Christus und die geistige Welt
Von der Suche nach dem heiligen Gral
GA 149
30 Dezember 1913, Leipzig
Dritter Vortrag
[ 1 ] Diese Vorträge sollen so veranlagt werden, daß einzelne Motive angeschlagen werden und dann herbeigeholt wird, was zu diesen Motiven verständnisvoll hinführen kann. So habe ich angeschlagen als Motiv, was ich vom schwierigen Verstehen der Christus JesusWesenheit gesagt habe, dann dasjenige von der symptomatischen Ausgestaltung einer Seite des menschlichen Seelenlebens im vierten nachatlantischen Zeitraum in den Prophezeiungen der Sibyllen, und endlich habe ich zum Schlusse der vorigen Betrachtung angeschlagen das Thema Paulus und der Ölbaum. Auf diese Leitmotive werde ich wieder zurückkommen. Aber wir müssen uns gewissermaßen in Kreisen diesen Leitmotiven nähern, die wir in den Mittelpunkt dieser Kreise schreiben. Es wird sich dann schon herausstellen, was eigentlich mit diesen Motiven gemeint ist. Heute möchte ich zu Ihnen einiges über die Christus-Wesenheit als solche sprechen. Wir werden dann sehen, warum sich diese Christus Jesus-Wesenheit gerade in Paulus in einer bestimmten Weise spiegelt.
[ 2 ] Wir wissen ja aus früheren Vorträgen, daß die Christus-Wesenheit verstanden werden kann, wenn wir die Evolution unseres Systems zurückverfolgen bis zum alten Sonnendasein. Und bei verschiedenen Gelegenheiten, in Vortragszyklen, die ja jetzt auch schon veröffentlicht sind, wurde aufmerksam gemacht darauf, daß wir es mit einer hohen geistigen Wesenheit — so wollen wir sie zunächst nennen — zu tun haben in der Christus-Wesenheit und daß für die eigene Entwickelung dieser hohen geistigen Wesenheit insbesondere die alte Sonnenzeit wichtig gewesen ist. Darüber will ich mich also jetzt nicht weiter verbreiten. Wir wollen einfach hinschauen zur Christus-Wesenheit als zu einer hohen geistigen Wesenheit. Nun haben wir zum Verständnis der menschlichen Entwickelung auf der Erde aber noch anderes notwendig, und wir haben ja gesehen, wie notwendig das ist, weil gerade gegenüber einer gewissen Tatsache sich ohnmächtig erweisen die Begriffe und Ideen, die im vierten nachatlantischen Zeitalter diese Christus Jesus-Wesenheit zu verstehen trachteten. Diese Frage tauchte ja besonders in den ersten Jahrhunderten bei den Gnostikern, bei den apostolischen Vätern, bei den Persönlichkeiten, die zur Begründung des Christentums in der einen oder anderen Form den Anlaß gegeben haben, immer wieder und wiederum auf: Wie verhält sich das Christus-Wesen zum Wesen des Jesus?
[ 3 ] Nun wissen wir schon, daß wir zwei Jesusknaben, die heranwachsen, zu unterscheiden haben. Mit dem einen Jesusknaben brauchen wir uns in diesem Zusammenhange nicht weiter zu befassen, denn er ist uns aus unseren anthroposophischen Voraussetzungen heraus leicht verständlich. Ich meine den Jesus, in dem das Ich des Zarathustra lebte. Wir haben es da zu tun mit einer menschlichen Wesenheit, die einen hohen Entwickelungsgrad schon in dem zweiten nachatlantischen Zeitalter erreicht hatte und die dazumal die geistige Strömung eben des Zarathustra begründete und dann weiterlebte, die alsdann in dem salomonischen Jesusknaben wiederum sich verkörperte und in ihm bis zum zwölften Lebensjahre jene Entwickelung annahm, die ein so hohes Ich in dieser Zeit der Menschheitsinkarnation eben annehmen konnte. Wir wissen ferner, daß dieses Zarathustra-Ich hinübergegangen ist in den Leib des anderen Jesusknaben, dessen Wesenheit etwas durchschimmert im Lukas-Evangelium, des sogenannten nathanischen Jesusknaben.
[ 4 ] Diesen nathanischen Jesusknaben müssen wir ein wenig betrachten. Ich habe ja schon aufmerksam darauf gemacht, daß wir es bei diesem Jesusknaben nicht zu tun haben mit einem Menschenwesen, wie andere Menschenwesen sind, im strengen Sinne des Wortes. Wir haben es zu tun mit einem Wesen, bei dem wir nicht davon sprechen können, daß es vorher als Mensch in diesem oder jenem Individuum auf der Erde inkarniert war. Wir haben immer betont, daß gleichsam von dem Seelenhaften, das von geistigen Welten zur Erde gekommen ist, um sich dann in den einzelnen menschlichen Individualitäten auf der Erde auszuleben, etwas zurückgeblieben ist und daß dieses Zurückgebliebene erscheint in dem nathanischen Jesusknaben. So daß wir von diesem nathanischen Jesusknaben nicht sagen können, es lebe in ihm ein solches Ich wie in anderen Menschen, das sich durch vorhergehende Inkarnationen in einer gewissen Art entwickelt hat. Wir haben auch für diesen nathanischen Jesusknaben — das geht schon hervor aus meiner Darstellung in der «Geheimwissenschaft» — anzuerkennen, daß er vorher nicht als Mensch auf der Erde gewandelt ist. Es fragt sich jetzt nur: War dieses Wesen, das wir jetzt einfach nennen wollen Jesus von Nazareth, vorher in irgendeiner Verbindung mit der Erdenentwickelung? Mit der Erdenentwickelung sind ja nicht nur in Verbindung diejenigen Wesenheiten und Kräfte, die sozusagen auf der Erde sich selber inkarnieren, sondern auch geistige Wesenheiten und Kräfte, welche den höheren Hierarchien angehören. Wenn etwas zurückgeblieben ist in der Substanz gleichsam, die dann sich verteilte auf die einzelnen Menschenseelen und die dann gewissermaßen als der nathanische Jesusknabe geboren wurde, so ist damit nicht gesagt, daß diese Wesenheit nicht vorher schon in irgendeiner Beziehung gestanden habe zur Erdenentwickelung. Nur war sie eben nicht so in Beziehung zur Erden- und Menschheitsentwickelung gekommen, daß sie vorher als Mensch auf der Erde herumgewandelt wäre. Wie haben wir diese Wesenheit in Beziehung zur Erdenentwickelung zu denken? Wenn wir die Entwickelung dieses nathanischen Jesus ins Auge fassen, so müssen wir sie also nicht suchen innerhalb dessen, was uns die physische Erdenentwickelung darbieten kann, sondern wir müssen sie in den geistigen Reichen suchen, in demjenigen, was vorher nicht irdisch war. Und da stellt sich denn für die Beobachtung, von der ich ja oft gesprochen habe, für die hellseherische Beobachtung, das Folgende heraus:
[ 5 ] Erinnern wir uns einmal an das, was in der «Geheimwissenschaft» dargestellt ist, wie von der lemurischen Zeit an, mit Ausnahme des einen Hauptpaares der Menschheit, die Seelen allmählich herunterziehen von den anderen Planeten und durch die atlantische Zeit hindurch sich in Menschenleibern verkörpern. Wir haben also die Entwickelung der Erde gewissermaßen so zu denken, daß aus der kosmischen Umgebung der Erde die Seelen zuziehen und in verschiedenen Zeitpunkten sozusagen ihre erneuerte irdische Entwickelung beginnen. Wir wissen ja, daß vor der lemurischen Zeit die Seelen sich zu den Planeten gewissermaßen zurückgezogen hatten. Wir wissen nun aber auch, daß diese irdische Entwickelung der Erde, in die die Menschenseelen einzutreten hatten, ausgesetzt war den Anfechtungen des Luzifer und später des Ahriman. So also waren die Menschenseelen veranlaßt, in Leiber einzuziehen, innerhalb welcher sie im Verlaufe der Erdenentwickelung den Anfechtungen dieser beiden geistigen Wesenheiten ausgesetzt waren. Wenn nichts weiter als dieses eingetreten wäre, daß die Menschenseelen wieder herabgekommen wären von ihrem planetarischen Dasein in die Erdenentwickelung herein und dann ausgesetzt worden wären den luziferisch-ahrimanischen Einflüssen, so wäre mit diesen Menschen auf Erden, so wie sie da durchgehen durch ihre Inkarnationen, etwas geschehen, was ich noch nicht angedeutet habe in der «Geheimwissenschaft». Man kann jedoch in der Gegenwart nicht alles gleich öffentlich sagen. Es wären nämlich diese Menschen zunächst, wie sie so herunterkamen von den Planeten und in physische Leiber einziehen mußten, einer gewissen Gefahr der Sinnesentwickelung ausgesetzt gewesen. Wir dürfen uns nämlich nicht vorstellen, daß das so einfach gegangen wäre, daß diese Menschenseelen von ihrem planetarischen Aufenthalte heruntergekommen wären auf die Erde, Menschenleiber bezogen hätten und daß dann alles in Ordnung verlaufen wäre. Dadurch, daß das luziferische und ahrimanische Prinzip in ihnen waltete, waren diese Menschenleiber nicht so eingerichtet, daß die Menschen diejenige Entwickelung hätten annehmen können, die sie dann wirklich angenommen haben. Wären diese Seelen einfach so eingezogen, daß sie die Kräfte benutzt hätten, die ihnen diese Menschenleiber in bezug auf die Sinne geboten hatten, so würden diese Menschenseelen ihre Sinne haben in einer eigentümlichen Weise benutzen müssen, in einer Weise, die eigentlich für Menschen nicht möglich gewesen wäre.
[ 6 ] Ich will dieses durch folgendes erklären. Beim Einziehen der Seelen in die Menschenkörper würde zum Beispiel das Auge von einer Farbe nicht nur so beeindruckt worden sein, affiziert worden sein, daß es sie so wahrgenommen hätte, wie es später diese Farbe sah, sondern von der einen Seite würde das Auge so beeindruckt worden sein, daß es sich durchseligt gefühlt hätte, von einem heftigen Lustgefühl durchzogen worden wäre; das Auge hätte förmlich geglüht von Lust bei der einen Farbe, bei der anderen würde es durchzogen worden sein von intensiver Antipathie gegen diese Farbe, würde schmerzlich berührt worden sein. Also durch das, was durch die luziferischen und ahrimanischen Einflüsse vorhanden war, waren Körper nicht möglich, deren Sinne für die Seelen, die jetzt von den Planeten heruntergekommen waren, richtige Aufenthaltsorte hätten abgeben können. Gequält von der Antipathie und Sympathie ihrer Sinne wären die Menschen gewesen; man hätte so durch die Welt gehen müssen, daß man fortwährend von Sympathie beseligt oder von Antipathie gequält worden wäre, je nachdem man diese oder jene Farbe gesehen hätte; man wäre beseligt oder furchtbar schmerzhaft zurückgestoßen worden. So war die ganze Evolution veranlagt, so wirkten die kosmischen Kräfte herein auf die Erde, namentlich von der Sonne aus, daß die Sinne in einer solchen Weise wären ausgebildet worden. Jedes Beschauen der Welt in Weisheit, in einer gewissen gelassenen Weisheit, wäre unmöglich gewesen. Es mußte eine Änderung in den kosmischen Kräften stattfinden, die aus der kosmischen Umgebung der Erde hereinflossen und die Sinne der Menschenleiber aufbauten, ausgestalteten. Es mußte in der geistigen Welt etwas geschehen, daß die Kräfte nicht so hereinkamen, daß diese Sinne bloße Antipathie- und Sympathieorgane geworden wären, denn das wären sie geworden unter Luzifers und Ahrimans Einfluß. Aus diesem Grunde geschah folgendes:
[ 7 ] Jene Wesenheit, von der wir jetzt sagten, sie habe zunächst nicht den Weg gewählt herunter von den Planeten zur Erde, sondern daß sie zurückgeblieben wäre, jene Wesenheit, die später als der nathanische Jesusknabe erschien, die also vorläufig in den geistigen Welten war in uralten Zeiten, jene Wesenheit beschloß — wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen, natürlich sind alle diese Ausdrücke aus der menschlichen Sprache genommen und besagen nicht voll, was man sagen will — also sie beschloß dazumal, als sie noch in der Welt der oberen Hierarchien war, eine solche Entwickelung durchzumachen, die sie befähigte, in der geistigen Welt eine Zeitlang durchsetzt zu sein von der Christus-Wesenheit. Wir haben es also zu tun nicht mit einem Menschen, sondern mit einer übermenschlichen Wesenheit — wenn wir so sagen dürfen —, welche in der geistigen Welt lebte, welche sozusagen den Jammer des menschlichen Sinnensystems um Hilfe hinaufschreien hörte zu den geistigen Welten und die durch das, was sie da durch diesen Hilfe- und Jammerschrei der Menschheit empfand, sich geeignet machte, durchdrungen zu werden von der Christus-Wesenheit.
[ 8 ] Dadurch wurde in den geistigen Welten die Wesenheit, die später der nathanische Jesusknabe war, gleichsam durchgeistigt von der Christus-Wesenheit und verwandelte die kosmischen Kräfte, die hereinströmten zum Aufbau der Sinne, in der Art, daß diese Sinne aus bloßen Sympathie- und Antipathieorganen zu den Organen wurden, welche die Menschheit dann brauchen konnte. So kam der Mensch dazu, mit Weisheit hinschauen zu können auf alle Sinneswahrnehmungs-Nuancen. In ganz anderer Weise wären die kosmischen Kräfte, die seine Sinne aufbauen, an den Menschen herangekommen, wenn dieses Ereignis, das weit zurückliegt, das noch der lemurischen Zeit angehört, in den geistigen Welten nicht eingetreten wäre. Es war so, daß das Wesen, das dann als der nathanische Jesusknabe erschien, damals noch wohnhaft war — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf — auf der Sonne und daß durch den eben erwähnten Jammerschrei — wenn ich wiederum den Ausdruck gebrauchen darf — es so etwas in sich durchlebte, was möglich machte, daß es von dem Sonnengeist selber durchsetzt wurde, so durchsetzt, daß gleichsam die Sonnenwirksamkeit in der Art gemildert wurde, ‘ daß die menschlichen Sinnesorgane, die wesentlich Ergebnis dieser Sonnenwirksamkeit sind, nicht zu bloßen Sympathie- und Antipathieorganen wurden.
[ 9 ] Damit, meine lieben Freunde, streifen wir wirklich ein bedeutsames kosmisches Geheimnis, das uns vieles verständlich machen muß, was später geschehen ist. Nun konnte gewissermaßen Ordnung und Harmonie, weisheitsvolle Gestaltung eintreten in der Welt der menschlichen Sinne, und die Entwickelung konnte eine Weile fortgehen. Es war in einer gewissen Weise die schlimmste Wirksamkeit Luzifers und Ahrimans von den menschlichen Sinnen abgeschlagen aus den oberen Welten her.
[ 10 ] Später kam eine Zeit — die fällt nun schon in die Zeit der Atlantis herein —, in welcher sich herausstellte, daß diese menschliche Körperlichkeit wiederum nicht ein geeignetes Werkzeug sein könne, wenn die Entwickelung entsprechend weitergehen solle. Das, was gleichsam eine Weile in einer brauchbaren Art sich entwickelt hatte, die menschlichen Lebensorgane und ihre Grundkräfte, der Ätherleib, das war in Unordnung gekommen. Denn die kosmischen Kräfte, welche hereinwirkten aus der Umgebung der Erde und denen es obliegt, gerade in diese Lebensorgane des Menschen hinein, in die Atmungsorgane, die Zirkulationsorgane und so weiter, Ordnung zu bringen, diese Kräfte entwickelten sich unter dem luziferischen und ahrimanischen Einfluß so, daß die Lebensorgane eben nicht brauchbar geworden wären für die Menschenwesen auf Erden. Sie hätten eine ganz eigentümliche Gestaltung angenommen. Diejenigen Kräfte nämlich, welche diese Lebensorgane zu versorgen haben, gehen nicht direkt von der Sonne aus, sondern von dem, was man in früheren Zeiten die sieben Planeten nannte. Die planetarischen Kräfte wirkten in den Menschen herein aus dem Kosmos. Und notwendig war, daß nun auch gemildert wurden diese die menschlichen Lebensorgane bedingenden kosmischen Kräfte. Wäre die Entwickelung so fortgegangen, wie diese kosmischen Kräfte sie hätten einrichten können unter dem Einfluß Ahrimans und Luzifers, so wäre es so gekommen, daß der Mensch in diesen Lebensorganen entweder nur Organe der Gier oder Organe des Ekels gehabt hätte. Der Mensch hätte zum Beispiel nicht bloß essen können, sondern bei der einen Speise hätte er sich gar nicht bewältigen können vor Gier, sich auf sie loszustürzen, und die andere Speise hätte ihn zurückgestoßen in furchtbarem Ekel. Das alles sind Dinge, welche sich uns als Weltengeheimnis, zunächst als kosmisches Geheimnis enthüllen, wenn wir versuchen, hellseherisch in die Weltengeheimnisse einzudringen.
[ 11 ] Wiederum mußte etwas geschehen in den geistigen Welten selber, damit diese für die Menschheit verheerende Wirkung nicht einträte. Und siehe da, dieselbe Wesenheit, die dann später im nathanischen Jesusknaben erschien, die, wie wir eben auseinandergesetzt haben, in älterer Zeit auf der Sonne wohnte und dort durchgeistigt worden war von der Christus-Wesenheit, von dem hohen Sonnengeiste, diese Wesenheit zog jetzt von Planet zu Planet, in ihrem Innersten berührt von der Unmöglichkeit, die Menschheitsentwickelung so weitergehen zu lassen. Und dieses, was sie da durchlebte, wirkte nun wiederum so stark auf sie, indem sie nacheinander auf den verschiedenen Planeten sich verkörperte, daß zu einer bestimmten Zeit während der atlantischen Entwickelung wiederum der Christus-Geist sie durchsetzte. Und durch das, was jetzt zustande kam durch die Durchsetzung dieser selben Wesenheit mit dem ChristusGeist, trat die Möglichkeit ein, daß die Lebensorgane der Menschen die Mäßigkeit eingepflanzt erhielten. Wie früher die Sinnesorgane die gelassene Weisheit erhalten hatten, so erhielten jetzt die Lebensorgane die Mäßigung, so daß man nicht mehr, wenn man atmet an einem Ort, gierig den Atem zu schlürfen oder durch Ekel zurückgestoßen zu werden braucht von dem andern Raum, sondern gleichsam mit gemäßigten Organen der Welt gegenübertreten kann. Das war die Tat einer Durchgeistigung dieses nathanischen Jesusknaben, so können wir sagen, in den geistigen Welten mit dem ChristusGeist, mit dem hohen Sonnengeist.
[ 12 ] Dann trat im weiteren Verlauf der Menschheitsentwickelung ein Drittes ein. Eine dritte Unordnung hätte kommen müssen in dieser Menschheitsentwickelung, wenn die Seelen nur die Körper immer fortgesetzt hätten beziehen müssen, die auf der Erde möglich geworden wären. Wir können sagen, bis zu dieser Zeit war im wesentlichen das Leibliche geordnet. Durch die beiden Christus-Taten in den übersinnlichen Welten waren des Menschen Sinnesorgane so eingerichtet, daß der Mensch den Leib in entsprechender Weise auf Erden benutzen kann. Es waren auch die Lebensorgane so eingesichtet, daß der Mensch den Leib in entsprechender Weise benutzen kann. Nicht aber waren die Seelenorgane eingerichtet. Der Mensch hätte mit seinen Seelenorganen in Unordnung kommen müssen, wenn weiter nichts geschehen wäre. Und da meine ich namentlich, das Denken, Fühlen und Wollen hätten in Unordnung kommen müssen, so daß das Wollen das Denken, das Fühlen das Wollen und so weiter immerfort gestört hätte. Die Menschen wären gewissermaßen verurteilt gewesen zu einem fortwährenden chaotischen Gebrauche ihrer Seelenorgane, des Denkens, Fühlens und Wollens. Sie wären entweder Rasende geworden durch ein Übermaß des Wollens, oder aber umdämmert durch ein zurückgehaltenes Fühlen, oder Leute mit flüchtigen Ideen durch ein hypertrophiertes Denken und so weiter. Das war die dritte große Gefahr, der die Menschheit in gewisser Weise auf Erden ausgesetzt war. Nun wird das, was diese drei Seelenkräfte — Denken, Fühlen und Wollen — ordnet, auch noch von dem Kosmos aus geordnet, von der Erdenumgebung; denn die Erde selber ist im wesentlichen der Schauplatz für die Ordnung des Ich. Das entsprechende Zusammenwirken der drei Seelenkräfte, des Denkens, Fühlens und Wollens, muß geordnet werden, jetzt aber nicht von allen Planeten aus, sondern nur von Sonne, Mond und Erde, so daß durch das entsprechende Zusammenwirken von Sonne, Mond und Erde, wenn dieses harmonisch ist, auch der Mensch veranlagt wird zu einem harmonischen Zusammenwirken seines Denkens, Fühlens und Wollens.
[ 13 ] Es mußte auch in bezug auf diese Kräfte Abhilfe geschaffen werden aus der geistigen Welt heraus. Und nun nahm die Seele jenes Wesens, das später zu dem nathanischen Jesus wurde, eine solche kosmische Seelenform an, daß sein Leben gewissermaßen weder auf der Erde noch auf dem Monde noch auf der Sonne war, sondern so, daß es sich, gleichsam die Erde umkreisend, abhängig fühlte von den Einflüssen von Sonne, Mond und Erde zugleich. Die Erdeneinflüsse kamen ihm von unten herauf, die Mond- und Sonneneinflisse von oben herunter. Das hellseherische Bewußtsein sieht eigentlich dieses Wesen, wenn ich so sagen darf, in der Blütezeit seiner Entwickelung in derselben Sphäre, in der der Mond um die Erde kreist. Also ich kann nicht genau sagen: der Mondeneinfluß kam von oben; sondern er kam eigentlich aus dem Orte, wo er selber war, dieser vorirdische nathanische Jesus. Das wiederum schrie zu ihm hinauf, was aus Denken, Fühlen und Wollen der Menschenseele hätte werden müssen, und er suchte in seinem Innern ganz durchzuempfinden dieses Tragische der Menschheitsentwickelung. Dadurch aber rief er auf sich herab wiederum den hohen Sonnengeist, der sich jetzt, zum drittenmal ihn durchgeistigend, auf ihn herniederließ. So daß wir in kosmischer Höhe, außerirdisch, ein drittes Durchdringen dieses nathanischen Jesusknaben haben mit dem hohen Sonnengeist, den wir als den Christus bezeichnen.
[ 14 ] Nun werde ich Ihnen das, was geschehen ist durch diese dritte Durchseelung — so möchte ich es wieder nennen, was da geschehen ist —, auf etwas andere Art schildern, als ich die beiden anderen Durchseelungen geschildert habe. Das, was da geschehen ist gleichsam in drei aufeinanderfolgenden Stufen der, wir können sagen, geistigen, meinetwillen himmlischen Entwickelung, das spiegelte sich dann in den verschiedenen Weltanschauungen der nachatlantischen Völker. Es wirkte das ja alles weiter, es waren ja geblieben die Wirkungen, die dadurch entstanden waren, daß einmal in alter, noch lemurischer Zeit die Christus-Wesenheit durchseelt hatte jenes Wesen, das zum nathanischen Jesusknaben geworden ist; die Wirkungen waren geblieben sozusagen in der Sonnenwirksamkeit. Und die Einweihung des Zarathustra bestand darin, daß er die Sonnenwirksamkeit mit diesen Wirkungen imprägniert empfand. Dadurch ist die Lehre des Zarathustra entstanden, die gleichsam in seine Seele hereinprojiziert, geoffenbart hat, was in uralten Zeiten geschehen ist.
[ 15 ] Die dritte nachatlantische Kulturperiode, die wir als die ägyptisch-chaldäische bezeichnen, sie entstand zu einem Teil dadurch, daß sich in die Seelen hereinspiegelten, daß die Seelen innerlich noch erlebten die Wirkungen, die dadurch entstanden waren, daß der Sonnengeist durchzogen, durchseelt hatte das Wesen, das dann der nathanische Jesus geworden ist, während es seinen Rundgang durch die Planeten nahm. Dadurch entstand jene Wissenschaft von den planetarischen Wirksamkeiten, die wir in der chaldäischen Astrologie vor uns haben, von der heute die Menschen nur mehr wenige Begriffe haben. In der dritten nachatlantischen Kulturperiode, also bei den ägyptisch-chaldäischen Völkern, entwickelte sich jener Sternendienst, der ja äußerlich, exoterisch bekannt ist. Er entstand dadurch, daß hereinstrahlte, nachwirkend in späterer Zeit, dasjenige, was abgemildert worden war von den planetarischen Wirksamkeiten.
[ 16 ] Und noch später, in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, nahm man im Griechentum wahr diese Hereinspiegelung der Planetengeister, die gleichsam dadurch entstanden waren, daß das Wesen, das, vom Christus durchsetzt, die Planeten durchwanderte, auf jedem Planeten der eine oder der andere geworden ist: Auf dem Jupiter ist er geworden derjenige, den die Griechen später den Zeus genannt haben; auf dem Mars ist er geworden derjenige, den sie später den Ares genannt haben; auf dem Merkur ist er geworden derjenige, den die Griechen Hermes genannt haben. In den griechischen Planetengöttern spiegelt sich nachher das, was der Christus Jesus in überirdischen Welten gemacht hatte aus den planetarischen Wesenheiten, die von dem luziferischen und ahrimanischen Prinzip durchsetzt waren. Schaute der Grieche zu seinem Götterhimmel hinauf, so hatte er darin die Abschattungen und Spiegelbilder der Christus Jesus-Wirksamkeit auf den einzelnen Planeten, neben vielem anderen, was ich früher schon geschildert habe.
[ 17 ] Dazu kam als Drittes der Abglanz, die Abschattung dessen, was die Jesus-Wesenheit im Zusammenhang erlebt hat mit Sonne, Mond und Erde noch als überirdische Wesenheit in früheren Zeiten, in späteren Zeiten der Atlantis. Wollen wir das charakterisieren, so können wir sagen: In einem engelartigen Wesen «verseeligte» sich der Christus. Wenn wir bei Christus sagen, er verkörperte sich in Jesus von Nazareth, so sagen wir jetzt von diesem in den geistigen Welten verfließenden Ereignis: der Christus «verseeligte» sich in einem engelartigen Wesen, das so wirkt, daß Denken, Fühlen und Wollen in Ordnung verläuft. Das war ein wichtiges Ereignis, denn es war ja für die Menschheitsentwickelung noch ein junges Ereignis: es brachte die Seelenentwickelung der Menschheit in Ordnung. Während die beiden früheren Christus-Ereignisse mehr die körperliche und auf das Leben bezügliche Verfassung des Menschentums auf Erden in Ordnung gebracht haben, was mußte denn geschehen in überirdischen Welten für diese dritte Tatsache?
[ 18 ] Wir werden sie erkennen, diese dritte Tatsache, wenn wir sie — zur Erleichterung für Ihre Vorstellung — in ihrer Abspiegelung in der griechischen Mythologie aufsuchen. Denn gerade so, wie sich die planetarischen Geister in die griechische Mythologie hineinprojizierten in Zeus, Ares, Hermes, Venus, Aphrodite, Kronos und so weiter, so spiegelte sich auch nicht nur in die griechische, sondern in die Mythologie der verschiedensten Völker hinein das dritte kosmische Ereignis. Wie es sich hineinspiegelte, können wir verstehen, wenn wir uns sozusagen dazu herbeilassen, das, was sich spiegelte, mit dem Spiegelbilde zu vergleichen: das, was im Kosmos draußen geschah, mit dem, was dann in Griechenland als eine Nachwirkung geschah. Da oben im Kosmos, was geschah da? Nun, es mußte etwas ausgetrieben werden, was in der menschlichen Seele chaotisch gewühlt hätte; das mußte überwunden werden. Es mußte das von dem Christus durchzogene engelartige Wesen die Tat verrichten, aus der menschlichen Seele herauszustoßen, herauszubesiegen das, was aus dieser menschlichen Seele heraus muß, damit Harmonie und Ordnung im Denken, Fühlen und Wollen dasein kann. Besiegt mußte werden in der menschlichen Seele das, was in ihr das Chaos, die Unordnung hervorgebracht hätte, herausgestoßen mußte es werden. Und so erscheint uns das Bild — stellen wir es lebendig vor unser Seelenauge —, das Bild eines engelartigen Wesens, jenes Wesens, das da noch in den geistigen Welten ist, das später der Jesusknabe, der nathanische Jesusknabe wird: Das erscheint uns durchseelt von der Christus-Wesenheit, dadurch zu besonderen Taten fähig, fähig, herauszustoßen aus Denken, Fühlen und Wollen dasjenige, was als der Drache in ihm wütet und es ins Chaos hineingebracht hätte. Die Erinnerung daran waltet in all den Bildern, die als Sankt Georg, der den Drachen besiegt, in den Menschenkulturen sich geltend gemacht haben. Sankt Georg mit dem Drachen spiegelt jenes überirdische Ereignis, wo der Christus den Jesus durchseelt hat und ihn fähig gemacht hat, herauszustoßen den Drachen aus der menschlichen Seelennatur. Es war dieses eine bedeutsame Tat, die nur durch die Hilfe des Christus in dem Jesus möglich geworden war, in diesem damaligen engelartigen Wesen. Denn es mußte tatsächlich sich verbinden mit der Drachennatur dieses engelartige Wesen, mußte gleichsam Drachenform annehmen, um abzuhalten den Drachen von der Menschenseele, mußte wirken im Drachen, so daß der Drache veredelt wurde, daß der Drache aus dem Chaos in eine Art Harmonie gebracht wurde. Die Erziehung, die Zähmung des Drachens, das ist die fernere Aufgabe dieser Wesenheit. Und so kam es denn, daß zwar der Drache wirksam war, aber dadurch, daß die Wirkung in ihn gegossen war, die von dem geschilderten Wesen ausging, ist dieser Drache der Träger geworden von vielen Offenbarungen, die sich geltend gemacht haben in den irdischen Kulturen der ganzen nachatlantischen Entwickelung. Statt daß das Chaos des Drachens in rasenden oder umdämmerten Menschen aufgetreten wäre, ist die Urweisheit der nachatlantischen Zeit aufgetreten. Das Drachenblut hat der Christus Jesus gleichsam benutzt, um mit seiner Hilfe das Menschenblut zu durchdringen, damit der Mensch Träger würde der göttlichen Weisheit. In der Spiegelung der griechischen Mythologie tritt uns das bedeutsam entgegen, vom neunten vorchristlichen Jahrhundert ab auch schon exoterisch.
[ 19 ] Es ist eigenartig, wie für das griechische Auffassen eine Göttergestalt aus den anderen Göttergestalten herauswächst. Wir wissen ja, diese Griechen haben verschiedene Götter verehrt. Diese Götter waren die Abschattungen, die Projektionen der Wesenheiten, die entstanden waren bei dem Gang des späteren nathanischen Jesus mit dem Christus in sich durch die Planeten hindurch. So haben sie sie gesehen, daß, wenn sie hinaufschauten in die kosmischen Weiten, wenn sie den Lichtäther durchschauten, sie mit Recht Jupiter den Ursprung zuschrieben — nicht den äußeren, sondern den wirklich geistigen, inneren —, daß sie von Zeus sprachen. So sprachen sie von Pallas Athene, so von Artemis, so von den verschiedenen planetarischen Göttern, die die Abschattungen dessen waren, wovon wit gesprochen haben. Aber aus diesen Anschauungen über die verschiedenen Göttergestalten wuchs eine heraus: die Gestalt des Apollo. In eigenartiger Weise wuchs die Gestalt des Apollo heraus. Was schauten die Griechen in ihrem Apollo?
[ 20 ] Wir lernen ihn kennen, wenn wir hinschauen auf den Parnaß und auf die Kastalische Quelle. Im Westen vom Parnaß öffnete sich ein Erdschlund; die Griechen errichteten einen Tempel darüber. Warum? Vorher kamen aus dem Erdschlund Dämpfe herauf, die sich tatsächlich, wenn die Luftströmungen richtig waren, wie Schlangengewinde, wie ein Drache um das Gebirge herumwanden. Und Apollo stellten sich die Griechen vor, wie er seine Pfeile abschießt gegen den Drachen, der als heftige Dämpfe heraufsteigt aus dem Erdenschlunde. Da tritt uns Sankt Georg, seine Pfeile gegen den Drachen sendend, im griechischen Apollo entgegen, in irdischer Abschattung. Und als er ihn überwunden hatte, den Drachen Python, da wird ein Tempel errichtet, und statt des Python sehen wir, wie die Dämpfe in die Seele der Pythia gehen und wie sich die Griechen vorstellen, daß jetzt in diesen wilden Drachendämpfen Apollo drinnen lebt, der ihnen weissagt durch die Orakel aus dem Mund der Pythia. Und die Griechen, dieses selbstbewußte Volk, steigen hin durch die Stufen, auf denen sie seelisch sich vorbereitet haben, und nehmen das entgegen, was Apollo zu sagen hat durch die Pythia, die von den Drachendämpfen durchsetzt wird. Das heißt, Apollo lebt im Drachenblut und durchtränkt die Menschen mit Weisheit, die sie sich holen am Kastalischen Quell. Und ein Versammlungsort für die heiligsten Spiele und Feste wird der Ort.
[ 21 ] Und warum vermag Apollo das? Was ist Apollo? Er verrichtet das, was er also aus dem Drachenblute als Weisheit aufsteigen läßt, nur vom Frühling bis zum Herbst. Gegen den Herbst zu wandert er nach seiner uralten Heimat, nach dem Norden, nach dem hyperboräischen Lande. Feste werden gefeiert wie Abschiedsfeste, weil Apollo dahinzieht. Im Frühling wird er wieder empfangen, wenn er vom Norden her kommt. Tiefe Weisheit waltet in diesem Nach-Norden-Gehen des Apollo. Die Sonne, die physische, zieht nach Süden; im Geistigen ist es immer entgegengesetzt. Angedeutet wird darin, daß Apollo mit der Sonne zu tun hat. Apollo ist das engelartige Wesen, von dem wir gesprochen haben: eine Abschattung, eine Projektion in das Griechengemüt hinein des engelartigen Wesens, das in Wirklichkeit gewirkt hat am Ende der atlantischen Zeit, das durchseelt war von dem Christus. Die Projektion, die Abschattung des von dem Christus durchseelten Engels in das Griechengemüt hinein ist Apollo, der durch den Mund der Pythia Weisheit zu den Griechen spricht. Und was ist alles in dieser Apolloweisheit für die Griechen enthalten gewesen! Gewissermaßen alles, was in den wichtigsten Angelegenheiten sie bestimmt hat, diese oder jene Maßregel zu ergreifen. Immer wieder und wieder ging man in schwierigen Angelegenheiten des Lebens, seelisch gut vorbereitet, zu Apollo und ließ sich weissagen durch den Mund der Pythia, die von den Dämpfen angeregt war, in denen Apollo lebte. Und Asklepios, der Heiler, ist der Sohn des Apollo für die Griechen. Der Heilgott ist Apollo: «Heiler». Die Abschwächung jenes Engels, in dem der Christus einstmals war, ist auf Erden ein Heiler oder für die Erde ein Heiler. Denn Apollo war niemals eine physisch verkörperte Gestalt, sondern wirkte durch die Erdenelemente.
[ 22 ] Und der Gott der Musen, vor allen Dingen der Gott des Gesanges und der musikalischen Kunst, ist Apollo. Warum ist er dies? Weil er durch das, was im Gesang, was im Saitenspiel waltet, in Ordnung bringt die sonst ins Unordentliche gehende Zusammenwirkung von Denken, Fühlen und Wollen. Wir müssen nur immer festhalten, daß dies bei Apollo eine Projektion dessen ist, was am Ende der atlantischen Zeit geschehen ist. Da hat tatsächlich noch aus geistigen Höhen etwas hereingewirkt in die menschliche Seele, was im schwachen Nachhall erklang in der musischen Kunst, die die Griechen pflegten unter dem Schutze des Gottes Apollo. Es war den Griechen bewußt, daß ihre musikalische Kunst gleichsam der irdische Abglanz jener alten Kunst war, welche in himmlischen Höhen zur Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen das Engelwesen pflegte, das von dem Christus durchsetzt war. Sie haben es nicht so ausgesprochen; nur in ihren Mysterien war es bekannt, um was es sich dabei handelte. In den apollinischen Mysterien der Griechen wurde gesagt: Ein hohes Götterwesen hatte einstmals ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi durchsetzt. Das hat Harmonie gebracht in das Denken, Fühlen und Wollen, und ein Abglanz davon ist die musische Kunst, insbesondere die apollinische Kunst, jene Kunst zum Beispiel des Musikalischen, welche im Saitenklange sich ergießt. Nicht als apollinisch sah man dasjenige an, was etwa durch Pfeifen oder durch Blasinstrumente zutage trat. Das, was weniger als die Blasinstrumente an die Elemente appelliert, was sozusagen am meisten nur Menschheitshandhabung nötig macht, kurz, was in den Saiten Apollos erklingt, dem schreiben die Griechen jene musische Wirkung zu, die das Gemüt in Harmonie versetzt. Und von Menschen, welche nicht Hinneigung haben, nicht Schätzung genug haben für diese musische Kunst des Apollo, von denen sagten die Griechen, im Bewußtsein alles dessen, was wir auseinandergesetzt haben, daß sie in der Tat am äußeren Leibe ein Merkmal zeigen für ihre Stumpfheit gegenüber dem apollinischen Prinzip; sie zeigen am äußeren Leibe gewissermaßen, wie sie zurückgeblieben sind atavistisch auf einer früheren Stufe. Merkwürdig ist, daß, als ein Mann mit besonders verlängerten Ohren geboren wurde — es war das der König Midas —, die Griechen gesagt haben: Der hat Eselsohren mit auf die Welt bekommen, weil er, bevor er zur Welt gekommen ist, nicht in der richtigen Weise sich den Wirkungen hingegeben hat, die einstmals in die Welt gekommen sind durch jenes engelartige Wesen, das von Christus durchsetzt war. Deshalb, sagten sie, habe er Eselsohren, und das habe bewirkt, daß er die Blasinstrumente den Saiteninstrumenten vorziehe. Und als einmal ein Kind geboren wurde, das sozusagen keine Haut hatte, das ohne Haut geboren wurde — es ist in der Mythologie bekannt geworden unter dem Namen des geschundenen Marsyas —, da sagten sie: Das ist, weil er vor seiner Geburt nicht hingehört hat auf das, was von dem engelartigen Wesen ausging. So stellt sich das nämlich für die okkulte Beobachtung heraus. Der Marsyas ist für die okkulte Beobachtung nicht erst am lebendigen Leib geschunden worden, sondern er wurde so geboren. Das, was er verbrochen hat, hat er verbrochen vor seiner Geburt.
[ 23 ] Viele Städte, die die Griechen als Kolonien gegründet haben, tragen den Namen Apollonia, weil man sich Rat geholt hatte von der Pythia, ob man da oder dort kolonisieren sollte. Die Griechen hielten auf ihre Städtefreiheit, hatten daher nicht eine Staateneinheit, sondern die ideale Einheit, die ihnen gegeben war durch ihren Gott Apollo, für den sie später eine Art von Staatenbund gründeten.
[ 24 ] Wir sehen, wie die Griechen verehrten in dem Gotte, den sie Apollo nannten, das Wesen, von dem wir eben gesprochen haben. Und wir könnten sagen: In dem, was dem Apollo wirklich entspricht am Ende der atlantischen Zeit, in dem war «verseeligt» die Christus-Wesenheit. Und wenn wir fragen: Was ist der Apollo wirklich? Nicht sein Schattenbild, das die Griechen dann verehrt haben, sondern was ist der Apollo eigentlich? Als überirdisches Wesen ist er das Wesen, das die für das Gemüt heilenden Kräfte aus höheren Welten hereinergoß, paralysierend die luziferischen und ahrimanischen Gewalten. Das bewirkte auch im menschlichen Leibe ein solches Zusammenwirken von Gehirn, Atem, Lunge mit Kehlkopf und Herz, wie es zum Ausdruck kam in der Projektion dieses Zusammenwirkens im Gesang. Denn das richtige Zusammenwirken von Hirn, Atmung und Sprachorganen und Herz, das ist der leibliche Ausdruck für das richtige Zusammenwirken von Denken, Fühlen und Wollen. Der Heiler, der überirdische Heiler ist Apollo. Wir haben seine drei Stufen der Entwickelung gesehen, und der Heiler, der zugrunde liegt dem Apollo, wird auf Erden geboren, und die Menschen nennen ihn Jesus, das heißt in unsere Sprache übersetzt «der durch Gott Heilende». Es ist der nathanische Jesusknabe, der durch Gott Heilende, Jehoschua Jesus.
[ 25 ] Nun macht er sich auf seiner vierten Stufe reif, von der ChristusWesenheit in seinem Ich durchsetzt zu werden. Das geschieht durch das Mysterium von Golgatha. Denn diejenigen Menschenseelen, die vor dem Mysterium von Golgatha geboren worden sind, hätten im Verlaufe der weiteren Zeit nicht Leiber gefunden auf der Erde, in denen sie sich so hätten verkörpern können, daß die Ich-Kraft in der entsprechenden Weise zum Ausdruck gekommen wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht geschehen wäre, wenn nicht jetzt eine Wesenheit — dieselbe Wesenheit, die wir verfolgt haben durch kosmische Zeiten — von der Christus-Wesenheit durchsetzt worden wäre. Zur höchsten Entwickelung hatte es das Ich gebracht in Zarathustra. Niemals hätten die Seelen, die es zu einer Ich-Entwickelung gebracht haben, wiederum irdische Leiber, die geeignet gewesen wären zu einer wahren Entwickelung, finden können, wenn nicht das Mysterium von Golgatha stattgefunden hätte.
[ 26 ] Nun haben wir die vier Stufen der Harmonisierung: die Harmonisierung des Sinnenlebens, die der Lebensorgane, die von Denken, Fühlen und Wollen, und die Harmonisierung im Ich — das letzte durch das Mysterium von Golgatha. Nun haben Sie, meine lieben Freunde, die Beziehung zwischen dem Wesen, das als nathanischer Jesusknabe geboren worden ist, und der Christus-Wesenheit. Sie haben die Art, wie vorbereitet worden ist diese Beziehung. Uns ist es möglich, durch das, was sich heute in der wahren Anthroposophie enthüllen darf, diese Art von Zusammenwirken, von Zusammengehören der Christus-Wesenheit mit der menschlichen Wesenheit des nathanischen Jesus zu begreifen. Und davon wird ein gesundes Geistesleben in der Zukunft abhängen, daß es immer mehr und mehr Menschen möglich werde, das zu begreifen, was zu verstehen sich als unfähig erwiesen hat das Gedanken- und Ideenleben des Zeitalters, in dem sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat.
