Vorstufen zum Mysterium von Golgatha
GA 152
27 Mai 1914, Paris
9. Der Fortschritt in der Erkenntnis des Christus das Fünfte Evangelium
[ 1 ] In der heutigen Betrachtung möchte ich zuerst sprechen über dasjenige, was wir innerhalb der okkulten Forschung jetzt wissen können über die Christus-Wesenheit, um dann eine Auseinandersetzung daran zu knüpfen über die Fortschritte, die wir seit dem Mysterium von Golgatha in der Erkenntnis des Christus haben machen können.
[ 2 ] Es ist innerhalb unserer Geistesbewegung wiederholt auf die große Bedeutung des Mysteriums von Golgatha für die ganze Erdenentwickelung hingewiesen worden. Indem innerhalb der okkulten Forschung diese Bedeutung des Mysteriums von Golgatha weiter verfolgt wurde, konnte man kommen zu drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha, die sich innerhalb der Erdenentwickelung und zusammenhängend damit zugetragen haben. Drei Vorstufen gehen dem Mysterium von Golgatha voran, bereiten es vor, aber sie spielen sich nicht ab auf dem physischen Plan, sondern sie spielen sich ab in den höheren Welten.
[ 3 ] Das erste dieser Ereignisse fällt in die Zeit der lemurischen Entwickelung der Erde. Die zwei weiteren Ereignisse, das zweite und das dritte, fallen in die Zeit der atlantischen Entwickelung der Erde. Und das vierte ist das Mysterium von Golgatha, das sich in der nachatlantischen Zeit, im Beginne unserer Zeitrechnung, auf dem physischen Plan abspielte.
[ 4 ] In der lemurischen Zeit verbindet sich dasselbe Wesen, das wir kennen als das Christus-Wesen, mit einem anderen Wesen der höheren Welten, mit einem Wesen der höheren Welten, das nicht auf dem physischen Plane sich verkörperte, sondern der Welt der höheren Hierarchien angehörte. Und so, wie wir gegenüber dem Mysterium von Golgatha davon sprechen, daß der Christus eingezogen ist in den Leib des Jesus von Nazareth, so können wir für die alte lemurische Zeit davon sprechen, daß der Christus eingezogen ist in eine erzengelartige Wesenheit der höheren Welten. Man könnte davon sprechen, daß ein ähnliches Ereignis, ins Geistige übersetzt, sich abspielte während der lemurischen Entwickelung, wie sich später abspielte auf dem physischen Plan die Johannestaufe im Jordan. Wir treffen also in jener alten Zeit die Christus-Wesenheit in dem Seelenleib eines Erzengels. Und durch dieses Opfer der Christus-Wesenheit, des Eintretens in einen Leib, in einen Seelenleib eines Erzengels, wird eine ganz bestimmte Wirkung von den geistigen Welten hereingestrahlt in die Erdenentwickelung.
[ 5 ] Um die Bedeutung dieses Ereignisses kennenzulernen, müssen wir von einer Gefahr sprechen, welche der ganzen menschlichen Entwickelung in der lemurischen Zeit durch die luziferischen Kräfte bevorstand. Wenn diese Gefahr von der Menschheit nicht abgewendet worden wäre, so wäre all dasjenige, was wir sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen nennen, in Unordnung gekommen. Die Sinneskräfte hätten sich unter dem luziferischen Einfluß nicht so entwickeln können, wie sie sich entwickelt haben, sondern sie wären viel sensibler, viel erregungsfähiger geworden gegenüber der Außenwelt. Zum Beispiel hätten wir dann so dutch die Welt gehen müssen: Wenn wir eine blaue Farbe gesehen hätten, so würde diese an unserem Auge wie gesogen haben und wir würden etwas wie eine aussaugende Kraft empfunden haben, und wenn wir eine rote Farbe gesehen hätten, würden wir etwas empfunden haben wie ein Stechen in den Augen. Wir müssen uns nur vorstellen, was wir Menschen geworden wären, wenn wir auf Schritt und Tritt im Leben durch die Sinneswahrnehmungen in lauter erregenden Eindrücken hin und her geworfen worden wären. Diese Gefahr wurde dadurch abgewendet, daß sich der Christus, ich muß jetzt sagen, nicht verkörperte, sondern verseelte in einer Erzengelwesenheit, und die Kräfte, die dadurch von den geistigen Welten ausstrahlen konnten, ergossen sich in die Menschheitsentwickelung, und die Sinneskräfte wurden harmonisiert, so daß die eben besprochene Gefahr von den Menschen abgewendet wurde und sie das nötige Gleichmaß bekamen. Wir können also heute, wenn wir daran denken, in welcher Mäßigkeit unsere Sinneswahrnehmungen verlaufen, zurückblicken in die alte lemurische Zeit und sagen: Damals war es, dal3 der Christus sich opferte, sich verseelte in einer Erzengelwesenheit und von uns nahm die Gefahr der Hypersensitivität unseres Sinnensystems.
[ 6 ] Die zweite Gefahr drohte der menschlichen Entwickelung, und zwar jetzt durch Ahriman und Luzifer zusammen, in der ersten Zeit der atlantischen Entwickelung. In dieser Zeit drohte eine abnorme Entwickelung den Lebenskräften. Die Lebenskräfte sollten sich so entwickeln, daß zum Beispiel, wenn der Mensch Hunger empfunden und Nahrung vor sich gehabt hätte, er mit tierischer Gier sich über die Nahrung gestürzt haben würde. Und auf der anderen Seite zum Beispiel, wenn er irgendeine Nahrung vor sich gehabt hätte, die ihm nicht zuträglich gewesen wäre, würde er furchtbaren Ekel empfunden haben und vor der Nahrung geflohen sein. Die Hyperempfindlichkeit der Lebenskräfte drohte dem Menschen in jener Zeit. Der Christus verseelte sich neuerdings in einer erzengelartigen Wesenheit der höheren Hierarchien, und durch dieses Opfer des Christus wurde die Gefahr, die eben geschildert worden ist, von der Menschheit abgewendet, und die Lebenskräfte wurden so harmonisiert, daß wir sie jetzt in der Mäßigkeit und im Gleichmaß gebrauchen können.
[ 7 ] Die dritte Gefahr drohte der menschlichen Entwickelung gegen das Ende der atlantischen Zeit. In Unordnung sollten kommen durch den Einfluß Luzifers und Ahrimans die drei Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, so daß sie ungeordnet, daß sie durcheinander, chaotisch gewirkt haben würden, wenn diese Gefahr nicht abgewendet worden wäre.
[ 8 ] Wenn wir verstehen wollen, wie es mit dieser Sache eigentlich sich verhält, so müssen wir uns klar sein darüber, daß die Erde nicht nur das ist, was die Geologen meinen, ein mineralischer Körper, sondern daß die Erde ein ganzer Organismus ist. Was aus dem Grund der Erde aufsteigt, sich als neblige Dünste aus dem Grund der Erde heraus erhebt, ist nicht nur physikalischer Dunst, sondern auch die Verkörperung von Leidenschaften, die sich vereinigen können mit den Leidenschaften und Trieben der Menschen und die durchsetzt sind von luziferischen und ahrimanischen Kräften. Die würden in der angegebenen Zeit in der menschlichen Seele das Chaotische von Denken, Fühlen und Wollen bewirkt haben. Und würde diese Gefahr nicht abgewendet worden sein, so hätte das ganze Menschengeschlecht durch das Chaotische von Denken, Fühlen und Wollen in eine Art Delirium kommen müssen. Das Menschengeschlecht würde sich zu einem Wahnsinn hinentwickelt haben, der der normale Zustand der Erde geworden wäre. Da verseelte sich zum dritten Mal die Christus-Wesenheit in einem erzengelartigen Wesen und wendete diese Gefahr ab durch die Strahlungen, die durch dieses eben charakterisierte Opfer wiederum auf die Menschheitsentwickelung ausgeübt werden konnte. Die Wirkung dieser dritten Verseelung der Christus-Wesenheit ist die Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen in der menschlichen Seelennatur.
[ 9 ] Die Griechen, die in ihrer Mythologie etwas wie Nachbilder der Vorgänge während der atlantischen Zeit empfunden haben, sie haben in ihrer Mythologie auch diese eben erwähnte übersinnliche Tatsache ausgedrückt. Und das Bild, das Nachbild, unter dem sich die Griechen die dritte Verseelung des Christus in einem erzengelartigen Wesen vorgestellt haben, ist Apollo, der Sonnengott. Apollo als Beschützer der Aussprüche der Pythia erscheint als diejenige Wesenheit, welche harmonisiert den Drachen, der aus der Erde in Form von Dämpfen heraufsteigt. Würde ohne die Harmonisierung des Apollo dieser Dunst in die Leidenschaft der Pythia fließen, so würde Denken, Fühlen und Wollen als Wahnsinn zum Ausdruck kommen. Durch die Imprägnierung mit den Kräften des Apollo wird das, was die Pythia zu sagen hat, zuweilen zu den weisesten Ratschlägen, die den Griechen gegeben wurden.
[ 10 ] Würde man einen Eingeweihten der alten Mysterien auf seine wahre Meinung hin haben fragen können, wer Apollo ist, so würde er ganz gewiß die Antwort gegeben haben: Er ist der Vorläufer des Christus Jesus, der nur noch nicht heruntergestiegen ist bis zum physischen Plan.
[ 11 ] Die Menschheit hat sich eine wunderbare Imagination dieses dritten Christus-Ereignisses erhalten in dem Bilde: Sankt Georg besiegt den Drachen, oder der Erzengel Michael besiegt den Drachen. Es ist wunderbar, aufmerksam darauf sein zu können, wie in der Tat diese Imagination: Sankt Georg besiegt den Drachen, ein Nachklang ist des dritten übersinnlichen Christus-Ereignisses.
[ 12 ] Und das vierte Ereignis kam in der nachatlantischen Zeit, wo die Menschheit wiederum der Gefahr ausgesetzt war, im Laufe der Entwickelung in Unordnung zu kommen mit den Seelenkräften. Jetzt sollte direkt in Unordnung kommen das menschliche Ich selbst.
[ 13 ] Die erste Gefahr bestand darin, daß die Sinneskräfte in Unordnung gekommen wären. Die zweite Gefahr darin, daß die Lebenskräfte in Unordnung gekommen wären. Die dritte Gefahr darin, daß die Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen in Unordnung gekommen wären. Die vierte Gefahr darin, daß die Kräfte des Ich in Unordnung gekommen wären.
[ 14 ] Dieselbe Wesenheit, die Christus-Wesenheit, die sich vorher dreimal verseelt hatte, verkörperte sich jetzt im Mysterium von Golgatha in Jesus von Nazareth, um diese vierte Gefahr durch ihre Ausstrahlung in die Erdenaura von der Menschheit abzuwenden.
[ 15 ] Man kann wirklich in der Menschheitsentwickelung innerhalb der Jahrhunderte, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind, und denjenigen Jahrhunderten, die ihm folgten, ersehen, wie die Gefahr vorhanden war, die das Ich und seine Kraft in Unordnung bringen sollten. Wir sehen, wie beim Aufblühen der Ich-Kraft, die wir beobachten können in der griechischen Philosophie bei Sokrates, Plato, Aristoteles — schon von Thales, Heraklit angefangen —, wir sehen, wie neben dem Aufblühen der Ich-Kraft durch die griechische Philosophie etwas anderes einhergeht; als die Kräfte des menschlichen Gedankens in Thales, Heraklit, in Sokrates, Plato, Aristoteles aufblühen, sehen wir ungefähr von demselben Zeitpunkte an sich über den ganzen damals kultivierten Teil der Erde verbreitend, da und dort sich zeigend, die Kräfte der sogenannten Sibyllen. Diese Sibyllen, die als Parallelerscheinung neben der Entstehung der Philosophie einhergehen, sie stellen dar, wie hereindringen soll das Chaos in die Ich-Kräfte. Wir sehen, wie auf der einen Seite aus dem, was solche Sibyllen verkünden, hervorgehen kann Wahres, Gut-Prophetisches, auf der anderen Seite Mißverständnisse, trügerische, ungeordnete Ich-Kräfte, die aus den Sibyllen sprechen. Wie das Chaotisch-Irdische aus den Sibyllen spricht, das hat in wunderbarer Weise später aus der Tradition heraus Michelangelo dargestellt in der Sixtinischen Kapelle. Bis in die Darstellung der Gebärde hinein ist es zu sehen, wie durch die einzelnen Sibyllen das Ungeordnete der Ich-Kräfte wirkte, die auf die mannigfaltigste Weise zum Ausdruck kommen.
[ 16 ] Und Michelangelo hat als polarische Erscheinung neben die Sibyllenkräfte hingestellt diejenigen, welche versucht haben das Ich zu suchen, das Ich aufzufinden in der menschlichen Natur und es fruchtbar zu machen für die geschichtliche Entwickelung der Menschheit: es sind die Propheten. Was uns bei Michelangelo in den Sibyllen und Propheten erscheint, es stellt die beiden Pole dar: Auf der einen Seite die Tendenz des Ich, in Unordnung zu kommen, auf der anderen Seite das Suchen des jüdischen Prophetentums, die Ich-Kräfte in Ordnung zu bringen. Es gärte in der menschlichen Natur um das eigentliche Bewußtwerden des Ich, das dazumal eintreten sollte, und wäre die Gefahr nicht abgewiesen worden, so würden heute in unserem Ich chaotisch durcheinandergehen dunkle prophetische Kräfte und dunkle Sibyllenkräfte. Eine wirkliche Klarheit des Ich hätte es nicht geben können in der Entwickelung der folgenden Jahrhunderte. Da fiel die Inkarnation des Christus in dem Jesus von Nazareth in diese Gärung hinein und bewirkte zum vierten Male die Harmonisierung der menschlichen Natur. Geschehen konnte dies nur dadurch, daß die Christus-Wesenheit sich verkörperte in einer menschlichen Wesenheit, welche im höchsten Sinne alle damals an den Menschen herantretenden Fähigkeiten in sich zur Entwickelung gebracht hatte.
[ 17 ] Ebenso wie uns die heutige okkulte Forschung möglich macht, Licht zu werfen auf die vier Etappen des Mysteriums von Golgatha, ebenso setzt sie uns in den Stand, Licht zu verbreiten über die Wesenheit des Jesus von Nazareth, in der sich die Christus-Wesenheit durch das Mysterium von Golgatha, die letzte Etappe, verkörpert hat. Ich konnte bei früheren Gelegenheiten darauf aufmerksam machen, daß geboren wurden im Beginn unserer Zeitrechnung zwei Jesusknaben. Ich konnte darauf hinweisen, daß im zwölften Jahr des einen Jesusknaben, der aus der nathanischen Linie des Hauses David abstammte, hereinzog die Seele des anderen Jesusknaben, der aus der salomonischen Linie stammte, so daß aus den zwei Jesusknaben ein Wesen wurde. Fragen wir uns, wer nun dieser zwölfjährige Jesus von Nazareth war, so antwortet uns heute die okkulte Forschung: Es ist die Seele des Zarathustra in einer ganz besonderen Menschenwesenheit, die eben abstammte aus der nathanischen Linie des Hauses David. — Und wenn wir nun den geistigen Blick hinwenden auf das Wesen des Zarathustra in dem nathanischen Jesus, so stellt sich uns dar, wie sich dieser Jesus von Nazareth nun weiter bis zu seinem dreißigsten Jahr entwickelt hat.
[ 18 ] Wir können drei Epochen in der Entwickelung dieses Jesus von Nazareth unterscheiden. Die erste vom zwölften bis zum achtzehnten Lebensjahr. Die zweite vom achtzehnten bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahr. Die dritte etwa vom vierundzwanzigsten bis zum dreißigsten Lebensjahr. Es lebte der junge Jesus von Nazareth in dem Hause, dem vorstand sein wirklicher Vater und die Mutter des salomonischen Jesusknaben. Die beiden anderen waren mittlerweile gestorben. Der junge Jesus von Nazareth wurde äußerlich eingeführt in das Handwerk des Vaters, eine Art Schreiner- oder Zimmermannshandwerk. Dabei aber entwickelte er sich merkwürdigerweise mit unendlicher Vollkommenheit des geistigen Lebens in seiner Seele. Festhalten müssen wir, daß im Grunde genommen die tief bedeutungsvolle Entwickelung des jungen Jesus von Nazareth niemand aus seiner Familienumgebung verstand. Er war mit ihr einsam schon als Knabe von zwölf bis achtzehn Jahren; ganz einsam mit ihr. Merkwürdig war diese innere Entwickelung, die sich in der Einsamkeit der Seele vollzog, dadurch daß wie aus dem tiefen Seelengrund heraufholen konnte Jesus von Nazareth all dasjenige, was an großen Offenbarungen dem jüdischen Volk im Laufe der Zeit geworden war. Das israelitische Volk hatte ja in der Zeit, in der Jesus von Nazareth lebte, kaum noch etwas anderes als schriftliche Überlieferungen desjenigen, was einstmals die uralten Propheten in unmittelbaren Offenbarungen erhalten hatten aus den geistigen Welten herunter. Man wußte aus den Schriften, was die Alten geoffenbart erhalten hatten, aber man hatte keine Möglichkeit mehr, hinaufzureichen zu dieser Offenbarung selbst, die einstmals den uralten Propheten zugekommen war durch jene Stimme, die man die große Bath-Kol nannte. Wie in rückläufiger Entwickelung machte Jesus von Nazareth in sich selbst alles dasjenige wieder durch, was das jüdische Volk durchgemacht hatte, und er arbeitete sich hinauf bis zu dem Punkte, daß seine Seele verspürte: Die große Bath-Kol spricht wieder zu mir. Unmittelbar aus der geistigen Welt vernehme ich die Stimme, die einmal die Propheten empfangen haben. Und wie es bei solch innerer Entwickelung geht, so war es auch bei Jesus von Nazareth: diese innere Entwickelung war verbunden mit dem tiefsten seelischen Schmerz und Leid. Die höchsten Erkenntnisse erwirbt man sich nicht ohne Schmerz und Leid. Namentlich war es eines, das sich wie ein furchtbarer Schmerz ablagerte in der Seele des etwa siebzehnbis achtzehnjährigen Jesus von Nazareth, als er sich sagte: Einmal hat gesprochen die große Bath-Kol die wunderbarsten Offenbarungen zu dem jüdischen Volk. Heute ist das jüdische Volk da, aber wenn die große Bath-Kol heute zu ihm sprechen würde, es wäre niemand da, sie zu hören. Die Schriften verstehen sie, die lebendige Schrift aber verstehen sie nicht mehr. — Einsam war er in sich; eine ungeheure Traurigkeit kam über seine Seele, über dasjenige, was aus seinem Volk geworden war in der herabgehenden Entwickelung der Menschheit. Dann kam die Zeit, wo hinausgeschickt werden sollte in die Welt Jesus von Nazareth. Er wanderte, indem er sein Handwerk da und dort betrieb, in den verschiedensten Gegenden umher, sowohl in Palästina als auch außerhalb Palästinas, in heidnischen Gegenden. Merkwürdig waren diese Wanderungen namentlich in ihrem Eindruck auf die Menschen, zu denen Jesus von Nazareth kam. Das, was der Schmerz in seiner Seele verrichtet hatte, das hatte sich umgewandelt in etwas wie Liebe, die man unmittelbar in seiner Gegenwart von ihm ausströmen fühlte. Wenn er so am Abend, nachdem er die Arbeit verrichtet hatte, bei den Menschen war, die er besuchte, mit ihnen zusammensaß, so fühlten sie, wie eine Atmosphäre von Liebe mit seinen Worten, aber auch durch seine bloße Anwesenheit, auf sie überging. Das Liebedurchtränkte, was er mit ihnen sprechen konnte, das machte den tiefsten Eindruck auf die Leute, und wenn er weggegangen war, anderswo zu arbeiten, so blieb bei den Leuten, die er verlassen hatte, etwas wie die allerlebendigste Erinnerung an ihn zurück. Oftmals kam es vor, daß Jesus von Nazareth schon drei oder vier Wochen weg war, da hatten die Leute, die er vor drei bis vier Wochen verlassen hatte, die gemeinsame Vision, daß er wiederum zu ihnen hereinträte und mit ihnen sprach — die Vision sprach mit ihnen. So tief war der Eindruck, daß er im Grunde genommen bei ihnen geblieben war, dieser Jesus von Nazareth. So drückte sich das, was Jesus von Nazareth war, in Hundert und Aberhundert von Seelen ein, da er herumwanderte in seinem achtzehnten bis vierundzwanzigsten Jahr.
[ 19 ] Bei diesen Wanderungen kam Jesus von Nazareth auch in heidnische Gegenden. Er traf eines Tages einen heidnischen Ort, in dem die Bevölkerung verwahrlost war. Der Ort war verlassen von seinen Priestern. An diesem Ort war eine Opferstätte, aber sie war verödet. Die Priester waren weggeflohen, weil eine böse Krankheit unter den Leuten des Ortes ausgebrochen war. Solche Opferorte und die Kultusverrichtungen an diesen Opferstätten leiteten sich her aus den Mysterien. Was in den Mysterien sich geoflenbart hatte, das ging über in die zeremoniellen Handlungen an diesen Opferstätten. Um eine solche Sache zu verstehen, muß man ein wenig auf die Bedeutung der zeremoniellen Opferung aufmerksam sein. Durch die Art, wie die Opferhandlungen vorgenommen werden, und dutch die Gebete, die diese Opferhandlungen durchdringen, fließen tatsächlich spirituelle Kräfte sozusagen auf die Altäre herab. Aber Jesus von Nazareth fand, als er zur Kultstätte des erwähnten Ortes kam, nicht mehr die guten Kräfte, die einstmals bei den alten Opfern heruntergeflossen waren auf die Altäre. Er fand die Kultstätten, die von ihren Priestern verlassen waren, bevölkert von Dämonengewalten, die um den Altar herum waren. Selbst die verwahrlosten, siechen, herabgekommenen Menschen dieses heidnischen Ortes hatten einen tiefen Eindruck, als sie herankommen merkten Jesus von Nazareth, den sie ja nicht kannten, der aber eine Atmosphäre der Liebe ausströmte. Sie glaubten zuerst, einer ihrer alten Priester, der sie verlassen hatte, käme wieder und wolle ihnen ihre heidnischen Opfer darbringen. Jesus von Nazareth wollte selbstverständlich nicht das heidnische Opfer darbringen, aber er trat unter die Leute. Da wurde er erfaßt von der Kraft der Dämonen, die um den Altar waren, und er fiel wie tot hin. Als die Leute das sahen, flohen sie, und im Betäubtwerden sah Jesus von Nazareth noch, wie die Leute von den Dämonengewalten verfolgt wurden. Dann verlor er das gewöhnliche Bewußtsein und wurde entrückt in geistige Welten. Und wahrnehmen konnte er jetzt, was den alten Mysterienpriestern in Reinheit und Wahrheit einmal geoflenbart war, wahrnehmen konnte er die alten heidnischen Offenbarungen, wie er in der Stimme der großen Bath-Kol die jüdischen Offenbarungen wahrgenommen hatte. Und hören konnte er jetzt die uralt heidnische Offenbarung, die etwa in der folgenden Weise in der heutigen Sprache wiederholt werden kann:
Amen
Es walten die Übel
Zeugen sich lösender Ichheit
Von andern erschuldete Selbstheitschuld
Erlebet im täglichen Brote
In dem nicht waltet der Himmel Wille
Indem der Mensch sich schied von Eurem Reiche
Und vergaß Euren Namen
Ihr Väter in den Himmeln.
[ 20 ] Und es wußte Jesus von Nazareth in seinem veränderten Bewußtseinszustand, daß diese Offenbarung durchgegangen war durch die uralt heiligen Lehren der Mysterien. Er erwachte und hatte zurückbehalten die Erinnerung an dasjenige, was einmal die uralt heiligen Lehren der heidnischen Religionen war. Dasjenige, was er in dieser Offenbarung empfangen hatte, er wendete es für den weiteren Fortschritt der Menschheit dann um und es wurde das « Vaterunser » daraus.
[ 21 ] Dasjenige, was man in bezug auf die höheren Welten lernt, lernt man nicht bloß durch Lehren, sondern vielmehr durch Tatsachen, die man in den höheren Welten erlebt. Man erfährt aber dann in unendlich tieferer Weise die ganze Bedeutung einer solchen Offenbarung, als man jemals etwas durch Lehren oder Theorien erfahren kann. Ein neuer großer Schmerz lagerte sich in der Seele des Jesus von Nazareth ab. Er hatte vor sich in einem besonders klaren Fall das ganze Elend, zu dem die heidnischen Offenbarungen geworden waren, und konnte es nun kontrastieren mit dem, was sie einstmals gewesen waren.
[ 22 ] Wie er inmitten des jüdischen Volkes sagen konnte: Und wenn auch heute ertönen würde die Stimme der großen Bath-Kol, die Menschen sind nicht mehr da, die sie verstehen könnten ; man ist einsam mit ihr, — so konnte er jetzt in bezug auf das heidnische Volk sagen: Und wenn sie wieder überall erklingen würden, die Stimmen der alten heidnischen Mysterien, die Menschen wären nicht mehr da, die sie verstehen könnten.
[ 23 ] So sollte Jesus von Nazareth in tiefstem Schmerz die absteigende Entwickelung der Menschheit erfahren.
[ 24 ] Das eben Erzählte trug sich etwa im vierundzwanzigsten Lebensjahr des Jesus von Nazareth zu. Kurz nachdem sich das zugetragen hatte, kehrte er nach Hause zurück. Es war ungefähr die Zeit, in der sein Vater in Nazareth starb.
[ 25 ] In der Zeit zwischen seinem vierundzwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr kam er nun, da er wieder zu Hause war in Nazareth, in Verbindung mit den Essäern, die dort die eine oder andere Kolonie in der betreffenden Gegend hatten. Er wurde nicht eigentlich Essäer, aber durch sein tiefes Seelenleben, durch den zwiefachen großen Schmerz, der sich in seiner Seele abgelagert und in Liebe verwandelt hatte, nahmen ihn die Essäer auf und sprachen mit ihm oftmals über ihre tiefsten Geheimnisse, über die sie sonst nur zu ihresgleichen, zu Eingeweihten gesprochen hatten. Nur zu ihm sprachen sie über ihre tiefsten Geheimnisse. Und er lernte in den Essäern Menschen kennen, welche in damaliger Zeit durch eine besondere innere Entwickelung wiederum hinaufzusteigen trachteten zu dem, wovon sich die Menschheit nach abwärts entwickelt hatte. Begierig nahm er auf das, was er über die menschliche Entwickelung eines solchen Aufstieges von den Essäern erfahren konnte. Eines Tages aber, als er das Haus der Essäer verließ und durch das Tor ging, hatte er eine besonders bemerkenswerte Vision: Zu beiden Seiten des Tores sah er zwei Gestalten, von denen er später, durch seine späteren Erlebnisse, wußte, daß es Luzifer und Ahriman waren. Die flohen von den Toren der Essäer hinweg in die übrige Welt hinaus. Und er war nun durch dasjenige, was er in seiner eigenen inneren Entwickelung durchgemacht hatte, so weit, daß er sozusagen lesen konnte in der okkulten Schrift die Bedeutung dieses Hinwegfliehens Luzifers und Ahrimans von den Toren der Essäer. Er wußte nun: Ja, möglich ist es auch in dieser Gegenwart, daß einzelne
[ 26 ] Menschen durch eine besondere seelische Entwickelung hinaufkommen zu den geistigen Höhen, aber nur auf Kosten der übrigen Menschen. Denn die Essäerentwickelung konnten nur einzelne Auserwählte durchmachen und sie konnten es nur dadurch, daß andere auf unteren Stufen zurückblieben. Er wußte, daß die Essäer sich durch ihre mystische Entwickelung frei machten von dem Einflusse Luzifers und Ahrimans, daß aber Luzifer und Ahriman deshalb, weil sie fliehen mußten von den Essäerhäusern, gerade zu den anderen Menschen hinflohen und die übrige Menschheit nur um so mehr ergriffen. Und aus diesem okkulten Erlebnis kam ihm der dritte große Schmerz, indem er sich sagen konnte: Ja, einzelnen besonders auserwählten Menschen ist es möglich, aufzusteigen zu dem, was früher den Menschen geoftenbart worden ist, aber nur auf Kosten der übrigen Menschen können sie aufsteigen. — Das schnitt ihm fast das Herz ab, denn er war voll Liebe zu allen Menschen. Und jetzt konnte er sich als Ergebnis. des dritten großen Schmerzes sagen: Wie auch in unserer Gegenwart einzelne Menschen hinaufsteigen zu den höheren spirituellen Erkenntnissen, den übrigen Menschen müssen sie entzogen werden. Wie hoch eine Seele auch steigen mag, was sie auch wissen mag, es mitzuerleben mit den Essäern, dazu sind die anderen Menschen im weiten Erdenrund viel zu elend.
[ 27 ] Als Jesus von Nazareth solches erlebte, konnte er erfahren, wie seine Stief- oder Ziehmutter immer mehr und mehr Verständnis faßte für sein inneres Leben. Namentlich seit dem Tode des Vaters war dies der Fall. Und während in früheren Jahren Jesus von Nazareth ganz allein und einsam in der Familie war, entwickelte sich in dieser Zeit so manches Gespräch mit der Mutter, in dem Jesus von Nazareth sprechen konnte von dem, was er in seiner einsamen Seele erlebte. Und es kam zu einem großen entscheidenden Gespräch zwischen Jesus von Nazareth und der Mutter im dreißigsten Jahre seines Lebens. All dasjenige, was sich an Erkenntnissen seit dem zwölften Jahre in seiner Seele abgelagert hatte — bei dem Vernehmen der Stimme der großen Bath-Kol, durch das kosmische Vaterunser, durch das Erlebnis mit den Essäern —, all das, was sich so an Erkenntnissen in seiner Seele aufgespeichert hatte, von dem sprach er zu seiner Mutter eines Tages. Und er sprach so zu seiner Mutter, daß tief erschütternd wirkt dieses Gespräch, auch wenn es hinterher aus der Akasha-Chronik von der okkulten Forschung entziffert wird. Die Worte gingen nicht nur wie Worte hinüber zur Mutter, sondern wie lebendige Kräfte, die wie auf Flügeln hinübertrugen das Wesen der Seele des Jesus von Nazareth in das Wesen der Seele der Mutter hinein. So tief verbunden war Jesus von Nazareth mit dem, was er in seine Worte zu kleiden hatte, daß sein Leid und seine Erkenntnisse übergingen in die Worte und hinüberströmten in Herz und Seele der Mutter. Und es war, wie wenn die Mutter von einem neuen Leben durchzogen worden wäre; wie verjüngt lebte sie neu auf.
[ 28 ] Jesus von Nazareth aber kam wie in einen ganz anderen Seelenzustand hinein. Mit den Worten hatte er das, was so innig mit ihnen verbunden war, das eigene Ich hinausgeströmt. Das Ich des Zarathustra hatte die drei Leiber, physischen, Äther- und Astralleib des Jesus von Nazareth verlassen und die kosmischen Kräfte wirkten in die drei Leiber hinein. Ohne Ich-Bewußtsein, wie in einem höheren Traumleben, wurde Jesus von Nazareth hingetrieben auf den Weg zu Johannes dem Täufer: Jesus von Nazareth, der im Gespräch mit der Mutter sein Zarathustra-Ich ausgehaucht hatte.
[ 29 ] So war er vorbereitet, nach Hingabe seines Zarathustra-Ich aufzunehmen die Christus-Wesenheit als sein neues Ich. Das Mysterium von Golgatha als die vierte Etappe der Christus-Ereignisse, von denen wir gesprochen haben, war damit vorbereitet. Es spielte sich ab während der drei Jahre, in denen der Christus lebte im Leibe des Jesus von Nazareth bis zu dem Mysterium von Golgatha hin. Und erst bei demjenigen Ereignis, dessen Andenken wir feiern in dem Pfingstereignis, kamen die Jünger, wie selbst aus einem anderen Bewußtseinszustande heraus, zur Erkenntnis dessen, was sich mit dem Christus Jesus abgespielt hatte.
[ 30 ] Wenn wir dasjenige, was über die Christus-Wesenheit nunmehr betrachtet worden ist als ein Ergebnis der okkulten Forschung der Gegenwart, überblicken, können wir dann sagen, daß unser Herz und unsere Seele weniger erschüttert würden durch diese Oftenbarungen für unsere Zeit, als durch jene Offenbarungen, die einer früheren Zeit
[ 31 ] über Jesus und Christus geworden sind? Die okkulte Wissenschaft unserer Tage setzt uns wirklich in den Stand, ein Mehreres und ein Tieferes über den Christus Jesus zu wissen, als verflossene Jahrhunderte gewußt haben. Und das dürfen wir sagen: Die Gestalt des Christus wächst zu kosmischer Größe, indem wir sie zu erkennen versuchen mit den Mitteln, die uns der moderne Okkultismus zur Verfügung stellt.
[ 32 ] Blicken wir zurück auf das, was einer früheren Menschheit über den Christus Jesus gegeben war, zum Beispiel in den vier Evangelien. Im okkulten Standpunkt sind wir uns klar darüber, daß diejenigen, die die Evangelien geschrieben haben, sie nach den Inspirationen alter Mysterien, aus einem atavistischen Hellsehen heraus geschrieben haben. Ich habe darauf hingewiesen in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache». Der erste, welcher eine Impression hatte von der kosmischen Bedeutung des Christus, war Paulus; Paulus, der wahrnehmen konnte, wie hereingeströmt war die Kraft der ChristusWesenheit in die Erdenaura. Dasjenige, was dem Paulus für einen bestimmten Punkt der Christus-Erkenntnis aufgegangen war, das kann, wenn wir den Okkultismus unserer Tage vertiefen, für weitere Felder der Christus-Erkenntnis dem Menschen aufgehen. Denn indem das Schauen des Paulus ausgedehnt wird von dem Mysterium von Golgatha auf seine drei Vorstufen, indem es ausgedehnt wird von dem, was bei Paulus fast nur die Wahrnehmung ist des Jesus von Nazareth, auf das Leben des Christus Jesus, dann wird gewissermaßen die Paulinische Methode von einem einzigen Zentrum aus über die ganze große Erscheinung des Christus Jesus-Lebens verbreitet. Indem wir auf diese Weise heute dutch eine hingebungsvolle okkulte Forschung in die Lage kommen können, die Paulinische Methode gleichsam allgemein zu machen für die Christus-Erkenntnis, hat sich ein wirklicher Fortschritt in der Erkenntnis des Christus vollzogen.
[ 33 ] Nicht in abstrakter Weise wollte ich sprechen über die Entwickelung des Fortschrittes in der Erkenntnis des Christus, sondern konkret wollte ich anschaulich machen, welche Christus-Erkenntnis in der Gegenwart von der okkulten Wissenschaft errungen werden kann. So wird uns denn ersichtlich geworden sein aus unserer heutigen Betrachtung, daß Geisteswissenschaft, wie wir sie meinen, ein Instrument sein kann zu einer immer tieferen Christus-Erkenntnis. Zu hoffen steht, daß, wenn die Menschheit durch die materialistischen Einflüsse auch noch so weit kommen sollte in der Ablehnung der alten religiösen Vorstellungen über den Christus, die neuere Geisteswissenschaft den Christus der Menschheit wiederum geben wird. Denn diese Geisteswissenschaft spricht nicht aus Theorien heraus über den Christus, sondern eingedenk des Christus-Wortes selbst: Ich bin bei euch bis ans Ende der Erdentage! — Denn in die Erdenaura, in die wir selbst eingebettet sind, ist der Christus hineinergossen. Er lebt darinnen! Und wir können mit ihm als einem geistigen Wesen in der Erdenaura verkehren, wenn wir uns die Möglichkeit dazu aneignen, wie die Jünger einmal auf dem physischen Plan mit dem Christus Jesus gelebt haben. Wir müssen uns nur daran gewöhnen, die lebendige Anwesenheit des Christus in der Erdenaura wirklich zu durchschauen und das Christentum nicht nur zu identifizieren mit einer bloßen Lehre, einer bloßen Doktrin. Seit dem Mysterium von Golgatha ist der Christus da, ist um uns herum. Wir können ihn finden in derselben Welt, in der wir sind, in der er ist, nur nicht in einer physischen Gestalt, sondern als Geistwesenheit.
[ 34 ] Und wir können verfolgen, wie er tätig ist als Wesenheit, unabhängig von dem, was die Menschen über ihn zu denken vermochten. Haben wir es nicht erlebt, daß in Konzilien und sonstigen Streitstätten die Meinungen, die Lehren über den Christus hin- und hergegangen sind, daß die Menschen nicht fähig waren, mit ihren Gedanken über den Christus zurechtzukommen? Wie viele Meinungen sind erlebt worden über den Christus! Wenn aber die Fortentwickelung des Christus-Impulses abhängig gewesen wäre von den Meinungen der Menschen über denselben, so stände es wahrlich schlecht mit dieser Fortentwickelung des Christus-Impulses. Dieser Christus-Impuls ist in der Erdenentwickelung als eine lebendige Realität, und er wirkt in ihr als Realität, ganz abgesehen davon, wie die Menschen über ihn dachten.
[ 35 ] Fassen wir, um uns so etwas zu vergegenwärtigen, das Datum des 28. Oktober 312 ins Auge. Damals stand vor den Toren Roms Konstantin, der Sohn des Constantius Chlorus, er stand vor dem Rom, das Maxentius regierte. Konstantin mit seinem verhältnismäßig kleineren Heer näherte sich Rom, in dem Maxentius ein bedeutend größeres Heer befehligte. Maxentius war innerhalb der Mauern Roms sicher. Konstantin rückte auf freiem Felde heran. Jene Schlacht, die damals geschlagen wurde, entschied über die Landkarte Europas. Derjenige, der die Geschichte studiert in ihren Tiefen, wird stets zugeben müssen: Damals entschieden nicht die Ideen der Generäle, nicht die Vernunftgründe der Menschen über das, was in der Schlacht geschah, sondern etwas ganz anderes! Maxentius fragte bei den sibyllinischen Büchern an und er bekam zur Antwort: Wenn du außerhalb der Tore Roms Konstantin angreifen wirst, so wirst du den größten Feind Roms vernichten. — Ein rechtes Orakel! Und in der Nacht, die der Schlacht voranging, hatte Maxentius einen Traum, der ihn antrieb, die gesicherte Stellung in den Mauern Roms zu verlassen und Konstantin entgegenzugehen. Konstantin aber, mit seinem viel kleineren Heer, er hatte in der Nacht einen Traum, der ihn anwies, das Symbolum des Christus seinen Heere vorantragen zu lassen und in diesem Zeichen zu siegen. Keine Vernunftgründe, keine strategischen Gründe, keine Kenntnisse des Kriegswesens hatten dazumal eine Rolle gespielt, da es auf die Entscheidung ankam, sondern unterbewußte Kräfte standen sich gegenüber in Maxentius und Konstantin. Man mag über den Wert oder Unwert Konstantins denken, wie man will, in dem Siege, den Konstantin dazumal erfocht, lebte der Impuls des Christus als eine wirkliche, reale Kraft, die durch das Unterbewußte der Menschen wirkte seit dem Mysterium von Golgatha, ganz abgesehen davon, was die Menschen über den Christus dachten.
[ 36 ] Das ist nur eines der Ereignisse, deren viele angeführt werden könnten, die uns bezeugen, wie zuerst in die unterbewußten Seelenkräfte hinein, die sonst ins Sibyllinische übergegangen wären, der Christus-Impuls kam und sich heraufarbeitete. Und während die oberbewußten Seelenkräfte immer mehr dazu drängten, den ChristusImpuls durch die materialistische Strömung nicht mehr zu verstehen, arbeitet in den unterbewußten Seelenkräften der Menschen der Christus weiter, so wie er gewirkt hat in Konstantin und in Maxentius.
[ 37 ] Heute aber stehen wir vor der Notwendigkeit, das, was in den unterbewußten Seelenkräften gewirkt hat, heraufzuholen und bewußt vor die Seele hinzustellen. Bewußt erkennen sollen wir das Wesen, das seit dem Mysterium von Golgatha in der Erdenaura, in den Seelen der Menschen wirkt, und das die Geschicke der Erdenentwickelung, der Menschheit seit dem Mysterium von Golgatha aus dieser Erdenaura heraus bestimmt hat,
[ 38 ] Indem wir uns dies so vor Augen halten, verstehen wir den Fortschritt, den die menschliche Erkenntnis in bezug auf den Christus gemacht hat, und wir verstehen unsere eigene Aufgabe gegenüber den Fortschritten in der Erkenntnis Christi.
