Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus
GA 143
25 Februar 1912, München
5. Spiegelungen des Bewusstseins: Oberwusstsein und Unterbewusstsein
[ 1 ] Es wird heute und übermorgen meine Aufgabe sein, einige der wichtigeren Tatsachen des Bewußtseins und auch der karmischen Zusammenhänge zu besprechen.
[ 2 ] Im wesentlichen möchte ich gerne an die Auseinandersetzungen anknüpfen, die gestern im öffentlichen Vortrage gegeben worden sind. Es ist ja bei uns einmal so, daß in den öffentlichen Vorträgen für ein größeres Publikum gewisse Dinge anders besprochen werden müssen, als es in den Zweigversammlungen möglich ist, weil die Mitglieder eines Zweiges durch das längere Zusammenarbeiten, durch das längere Sich-Beschäftigen mit den Gegenständen in ganz anderer Weise vorbereitet sind, die Dinge entgegenzunehmen, zu verstehen, als das eben bei einem größeren Publikum der Fall sein kann. Wir haben gestern gesehen, daß wir sprechen können von verborgenen Seiten des menschlichen Seelenlebens, und wir müssen diese verborgenen Seiten des menschlichen Seelenlebens gegenüberstellen den Tatsachen des gewöhnlichen, alltäglichen Bewußtseins.
[ 3 ] Wenn Sie einmal nur einen oberflächlichen Blick tun auf dasjenige, was in unserer Seele vom Aufwachen morgens bis zum Einschlafen abends lebt an Vorstellungen, Gemütsstimmungen, Willensimpulsen, wenn Sie dabei natürlich auch alles dasjenige hinzurechnen, was durch die Wahrnehmungen von außen an unsere Seele herankommt, dann haben Sie alles das, was man die Gegenstände des gewöhnlichen Bewußtseins nennen kann. Alles das, was so in unserem Bewußtseinsleben vorhanden ist, ist in diesem unserem gewöhnlichen Bewußtsein angewiesen auf die Werkzeuge des physischen Leibes. Sie haben ja die nächstliegende, selbstverständliche Beweistatsache für das, was eben gesagt worden ist, darin, daß der Mensch eben aufwachen muß, um in diesen Tatsachen des gewöhnlichen Bewußtseins zu leben. Das heißt aber für uns, der Mensch muß untertauchen mit dem, was während des Schlafzustandes außerhalb des physischen Leibes ist, in den physischen Leib, und es muß ihm sein physischer Leib mit seinen Werkzeugen zur Verfügung stehen, wenn die Tatsachen des gewöhnlichen Bewußtseins ablaufen sollen. Nun entsteht natürlich sofort die Frage: In welcher Weise bedient sich der Mensch als geistig-seelisches Wesen seiner leiblichen Werkzeuge, der Sinnesorgane, des Nervensystems, um im alltäglichen Bewußtsein zu leben? — Da ist ja zunächst der Glaube vorhanden draußen in der materialistischen Welt, daß der Mensch eigentlich in seinen leiblichen Werkzeugen dasjenige habe, was seine Bewußtseinstatsachen hervorbringt. Ich habe schon öfters darauf aufmerksam gemacht, daß dies nicht so ist, daß wir uns nicht vorzustellen haben, die Sinnesorgane oder das Gehirn brächten die Bewußtseinstatsachen so hervor, wie etwa die Kerze eine Flamme. Das Verhältnis dessen, was wir Bewußtsein nennen, zu den leiblichen Werkzeugen ist ganz anders. Es ist so, daß wir es vergleichen können mit dem Verhältnis eines Menschen, der sich in einem Spiegel sieht, zu diesem Spiegel. Wenn wir schlafen, leben wir so in unserem Bewußtsein, wie wenn wir einfach geradeaus in einem Raume gehen. Wenn wir geradeaus in einem Raume gehen, dann sehen wir uns nicht, dann sehen wir nicht, wie unsere Nase aussieht, wie unsere Stirn aussieht und so weiter. In dem Augenblick, wo jemand mit einem Spiegel vor uns hintritt und ihn uns entgegenhält, sehen wir uns. Dann tritt das, was aber schon früher da war, uns entgegen; das ist dann für uns da. So ist es mit den Tatsachen unseres gewöhnlichen Bewußtseins. Sie leben fortwährend in uns; sie haben so, wie sie sind, eigentlich gar nichts zu tun mit dem physischen Leibe, so wenig wie wir selbst mit einem Spiegel zu tun haben.
[ 4 ] Die materialistische Theorie ist auf diesem Gebiete nichts weiter als ein Unsinn. Sie ist nicht einmal eine mögliche Hypothese. Denn, was der Materialist behauptet, läßt sich mit nichts anderem vergleichen als damit, daß jemand behaupten würde: Weil er sich im Spiegel sieht, so bringe ihn der Spiegel hervor. — Wenn Sie sich der Täuschung hingeben wollen, daß der Spiegel Sie hervorbringt, weil Sie sich erst wahrnehmen, wenn der Spiegel Ihnen entgegengehalten wird, dann können Sie auch glauben, daß die Gehirnpartien oder Ihre Sinnesorgane den Inhalt des Seelenlebens hervorbringen. Beides wäre gleich «geistreich» und gleich «wahr», und so wahr wie die Behauptung, daß Spiegel Menschen schaffen, ebenso wahr ist es, daß Gehirne Gedanken schaffen. Die Tatsachen des Bewußtseins bestehen. Notwendig ist nur für unsere Organisation, daß wir diese bestehenden Tatsachen des Bewußtseins auch wahrnehmen können. Dazu muß uns das entgegentreten, was Spiegelung des Tatsachenbewußstseins ist in unserem physischen Leib. So daß wir also in unserem physischen Leibe etwas haben, was wir nennen können einen Spiegelungsapparat für die Tatsachen unseres gewöhnlichen Bewußtseins. Es leben also die Tatsachen unseres gewöhnlichen Bewußtseins in unserem geistig-seelischen Wesen, und wir nehmen sie wahr dadurch, daß wir dem, was in uns ist, was wir aber nicht wahrnehmen können seelisch — wie wir uns selber nicht wahrnehmen, wenn kein Spiegel uns gegenübersteht —, den Spiegel der Leiblichkeit entgegengehalten bekommen. Das ist der Tatbestand. Nur hat man es bei dem Leibe nicht mit einem passiven Spiegelungsapparat zu tun, sondern mit etwas, worin Vorgänge sind. Sie können sich also vorstellen, daß, statt daß der Spiegel belegt ist, um die Spiegelung hervorzubringen, da rückwärts allerlei Vorgänge stattfinden müssen. Der Vergleich reicht hin, um wirklich das Verhältnis unseres geistig-seelischen Wesens zu unserem Leibe zu charakterisieren. Das also wollen wir uns vorhalten, daß für alles das, was man im alltäglichen Bewußtsein erlebt, der physische Leib der entsprechende Spiegelungsapparat ist. Hinter oder meinetwillen unter diesen gewöhnlichen Bewußtseinstatsachen liegen noch die Dinge, die da herauffluten in unser gewöhnliches Seelenleben und die wir als die Tatsachen bezeichnen, die in den verborgenen Tiefen der Seele leben.
[ 5 ] Einiges von dem erlebt ja der Dichter, der Künstler, der, wenn er ein wirklicher Dichter, ein wirklicher Künstler ist, weiß, daß ihm nicht auf die gewöhnliche Weise, wie man sonst logisch überlegt, oder durch äußere Wahrnehmungen, das, was er in seiner Dichtung auslebt, zukommt; sondern er weiß, daß die Dinge herauftauchen aus unbekannten Tiefen und wirklich da sind, ohne daß sie erst zusammengestellt werden durch die Kräfte des gewöhnlichen Bewußtseins. Aber es tauchen ja aus diesen verborgenen Tiefen des Seelenlebens auch andere Dinge auf. Damit haben wir dann diejenigen Dinge gegeben, welche, ohne daß wir im gewöhnlichen Leben so recht ihren Ursprung kennen, mitspielen im gewöhnlichen Bewußtsein.
[ 6 ] Aber wir haben gestern schon gesehen, daß man auch tiefer hinuntersteigen kann, da, wo das Gebiet des Halbbewußtseins ist, das Gebiet der Träume, und wir wissen, daß die Träume etwas heraufheben aus den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, das wir nicht auf eine einfache, gewöhnliche Weise, durch Anstrengung unseres Bewußtseins heraufheben können. Wenn dem Menschen etwas, was er längst für seine Erinnerung begraben hat, in einem Traumbild vor die Seele tritt, wie das immer und immer wieder geschieht, so ist das so, daß der Mensch in den weitaus meisten Fällen niemals in die Lage kommen könnte, diese Dinge durch bloßes Besinnen aus den verborgenen Schachten des Seelenlebens heraufzuholen, weil eben das gewöhnliche Bewußtsein nicht bis da hinunterreicht. Aber das, was für das gewöhnliche Bewußtsein nicht mehr erreichbar ist, das ist für das Unterbewußtsein sehr wohl erreichbar. Und in jenem halbbewußten Zustand, der im Traum vorhanden ist, da wird eben manches, was sozusagen geblieben ist, was aufgespart ist, dann heraufgeholt; das schlägt herauf. Nur diejenigen Dinge schlagen herauf, die eigentlich nicht ihre Wirkung gefunden haben in der Art, wie sonst das, was hinuntergetaucht ist aus der Erfahrung in die verborgenen Seelentiefen, seine Wirkung findet. Wir werden gesund oder krank, mißgestimmt oder heiter gestimmt, aber so, daß wir das nicht so im gewöhnlichen Verlauf unseres Lebens haben, sondern daß es ein körperlicher Zustand ist durch das, was von unserer Lebenserfahrung hinuntergetaucht ist, was nicht mehr erinnert werden kann, was aber da unten im Seelenleben arbeitet und uns so macht, wie wir im Verlaufe des Lebens werden. Manches Leben würde uns sehr erklärlich werden, wenn wir wüßten, was in die verborgenen Tiefen im Verlauf des Lebens hinuntergetaucht ist. Wir würden manchen Menschen in seinem dreißigsten, vierzigsten, fünfzigsten Jahr besser verstehen können, würden wissen können, warum er diese oder jene Anlage hat, warum er sich in dieser oder jener Beziehung so tief unbefriedigt fühlt, ohne daß er sagen kann, was diese Mißstimmung hervorruft, wenn wir das Leben eines solchen Menschen in die Kindheit zurückverfolgen könnten. Wir würden dann eine Anschauung davon gewinnen, wie Eltern, wie die sonstige Umgebung auf das Kind gewirkt haben, was hervorgerufen worden ist an Leid und Freude, Lust und Schmerz, was vielleicht total vergessen ist, aber an der gesamten Stimmung des Menschen arbeitet. Denn, was aus unserem Bewußtsein hinunterrollt und hinunterwogt in die verborgenen Tiefen des Seelenlebens, das arbeitet da unten weiter. Nun ist es das Eigentümliche, daß das, was so arbeitet, zunächst an uns selbst arbeitet, daß es sozusagen die Sphäre unserer Persönlichkeit nicht verläßt. Wenn deshalb das hellseherische Bewußtsein da hinuntersteigt — und das geschieht schon durch die Imagination, durch das, was man imaginative Erkenntnis nennt —, dahin, wo im Unterbewußtsein die Dinge walten, die jetzt charakterisiert worden sind, dann findet der Mensch eigentlich immer sich selbst. Er findet, was da wogt und lebt, in sich selber. Und das ist gut. Denn eigentlich muß der Mensch in wahrer Selbsterkenntnis sich so kennenlernen, daß er all die Triebkräfte wirklich anschaut und kennenlernt, die in ihm wirken.
[ 7 ] Wenn der Mensch mit dem hellseherischen Bewußtsein durch die Übungen der imaginativen Erkenntnis hinunterdringt ins Unterbewußtsein und nicht aufmerksam ist darauf, daß er da zunächst nur sich selbst findet mit alldem, was er ist und was in ihm wirkt, dann ist der Mensch den allermannigfaltigsten Irrtümern ausgesetzt; denn durch irgendwelche mit den gewöhnlichen Bewußtseinstatsachen vergleichbare Art wird man keineswegs gewahr, daß man es zu tun hat nur mit sich selber. Es tritt auf irgendeiner Stufe die Möglichkeit auf, sagen wir, Visionen zu haben, Gestalten vor sich zu sehen, die durchaus etwas Neues sind gegenüber dem, was man sonst durch die Lebenserfahrungen kennengelernt hat. Das kann auftreten. Wenn man aber etwa die Vorstellung haben sollte, daß das schon Dinge sein müßten der höheren Welten, so würde man sich einem schweren Irrtum hingeben. Diese Dinge stellen sich nicht so dar, wie sich für das gewöhnliche Bewußtsein die Dinge des inneren Lebens darstellen. Wenn man Kopfschmerzen hat, so ist das eine Tatsache des gewöhnlichen Bewußtseins. Man weiß, daß die Schmerzen in unserem eigenen Kopfe sitzen. Wenn man Magenschmerzen hat, nimmt man sie in sich selber wahr. Wenn man in die Tiefen, die wir die verborgenen Seelentiefen nennen, hinuntersteigt, dann kann man durchaus nur in sich selbst sein, und dennoch kann das, was einem entgegentritt, sich so hinstellen, als wenn es außer uns wäre. Nehmen wir als Beispiel einen eklatanten Fall, nehmen wir an, jemand hätte den allersehnlichsten Wunsch, die Wiederverkörperung der Maria Magdalena zu sein. Ich habe schon einmal erzählt, daß ich vierundzwanzig Magdalenas in meinem Leben gezählt habe. Nehmen wir aber auch an, daß er sich zunächst diesen Wunsch nicht gesteht: Wir brauchen ja nicht mit dem oberen Bewußtsein unsere Wünsche uns zu gestehen, das ist nicht notwendig. Also irgend jemand liest in der Bibel die Geschichte der Maria Magdalena, sie gefällt ihm außerordentlich. Nun kann in seinem Unterbewußtsein sogleich die Begierde aufsteigen, die Maria Magdalena zu sein. In seinem Oberbewußtsein ist nichts anderes vorhanden als das Gefallen an dieser Gestalt. Im Unterbewußtsein, das heißt so, daß der Mensch nichts davon weiß, lebt aber sogleich die Begierde sich ein, diese Maria Magdalena zu sein. Jetzt geht dieser Mensch durch die Welt. Solange sonst nichts eintritt, so lange gefällt ihm für sein Oberbewußtsein, das heißt für das, was er weiß, die Maria Magdalena. Im Unterbewußtsein ist die brennende Begierde, selber die Maria Magdalena zu sein; aber davon weiß er gar nichts. Das geniert ihn also auch weiter nicht. Er richtet sich nach den Tatsachen seines gewöhnlichen Bewußtseins; er kann durch die Welt gehen, ohne daß er irgendwie in seinem Oberbewußtsein solch eine schlimme Tatsache zu haben braucht wie die Begierde, Maria Magdalena zu sein. Aber nehmen wir an, solch ein Mensch komme dazu, durch irgendwelche Handhabung von den oder jenen okkulten Strebemitteln etwas in seinem Unterbewußtsein zu erreichen. Dann steigt er hinunter in sein Unterbewußtsein. Er braucht nicht diese Tatsache, «in mir ist die Begierde, Maria Magdalena zu sein», so wahrzunehmen, wie man den Kopfschmerz wahrnimmt. Würde er wahrnehmen die Begierde, Maria Magdalena zu sein, dann würde er vernünftig sein können. Er würde sich gegenüber dieser Begierde so verhalten, wie man sich gegenüber dem Schmerz verhält und würde sie loszukriegen suchen. Aber so stellt sich das, wenn eben eine irreguläre Eindringung stattfindet, nicht dar, sondern es stellt sich diese Begierde außerhalb der Persönlichkeit des Menschen als Tatsache hin, es stellt sich die Vision hin: Du bist Maria Magdalena. — Es steht da vor dem Menschen, es projiziert sich diese Tatsache. Und dann ist ja ein Mensch, so wie heute nun einmal die menschliche Entwickelung ist, nicht mehr imstande, mit seinem Ich eine solche Tatsache zu kontrollieren. Bei regelrechter, bei guter, bei absolut sorgfältiger Schulung kann das nicht eintreten; denn da geht das Ich mit in alle Sphären. Aber sobald etwas eintritt, ohne daß das Ich mitgeht, da tritt das als eine objektive äußere Tatsache auf. Der Betrachter glaubt sich zurückzuerinnern an das, was die Ereignisse in und um Maria Magdalena waren, und fühlt sich identisch mit dieser Maria Magdalena. Das ist durchaus eine Möglichkeit.
[ 8 ] Ich hebe diese Möglichkeit heute aus dem Grunde hervor, weil Sie daraus sehen sollen, daß eigentlich nur die Sorgfalt der Schulung, nur die Sorgfalt, wie man sich hineinfindet in den Okkultismus, einen davor retten kann, Irrtümern zu verfallen. Wenn man weiß: Du mußt zuerst eine ganze Welt vor dir sehen, mußt Tatsachen um dich herum wahrnehmen, nicht aber etwas, was du auf dich beziehst, was in dir ist, aber wie ein Welttableau erscheint, wenn man weiß, daß man gut tut, das, was man zuerst sieht, bloß als die Hinausprojektion seines eigenen Innenlebens zu betrachten, dann hat man ein gutes Mittel gegenüber den Irrtümern auf diesem Wege. Das ist das allerbeste: zunächst alles wie Tatsachen zu betrachten, welche aus uns selber aufsteigen. Meistens steigen die Tatsachen aus unseren Wünschen, Eitelkeiten, aus unserem Ehrgeiz, kurz, aus den Eigenschaften auf, die mit dem Egoismus des Menschen verknüpft sind.
[ 9 ] Diese Dinge projizieren sich hauptsächlich nach außen, und Sie können jetzt die Frage aufwerfen: Wie entkommt man nunmehr diesen Irrtümern? Wie kann man sich vor ihnen retten? — Durch die gewöhnlichen Tatsachen des Bewußtseins kann man sich eigentlich nicht vor ihnen retten. Es kommt gerade dadurch der Irrtum zustande, daß man sozusagen, während einem sich in Wirklichkeit ein Welttableau gegenüberstellt, nicht aus sich herauskann, in sich ganz verstrickt ist. Daraus können Sie schon entnehmen, daß es eigentlich darauf ankommt, daß wir in irgendeiner Art aus uns herauskommen, in irgendeiner Art unterscheiden lernen: Hier hast du eine Vision und hier eine andere. Die Visionen sind beide außer uns. Die eine ist vielleicht nur die Projektion eines Wunsches, die andere ist eine Tatsache. Aber sie sind nicht so verschieden, wie es im gewöhnlichen Leben ist, wenn ein anderer sagt, er habe Kopfschmerz, und wenn man selber Kopfschmerz hat. Geradeso herausprojiziert in den Raum ist das eigene Innere wie das fremde. Wie kommen wir zu einer Unterscheidung?
[ 10 ] Wir müssen nämlich innerhalb des okkulten Feldes zur Unterscheidung kommen, wir müssen die wahre Impression von der falschen unterscheiden lernen, obwohl sie alle durcheinandergehen und alle mit dem gleichen Anspruch auf Richtigkeit auftreten. Es ist, wie wenn wir hineinschauen würden in die physische Welt und da neben wirkliche Bäume Phantasiebäume gestellt wären: Wir könnten sie nicht unterscheiden. Wie wenn miteinander da wären wahre und falsche Bäume, sind wirkliche Tatsachen da, die außer uns sind, und Tatsachen, die nur in unserem eigenen Inneren aufsteigen. Wie lernen wir diese beiden Gebiete, die ineinandergeschachtelt sind, unterscheiden?
[ 11 ] Man lernt sie nicht unterscheiden durch sein Bewußtsein zunächst. Wenn man nur innerhalb des Vorstellungslebens bleibt, da gibt es eigentlich gar keine Möglichkeit der Unterscheidung, sondern die Möglichkeit liegt nur in der langsamen okkulten Erziehung der Seele. Wenn wir immer weiter und weiter kommen, kommen wir eben auch dazu, wirklich unterscheiden zu lernen, das heißt, auf dem okkulten Gebiete das zu machen, was wir machen müßten, wenn Phantasie- und wirkliche Bäume nebeneinander wären. Durch die Phantasiebäume können wir hindurchgehen; an den wirklichen Bäumen stoßen wir uns. So etwas Ähnliches, aber jetzt natürlich nur als geistige Tatsache, muß uns entgegentreten auch auf dem okkulten Felde. Nun kann man, wenn man richtig vorgeht, in verhältnismäßig einfacher Weise unterscheiden lernen das Wahre vom Falschen auf diesem Gebiet, aber nicht durch Vorstellungen, sondern durch einen Willensentschluß. Dieser Willensentschluß kann auf folgende Weise zustande kommen: Wenn wir unser Leben überschauen, so finden wir in diesem unserem Leben zwei deutlich unterscheidbare Gruppen von Vorkommnissen. Wir finden oftmals, daß dieses oder jenes, das uns gelingt oder mißlingt, eben in ganz regulärer Weise mit unseren Fähigkeiten zusammenhängt. Wir finden es also begreiflich, weil wir auf irgendeinem Gebiet nicht gerade sonderlich gescheit sind, daß uns da nichts Besonderes gelingt. Wo wir uns wiederum Fähigkeiten zumuten, da finden wir es auch ganz begreiflich, daß uns dieses oder jenes gelinge. Vielleicht brauchen wir gar nicht immer so deutlich den Zusammenhang zwischen dem, was durch uns ausgeführt wird und unserer Fähigkeit einzusehen. Es gibt auch eine unbestimmtere Art, diesen Zusammenhang einzusehen. Wenn zum Beispiel irgend jemand in seinem späteren Leben von diesem oder jenem Schicksalsschlag verfolgt wird, so kann er zurückdenken und sich sagen: Ich war ein Mensch, der wenig dazu getan hat, sich energisch zu machen —, oder: Ich war immer ein leichtsinniger Kerl. — Anderseits wird er sich auch sagen können: Es ist mir nicht unmittelbar einleuchtend, wie der Zusammenhang zwischen meinem Mißlingen und den Dingen ist, die ich getan habe; aber es leuchtet mir ein, daß einem leichtsinnigen, faulen Menschen nicht alle Dinge so gelingen können, wie einem gewissenhaften und fleißigen. — Kurz, es gibt solche Dinge, bei denen wir begreiflich finden, daß sie sich so als unser Mißlingen oder Gelingen abspielen, wie sie sich eben abspielen, aber bei anderen kommt es vor, daß wir den Zusammenhang nicht einsehen, daß wir uns sagen: Trotzdem wir eigentlich diese oder jene Fähigkeiten haben, nach denen uns das eine oder andere hätte gelingen müssen, ist es eben nicht gelungen. Es gibt eben auch den Typus von Gelingen oder Mißlingen, wo wir zunächst nicht einsehen können, wie das mit unseren Fähigkeiten zusammenhängt. Das ist das eine. Das andere ist, daß wir gewissen Dingen gegenüber, die uns sonst äußerlich in der objektiven Welt als Schicksalsschläge treffen, zuweilen sagen können: Nun ja, es scheint uns schon recht, denn eigentlich haben wir alle Vorbedingungen dazu geliefert. — Aber andere Dinge, von denen können wir die Meinung haben: Sie treten ein, ohne daß wir etwas finden, was wir als Ursachen angeben können. — Wir haben also zwei Typen von Erlebnissen: Solche, die aus uns selber stammen und bei denen wir den Zusammenhang mit dem, was wir selber als Fähigkeiten haben, einsehen; und den anderen Typus, den wir auch charakterisiert haben. Und wiederum bei äußeren Erlebnissen solche Ereignisse, bei denen wir uns nicht sagen können, daß wir die Bedingungen dazu herbeigeführt haben, gegenüber anderen, bei denen wir wissen: Wir haben die Bedingungen herbeigeführt.
[ 12 ] Nun können wir ein wenig Umschau halten in unserem Leben. Da gibt es ein Experiment, das jedem Menschen nützlich ist, das in folgendem besteht. Wir könnten uns alle diejenigen Dinge zusammenstellen, für die wir die Ursachen im Leben nicht einsehen, also Dinge, die uns gelungen sind und bei denen wir uns sagen müssen: Da hat wieder einmal ein blindes Huhn ein Korn gefunden —, bei denen wir uns also für das Gelingen durchaus kein Verdienst zuschreiben. Aber auch Fälle des Mißlingens, an die wir uns erinnern, fassen wir so zusammen. Dann fassen wir äußere Ereignisse ins Auge, die uns wie Zufall getroffen haben, bei denen wir nichts wissen von irgendeiner Motivierung. Und nun machen wir folgendes Experiment: Wir konstruieren gewissermaßen einen künstlichen Menschen, der gerade so geartet ist, daß er all das, von dem wir nicht wissen, warum es uns gelungen ist, durch seine eigenen Fähigkeiten herbeigeführt hat. Wenn uns also einmal etwas gelungen ist, wozu Weisheit notwendig ist, während wir da gerade dumm sind, so konstruieren wir uns einen Menschen, der auf diesem Gebiet besonders weise ist und dem die Sache hat gelingen müssen. Oder für ein äußeres Ereignis machen wir es so: Sagen wir, uns fällt ein Ziegelstein auf den Kopf. Wir können zunächst die Ursachen nicht einsehen, aber wir stellen uns einen Menschen vor, der dieses Ziegel-auf-den-Kopf-Fallen in folgender Weise hervorruft: Er läuft zunächst auf das Dach und zieht dort den Ziegelstein so weit los, daß er nur ein klein wenig zu warten hat, bis er herunterfällt; dann läuft er rasch hinunter, und der Ziegelstein trifft ihn. Und so machen wir es mit bestimmten Ereignissen, von denen wir durchaus wissen, daß wir sie nicht selber herbeigeführt haben nach unserem gewöhnlichen Bewußtsein, die uns sogar sehr gegen unseren Willen kommen.
[ 13 ] Nehmen wir an, es hätte uns irgend jemand einmal in unserem Leben geschlagen. Damit uns das nicht so schwer ankommt, können wir ein solches Ereignis in die Kindheit zurückverlegen. Denken wir uns, wir hätten irgendwie einen Menschen angestellt, der uns prügelte. Wir hätten also durchaus alles getan, um diese Prügel zu bekommen. Wir konstruieren uns also einen Menschen, der just alles auf sich lädt, wovon wir da den Zusammenhang nicht einsehen können. Ja, sehen Sie, wenn man im Okkultismus vorwärtskommen will, muß man schon manche Dinge machen, die dem, was gewöhnliche Tatsachen sind, zuwiderlaufen. Wenn man nur das macht, was gewöhnlich vernünftig erscheint, dann kommt man im Okkultismus nicht weiter, denn, was sich auf höhere Welten bezieht, kann zunächst dem gewöhnlichen Menschen als etwas Närrisches erscheinen. So schadet es nicht, wenn schon die Methode dem äußeren Nüchterling als etwas Närrisches erscheint. Also wir konstruieren uns diesen Menschen. Zunächst erscheint es nur als groteske Tatsache, wenn man diesen Menschen konstruiert als etwas, von dem man den Zweck vielleicht nicht einsieht, aber jeder, der das versucht, wird eine sonderbare Entdeckung an sich machen, nämlich daß er von diesem Menschen, den er sich da zurechtgebildet hat, nicht mehr loskommen will, daß der anfängt, ihn zu interessieren. Wenn Sie den Versuch machen, werden Sie schon sehen: Sie kommen von diesem künstlichen Menschen nicht wieder los; der lebt in Ihnen. Und sonderbarerweise: Er lebt nicht nur in uns, sondern verwandelt sich in unserem Inneren und verwandelt sich sehr stark, so daß er zuletzt eigentlich erwas ganz anderes wird, als er vorher gewesen war. Etwas wird er, von dem wir gar nicht anders können, als uns zu sagen: Es ist doch etwas, was in uns steckt. — Das ist eine Erfahrung, die wirklich jeder machen kann. Man kann von dem, was jetzt beschrieben worden ist, was nicht der ursprünglich zusammenphantasierte Mensch ist, sondern was aus diesem geworden ist, sich sagen: Es ist etwas von dem, was in uns sitzt. Nun ist es gerade das, was die sonst scheinbar ursachlosen Dinge in unserem Leben sozusagen bewirkt hat; so daß man in sich etwas findet, was das sonst Nichterklärliche wirklich hervorruft. Es ist, mit anderen Worten, das, was ich Ihnen beschrieben habe, der Weg, um nicht bloß in sein eigenes Seelenleben hineinzugaffen und etwas zu finden, sondern es ist ein Weg aus dem Seelenleben heraus in die Umgebung. Denn das, was uns mißlingt, bleibt nicht bei uns, sondern gehört der Umgebung an. So haben wir aus der Umgebung etwas herausgeholt, was nicht mit unseren Bewußtseinstatsachen stimmt, sich aber so darstellt, wie wenn es in uns selbst wäre. Dann erhält man eben das Gefühl, daß man doch etwas mit dem zu tun hat, was einem so unverursacht im wirklichen Leben scheint. Man erhält auf diese Art ein Gefühl seines Zusammenhanges mit seinem Schicksal, mit dem, was man Karma nennt. Durch dieses Seelenexperiment ist ein realer Weg gegeben, um das Karma in sich in einer gewissen Weise zu erleben.
[ 14 ] Sie können sagen: Ja, was du da sagst, ich verstehe es eigentlich nicht recht. — Aber wenn Sie das sagen, dann verstehen Sie nicht das nicht, wovon Sie glauben, daß Sie es nicht verstehen, sondern Sie verstehen etwas nicht, was eigentlich kinderleicht zu verstehen ist, woran Sie nur nicht denken. Es ist gar nicht möglich, daß irgend jemand, der das Experiment nicht ausgeführt hat, diese Dinge einsieht, sondern erst der kann sie einsehen, der es ausgeführt hat. So sind diese Dinge nichts anderes als die Beschreibung eines Experimentes, das man machen und das jeder erleben kann. Jeder kommt dazu, einzusehen, daß in seinem Inneren etwas lebt, was mit seinem Karma zusammenhängt. Wenn das jemand von vornherein wüßte, dann brauchte man ihm nicht eine Regel zu geben, durch die er dazu kommt. Das ist ganz in der Ordnung, daß derjenige dieses nicht einsieht, der das Experiment noch nicht gemacht hat. Es handelt sich aber nicht um Einsehen einer Mitteilung über etwas, was unsere Seele vornehmen kann. Wenn nun unsere Seele solche Wege geht, gewöhnt sie sich, nicht bloß in ihrem Inneren zu leben, in ihren Wünschen und Begierden, sondern daran, äußere Vorkommnisse auf sich zu beziehen, wirkliche äußere Vorkommnisse ins Auge zu fassen. Daran gewöhnt sich unsere Seele dadurch. Gerade die Dinge, die wir nicht selber gewünscht haben, die haben wir hineinkonstruiert in das, um was es sich gehandelt hat. Und wenn wir noch dazu kommen, unserem gesamten Schicksal gegenüber uns so zu stellen, daß wir es in Gelassenheit auf uns nehmen, daß wir uns von dem, wogegen wir gewöhnlich murren und uns empören, denken: Wir nehmen es gerne auf uns, denn wir haben es selbst über uns verhängt —, dann bildet sich eine Gemütsverfassung heraus, die so ist, daß wir, wenn es sich darum handelt, bei dem Hinabdringen in die verborgenen Seelentiefen das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, mit absoluter Sicherheit das Wahre vom Falschen unterscheiden können. Denn dann ergibt sich mit einer wunderbaren Klarheit und Sicherheit, was wahr und was falsch ist.
[ 15 ] Wenn man mit dem geistigen Auge auf irgendeine Vision sieht und man sie einfach dadurch, daß man alle seine Kräfte, die man als sein Inneres fühlt, die man dann kennengelernt hat, wegschaffen, wegzaubern kann, sozusagen durch seinen bloßen Blick, dann ist sie ein bloßes Phantasma. Wenn man es aber nicht wegschaffen kann auf diese Weise, sondern wenn man höchstens wegschaffen kann, was an die äußere Sinneswelt erinnert, also das eigentlich Visionhafte, das Geistige aber dableibt wie eine feste Tatsache, dann ist es wahr. Aber diesen Unterschied kann man nicht machen, bevor man das getan hat, was beschrieben worden ist. Daher gibt es ohne die beschriebene Erziehung keine Sicherheit im Unterscheiden des Wahren und Falschen auf dem übersinnlichen Plan. Das Wesentliche bei dem Seelenexperiment ist dieses: Mit dem gewöhnlichen Bewußtsein sind wir bei dem, was wir wünschen, eigentlich immer dabei. Durch dieses Seelenexperiment gewöhnen wir uns, das als von uns gewollt anzuschauen, was wir für das gewöhnliche Bewußtsein gar nicht wünschen, was uns gewöhnlich eigentlich widerstrebt. Man kann in einer gewissen Beziehung in der inneren Entwickelung zu einem bestimmten Grad gekommen sein; wenn man aber nicht dem, was als Wünsche, als Begierden, als Sympathie und Antipathie in der Seele lebt, entgegenstellt durch ein solches Seelenexperiment unseren Zusammenhang mit dem, was wir nicht gewünscht haben, dann wird man überall Fehler über Fehler machen. Der größte Fehler gerade auf dem Gebiet der Theosophischen Gesellschaft ist ja zuerst von H. P. Blavatsky dadurch gemacht worden, daß sie den geistigen Blick auf jenes Feld gerichtet hat, wo der Christus zu suchen ist, und weil sie in ihren Wünschen, in ihren Begierden, kurz, in dem, was im Oberbewußtsein war, fortwährend eine Antipathie, sogar eine leidenschaftliche Abneigung gegenüber allem Christlichen und Hebräischen hatte, während sie eine Vorliebe für alles hatte, was sich an geistiger Kultur auf der Erde ausbreitet außer dem Christlichen und Hebräischen. Und weil sie niemals das durchgemacht hat, was heute beschrieben worden ist, so stellte sich eben eine ganz falsche Christus-Auffassung vor sie hin, und das ist ganz natürlich. Und von ihr ist es übergegangen auf ihre engeren Schüler und wird bis heute fortgeschleppt, nur noch ins Groteske vergröbert. Diese Dinge gehen bis in die höchsten Sphären hinauf. Man kann viele Dinge auf dem okkulten Plane sehen, aber das Unterscheidungsvermögen ist noch etwas anderes als das bloße Sehen, das bloße Wahrnehmen. Das muß scharf betont werden.
[ 16 ] Nun ist die Frage diese: Wir kommen also, wenn wir in unsere verborgenen Seelentiefen hinuntertauchen — und jeder Hellseher muß das —, zunächst in uns selbst, im Grunde genommen. Und wir müssen uns selbst dadurch kennenlernen, daß wir wirklich jenen Übergang machen, indem wir zunächst eine Welt vor uns haben, von der uns Luzifer und Ahriman jederzeit versprechen, daß sie uns die Reiche der Welt schenken werden. Das heißt, es wird uns unser Inneres hingestellt, und der Teufel sagt: Das ist die objektive Welt. — Das ist eben die Versuchung, der selbst der Christus nicht entging. Es wurden hingestellt die Ulusionen des eigenen Inneren. Nun war Christus durch seine Energie so stark, auf den ersten Anhieb zu erkennen, daß das nicht eine wirkliche Welt ist, sondern daß das im Inneren ist. Durch dieses Innere erst, bei dem wir unterscheiden müssen zwei Glieder, von dem wir das eine hinwegschaffen können — eben unser Inneres —, während das andere bleibt, kommen wir durch die verborgenen Tiefen unseres Seelenlebens in die objektiv übersinnliche Welt hinaus. Und so wie unser geistig-seelischer Kern für die äußere Wahrnehmung, für das, was die gewöhnlichen Bewußtseinstatsachen sind, sich des Spiegels unseres physischen Leibes bedienen muß, so muß sich der Mensch in bezug auf seinen geistig-seelischen Kern für die zunächst ihm gegenübertretenden geistigen übersinnlichen Tatsachen seines Ätherleibes als Spiegelungsapparat bedienen. Die höheren Sinnesorgane, wenn wir sie so nennen können, treten im astralischen Leib auf; aber spiegeln muß sich das, was in ihnen lebt, am Ätherleibe, so wie sich unser Geistig-Seelisches, das wir im gewöhnlichen Leben wahrnehmen, am physischen Leibe spiegelt. Wir müssen nun lernen, unseren Ätherleib zu handhaben. Und nun ist es ganz natürlich, da uns unser Ätherleib gewöhnlich nicht bekannt ist, er aber das darstellt, was uns eigentlich belebt, daß wir ihn selber zuerst kennenlernen müssen, bevor wir das erkennen lernen, was aus der übersinnlichen Außenwelt in uns hereinkommt und an diesem Ätherleibe sich spiegeln kann.
[ 17 ] Das, was wir so erleben, indem wir in die verborgenen Tiefen unseres Seelenlebens kommen und zuerst sozusagen uns selbst, die Projektion unserer Wünsche erleben, das ist dem Leben sehr ähnlich, das man gewöhnlich das Kamaloka nennt. Es unterscheidet sich nur dadurch vom Kamalokaleben, daß, während man so im gewöhnlichen Leben vordringt bis zu dem Eingesperrtsein in sich selbst — denn so ist es zu nennen —, unser physischer Leib aber noch da ist, zu dem wir immer wieder zurückkehren können, es im Kamaloka so ist, daß der physische Leib fort ist, sogar ein Teil des Ätherleibes fort ist, der Teil, der uns zunächst überhaupt spiegeln kann. Aber es ist der allgemeine Lebensäther um uns herum, der als das spiegelnde Werkzeug uns dient, und an dem sich alles das spiegelt, was in uns ist. Die Kamalokazeit ist eine solche, daß unsere innere Welt, welche sich in allen Wünschen, Begierden, in allem, wie wir innerlich fühlen und gesummt sind, sich um uns herum als unsere objektive Welt aufbaut. Das ist wichtig, daß wir das einsehen, daß zunächst das Kamalokaleben dadurch charakterisiert ist, daß wir in uns eingesperrt sind und die Einsperrung in uns selber das Gefängnis ist, um so mehr verriegelt zunächst, als wir nicht zu irgendeinem physischen Leben zurückkehren können, auf das sich unser ganzes Leben bezieht. Erst wenn wir dieses Kamalokaleben durchleben so, daß wir allmählich darauf kommen man kommt eben nur allmählich darauf —, daß alles das, was da ist, nicht anders aus der Welt geschafft werden kann, als daß man sich eben in anderer Weise erfühlt als durch bloße Begierden und so weiter, erst dann ist unser Kamalokagefängnis gesprengt.
[ 18 ] Wie ist das gemeint? Nehmen wir an, es stirbt jemand mit einem bestimmten Wunsch. Der Wunsch gehört zu dem, was sich hinausprojiziert ins Kamalokagebiet, was in irgendwelchen Gebilden dann um ihn herum aufgebaut ist. Solange nun der Wunsch in ihm lebt, ist es unmöglich, daß er sich mit diesem Wünschen das Kamalokaleben öffnet. Erst wenn er gewahr wird, daß dieser Wunsch nur dann befriedigt werden kann, wenn er ausgeschaltet wird, wenn er aufgegeben wird, wenn nicht mehr gewünscht wird, wenn also dieser Wunsch aus der Seele gerissen wird, also wenn man sich in entgegengesetzter Weise dazu verhält, erst dann wird zugleich mit dem Wunsch nach und nach alles, was uns im Kamaloka einsperrt, aus der Seele gerissen. Dann erst kommen wir in das Gebiet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das wir bezeichnet haben als das devachanische, in das man auch durch Hellsichtigkeit kommen kann, wenn man erkannt hat dasjenige, was nur zu einem selbst gehört. In der Hellsichtigkeit erlangt man es durch eine bestimmte Stufe der Reife, im Kamaloka durch die Zeit, einfach weil uns die Zeit so quält durch unsere eigenen Wünsche, daß sie durch die Dauer sich überwinden. Dadurch wird das, was uns so vorgegaukelt wird, als ob es die Welt und ihre Herrlichkeit wäre, zersprengt.
[ 19 ] Die Welt der übersinnlichen realen Tatsachen ist das, was man gewöhnlich das Devachan nennt. Wie tritt uns diese Welt der übersinnlichen realen Tatsachen entgegen? Hier auf diesem Erdenrund kann der Mensch nur vom Devachan sprechen aus dem Grunde, weil in der Hellsichtigkeit, wenn wirklich das Selbst überwunden ist, wir ja auch schon eintreten in die Welt der übersinnlichen Tatsachen, die objektiv vorhanden sind, und es fallen diese Tatsachen mit dem, was im Devachan vorhanden ist, zusammen. Nun ist das wichtigste Charakteristikum dieser devachanischen Welt, daß sich moralische Tatsachen nicht mehr unterscheiden von physischen Tatsachen, von physischen Gesetzen, sondern daß moralische Gesetze mit physischen Gesetzen zusammenfallen. Was heißt das? Nun, nicht wahr, in der gewöhnlichen physischen Welt scheint die Sonne über Gerechte und Ungerechte. Denjenigen, der ein Verbrechen begangen hat, kann man vielleicht ins Gefängnis setzen, aber die physische Sonne verfinstert sich nicht. Das heißt, es gibt in der Welt des Physischen eine moralische Gesetzmäßigkeit und eine physische, die gehen zwei ganz verschiedene Wege. So ist es nicht im Devachan, ganz und gar nicht; sondern da ist es so, daß alles, was aus Moralischem, aus intellektuell Weisem, aus ästhetisch Schönem und dergleichen hervorgeht, ein solches ist, das zur Entstehung führt, und daß dasjenige, was aus Unmoralischem, aus intellektuell Unwahrem, aus ästhetisch Häßlichem hervorgeht, zum Vergehen, zum Untergang führt. Und zwar sind dort die Naturgesetze wirklich so, daß nicht die Sonne über Gerechte und Ungerechte scheint, sondern daß sie sich, wenn wir bildlich sprechen dürfen, vor dem Ungerechten wirklich verfinstert. Der Gerechte, der durch das Devachan geht, hat also den geistigen Sonnenschein dort, das heißt die Einwirkung der befruchtenden Kräfte, die ihn im Leben vorwärtsbringen. Der lügnerische oder häßliche Mensch geht so durch, daß sich die geistigen Kräfte vor ihm zurückziehen. Dort ist die Einrichtung möglich, die hier nicht möglich ist. Wenn hier zwei Menschen nebeneinander gehen, ein gerechter und ein ungerechter, dann kann die Sonne nicht den einen bescheinen und den anderen nicht. Dort aber, in der geistigen Welt, ist das absolut so, daß es von der Qualität des Menschen abhängt, wie die geistigen Kräfte auf ihn wirken. Das heißt, die Naturgesetze und die geistigen Gesetze gehen dort nicht zwei getrennte Wege, sondern dieselben Wege. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt: In der devachanischen Welt fallen die Naturgesetze mit den moralischen und intellektuellen Gesetzen zusammen.
[ 20 ] Dadurch geschieht das Folgende: Wenn der Mensch eingetreten ist in die devachanische Welt und diese durchlebt, so ist in ihm alles das, was verblieben ist aus dem letzten Leben an Gerechtem und Ungerechtem, an Gutem und Bösem, an ästhetisch Schönem und Häßlichem, an Wahrem und Falschem. Alles das wirkt aber so, daß es sich dort sogleich der Naturgesetze bemächtigt. So ist dort Gesetz, was wir in der physischen Welt so beschreiben könnten, daß einer, der gestohlen oder gelogen hätte und an die Sonne ginge, von dieser nicht beschienen würde und er sich allmählich dadurch, daß er des Sonnenlichtes entbehrt, eine Krankheit zuziehe. Oder nehmen wir an, jemandem, der gelogen hat, würde der Atem verschlagen in der physischen Welt. Das wäre zu vergleichen mit dem, was alles in der devachanischen Welt der Fall ist. Derjenige, der das oder jenes auf sich geladen hat, dem geschieht so etwas in bezug auf sein Geistig-Seelisches, daß das Naturgesetz zugleich absolut dem Geistesgesetz entspricht. Daher werden, wenn nun die Weiterentwickelung dieses Menschen durch die devachanische Welt so geschieht, er allmählich weiter und immer weiter geht, sich immer mehr und mehr in ihm solche Eigenschaften einleben, daß das, was er dann ist, seinen Qualitäten entspricht, die er sich mitgebracht hat aus dem vorhergehenden Leben. Nehmen wir an, jemand ist zweihundert Jahre im Devachan, nachdem er in einem vorhergehenden Leben viel gelogen habe. Er lebt dieses Devachan durch, aber die Geister der Wahrheit entziehen sich ihm. Das stirbt in ihm, was in einer anderen Seele, die die Wahrheit gesprochen hat, auflebt.
[ 21 ] Oder nehmen wir an, jemand geht mit einer ausgesprochenen Qualität von Eitelkeit, die er nicht abgelegt hat, durch das Devachan. Diese Eitelkeit ist im Devachan eine außerordentlich übelriechende Ausdünstung, und gewisse geistige Wesenheiten meiden eine solche Individualität, welche die übelriechende Ausdünstung von Ehrgeiz oder Eitelkeit um sich herumströmt. Das ist nicht eigentlich bildlich gesprochen. Eitelkeit und Ehrgeiz sind im Devachan außerordentlich übelriechende Ausdünstungen, und dadurch kommt der wohltätige Einfluß gewisser Wesenheiten, die sich dann eben zurückziehen, nicht zustande. Es ist so, wie wenn eine Pflanze im Keller wachsen soll, während sie nur im Sonnenlicht gedeihen kann. Der Eitle kann nicht gedeihen. Nun wächst er heran unter den Auswirkungen dieser Eigenschaft. Wenn er sich wiederverkörpert, hat er nicht die Kraft, die guten Einflüsse hineinzubauen. Statt daß er gewisse Organe in gesunder Weise ausbildet, bildet er sie als ein krankhaftes Organsystem aus. Wie wir daher im Leben als Menschen werden, das zeigen uns nicht nur unsere physischen Bedingungen, sondern auch unsere moralischen und intellektuellen. Erst dann, wenn wir aus dem geistigen Plan heraus sind, dann gehen nebeneinander Natur- und Geistesgesetz. Zwischen Tod und einer neuen Geburt sind die aber eins, sind Naturgesetz und Geistesgesetz eins, sind ein Ganzes. Und in unsere Seele werden eingepflanzt die Naturkräfte, die zerstörend wirken, wenn sie die Folge sind von unmoralischen Taten vorhergehender Leben, die aber befruchtend wirken, wenn sie die Folge sind von moralischen Taten. Das bezieht sich nicht nur etwa auf unsere innere Konfiguration, sondern auch auf das, was uns von außen trifft als unser Karma.
[ 22 ] Das Wesentliche des Devachan ist also, daß es dort keine Unterscheidung gibt zwischen Natur- und Geistesgesetz. Und so ist es auch für den Hellseher, der wirklich hindurchdringt zu den übersinnlichen Welten. Da sind diese übersinnlichen Welten recht sehr verschieden von den Welten, die hier auf dem physischen Plan herrschen. Es ist einfach nicht möglich für den Hellseher, jene Unterscheidung zu machen, die der materialistische Sinn macht, indem man sagt: Das ist bloß ein objektives Naturgesetz. — Hinter diesem objektiven Naturgesetz steht in Wahrheit immer ein Geistesgesetz, und der Hellseher kann zum Beispiel nicht über eine ausgedörrte Wiese gehen, über eine überschwemmte Gegend, kann nicht gewahr werden einen Vulkanausbruch, ohne zu denken, daß hinter dem, was Naturtatsachen sind, geistige Mächte, geistige Wesenheiten stecken. Für ihn ist ein Vulkanausbruch zugleich eine moralische Tat, wenn auch vielleicht die Moral auf einem ganz anderen Plan liegt, als man es sich zunächst träumen läßt. Die Menschen, die immer die physische Welt mit den höheren Welten verwechseln, werden sagen: Ja, wenn unschuldige Menschen durch einen Vulkanausbruch vernichtet werden, wie kann man da annehmen, daß das eine moralische Tat ist? — Ein solches Urteil wäre so grausam philiströs, wie es das entgegengesetzte Urteilauch wäre, nämlich, wenn man den Ausbruch als eine Strafe Gottes ansehen würde gerade für die Menschen, die um den Vulkan herum sitzen. Beide Urteile können nur vom philisterhaften Standpunkt des physischen Planes gefällt werden. Nicht darum handelt es sich, sondern es kann sich dabei um viel universellere Dinge handeln. Die Menschen, die am Abhang eines Vulkanes wohnen und deren Besitz durch ihn zerstört wird, die können ganz unschuldig sein in bezug auf dieses Leben. Es wird ihnen dann später ein Ausgleich geschaffen. Das heißt nicht, daß wir etwa hartherzig sein und ihnen nicht helfen sollen — das würde wiederum eine philiströse Auslegung der Tatsachen sein —, aber es ist so, daß zum Beispiel für Vulkanausbrüche die Tatsache vorliegt, daß eben im Verlauf der Erdenentwickelung durch die Menschen gewisse Dinge geschehen, die die ganze Menschheitsentwickelung aufhalten. Und es müssen gerade gute Götter für den Ausgleich arbeiten, so daß in der Tat in solchen Naturphänomenen zuweilen ein Ausgleich geschaffen wird. Den Zusammenhang von dieser Sache sieht man manchmal erst in okkulten Tiefen. So können dadurch Ausgleiche geschaffen werden für das, was gegen den Geistesverlauf in der wirklichen Entwickelung des Menschengeschlechtes von den Menschen selbst getan wird. Jedes Ereignis ist in seinen Untergründen, auch wenn es ein bloßes Naturereignis ist, zugleich etwas Moralisches. Und geistige Wesenheiten sind es in den höheren Welten, welche die Träger dieses Moralischen sind, das hinter den physischen Tatsachen sitzt. Wenn Sie also einfach eine Welt vorstellen, in der es nicht möglich ist, von einem Auseinanderfallen des Natur- und Geistesgesetzes zu sprechen, eine Welt, in der, mit anderen Worten, Gerechtigkeit als Naturgesetz herrscht, dann haben Sie die devachanische Welt. Daher brauchen in dieser devachanischen Welt auch nicht strafbare Handlungen durch irgendeine Willkür bestraft zu werden, sondern mit derselben Notwendigkeit, mit der das Feuer Brennbares anzündet, vernichtet das Unmoralische sich selbst und das Moralische fördert sich selbst.
[ 23 ] So sehen wir, daß gerade die innerste Charakteristik, der innerste Nerv sozusagen des Daseins ganz verschieden ist für die verschiedenen Welten. Wir bekommen keine Vorstellung von den einzelnen Welten, wenn wir nicht diese Eigentümlichkeiten, die in radikaler Weise für die einzelnen Welten verschieden sind, ins Auge fassen können. Und so können wir gut charakterisieren: physische Welt, Kamaloka und Devachan. Physische Welt so, daß in ihr Natur- und Geistesgesetz zwei nebeneinanderlaufende Tatsachenreihen sind; Kamalokawelt so, daß in ihr eingeschlossen ist der Mensch in sich selber wie in dem Gefängnis seiner eigenen Wesenheit; die devachanische Welt das reine Gegenteil der physischen Welt: Natur- und Geistesgesetz eines und dasselbe. Das sind die drei Charakteristiken, und wenn Sie dieselben genau ins Auge fassen, zu empfinden versuchen, wie radikal eine Welt von der unsrigen verschieden ist, in welcher das moralische, das intellektuelle wie auch das Schönheitsgesetz zugleich Naturgesetz ist, dann werden Sie eine Empfindung haben von der Art, wie es in der devachanischen Welt ist. Wenn wir in unserer physischen Welt einem häßlichen oder einem schönen Gesicht begegnen, so haben wir kein Recht, den häßlichen Menschen so zu behandeln, als wenn er geistig-seelisch irgendwie abzulehnen wäre, so wenig wir den schönen Menschen so betrachten dürfen, als ob wir ihn unmittelbar geistig oder seelisch hochstellen müßten. Im Devachan ist das ganz anders. Da begegnen wir keiner Häßlichkeit, die nicht verschuldet ist, und ein Mensch, der durch seine vorhergehende Inkarnation in die Notwendigkeit versetzt worden ist, in irgendeiner jetzigen Inkarnation ein häßliches Antlitz zu tragen, der sich aber in diesem Leben befleißigt, wahr und ehrlich zu sein, bei dem ist es unmöglich, daß er uns im Devachan mit einer häßlichen Form begegnet, der hat ganz gewiß dann seine Häßlichkeit in Schönheit verwandelt. Aber ebenso wahr ist es, daß derjenige, der lügenhaft, eitel, ehrgeizig ist, in häßlicher Form auf dem Devachan herumwandelt. Dafür ist aber auch noch etwas anderes wahr. Wir sehen nicht, daß ein häßliches Gesicht im gewöhnlichen physischen Leben sich selber fortwährend etwas nimmt, oder ein schönes sich selber fortwährend etwas gibt. Im Devachan ist es so: Das Häßliche ist das Element einer fortwährenden Zerstörung, und wir können kein Schönes wahrnehmen, von dem wir nicht annehmen müssen, daß es das Werk einer fortwährenden Förderung, einer fortwährenden Befruchtung ist. Ganz anders also müssen wir empfinden gegenüber der devachanischen oder mentalen Welt als gegenüber der physischen Welt.
[ 24 ] Und dies ist notwendig, daß Sie in diesen Empfindungen unterscheiden, das Wesentliche sehen, worauf es ankommt, daß Sie sich aneignen nicht bloß die äußere Beschreibung von diesen Dingen, sondern daß Sie mitnehmen Gefühle und Empfindungen gegenüber dem, was in der Geisteswissenschaft beschrieben wird. Wenn Sie sich aufzuschwingen versuchen zu der Empfindung von einer Welt, in der das Moralische, das Schöne, das intellektuell Wahre mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes auftritt, dann haben Sie eben die Empfindung der devachanischen Welt. Und deshalb müssen wir so viel sozusagen zusammentragen und arbeiten, damit wir zuletzt die Dinge, die wir uns erarbeiten, in eine Empfindung zusammenschmelzen können. Es ist unmöglich, daß jemand leichter Hand zu einer wirklichen Erkenntnis dessen kommt, was notwendig durch die Geisteswissenschaft allmählich der Welt klargemacht werden muß. Es gibt gewiß heute viele Bestrebungen, die da sagen: Ach, warum müssen in der Geisteswissenschaft so viele Dinge gelernt werden? Sollen wir denn wieder Schüler werden? Es käme doch nur auf die Empfindung an. — Es kommt auf sie an; aber auf die richtige Empfindung kommt es an, die man erst herausarbeiten muß! So ist es bei allem. Schließlich wäre es für den Maler auch angenehmer, wenn er nicht erst die einzelnen Handgriffe seiner Kunst erlernen und wenn er das Bild nicht erst langsam auf die Leinwand bringen müßte, sondern bloß zu hauchen hätte, um sein Werk fertig vor sich zu haben! Nun ist das Eigentümliche in unserer Welt, daß, je mehr die Dinge gegen das Seelische zugehen, die Menschen um so schwerer einsehen, daß es mit dem bloßen Hauchen nicht getan ist! Für das Musikalische wird kaum jemand zugeben, daß ein jeder schon ein Komponist ist, der gar nichts gelernt hat; da ist es ganz selbstverständlich. Für die Malerei wird es auch noch ein wenig zugegeben, obwohl da schon etwas weniger. Für die Dichtung, da schon noch weniger; sonst würde es in unserer Zeit nicht so viele Dichter geben. Denn es ist eigentlich keine Zeit so undichterisch wie unsere, aber es gibt so viele Dichter. Man braucht es eben nicht gelernt zu haben; man braucht, was natürlich nichts mit Dichtung zu tun hat, bloß schreiben zu können — allerdings noch orthographisch —, man braucht bloß seine Gedanken richtig ausdrükken zu können! Na, und zum Philosophieren, dazu gehört noch weniger! Denn daß ein jeder heute über alles mögliche, was zur Weltund Lebensanschauung gehört, ohne weiteres urteilen kann, das gilt doch für selbstverständlich; denn ein jeder hat seinen Standpunkt. Und da erlebt man immer wieder und wiederum, daß es nichts gilt, wenn einer mit allen Mitteln innerer Arbeit dazu gekommen ist, etwas zu erkennen und zu erforschen in der Welt. Heute gilt als selbstverständlich, daß gleichberechtigt ist der Standpunkt desjenigen, der lange gearbeitet hat, um überhaupt nur ein weniges über die Weltgeheimnisse sagen zu können, mit dem Standpunkt dessen, der sich einfach vorgenommen hat, eben auch einen Standpunkt zu haben. Daher ist im Grunde genommen ein Weltanschauungsmensch heute ein jeder. Und nun gar ein Theosoph! Dazu scheint noch weniger nach mancher Ansicht notwendig zu sein; denn dazu soll einfach ausreichen, daß man nicht einmal die drei Grundsätze der Theosophischen Gesellschaft, sondern nur den ersten derselben anerkennt, und den ganz in seiner Art! Da aber dazu wirklich nichts anderes gehört, als daß man mit mehr oder weniger Wahrhaftigkeit sich dazu bekennt, ein liebender Mensch zu sein — ob man es ist, darum handelt es sich nicht —, dann ist man einfach ein Theosoph und dann hat man die rechte Empfindung! So daß wir fortwährend herunterkommen, wenn wir die Wertschätzung des Standpunktes und der Urteilsfähigkeit beginnen beim Musikalischen und durch die Dinge, die immer weniger und weniger verlangen, bis gar zur Theosophie herunterdringen! Denn da genügt es eben was man in der Malerei nicht für genügend betrachten würde —, daß man bloß zu hauchen braucht: Wir begründen den Kern einer allgemeinen Menschenverbrüderung; da sind wir Theosophen! — Zu lernen braucht man weiter gar nichts! Das aber ist es, worauf es ankommt, daß wir mit aller Energie arbeiten, damit wir das, was wir uns erarbeiten, allerdings zuletzt in Empfindungen zusammentragen, welche durch ihre Färbung erst die allerhöchste, die wahrste Erkenntnis geben. Ringen Sie sich durch, dadurch daß Sie zunächst arbeiten, zu einer solchen Empfindung, die da geht nach der Impression einer Welt, bei der Natur- und Geistesgesetz zusammenfallen. Wenn Sie im Ernst arbeiten — mögen Sie sich noch so sehr angestrengt haben beim Durcharbeiten dieser oder jener Theorie —, so macht das auf die devachanische Welt einen Eindruck. Haben Sie sich eine Empfindung nicht bloß anphantasiert, sondern erarbeitet, haben Sie sich dieselbe in jahrelanger Arbeit sorgfältig erarbeitet, dann hat diese Empfindung, dann haben diese Empfindungsnuancen jene Stärke, die Sie weiterbringt als bloß diese Nuancen reichen; dann sind sie wahr durch ernstes eifriges Studium geworden. Dann sind Sie nicht weit entfernt von dem, daß die Empfindungsnuance aufspringt und wirklich auch das vor Ihnen liegt, was Devachan ist. Denn wenn die Empfindungsnuance wahr erarbeitet ist, dann wird sie zur Wahrnehmungsfähigkeit. Daher sind, wenn wahr und wahrhaftig außerhalb aller Sensation nur auf Grundlage der Ehrlichkeit gearbeitet wird in unseren Zweigen, wenn geduldig geübt wird, diese Arbeitsstätten, was sie sein sollen: Schulen, um hinaufzuführen die Menschen in die Sphären der Hellsichtigkeit. Und nur derjenige, der das nicht erwarten kann oder nicht mitarbeiten will, kann über diese Dinge eine falsche Ansicht haben.
