Vorstufen zum Mysterium von Golgatha
GA 152
30 März 1914, München
8. Der Christus-Geist und seine Beziehungen zur Bewusstseinsentwickelung
[ 1 ] Alles, was in unsere Arbeiten hereintritt, kristallisiert sich schließlich um den einen Punkt: den Zusammenschluß zu finden mit den geistigen Mächten, welche die Menschheit vorwärtsbringen. Von diesem Gesichtspunkte aus wurde hier immer wieder gesprochen von der Bedeutung der Christus-Wesenheit in der Welt. Heute möchte ich einige Worte zu Ihnen sprechen, welche geeignet sein sollen, unsere Vorstellungen über diesen Christus-Impuls und seine Beziehungen zu uns Menschen immer wichtiger zu gestalten. Wir müssen uns, wenn wir diesen Christus-Impuls in seiner Wahrheit erfassen wollen, schon dazu bequemen, über mancherlei nachzudenken. Man hört in unserer Zeit wohl nichts mehr, als da und dort den Gedanken äußern, man solle alles Schulmeisterliche, Pedantische, alles Lehrhafte zurückdrängen und das lebendige Leben ergreifen in Kunst und Weltanschauung. Es äußern so viele Geister der Gegenwart ihre Ermüdung gegenüber allem Lehrhaften. Merkwürdig ist nur, daß, sowie Angelegenheiten der Weltanschauung zur Sprache kommen, man immer wieder in die Sehnsucht nach dem Lehrhaften zurückfällt.
[ 2 ] Wir haben hören müssen, wie gesprochen wird von Christus wie von einem Weltenlehrer; ich habe einmal den Ausdruck gebraucht: «übermenschlicher Weltenschulmeister». Viele fühlen sich wohl, wenn sie so denken können, mit Christus sei jemand, der etwas gelehrt hatte, in die Welt gekommen. Demgegenüber haben wir immer wieder den Lebenscharakter, den Kraftcharakter des Christus-Impulses betont. Durch das, was bei der Jordantaufe geschah, hat eine Wesenheit in das irdische Leben den Weg gefunden, dadurch, daß sie das Schicksal der Menschheit drei Jahre lang teilte. Dann strömte sie aus in die Erdenaura und wirkt da seitdem fort.
[ 3 ] Wenn man auf dieses Christus-Ereignis hinblickt, muß man sagen, dieses Ereignis von Golgatha ist ein einmaliges Erlebnis in der Erdenentwickelung. Gegenüber der Erdenentwickelung hat sich dies einmal vollzogen, aber das Christus-Ereignis hat sich vorbereitet in der geistigen Welt.
[ 4 ] Obwohl es durch und durch falsch ist, wenn man in einem anderen Leib die Christus-Wesenheit anwesend denkt, muß man doch hinweisen auf ein vorbereitendes Ereignis in der Entwickelung der Welt, namentlich auf drei vorbereitende Ereignisse, Vorstufen des Ereignisses von Golgatha. Sie haben sich in überirdischen, rein geistigen Welten abgespielt.
[ 5 ] Ich sprach von den beiden Jesusknaben, dem salomonischen und dem nathanischen Jesusknaben. Der salomonische trug das Ich des Zarathustra in sich. Es ging in den anderen Knaben über und lebte da vom zwölften bis zum dreißigsten Jahre. Dann wurde die Hülle erfüllt von der Christus-Wesenheit. Dieser nathanische Jesus, auch er ist, das muß ausdrücklich erwähnt werden, so wie er geboren wird am Beginn unserer Zeitrechnung, in einem Menschenleibe zum ersten Mal richtig verkörpert in der Welt. Denn die Vorstufen seines Daseins verlebte er in geistigen Welten. Er war vorher niemals richtig in einem menschlichen Leibe verkörpert. Die Beziehung zu Krishna war nicht eine richtige Verkörperung, sondern eine stellvertretende Verkörperung. Wenn wir die Wesenheit dieses späteren nathanischen Jesus vor uns stellen, müssen wir zu den Engelwesen schauen und können sagen: Bevor der Christus auf der Erde erschien, war er nicht verkörpert, sondern verseelt dreimal vorhanden in der geistigen Welt, aber in jeder dieser drei Daseinsstufen trat für ihn immer wieder etwas ein, ähnlich dem Ereignis von Golgatha. Die Vorankündigungsstufen von Golgatha müssen wir also in den geistigen Welten suchen. Jedes dieser Ereignisse hat eine tiefe Bedeutung für das ganze Leben der Menschen auf der Erde. Das, was wir da erleben, wird nicht beeinflußt von dem nur, was innerhalb der physischen Erde geschieht, sondern auch aus geistigen Welten. Was durch die drei Vorstufen bewirkt wurde, wurde von außen herein bewirkt.
[ 6 ] Als die Menschheit in der lemurischen Epoche lebte, war schon der luziferische Einfluß über sie herniedergegangen. Er sandte gleichsam seine Kraftstrahlen in die Menschennatur hinein. Die Wirkung war darinnen. Der Mensch mußte sich da anders entwickeln, als wenn kein luziferischer Einfluß gekommen wäre. Der Mensch war sozusagen infiziert mit dem luziferischen Impuls. Wir können aus der Geisteswissenschaft heraus sagen, was dieser luziferische Einfluß bewirkt hat. Wäre er so stark geblieben wie in Lemurien, wäre mit unserer Menschennatur etwas geschehen, was sie in große Gefahr gebracht hätte. Es wäre geschehen, was man etwa so charakterisieren könnte: Die zwölf Sinneskräfte — denn es sind zwölf — des Menschen hätten sich so gestaltet, daß der Mensch übersensitiv geworden wäre. Während wir jetzt das Rot der Rose so betrachten, daß es im Anschauen objektiv auf uns wirkt, würde dann das Rot wie mit Stacheln in unsere Augen eindringen, Blau würde an unserer Sehkraft saugen. Wir würden übersensitiv sein. So würde es auch mit dem Gehör und allen Sinnesempfindungen eines Menschen sein. Wir würden nichts wahrnehmen können, ohne Schmerz oder Wollust zu empfinden. Dem ging die Menschheit durch Luzifer entgegen. Das sahen die Wesenheiten der höheren Hierarchien. So wie der nathanische Jesus später lebte, war er in der lemurischen Zeit in der Geisteswelt vorhanden in einer Engelwesenheit, und ihm war es vorgesetzt, sich mit der Christus-Wesenheit zu durchdringen. Während die Hüllen später durchdrungen wurden mit der Christus-Wesenheit, wurde damals das seelische Element dieses Engelwesens durchgeistigt von dem Christus-Impuls. Damals senkte sich schon der Christus-Impuls in die Seele des späteren nathanischen Jesus herab. Das geschah in der Geisteswelt, aber die Strahlen, die davon ausgingen, breiteten sich über die Erde und besänftigten die überempfindlichen menschlichen Sinne, so daß die Gefahr beseitigt wurde, daß die Menschen nur unter Schmerz und entwürdigender Wollust das Sinnliche hätten erblicken können. So blicken wir auf den ersten Vorboten des Ereignisses von Golgatha und sagen uns: Wir sind in bezug auf unsere zwölf Sinne dadurch so geworden, daß der Christus sich in die Seele des späteren nathanischen Jesus senkte und das menschliche Sinneswesen besänftigte.
[ 7 ] Dann in der atlantischen Zeit kam durch den allmählich mit dem luziferischen Einfluß sich verbindenden ahrimanischen Einfluß wiederum eine Gefahr in das menschliche Leben. Während in Lemurien die Sinne vor einer Gefahr standen, standen jetzt in der ersten Zeit von Atlantien die Lebensorgane und der Ätherleib des Menschen in Gefahr. Diese Organe eines von dem Einfluß von Luzifer und Ahriman durchsetzten Ätherleibes hätten sich so entwickelt, daß der Mensch eine dem Menschenwesen unwürdige Gestalt angenommen hätte. Alles hätte so gemacht werden müssen, daß der Mensch das ihm Nützliche mit Gier verfolgt hätte und das, was ihm nicht zuträglich, nur unter Ekel hätte anschauen können. Zwischen Gier und Ekel wäre das menschliche Leben verlaufen. Alle Organe wären so gestaltet worden, daß der Mensch sich wie ein wildes Tier in entwürdigender Weise über das gestürzt hätte, was er aufnehmen mußte, und unter Ekel tief sich erniedrigt gefühlt hätte unter dem, was ihm nicht zuträglich. Daß das nicht so wurde, rührt her von der zweiten Vorstufe des Ereignisses von Golgatha. Die Gefahr war so, daß selbst beim Atmen der Mensch mit Gier die Atemluft geschöpft hätte und daß sich in einer furchtbaren Weise geäußert hätte jedes Aufleuchten von etwas für ihn Ungeeignetem, unter furchtbaren Ekelausbrüchen. Da war es das zweite Mal, daß diese Engelwesenheit durchdrungen wurde mit dem Christus-Impuls und dadurch Kraftstrahlen in die Erdenaura kamen und des Menschen Leben besänftigten.
[ 8 ] Gegen Ende der atlantischen Zeit entwickelte sich die dritte Vorstufe. Wieder stand die Menschheit vor einer großen Gefahr. Jetzt sollte das Denken, Fühlen und Wollen untereinandergebracht werden. Die Seelenäußerungen sollten disharmoniert werden, so daß der Mensch nicht in geordneter Weise das Denken, Fühlen und Wollen hätte entwickeln können, sondern daß diese sich wie wahnsinnig untereinander gerührt hätten. Das wurde durch die dritte Vorstufe abgewendet. Noch einmal durchdrang sich die Wesenheit, die später der nathanische Jesus wurde, mit dem Christus-Impuls, und Ordnung und Harmonie wurde in den Zusammenklang von Denken, Fühlen und Wollen hineingebracht. Das empfand man noch lange in nachatlantischer Zeit. In Zeiten, die unserer Gedankenentwickelung vorangingen, gestalteten sich schon die Vorboten eines Bildes, das in unsere Zeit hereinragt, aber noch nicht richtig verstanden wird. Als am Ende der atlantischen Zeit Christus durchseelte diese Seele, welche später Jesus von Nazareth wurde, bewirkte dies, daß es eine Wesenheit gab, welche immer Herr wurde über die wild durcheinanderstürmenden Affekte, Sieger wurde über das zu dichten Gebilden werdende Denken, Fühlen und Wollen. Das stellte sich die Menschheit hin in dem Bilde vom heiligen Georg oder dem heiligen Michael, dem Drachenbesieger. Das ist unmittelbar der imaginative Ausdruck des dritten Vorboten des Ereignisses von Golgatha.
[ 9 ] Die Griechen, welche in ihren Vorstellungen belebten, was herüberleuchtete aus den Geheimnissen von Atlantien, schufen sich ein Götterbild von dem Wesen, das in Atlantien tätig war. Sie verehrten in Apollo den Geist, von dem sie sich vorstellten: das ist Er, der durchdrungen ist mit dem Sonnengeist. Sie nannten es nicht Christus, aber auf den Namen kommt es nicht an. Sie verehrten in ihrem Sonnendienst die dritte Vorstufe des Ereignisses von Golgatha und drückten das äußerlich aus, indem sie in den wichtigsten Angelegenheiten sich Rat holten bei den Priestern des Apollo. Sie wußten, diese Griechen, daß in die Geheimnisse des Daseins hineingewebt ist, was in der Erdenaura webt, und wie es Denken, Fühlen und Wollen in Ordnung gebracht hat. Sie fühlten es so mit der Erde verbunden, daß sie sagten: Aus der Erde stieg in dichter Form das auf, was, wenn es nicht durch Apollo besiegt worden wäre, Denken und Fühlen und Wollen in Unordnung gebracht hätte. Aber Apollo bringt Ordnung hinein, so daß aus der Erdenaura statt Disharmonie, statt Wahnsinn, in Denken, Fühlen und Wollen Weisheit übergeht.
[ 10 ] Sie schauten nach jener Gegend, wo aus der Erde heraufdrang der Dampf, den sie bannten, in ihrem Heiligtum auffingen, um über die Öffnung die Priesterin des Apollo zu setzen, durch die er selbst so sprach, daß es sich durch seine Weisheit umsetzte in Orakel, in Ratschläge für die Angelegenheit jener, welche diese Weisheit suchten. Wie Georg und Michael im Bilde erscheinen, so Apollo in seinem Heiligtum, den durch ihn Redenden Weissagungen in die Seele gießend.
[ 11 ] Oh, das Christentum ist uralt! Nicht auf den Christus-Namen kommt es an. Apollo-Dienst verehrte Christus, den Sonnengeist, so daß in dieser Verehrung das Bewußtsein liegt von der dritten Vorstufe des Ereignisses von Golgatha. Dann kam die Zeit, wo die Menschheit vor einer vierten großen Gefahr stand. In Lemurien stand der physische Leib vor einer Gefahr, dann in Atlantien die Ätherorgane und die astralischen Organe. Jetzt war es das Ich, das in Unordnung kommen sollte. Das bereitet sich so vor, daß zur Zeit, als das Ich den Menschen ergreifen sollte im griechischen Gedankenleben, sich in einer ganz sonderbaren Erscheinung zeigt, daß alle Bedingungen vorhanden sind, Unordnung in das Ich zu bringen. Man wird nach und nach erst verstehen, wie sich das, was dieses Ich hervortreiben sollte, in griechischer Philosophie und so weiter entwickelt. Ich versuchte schon darzustellen, wie das Ich erwachte. Es zeigt sich durch Betrachtung der Philosophie, die im Gedankenleben des Plato und Aristoteles gipfelt, wie das Ich allmählich herankommt. Als Thales, Pherekydes von Syros, Anaxagoras die großen Gedanken erst ins Leben riefen, da ging parallel eine Erscheinung, die von Griechenland sich über die griechische Welt verbreitete: da ging parallel dem Herankommen des Ich das Sibyllentum. Überall machten sich die Sibyllen geltend. Sie sprachen zuweilen große Weisheiten für die Zukunft aus, aber zum Teil auch Wahnsinniges. Alles das, was das Ich in Unordnung bringen kann, wie das Ich in Unordnung kommen muß ohne den Christus-Impuls, drückte sich in ihren Weissagungen aus. Zweierlei bereitete sich vor: Propheten, Vorbereiter für den Christus-Impuls, welche in reiner seelischer Vertiefung die junge Christus-Kraft aufzunehmen suchen, die in geordnetem Gedankenleben das durchmachen, was in der Menschheitsentwickelung webt; die Sibyllen auf der anderen Seite, die an die äußeren Einflüsse der Erdenaura hingegeben sind. Es tritt uns in Michelangelos Darstellung der Sixtinischen Kapelle in Rom dieser Gegensatz von Sibyllen und Propheten entgegen. Michelangelo zeigt, wie bei den Sibyllen der Wind und anderes wirkt, was mit der Erde elementar zusammenhängt, zeigt, daß bei den Sibyllen Gefahr vorhanden war, daß das Ich in Unordnung kommt, und wie die Propheten wirken, dieses Ich zu beruhigen. Das Studium der Propheten neben den Sibyllen in den Bildern Michelangelos kann uns tief hineinweisen in manche Geheimnisse. In den Kräften, die durch die Sibyllen wirkten, zeigt sich, wie das menschliche Ich auf einer vierten Stufe in Unordnung kommen will. Die Ordnung, die der Propheten Lehre ankündigt, wurde durch das Mysterium von Golgatha hergestellt, die Ordnung der Ich-Kräfte in der Form, daß das Ich des Menschen immer tiefer fühlen lernte: Nicht ich, sondern der Christus in mir. — Was bei den Sibyllen zur Unordnung des Ich hätte beitragen müssen, tritt durch den Christus-Impuls in geordneter Weise hervor. Weil das Ich des Menschen sich auf der Erde entwickeln muß, mußte das Ereignis von Golgatha auf der Erde stattfinden, Christus mußte den Leib des Jesus durchdringen, den wirklichen physischen Leib, während bei den Vorstufen ein Engel durchseelt wurde.
[ 12 ] So rückte Golgatha an die Erdenentwickelung heran. Tief wahr ist, was Augustinus sagt: Christentum hat es immer gegeben, nur daß man es jetzt Christentum nennt. — Man fühlte zu Augustins Zeiten etwas davon, daß Apollos Diener Christen waren, wenn auch nicht dem Namen nach. Es war Verehrung des dritten, nur noch geistigen Ereignisses. So näherte sich Christus allmählich der Erde. In der Devachanwelt war die erste und zweite Vorstufe, in der Astralwelt die dritte und in der physischen Welt das Ereignis von Golgatha.
[ 13 ] Aber nicht als Lehrer, sondern durch seine Kraft drang Christus in die Erdenaura ein. Das muß immer wieder betont werden. Wenn Christus nur durch das hätte wirken wollen, was die Menschen von ihm hätten verstehen können, würde er wenig haben wirken können.
[ 14 ] Er trat als lebendige Wesenheit in die Entwickelung ein. Das menschliche Verständnis muß sich zu ihm hinaufringen. Dadurch sehen wir, wie sich die Dogmenstreitigkeiten abspielen. Die menschliche Urteilskraft ist noch weit entfernt davon, in den Christus-Impuls einzudringen. Der Christus-Impuls wirkt in den Tiefen durch die Seelen hindurch als lebendige Kraft. Wir können diese Kraft verfolgen. Sehen wir auf ein Ereignis hin vom 28. Oktober 312. Damals lieferte Konstantin dem Maxentius bei Rom eine Schlacht. Maxentius’ Heer war viermal so stark wie das des Konstantin. Konstantin siegte. Wer die Geschichte recht betrachtet, sagt: Das Leben von ganz Europa wäre anders geworden, wenn Konstantin nicht gesiegt hätte. — Eine merkwürdige Schlacht war das. Es siegte nicht äußere Stärke, nicht Urteilskraft. Die Schlacht wurde nicht geschlagen mit dem, was aus Urteilskraft hervorging. Sie wurde geschlagen von jeder Seite nach. unterbewußten Impulsen, in die der Christus-Impuls hineinspielte. Maxentius frug die sibyllinischen Bücher. Sie sagten ihm: Wenn du nicht am Orte verbleibst, wo du bist, wenn du aus Rom hinausgehst, wirst du den großen Feind Roms knechten. — Ein Traum sagte ihm noch, er solle Rom verlassen und vor den Toren kämpfen. In Rom war er sicher verschanzt. Menschliche Utteilskraft entschied nicht über das, was in dieser Schlacht spielte. Das Unterbewußtsein wirkte in Maxentius’ und Konstantins Seele hinein. Dem Konstantin oftenbarte ein Traum, daß er das Symbol des Christentums dem Heer vorantragen solle. Träume entschieden über diese Schlacht, die über das Schicksal Europas entschied. Die menschliche Urteilskraft war nicht geeignet, das herbeizuführen, was herbeigeführt werden sollte, sondern der Christus-Impuls wirkte und stellte das viermal schwächere Heer Konstantins außerhalb Roms Maxentius gegenüber. Durch das, was die Menschen nicht beurteilen können, geschah die Leitung der menschlichen Angelegenheiten. Das ist bedeutungsvoll für die ganze Leitung der menschlichen Geschichte.
[ 15 ] Der Christus-Impuls wirkte im Unterbewußtsein der Seelen als geistiger Impuls. Ebenso hat er später gewirkt, als wieder einmal die Landkarte Europas eine ganz andere Form erhielt. Wäre im entscheidenden Augenblick nicht die Jungfrau von Orleans an die Seite ihres Königs getreten, alle europäischen Geschicke wären anders geworden. Wieder war es nicht Urteilskraft, sondern der Christus-Impuls, der sich eines menschlichen Werkzeuges bediente. Auf unser Urteil kommt es nicht an, ob man das gut oder schlecht findet.
[ 16 ] An etwas anderem kann ich zeigen, wie unter der Schwelle des Bewußtseins der Christus-Impuls wirkt. Er bedient sich merkwürdiger Offenbarungsarten, merkwürdig für den Materialisten. Als das neuzeitliche Geistesleben heranrückte, war in seiner Entwickelung etwas, was bewirkt haben würde, daß der Materialismus seine Arme noch viel mehr über das europäische Leben ausgestreckt hätte. Wenn gewisse Vorgänge nicht eingetreten wären, wäre es möglich gewesen, daß selbst in den Seelen, die sich noch geistig fühlten, ganz materielle Vorstellungen eingetreten wären. Es würde eben das Verständnis für den Christus-Impuls schon in viel früheren Jahrhunderten so weit heruntergekommen sein, daß man sein physisches Dasein angezweifelt hätte. Dann würden Arthur Drews und andere viel leichteres Spiel haben. Es verbreitete sich über die entferntesten Gegenden Europas im 16. und 17. Jahrhundert, als die Gefahr vorhanden war, daß man gar keinen Zusammenhang mehr hätte mit dem Christus-Impuls, die Stimmung: Warum soll man glauben, daß Christus gelebt habe? — Und da geschah an den verschiedensten Orten gleichzeitig das gleiche. In fast allen Gegenden Europas, überall zeigte sich, daß durch die verschiedensten menschlichen Stätten, durch Dörfer und Städte nicht immer die gleiche, sondern immer eine andere physische, menschliche Persönlichkeit ging. Es verbreitete sich die Meinung, daß diese menschliche Persönlichkeit, welche in einem besonders merkwürdigen Aufzug erschien, Ahasver, der ewige Jude, sei, der durch die Welt gewandert, seitdem er Christus von sich gestoßen. Die Kunde verbreitete sich, daß da ein Mensch lebt, der aus eigener Anschauung sagen kann: Ich habe Christus gesehen, er hat wirklich gelebt. — An den verschiedensten Orten ging diese Persönlichkeit durch die Dörfer, nahm in furchtbarer Verfassung, in ganz veralteter Kleidung an den Gottesdiensten teil und erzählte das Ereignis, von dem sie Zeugnis ablegen kann. Bischöfe, Äbte haben solche Persönlichkeiten zu Gastmahlen eingeladen, Festlichkeiten veranstaltet. Diese Persönlichkeiten erzählten da immer: Wir können euch bestärken im Bewußtsein, daß Christus über die Erde ging, denn an mir ging er vorüber, und weil ich ihn so behandelte, muß ich jetzt so durch die Welt ziehen.
[ 17 ] Aus dem, was man in der Geschichte erfährt, hat man keine Vorstellung, wie tief vor ein paar Jahrhunderten in die menschlichen Gemüter hineinwirkte, was Ahasver erzählte. Es waren immer andere Persönlichkeiten, aber sie sahen, wie in einer Ahasver-Rückschau, Christus an sich vorübergehen, so daß ihnen geglaubt wurde. Von ihnen ging das Bewußtsein aus: Ja! Er hat gelebt, denn er kann von
[ 18 ] ihm erzählen. — Die oberflächlichen Menschen heute können sagen: Soll das einen so großen Einfluß gehabt haben, daß dadurch die Ge fahr, daß Christus als historischer Christus ganz vergessen worden wäre, hintangehalten wurde? — Sie wissen nicht, daß solche Ereignisse durch die Welt gingen, die die Geschichte nicht aufgezeichnet hat. Daß wir heute nicht vollständig im Materialismus versumpft sind, ist Folge von dem, was da von diesen Persönlichkeiten ausging. Heute “könnte das nicht geschehen. An einigen Orten hatte Ahasver dicke Schwielen, eigentümliche Kleidung, lange Haare, vergilbte Haut, war groß und hager, an anderen Orten war er klein, hatte einen Buckel, war aber immer von dem Bewußtsein, von der Anschauung dessen durchdrungen, was die Seele erlebt zu haben glaubte im Moment, als Christus vor ihr vorüberging.
[ 19 ] In zahlreiche Persönlichkeiten wurde das Bewußtsein versenkt, diese Fähigkeit, in die Akasha-Chronik zurückzuschauen und sich so damit zu identifizieren, daß sie es wirklich glaubten. Heute würden alle diese Ahasvere ins Irrenhaus kommen, damals waren sie Werkzeuge zur Verstärkung des geistigen Lebens. Bischöfe und Äbte ließen sich durch sie stärken in der Kraft des Christus-Glaubens. Aus geistigen Welten herein wurde in psychisch veranlagte Naturen der Keim gesenkt, zurückschauen zu können zu dem Ereignis von Golgatha. Die Erzähler sahen sich dann durch die Eigentümlichkeit ihres Bewußtseins selbst in dem Bilde darinnen. Das war wahr, war das lebendige Hinschauen auf das Ereignis von Golgatha. Viel mehr als im Oberbewußtsein des Menschen, in dem sich die Urteilskraft geltend macht, spielte sich in unterbewußten Seelenregionen ab, was vom ChristusImpuls ausging. Der heutige materiell denkende Mensch hat leicht spotten über solche Dinge. Er wird das für eine psychische Epidemie halten, wird sagen: Was kann man geben auf das, was aus krankhaften Seelen kommt. — Man möchte diesen Materialisten fragen, was er sagen würde, wenn einer psychisch krank wird, so daß ihn die Psychiater ins Irrenhaus sperren, aber dort beginnen würde aus seiner Erleuchtung heraus den wirklich als Idee den Menschen vorschwebenden Luftmotor zu ersinnen? Den würden sie dann auch von einer solchen Seele hinnehmen und nicht fragen, ob das aus einer krankhaften Seele kommt. Das ist kein Kriterium, kein Einwand, ob eine Seele krankhaft ist. Es handelt sich darum, den Inhalt dessen, was aus der Seele kommt, zu prüfen. Es ist das schlimmste an unserem materiellen Geist, daß man an Nebenrücksichten, nicht an Wahrheitskraft appelliert.
[ 20 ] Wenn wir so die Entwickelung der Menschheit überblicken, wird uns klarwerden, daß wir den Christus-Impuls aufzufassen haben als lebendige Kraft, die viel mehr in den Untergründen der Seelen wirkt und sich physischer Mittel bedient, mehr als dessen, was die Menschen verstehen. Wäre er darauf beschränkt geblieben, wäre es mit seinem Einfluß nicht weit gekommen. Aber in unserer Zeit beginnt die Sache anders zu werden, so zu werden, daß nach und nach in uns das wirken muß, was für die Griechen der Gedanke war, mit dem zugleich eigentlich das Bewußtsein vom Menschen-Ich geboren worden ist. Wie macht sich dieser Gedanke heute geltend? Man braucht das nicht mit Geisteswissenschaft zu belegen, sondern mit Philosophie. In den Jahrhunderten vor der Begründung des Christentums, mit Pherekydes beginnend bis Aristoteles, beginnt der Gedanke in der Weltenentwickelung. Es beginnt das Denken in Bildern erst im griechischen Leben. Das bereitet das eigentliche Ich-Bewußtsein vor. Dann kommt der Christus-Impuls. Er wirkt mit dem zusammen, was als Ich-Kraft herausgekommen ist. In unserer Zeit sehen wir es am Hegeltum, das ja wenig beachtet wird, aber eine bedeutsame Erscheinung der Menschheit ist, wie Fege] ringt mit dem Gedanken, der die ganze Welt erfassen will. Der Mensch entwickelt sich in der Welt, er krönt die Entwickelung dadurch, daß der Gedanke die Welt erfüllt. Er erkennt dadurch die Umwelt. Aber zweierlei kann der Gedanke: Sich richtig entwickeln, was sich mit der Entwickelung des Keimes zur Blüte vergleichen läßt, oder es kann der Keim dienen zur menschlichen Nahrung. Da wird er aus seiner fortlaufenden Strömung herausgerissen. Bleibt er bei der fortlaufenden Strömung, entwickelt sich eine neue Pflanze, es kommt voraussichtlich Leben für die Zukunft aus ihm. Ebenso ist es mit dem menschlichen Gedanken. Man sagt, wir machen uns durch ihn Bilder von der Umwelt. Aber die Verwendung zu solcher Erkenntnis ist, wie wenn wir Keime zur Nahrung verwenden. Wir treiben den Gedanken von seiner Strömung ab. Beharrt er aber in seiner Strömung, verwenden wir ihn nicht gleichsam zur Nahrung, dann lassen wir ihn sein eigenes Keimleben leben, lassen ihn aufgehen in Meditation und Inspiration, lassen ihn sich entwickeln zu neu befruchtendem Dasein. Das ist die gerade Strömung für den Gedanken. Das wird man in Zukunft erkennen, daß das, was man als Erkenntnis der Welt angesehen hat, sich verhält wie das Korn, das nicht fortschreitet zu neuem Korn, sondern herausgetrieben wird in eine ganz andere Strömung; aber das, was wir erkennen lernen durch die Erkenntnis der höheren Welt, ist der in Freiheit philosophisch ergriffene Gedanke, der in Meditation und Konzentration direkt in das geistige Leben hinein leitet.
[ 21 ] Wir stehen an dem Punkte, wo erkannt werden wird, daß sich die gewöhnliche Erkenntnis zur übersinnlichen Erkenntnis verhält, wie sich verhält ein Korn, welches verwendet wird zur Nahrung, zu einem solchen, das fortschreitet zu neuem Korn. Innerliche Erkenntnis der Gedanken ist das, was die Zukunft bringen muß. Philosophie in der alten Art ist überwunden, hat ausgespielt. Man wird wissen, daß solche Erkenntnis immer da sein muß, aber zu einem Nebenstrom der Entwickelung führen muß. Man wird wissen, daß der lebende Gedanke, der sich zur Meditation und Konzentration umgestaltet, in geistige Erkenntnis der menschlichen Natur und zur Erkenntnis der geistigen Welt führt.
[ 22 ] Wenn wir mancherlei Erscheinungen in unserem Geistesleben betrachten, kann manches auffallen. Hier darf man ja wohl solches sagen, besprechen, was in der Außenwelt mißverstanden würde. Ein Mann wird heute als großer philosophischer Geist angesehen, der im Grunde genommen seine Weisheit darauf beschränkt, immer wieder davon zu sprechen: Der Mensch darf nicht bei der äußeren Erkenntnis stehenbleiben, er muß den Geist erfassen. — Man könnte sagen, er sagt immer wieder in anderer Version: Der Mensch kann nicht stehenbleiben bei der bloßen äußeren Erkenntnis, er muß das Geistige in sich selbst erfassen, muß es in sich erleben, es darf nicht bloß in Begriffen erfaßt werden, muß lebendig werden. Er sagt nicht, was der Geist ist, erkannt wird nichts. Das ist das Kennzeichen der Euckenschen Philosophie. Sie führt nicht zur wirklichen Geist-Erkenntnis. Wenn das Denken sich aus sich selbst gestaltet, wird es nicht zu einem unbestimmten Geist-Erleben, sondern es wird in sich gerundet, und es schwingt dem Denken entgegen, was wir als Ätherleib kennengelernt haben. Verwandelt das Denken sich in Meditation, so wird dieser Gedanke sich formen und aus dem menschlichen Ätherleib ist da — der geistige Mensch. Die Menschheit ist in ihrer Entwickelung auf dem Weg aus der Philosophie zu einem lebendigen Geist-Erkennen.
[ 23 ] Wir sind auf dem geraden Weg. Die das einsehen, erkennen ihre Zeit, aber es läßt sich nicht eine wirkliche Einsicht in diese Dinge gewinnen, ohne daß man eine heilige Scheu entwickelt vor der Erkenntnis, die einen zurückhält, mit der Urteilskraft, die man hat, überallden Maßstab anzulegen. Man muß sich immer wieder vorbereiten wollen zu neuer Erkenntnis, denn so wie die Seele ist, taugt sie nur zur Nebenströmung der Erkenntnis. Nur wenn sie sich höherentwickelt, taugt sie dazu, wirklich in die geistige Welt einzutreten. Dann erst verstehen wir unsere Aufgabe innerhalb unserer Gemeinschaft richtig, wenn wir fühlen, bei aller Demut, wie wir dazu berufen sind, etwas zu wissen von dieser großen Umwertung aller Erkenntnisbegriffe, die in das spirituelle Leben hineinführen wollen. Wir wollen ganz bescheiden bleiben, können aber manchen, der heute als großer Geist gilt, einen seichten Schwätzer nennen, weil das nicht abfällige Kritik ist. Das, wo hinein wir uns finden müssen, ist: klares, starkes und energisches Urteil über das, wonach wir streben, zu verbinden mit Demut; zu erkennen, daß wir im Großen gemessen erst am Anfang stehen, aber unser Herz schwellen kann, freudig erglühen kann bei dem Gedanken, was aus dem werden soll, dem wir zusteuern wollen, unsere intimsten Seelenkräfte widmen wollen. Nicht nur an Ihre Vorstellungskraft möchte ich mich wenden, sondern an Ihre tiefsten Herzenskräfte, an das in Ihren Seelen, wo Ihr tiefstes Fühlen für den Pulsschlag der Zeit zu finden ist. Dann verstehen Sie, was damit gemeint ist, daß mit solcher Rede nur angedeutet sein soll, was uns sprechen heißen die führenden Mächte unserer Zeit, die geistigen Individualitäten, von denen wir wissen, daß sie durch unsere Zeitströmung gehen. Nicht dadurch allein kommen wir vorwärts, daß wir immer mehr Begriffe uns aneignen für das, was die Geisteswelt ist wir müssen sie uns aneignen —, aber dadurch kommen wir erst richtig vorwärts, daß wir mit jeder neuen Idee etwas verbinden, was aus dem tiefsten Grunde unserer Seele herauskommt, so daß dies Immer-mehr-Verstehen sich erweisen kann gegenüber den führenden Mächten der Zeit. Wir können sie fühlen, wie sie in die intimsten Gründe unserer Seele sprechen. Lange bevor wir dies Sprechen wie eine Warnung vernehmen, können wir fühlen, wie unsere Bewegung so getragen wird von diesen geistigen Führermächten, deren Verkünder wir sind im richtigen Sinne innerhalb unserer Bewegung. Dieses Bewußtsein soll sich ausgießen wie eine wahre Seelenströmung über das, was wir treiben.
