistige aufrufen. So stellte sich das Gleichfühlen von Mensch zu Mensch in das Christentum hinein zu jener Zeit, in welcher es in Rom die ausgelassene Gestalt der Saturnalien angenommen hat. Das aber bezeugt uns auch den Aspekt der Liebe, der allgemeinen Menschenliebe, die von Mensch zu Mensch walten kann, wenn wir den Menschen in seinem Tiefsten erfassen. Wir erfassen ihn zum Beispiel in seinem Tiefsten, wenn das Kind am Weihnachtsabend wartet des Kommens des Weihnachtskindes oder des Weihnachtsengels. Wie wartet denn das Kind dann? Es wartet so auf das Kommen des Weihnachtskindes oder des Weihnachtsengels, daß es weiß: Der kommt nicht aus Menschenlanden her; der kommt aus der geistigen Welt her! Es ist eine Art von Verständnis der geistigen Welt, in dem sich das Kind ähnlich erweist mit den Erwachsenen. Denn auch die wissen dasselbe, was das Kind weiß: daß der Christus-Impuls aus höheren Welten in die Erdenentwickelung hineingekommen ist! Und so tritt nicht nur das Kind des Lukas-Evangeliums vor unsere Seele geistig in der Weihenacht, sondern es tritt das, was die Weihenacht an das menschliche Herz heranbringen soll, in schönster Weise auch vor jede Kindesseele — und vereinigt Kindesverständnis mit Erwachsenenverständnis. Alles, was das Kind fühlen kann, wenn es nur anfängt, überhaupt etwas denken zu können, das ist der eine Pol. Und der andere Pol ist das, was wir fühlen können in unseren höchsten geistigen Angelegenheiten, was wir fühlen können, wenn wir treu hingegeben sind jenem Impuls, der im Ausgangspunkte unserer heutigen Betrachtung erwähnt worden ist, wo wir den Willen entwickeln zu dem, was wir in der nun zu schaffenden Anthroposophischen Gesellschaft als ein geistiges Licht erstreben. Denn auch da wollen wir, daß dasjenige, was in die Menschheitsentwickelung hereinkommen soll, von etwas getragen werde, was aus geistigen Reichen als ein Impuls zu uns hereinkommt. Und ebenso wie das Kind fühlt gegenüber dem Weihnachtsengel, der ihm seine Weihnachtsgeschenke bringt — es fühlt sich verbunden mit dem Spirituellen, in seiner naiven Art —, so dürfen wir uns verbinden mit dem Spirituellen, das wir in der Weihenacht ersehnen als den Impuls, der das bringen kann, was wir als ein so hohes Ideal erstreben. Und finden wir uns in diesem Kreise in solcher Liebe vereinigt, wie sie hereinströmen kann aus dem richtigen Verständnis der Weihenacht, dann werden wir erreichen können, was erreicht werden sollte durch unsere Anthroposophische Gesellschaft, durch unser anthroposophisches Ideal. Wir werden das, was erreicht werden soll, in vereinigter Arbeit erreichen, wenn ein Strahl jener Liebe von Mensch zu Mensch uns erfassen kann, über den wir belehrt werden können, wenn wir uns in richtiger Weise dem Verständnis der Werhenacht hingeben.
[ 22 ] So ist es für diejenigen der lieben Freunde, die heute abend mit uns vereinigt sind, gewissermaßen ein Vorzug des Gefühles, den sie haben dürfen. Wenn sie auch nicht da oder dort, verbunden mit dem oder jenem, in der im gegenwärtigen Zeitenzyklus üblichen Weise unter dem Weihnachtsbaume sitzen, so sitzen diese unsere lieben Freunde doch unter dem Weihnachtsbaume. Und Sie alle, meine lieben Freunde, die Sie heute hier mit uns unter dem Weihnachtsbaume die Weihenacht begehen, versuchen Sie in Ihren Seelen etwas von der Empfindung wachzurufen, die uns beschleichen kann, wenn wir fühlen, wie wir gerade aus dem Grunde hier versammelt sind, damit wir jetzt schon lernen jene Impulse der Liebe in unserer Seele zu verwirklichen, die einst in fernerer und immer fernerer Zukunft immer mehr kommen müssen, wenn der Christus-Impuls, an den uns so schön die Weihenacht gemahnt, mit immer größerer und größerer Stärke, mit immer größerer und größerer Macht und mit immer tieferem und tieferem Verständnis in die Menschheitsentwickelung eingreift. Er wird ja nur eingreifen, wenn sich Seelen finden, die ihn in seiner ganzen Bedeutung verstehen. Zum Verständnis gehört auf diesem Gebiete aber die Liebe, die wir als das Schönste in der Menschheitsentwickelung gerade dann in unseren Seelen ausgebären können, wenn wir an diesem Abend oder in dieser Nacht unsere Herzen durchdringen mit dem geistigen Hinblick auf das Jesus-Kind, das von der übrigen Menschheit ausgestoßen und in die Ecke geworfen, geboren in einem Stalle, uns bildlich vorgeführt wird: so gleichsam «von außen» zu der Menschheitsentwickelung hinzukommend, aufgenommen von den Einfachsten an Geistigkeit, von den armen Hirten. Wenn wir das, was von diesem Bilde an Liebesimpuls in unsere Seele sich ergießen kann, heute versuchen in unseren Seelen auszugebären, dann wird es die Kraft haben bei dem, was wir vollbringen wollen und was wir vollbringen sollen, beizutragen zu der Förderung der Aufgaben, die wir uns auf theosophischem Felde gesteckt haben, und die uns auf anthroposophischem Felde das Karma als tiefe und berechtigte Aufgaben gezeitigt hat.
[ 23 ] Nehmen wir es aus der heutigen Betrachtung der Weihenacht mit, daß wir uns sagen: wir seien versammelt gewesen, um diesen Impuls der Liebe mit hinauszunehmen nicht nur für kurze Zeit, sondern für all unser Streben, das wir uns vorgesetzt haben, so wie wir es verstehen können aus dem Geiste unserer Weltanschauung heraus.
